Weniger Henkersmahlzeiten in den USA

Es gibt auch noch gute Meldungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vor kurzem verkündete zwar der Bundesstaat Arkansas, dass man innerhalb von 11 Tagen acht Exekutionen durchführen wolle, was international zu einem großem Aufschrei führte. Der Grund für die Fließbandhinrichtungen war ein Betäubungsmittel, dessen Haltbarkeitsdatum auslief. Arkansas setzte sich am Ende vor den Gerichten durch und ließ den Henker walten.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht. Foto: Sam Robinson.

Doch diese Nachricht widerspricht dem Trend in den USA. Wurden 1999 noch 98 Menschen in den USA hingerichtet, waren es 2016 „nur“ noch 20. So wenig, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und auch die Todesurteile verringerten sich dramatisch. Im vergangenen Jahr sprachen Geschworene im ganzen Land 30 Höchststrafen aus, 1996 waren es noch 315. Ist das ein Umdenken in der amerikanischen Bevölkerung? Ja, sagt das Pew Research Center, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage heraus fand, dass zum ersten Mal in 50 Jahren weniger als 50 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe sind.

Die Death Rows in den Bundesstaaten leeren sich trotz der verringerten Hinrichtungszahlen stetig. Immer mal wieder müssen Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, weil die Urteile nachweislich falsch waren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Todeskandidaten dem Henker durch einen natürlichen Tod von der Schüppe springen. Auch die Selbstmordzahlen in den abgeschotteten Hochsicherheitstrakts bleibt hoch. Die Zahl der Death Row Inmates ist von 3500 im Jahr 2000 auf 2881 im Jahr 2015 gefallen.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Zahl der „Lifers“, der zu lebenslanger Haft Verurteilten, ohne Aussicht auf Begnadigung. 161.000 Männer und Frauen haben diese Strafe erhalten. Hinzu kommen weitere 44.000 Personen, die durch lange Haftstrafen von zig Jahrzehnten quasi lebenslang hinter Gittern bleiben werden. Die Hälfte der über 200.000 inhaftierten „Lifers“ sind Afro-Amerikaner, auch das ist eine klare Aussage über die amerikanische Gesellschaft. Insgesamt ist die Gefängnisindustrie in den USA ein lukratives Geschäft. Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen sitzen in amerikanischen Prisons, so viel, wie nirgends sonst auf der Welt. Das waren dann also die schlechten Nachrichten zum Schluß dieses Blogeintrags, Amerika ist einfach ein Land voller Widersprüche.

 

Erschießungskommandos müssen her

Gibt es bald wieder Erschießungskommandos in den USA?

Gibt es bald wieder Erschießungskommandos in den USA?

Wieder einmal macht eine Hinrichtung in den USA Schlagzeilen. In Arizona dauerte die Exekution von Joseph Wood fast zwei Stunden. Medienzeugen des Todeskampfes berichteten, dass der verurteilte Doppelmörder immer wieder nach Luft rang, tief schnaubt und einfach nicht sterben wollte. Mehrere Male betrat ein Mediziner die Hinrichtungskammer, um zu prüfen, ob der verabreichte Giftcocktail nun erfolgreich war, doch vergebens. Joseph Wood klammerte sich ans Leben. Für Todesstrafengegner ist es ein Skandal, verfassungswidrig und moralisch einfach unhaltbar. Für die Angehörigen der Opfer war es kein Problem, sie meinten, Wood hätte noch mehr leiden sollen.

Nun hat der oberste Bundesrichter des neunten Gerichtshofes im Westen der USA, Alex Kozinski, in einem Interview erklärt, man solle endlich Hinrichtungen mit der Giftspritze sein lassen. Denn dies verspreche einen „humanen Tod“, so, als ob man ein Tier einschläfere. Kozinski ist nicht gegen die Todesstrafe, er ist erklärter Befürworter der „Capital Punishment“. Doch Richter Alex Kozinski fordert eine Wiedereinführung der Erschießungskommandos. Hinrichtungen „sind brutal, grausame Ereignisse, und nichts, was der Staat auch tut, kann das vergessen machen. Wir sollten endlich offen erkennen, dass der Staat eine schreckliche Tat in unserem Namen begeht“.

Kozinski kommt zu dem Ergebnis, dass ein Land, dass sich für die Todesstrafe ausspricht, diese auch richtig durchführen sollte. „Natürlich können Erschießungskommandos unschön enden, aber, wenn wir Hinrichtungen haben wollen, dann sollten wir uns nicht davor schützen, menschliches Blut zu vergießen. Wenn wir, als Gesellschaft, die Blutspritzer bei einer Hinrichtung durch Erschießung nicht vertragen, dann sollten wir überhaupt keine Exekutionen durchführen“, erklärt der Todesstrafenbefürworter, Richter Alex Kozinski.

Auf seinen gewagten Vorschlag erhält der Jurist vor allem aus dem Lager der Todesstrafenbefürworter Unterstützung. Die fordern schon lange eine schnellere Durchführung und ein deutlicheres Signal. Eine Giftspritze, bei der der Verurteilte einschläft und „human“ hingerichtet wird, lehnen sie ab. Sie fordern Erschießung, Hängen, Guillotine.

Am Freitag jedoch wehte auch ein anderer Wind in den USA. Das „National Institute of Justice“, eine Abteilung des US Justizministeriums erklärte: „Es gibt keinen Nachweis, dass die Todesstrafe Kriminelle abschreckt.“ Dabei zitierte man die „National Academy of Sciences“, die in langjähriger Forschungsarbeit der Frage nachging, ob die Höchststrafe überhaupt eine Auswirkung auf die Mordzahlen im Land hat. Das Ergebnis, nichts deutet auf eine höhere Mordrate und nichts auf eine abschreckende Wirkung hin. Dieses Äußerung des „National Institute of Justice“ ist eine ganz wichtige Meldung, denn hier erklärt zum ersten Mal eine Bundesbehörde öffentlich, dass die Todesstrafe unsinnig und uneffektiv ist. Was bleibt ist das einzige Argument für die Todesstrafe: Rache. Diese Meldung ist daher durchaus ein positives Zeichen im Kampf gegen die Höchststrafe in den USA.

 

 

21, 22, 23

John Winfield, John Ruthell Henry und Marcus Wellons wurden hingerichtet.

John Winfield, John Ruthell Henry und Marcus Wellons wurden innerhalb von 24 Stunden hingerichtet.

Drei Hinrichtungen innerhalb von 24 Stunden. In den USA wird weiter exekutiert, da helfen keine internationalen Proteste, da helfen keine Gnadengesuche, da hört man auch nicht auf die Stimme des Papstes. Es waren die ersten Hinrichtungen nach der Skandalexekution von Clayton Lockett am 29. April in Oklahoma. Lockett verstarb nach einem dreißigminütigen Todeskampf an einem Herzinfarkt.

In Missouri, Georgia und Florida starben John Winfield, John Ruthell Henry und Marcus Wellons durch Giftinjektionen. Alle drei hatten Morde mit besonderen Umständen begangen, in 32 Bundesstaaten bedeutet das die Todesstrafe. Derzeit warten 3085 Gefangene in den Todestrakten der USA auf ihre Hinrichtung. Die größte „Death Row“ mit 741 Insassen befindet sich in Kalifornien. Dort ist noch nicht absehbar, wann die nächsten Exekutionen durchgeführt werden. In den USA wurden in diesem Jahr bereits 23 Menschen hingerichtet.

„Fry the bastard“

Fry the bastard“ wird man schon bald wieder bei Hinrichtungen vor dem Staatsgefängnis in Tennessee hören können, also „verbrennt das Schwein“. Denn auf dem elektrischen Stuhl „brutzelt“ man den Verurteilten.

Tenneessees republikanischer Gouverneur, Bill Haslam, hat nun ein Gesetz unterschrieben, dass in seinem Bundesstaat die Todesstrafe wieder mit dem elektrischen Stuhl durchgeführt werden kann und wird. Bislang hatten verurteilte Straftäter, die vor 1999 mordeten die Wahl (!) per Spritze oder per Stromschlag hingerichtet zu werden. Doch damit ist nun Schluß. Eine Wahl gibt es nicht, der Stromschalter wird umgelegt. Der Grund dafür, die Chemikalien für einen Giftcocktail sind nicht mehr frei auf dem Markt verfügbar. In allen US Bundesstaaten, die hinrichten, fehlen die Drogen für eine „humane“ Exekution, denn die europäischen Zulieferer weigern sich, diese an Gefängnisse in den USA zu schicken.

Haslam kann sich mit seiner Unterschrift auf den Mehrheitswillen der Wähler in Tennessee stützen, 56 Prozent sprachen sich für eine Wiedereinführung und Nutzung von „Old Sparky“ aus. Der Zweitname stammt von den „sparks“, den Funken, die bei einer Hinrichtung oftmals zu sehen sind. Eingebracht hat diesen Gesetzentwurf der Republikaner Ken Yager, der kürzlich in einem Interview erklärte, er habe den Antrag gestellt, da er „sich sorge, dass wir in eine Situation kommen, wenn wir  die Chemikalien nicht zur Verfügung haben, dass wir die Strafe nicht durchführen könnten“.

Noch ist nicht ganz klar, ob dieser legale Rückschritt auf frühere Zeiten rechtens ist. Falls doch, könnten schon bald wieder in den USA die Gaskammern reaktiviert, die Hinrichtungskommandos aufgestellt und die Galgen aufgebaut werden. Die „Death Rows“ Amerikas sind überfüllt. Mit schnelleren und vor allem funktionierenden Hinrichtungsmethoden könnten die Reihen der veruteilten Mörder gelichtet, die Kritiker sprachlos gemacht werden, denn immer wieder kam es, wie jüngst in Oklahoma, zu skandalösen Zwischenfällen bei der Verabreichung des Giftcocktails. Ach ja, Tennessee liegt im sogenannten „Bible Belt“ Amerikas.

 

 

Zu dumm für die Hinrichtung?

Wer darf in den USA hingerichtet werden und wer nicht? 2002 hatte das amerikanische Verfassungsgericht entschieden, dass die Hinrichtung von geistig Minderbemittelten eine „grausame und unangebrachte Bestrafung“ sei. Damals ließen es die Richter jedoch offen, was das genau heißt und überließen es den einzelnen Bundesstaaten selbst Richtlinien zu erstellen.

Nun hat das Verfassungsgericht einen Fall übernommen, in dem es darum geht, ob Freddie Lee Hall für den Mord an der 21jährigen Schwangeren, Karol Hurst, hingerichtet werden kann. Der Staat Florida ist der Ansicht, dass Hall einen IQ von über 70 hat, also genug, um für seine Tat aus dem Jahr 1978 zu büßen. Die Anwälte des Angeklagten allerdings sehen den IQ zwischen 67 und 75 und rechnen dabei die wissenschaftliche Fehlerrate mit ein. Sie klagten durch die Instanzen, doch im vergangenen Dezember erklärten die Verfassungsrichter auf der Bundesstaatenebene, dass sie diesem Argument nicht folgen können und werden. Deshalb ist der Fall jetzt bei den höchsten Richtern der USA gelandet, die am Montag zustimmten, sich dieser Frage zu widmen. Wann ist man „schlau“ genug, um in den Vereinigten Staaten von Amerika hingerichtet zu werden. Es könnte also ein weitreichendes Grundsatzurteil für Todesstrafenfälle in den USA folgen.

Keine Hinrichtung in Kalifornien

Seit Anfang 2006 brannte die rote Lampe nicht mehr auf der Todeskammer im Staatsgefängnis von San Quentin. Der Schalter dafür wird nur umgelegt, wenn eine Hinrichtung angesetzt ist. Bis vor das Tor des Gefängnisses kann man dann das rote Licht sehen. Damals, 2006, war ich im Gefängnis als Medienzeuge für die Exekution geladen. Durch einen Hintereingang wurden die Reporter auf das Gelände von San Quentin gebracht. Am Eingang wurde mir dann eine goldene Karte ausgehändigt, die mich zum Zugang zur „Death Chamber“ berechtigt hätte.

Doch alles kam anders in jener Nacht. Bis halb vier morgens warteten die Journalisten im Gefängnis und die Demonstranten vor dem Tor, dann war klar, erstmal passiert nichts. Wir sollten am Nachmittag wiederkommen, hieß es. Doch nach mehreren Stunden wurde deutlich, die Hinrichtung wird nicht stattfinden. Ein Richter hatte in einem Eilverfahren die Exekution von Michael Morales blockiert. Seine Anwälte hatten glaubhaft machen können, dass der Drogencocktail, der verabreicht werden sollte, unverhältnismäßige Schmerzen für den Todeskandidaten verursachen würde. Hinzu kam, dass kein Arzt bei der Hinrichtung zugegen war. Der Staat Kalifornien müsse einen neuen, sicheren und akzeptablen Weg für Exekutionen finden.

Seitdem sind etliche Jahre ins Land gegangen. Der Bundesstaat hat eine sündhaft teure neue Hinrichtungskammer in San Quentin gebaut, die bislang jedoch noch nicht eingeweiht wurde. Die Juristen im Dienst des kalifornischen Staates versuchen zwar wieder einen Freibrief für die Vollstreckung der Todesurteile zu bekommen, doch erfolglos. Nun hat erneut ein Berufungsgericht gegen die Durchführung der Höchststrafe gestimmt. Für Gouverneur Jerry Brown ist das sicherlich ein Glücksfall, er ist erklärter Gegner der Todesstrafe und würde im Falle einer Hinrichtungsunterzeichnung in arge Gewissensnöte kommen. Die 736 Gefangenen auf Death Row, der größten in den USA, warten unterdessen also weiter auf einen Entscheid über ihre Zukunft.

12431 Tage auf Death Row

Heute morgen auf der Fahrt nach San Quentin dachte ich daran, was ich früher an einem Sonntagmorgen gemacht habe. Handball gespielt, damals kannte ich alle Sporthallen im Großraum Nürnberg. An diesem Sonntagmorgen fuhr ich frühmorgens rüber nach San Quentin. Von Oakland kommend auf dem 80er entlang der spiegelklaren San Francisco Bay an Emmeryville und Berkeley vorbei, dann auf den 580er  durch Richmond und auf die Brücke Richtung San Rafael. Links dahinter sieht man schon das Staatsgefängnis von San Quentin. Abfahrt rechts, links abgebogen und im Schritttempo fährt man auf das große Stahltor zu.

Vor dem Besuchereingang stehen rund 15 Frauen. Links vor der Tür ist die Reihe für Besucher des normalen Strafvollzugs. Rechts die für den East-Block, für die „Condemned“, die zum Tode Verurteilten. Schon ein paar Tage vorher mußte ich anrufen und hatte seit langem mal wieder Glück, dass überhaupt jemand den Hörer abnahm und mir diesen Besuchstermin gab. Auf einer Liste wird mein Name abgehakt, dann geht es durch einen Metalldetektor, jeder Besucher bekommt noch einen Leuchtstempel auf die Handgelenkinnenseite und dann darf man weiter. Entlang der Bay läuft man auf das Hauptgebäude des San Quentin State Prisons zu, das vor einem wie eine mittelalterliche Festung liegt.

Dort geht es wieder durch eine doppelte Schleuse, aus ein paar Automaten hole ich ein Sandwich, Popkorn, Cola und was Süßes. Schnell zur Mikrowelle und dann werde ich mit Reno in einem Stahlkäfig eingesperrt. Er freut sich über den Besuch, ist schon länger her, dass ich hier war. Wir sprechen zwar regelmäßig am Telefon, doch hier zu sein, Umarmung am Beginn und am Ende des Besuchs, direkt zu sprechen, sich zu sehen ist nochmal was ganz anderes. Während er sein Sandwich isst, reiße ich die Popkorntüte auf. Wir unterhalten uns über alles mögliche. Auch über die verlorene Wahl der Todesstrafengegner in Kalifornien. Reno ist froh über den Ausgang, wie er sagt eigentlich alle auf Death Row. Denn als zum Tode Verurteilter hat man noch rechtliche Mittel für einen Einspruch zur Verfügung, die weg wären, wenn der Volksentscheid anders ausgegangen wäre und alle Todesstrafen in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung umgewandelt worden wären.

Die Todesstrafe ist eigentlich eine Farce in Kalifornien, hier wird seit Jahren nicht mehr hingerichtet. Sowieso sind nur eine Handvoll von Verurteilten seit der Wiedereinführung der Höchststrafe exekutiert worden. Es sterben mehr Häftlinge auf Death Row eines natürlichen Todes als durch den Henker. Die Death Row verschlingt Unmengen an finanziellen Mitteln, die woanders fehlen. Doch selbst dieses Argument konnte den Großteil der kalifornischen Wähler nicht überzeugen.

Eineinhalb Stunden reden wir. Über alles, auch über seinen Fall. Lachen, scherzen, erzählen. Seit nunmehr 18 Jahren kenne ich Reno, seit 16 Jahren besuche ich ihn regelmäßig. Er ist alt geworden. 67 Jahre alt ist er nun. Er sagt, er ist unschuldig, er habe die Tat, für die er verurteilt wurde nicht begangen. Sein Anwalt kämpf um einen neuen Prozess. Wenn es klappen sollte und sich für Reno die Gefängnistüren öffnen sollten, was wird er dann machen? Zum ersten mal überhaupt meint er in einem Nebensatz, er wisse gar nicht, ob er hier eigentlich weg wolle. Überraschend kommt das, gleich darauf sagt er, doch, er wolle raus.

Die Zeit ist um, wir verabschieden uns. Er wird in Handschellen abgeführt, eine schwere Stahltür öffnet sich, er wird  in den hinteren Teil des Besucherbereichs gebracht, dort durchsucht, bevor er zurück in sein „Haus“, seine Zelle gebracht wird. 2,80 Meter mal 1,60 Meter. Seit 12431 Tagen.

„Ich sehe das Ende der Todesstrafe“

Vor ein paar Tagen traf ich in ihrem kleinen Downtown Büro Jeanne Woodford. Sie ist Direktorin von Death Penalty Focus, der größten Todesstrafengegner Organisation in den USA. Lange Zeit drängte ich auf dieses Interview, doch Woodford ist beschäftigt. Am Wahltag im November stimmen die Wähler auch über die Zukunft der „Death Penalty“ in Kalifornien ab. Und die Kampagne für eine Aussetzung der Höchststrafe wird von ihr geleitet.

Death Penalty Focus hätte keine bessere Frau für diese Aufgabe finden können. Mehr als 25 Jahre arbeitete sie selbst in San Quentin, war u.a. Gefängnisdirektorin, mußte dabei vier Hinrichtungen ausführen, arbeitete anschließend für die Schwarzenegger Administration an einer Gefängnisreform. Jeanne Woodford ist ein respektierte und geachtete Frau, belesen, erfahren, analysierend. Ihr macht bei diesem Thema niemand etwas vor. Sie kennt die Fakten und den Alltag auf Death Row, sie weiß, welche Folgen Hinrichtungen für Angehörige der Opfer und des Täters, genauso wie für die Gefänfnismitarbeiter haben. Doch sie kennt vor allem die Zahlen, die belegen, dass die Todesstrafe zu teuer und einfach nicht effektiv ist. Es sei eine „falsche und gescheiterte Politik“, die nichts, aber auch gar nichts mit der „öffentlichen Sicherheit“ zu tun habe.

Jeanne Woodford wirkt im Interview konzentriert doch auch distanziert, nur selten läßt sie persönliche Gedanken und Empfindungen durchblicken. Und wenn doch, wird schnell klar, dass sie sich aus ganzem Herzen zur Aufgabe gemacht hat, ihre langjährigen Erfahrungen im Kampf gegen die Todesstrafe zu nutzen. Immer mehr Bundesstaaten in den USA schaffen die Todesstrafe ab. Woodford ist sich daher sicher: „Es gibt einen Wendepunkt, an dem das US Verfassungsgericht sagt, die Todesstrafe ist nicht länger sozial akzeptabel. An dem Punkt wird sie als nicht verfassungskonform eingestuft. Ich bin mir sicher, in den nächsten 10-15 Jahren wird die Todesstrafe in den USA abgeschafft werden“.

 

 

Wann ist man zu dumm für die Hinrichtung?

Auch ein IQ von 61 konnte Marvin Wilson nicht retten. Am Dienstagabend wurde der 54jährige im Staatsgefängnis von Texas hingerichtet. Seine Anwälte hatten noch in einer letzten Verzweiflungstat den höchsten Gerichtshof der USA in Washington angerufen, doch auch die Damen und Herren am US Supreme Court stoppten den Scharfrichter in Huntsville nicht. Obwohl sie das ganz einfach hätten tun können, denn 2002 entschied genau dieses amerikanische Verfassungsgericht, dass geistig Behinderte und Minderbemittelte nicht hingerichtet werden dürfen. In Texas liegt die Messlatte bei IQ 70. Eigentlich ein klarer Fall, doch die Staatsanwaltschaft im Fall Wilson setzte sich im Prozess durch, der Angeklagte wurde für den Mord an Jerry Williams im Jahr 1994 zum Tode verurteilt.

Doch selbst der Fall weist Unklarheiten auf. Wilson behauptete bis zum Schluß, dass er nicht auf Williams geschossen habe, der ihn als Drogendealer bei der Polizei identifiziert hatte. Jerry Williams hatte einen Freund, der ebenfalls als Tatverdächtiger galt. Der jedoch kam mit einer lebenslänglichen Haftstrafe davon, weil dessen Frau gegen Williams aussagte und erklärte, er habe mit der Tat geprahlt. Doch weder direkte Zeugenaussagen noch eindeutige Spuren konnten jemals den genauen Hergang klären.

Stattdessen ging das Prozedere los, ob Wilson nun einen IQ von 61 oder, wie die Staatsanwaltschaft erklärte, einen von knapp über 70 habe. Die Anklagevertreter behaupteten, Wilson sei schlau genug gewesen, um als Verbrecher auf der Straße zurecht zu kommen, von daher sei er auch schuldfähig. Dem widersprachen Familienmitglieder, Freunde und ehemalige Lehrer, die bezeugten, dass Marvin Wilson noch nicht einmal in der Sonderschule zurecht kam und immer wieder als „Depp“ und „Blödel“ bezeichnet wurde.

Texas richtet also weiter hin. Kritiker am Abend meinten nur zynisch, wenn Marvin Wilson ein Fötus gewesen wäre, hätte der christliche Fundamentalist und texanische Gouverneur Rick Perry alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Leben zu retten. Eine komische Gratwanderung ist das im „Lone Star State“.

 

Der „Law and Order“ Präsident?

Rick Perry kommt aus Texas. Er atmet und lebt Texas, präsentiert sich gerne als „tougher“ Typ, der sich nach oben gearbeitet hat und einem Staat vorsteht, in dem vieles besser läuft als in anderen Bundesstaaten. Von Perry gibt es Bilder mit Knarre, genauso wie mit der Schüppe in der Hand. Der texanische Gouverneur zeigt sich auch gerne als gläubiger Christ. Vor kurzem wurde er von verschiedenen Seiten angegriffen, als er eine große Veranstaltung von christlichen Organisationen im Stadion von Houston organisierte. Als staatlicher Vertreter ist ihm das eigentlich nicht erlaubt. Doch Perry pfeift seinen Kritikern einen. In Texas, so Rick Perry, mache er, was er für richtig halte.

Ganz so christlich ist der Texaner dann doch wieder nicht, wenn es um die Todesstrafe geht. 234 Hinrichtungen unterschrieb er in seinem Bundesstaat als Gouverneur. So viele, wie kein anderer. Kritiker der Death Penalty werfen ihm vor, dass darunter auch unschuldig Verurteilte waren. Doch auch das kratzt Perry reichlich wenig, genölt wird immer. Er kandidiert ums Weiße Haus und hat mit seiner harten Haltung einen wesentlichen Pluspunkt gegenüber allen Mitbewerbern. Die reden nur darüber „tough on crime“ zu sein, Perry kann Fakten liefern. Zweihundertvierunddreissig hingerichtete Mörder an der Zahl. Bei all den Unterschriften mußte er sicherlich die Tinte im Füllfederhalter auffüllen.

Gegen ihn wirken alle anderen republikanischen Präsidentschaftskandidaten wie Warmduscher. Wer einen harten, gläubigen, „straight forward“ Präsidenten will, der fährt mit Rick Perry gut. Bei ihm weiß man, was man bekommt. Und das liebt die Basis an ihm. Die christlich-fundamentalistischen Organisationen jubeln schon über diesen Mann im Rennen. Und auch weite Teile der Tea-Party Bewegung sieht in Perry den Kandidaten, der die größten Chancen aufs Weiße Haus hat. Darling Michelle Bachmann ist zwar nett und lächelt immer schön, aber so richtig als Präsidentin kann sie wohl keiner sehen. Und da ist noch Sarah Palin, die einfach nicht Fisch nicht Fleisch ist, irgendwo vor sich hin glibbert und nicht mal offiziell ihre Kandidatur erklärt hat.

Für Präsident Barack Obama könnte Rick Perry gefährlich werden, denn in einer Zeit, wo eigentlich alles schief läuft, angefangen von der Wirtschaft bis hin zur Grenz- und Außenpolitik, sehnen sich die Amerikaner nach einem „Commander in Chief“, der die Richtung vorgibt. Obama kann nicht viel vorweisen. Rick Perry dagegen läßt sich schon jetzt als John Wayne Typ feiern, als neuer Ronald Reagan. Wild West könnte eine Rückkehr ins Weiße Haus feiern..