„Vorhang auf, Rauschewind“

Es gibt sie, diese deutschen Bands, die es schaffen, dieses Gefühl der Weite Amerikas in Songs zu packen. Ich kenne dieses Land, bin oft genug von Westen nach Osten und zurück gefahren, durch die Wüste Nevadas, über die Rocky Mountains, vorbei an den endlosen Feldern im „Heartland“ Amerikas. Ich habe Ortschaften gesehen, die an eine Folge aus der „Twilight Zone“ Serie erinnern, eine Straße führt rein und man hofft, dass auf der anderen Seite wieder eine Straße hinaus führt.

Irgendwo in der Mitte von Nirgendwo steht ein Diner an einem schnurgeraden, langen, leeren Highway. Der Wind weht den Staub auf, eine paar Steppenläufer rollen über den Asphalt, ein rostiger, schiefer Stacheldrahtzaun beschränkt das offene Land, das sich bis zum Horizont zieht. Die Tür des Diners quietscht, ein paar Typen sitzen an der Bar, schauen kurz auf den Neuen, der da eintritt, nicken, wenden sich wieder ihrem Bier zu. Aus der Jukebox dringt „Dann sind wir Helden, für einen Tag“. Infamis aus Berlin spielen, singen auf Deutsch. Und es passt.

An solch einem Ort sollte man eigentlich die neue Platte von Infamis hören, die „Heimat und Verwesung“ heißt. Auch dieser Titel beschreibt dieses Bild, was ich im Kopf habe. Das Vertraute und das Vergängliche. Ich mag diese Band aus Berlin sehr und das schon seit über 20 Jahren. Sie kümmern sich nicht um Hits und Charts und Verkaufszahlen, sie verfolgen einfach ihren Weg, machen da weiter, wo sie mit „Im Westen der Himmel“ vor sieben Jahren aufgehört haben. Sie bleiben ehrlich und auch bescheiden. Diese Platte beschreibt die Mitglieder der Band, wie ich sie über die Jahre kennengelernt habe. Dieses neue Album ist eine Fortsetzung ihres faszinierenden Soundtracks eines Films, den man selbst erdenken kann, wie ich das mit diesem Diner im Nirgendwo gemacht habe.

Infamis lassen Bilder entstehen, die mal tief traurig, hoffnunglos, bedrückend sind, um dann voller Nähe und Zärtlichkeit zu sein, ja, sogar Lebensfreude ausstrahlen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, keine Platte zum Nebenbei hören. Es ist ein Album zum Hinhören, zum Verweilen, zum in die Tiefe gehen. Sich darauf einlassen, ist wohl eine Umschreibung, die es am besten erfasst. Und immer wieder bin ich davon fasziniert, wie sie es schaffen, diesen Sound, nein, diese Bilder der Weite Amerikas einzufangen. Sie kommen eben nicht aus Idaho, Montana oder Wyoming, Infamis sind mitten aus Berlin. Großstadtcowboys mit Weitblick auf ihre ganz besondere Art und Weise. „Heimat und Verwesung“ ist ein Album, das für mich, da bin ich schon jetzt ganz sicher, auch am Ende des Jahres zu den besten Veröffentlichungen von 2020 gehören wird.