Der Tag des Radios

World Radio Day 2015.

World Radio Day 2015.

Wie oft habe ich das schon gehört: das Radio ist tot! Das kann eigentlich nur jemand sagen, der sich lediglich die lokale, regionale und vielleicht auch noch die nationale Radiolandschaft ansieht und anhört. Es stimmt, es wird kaum noch investiert in den lokalen Hörfunkjournalismus, die Ausbildungsziele sinken, die Musikberieselung aus einer sehr eng gefassten Rotation nimmt zu, und selbst die öffentlich-rechtlichen Sender, einst Bastionen für Information und Anspruch, schließen sich dem Zeitgeist an: Unterhaltung über alles. Die Umstellung von BR-Klassik auf Puls Jugendradio ist meines Erachtens auch ein deutliches Zeichen in diese Richtung.

Vor 30 Jahren begann mit großem Elan der private Rundfunk in Bayern. Im Nürnberger Großraum gab es einige Sender, die kamen und gingen, am Ende wurde das Funkhaus gegründet, ein Zusammenschluß von vier Privatsendern: Radio F, Radio Gong, Radio N1 und Radio Charivari. Ein paar Jahre war ich auch dabei, im Rückblick wohl die schönen Jahre des Lokalfunks, denn einiges war journalistisch möglich und auch gewollt, von dem man heute nur noch träumen kann. Von daher kann ich gut verstehen, dass einige meinen, Radio sei so überflüssig geworden wie der berühmte umfallende Sack Reis im Hafen von Shanghai.

Sendeplakat der Deutschen Welle zum Standort Kigali, Ruanda.

Sendeplakat der Deutschen Welle zum Standort Kigali, Ruanda.

Doch Radio ist viel mehr als nur Berieselung und Bespaßung. Ich hatte das Glück, Radio auch in anderen Teilen der Welt kennenzulernen, hier in den USA, in Afrika, in Afghanistan. Und natürlich gibt es überall die gleiche Entwicklung. Unterhaltung ohne Ende, Moderatoren, die dem Hörer auf dem Schoß sitzen und mir schon morgens um halb sieben sagen, wie toll doch der Tag sei. Grottenschreckliche Comedy, die mit Lachern unterlegt wird, damit man erahnen kann, wann eigentlich gelacht werden sollte. Das ist weit verbreitet.

Dennoch glaube ich an das Radio. Hier in den USA sind es die vielen Community und Collegesender, die Piratenradios, die den demokratischen Grundansatz verteidigen. Hier hört man Programme, Musik, Meinungen, die anders sind, die ehrlich sind, die aus einer ganz anderen Perspektive kommen. Ja, Minderheitenradio wird zum Einschaltfaktor. Und das alles hat sich neben dem riesigen Moloch des kommerziellen Rundfunks in den USA entwickeln und etablieren können und dürfen.

In afrikanischen Ländern wie Ruanda, dem Kongo, Uganda, Burundi, dem Tschad ist es schwer diese Form von „offenen“ Kanälen zu verwirklichen. Der Staat schaut genau hin, was gesendet wird, reglementiert, verbietet, läßt abschalten. Dort ist die Rolle von Auslandssendern, wie der Deutschen Welle, mehr als wichtig, um so neutrale Informationen und durchaus auch kritische Berichterstattungen zu verbreiten. Viele Menschen in Afrika schalten ein, Untersuchungen besagen sogar, dass 75 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern Zugang zum Radio hat. Das schafft kein Fernsehen, keine Zeitung, kein Onlinedienst. Radio war, ist und bleibt wichtig.

Doch am 29. März wird die Sendeanlage der Deutschen Welle in der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschaltet. Über diese Sendemasten verbreitete der deutsche Auslandssender seit Jahrzehnten seine Programme in Afrika über Kurzwelle. Der Staat Ruanda wollte das weitläufige Areal zurück haben, bebauen und verlängerte daher nicht mehr die Verträge, die 1963 unterschrieben wurden. Die Deutsche Welle erklärte, man wolle in Zukunft mehr auf Partnerschaften mit UKW Stationen in den verschiedenen Ländern und Smartphone-Apps setzen. „Hier erreichen wir einen stetig wachsenden Hörerkreis in Afrika“, meinte ein Sprecher der DW. Doch das ist ein fataler Irrtum, denn mit UKW Sendern und Apps macht man sich abhängig von anderen, die letztendlich die Kontrolle über die Sendungen des deutschen Auslandssenders haben.

Am Freitag den 13. Februar ist „World Radio Day„, der internationale Tag des Radios, ausgerufen von der UNESCO. Damit soll auf die hohe Bedeutung des Radios hingewiesen werden, dem wohl nach wie vor wichtigsten Medium. Man muß nun genauer hinschauen und hinter die Grenzen der eigenen Region blicken.

Was ist eigentlich mit der Mittelwelle?

In Deutschland hört so gut wie niemand mehr Radioprogramme auf der Mittelwelle. Ganz anders in den USA. Talk Radio und Sportsendungen, 24 Stunden Nachrichtenkanäle, nostalgische Musikprogramme und ethnische Sendungen, das alles kann mann auf der AM Frequenz finden. Noch, muß man sagen, denn die Hörer schalten um.

Ende der 70er Jahre hörten mehr als die Hälfte der Amerikaner Radio über die Mittelwelle. Heute sind es gerade mal noch 11,5 Prozent. Noch 1990 wurden 45 Prozent der Hörfunklizenzen von der Aufsichtsbehörde FCC an Stationen auf der Mittelwelle vergeben. 2014 stehen 10,700 UKW Sender 4700 Mittelwellenstationen gegenüber. Der Trend ist eindeutig, mehr und mehr Hörer schalten weg. Marktanteile gehen verloren. AM Stationen werden abgeschaltet.

Ein KFWB-AM Poster aus besseren Zeiten.

Ein KFWB-AM Poster aus besseren Zeiten.

KFWB-AM ein Radio Powerhouse in Los Angeles wurde noch vor den glorreichen Radiotagen von Warner Brothers Mitbegründer Sam Warner aufgebaut. KFWB war jahrzehntelang der Sender in Los Angeles. In den Anfängen des Rock’n Roll wurde die Station auch „Color Radio“ genannt, denn hier ging es nur um Musik und die Mischung kam an. Später wandelte man sich zum führenden Nachrichtenkanal mit Außenbüros in ganz Kalifornien. Lange ist es her. In einer Juliwoche zog KFWB nur noch 172.000 Hörer an. Zu wenig im wichtigsten Radiomarkt der USA. Der Topsender, Musikkanal KBIG-FM, erreichte im gleichen Zeitraum fast 3,5 Millionen Hörer. Die Chefetage von KFWB zog die Konsequenzen, ab Ende September wird das Nachrichtenflagschiff ein Sportkanal. Damit will man gezielt Hörergruppen ansprechen, die noch immer die Mittelwelle einschalten.

In San Francisco war KCBS auf Mittelwelle 740 lange Zeit der Sender für News, Verkehr und Wetter. Doch auch hier wurde man von der technischen Entwicklung überrollt. Nach wie vor wird Radio in den USA vor allem im Auto gehört, die Ballungsgebiete mit ihrer Endlos „Rush Hour“ laden dazu praktisch ein. Allerdings hat der Hörer mehr Möglichkeiten, und vor allem in besserer Soundqualität zur Hand bekommen. Auf Knopfdruck lassen sich Satellitenprogramme oder Internetradios einschalten. Für Verkehrsmeldungen klickt man auf die Smartphone App, die Mittelwelle scheint überflüssig geworden zu sein. Und als BMW einen Elektrowagen ohne AM im Radioangebot vorstellte, mit der Begründung, die Batterie des Wagens würde den Mittelwellenempfang beeinflussen, gingen Schockwellen durch die amerikanische Radiolandschaft. KCBS strahlt nun auch sein Programm auf der UKW 106,9 aus, einfach, um mehr Hörer zu erreichen.

Die Mittelwelle in den USA scheint angezählt zu sein. Und doch, noch immer setzen Radiobegeisterte auf diese „nostalgische“ Welle. Gerade die zahlreichen ethnischen Programme in den USA sind hier zu hören. Die Mittelwelle ist billiger für Feierabendradiomacher und selektive Zielprogramme. Dazu kommt, dass AM eine deutlich größere Region abdecken kann als UKW.

Jahrzehntelang Teil der deutschen Community in der San Francisco Bay Area - die Peter Buhrmann Radio Show.

Jahrzehntelang Teil der deutschen Community in der San Francisco Bay Area – die Peter Buhrmann Radio Show.

Jahrzehntelang wurde das deutsche Programm „Peter Buhrmann Radioshow“ auf der Mittelwelle in Nordkalifornien ausgestrahlt. Nach dem Ausscheiden des Moderators übernahm das deutsche Kulturzentrum in Oakland, der Excelsior Center, die Sendung. Anfangs startete man auf der UKW 92,3 durch, bevor man wieder auf einen Mittelwellensender KEST 1450 umstieg. Auf der FM Frequenz wurden zu wenige Hörer erreicht. Mit KEST kann man auch die entfernteren Gemeinden in Nordkalifornien versorgen. Das Programm „Excelsior German Radio“ ist etwas für „Liebhaber“ des handgemachten Hörfunks. Da schaltet sich schon mal eine „Moderatorin“ per Telefon dazu, um Songs an- und abzumoderieren. Es geht hier nicht um einen flotten Musikfluss, um eine flüssige Moderation, um Witzi-Spritzi-Heiterkeit, ganz im Gegenteil. Das „Excelsior German Radio“ richtet sich an die vielen Immigranten, die vor langer Zeit hierher kamen, und ja, die selbst in die Jahre gekommen sind. Das Programm hat sich über die Jahre nicht groß verändert. So klang es in den 70ern, den 80ern, den 90ern und noch heute. Ein Nostalgieprogramm auf einer nostalgischen Frequenz. Es hat seinen Charme, doch für wie lange noch?

Eine Stimme weniger

Brian Burgess.

Brian Burgess.

Nach 28 Jahren ist Schluss. Brian Burgess, bekannt in der Nürnberger Radiolandschaft als „Captain America“, zieht die Reißleine. Er hört auf, geht von Bord. Brian brachte ein Stück Amerika und „American Radio Personality“ nach Franken. Seine Moderationen, sein Stil waren locker. Er konnte über sich selbst lachen und gerade diese Natürlichkeit kam an bei den Hörerinnen und Hörern, die gezielt und bewußt einschalteten. Er belebte die Radiolandschaft in der Metropolregion.

„Rock Zock“ auf Gong 97,1 war ein Urgestein der Hard’n Heavy Metal Fans im Großraum Nürnberg. Hier moderierten Brian Burgess und Sonny Hennig. Manchmal klang es einfach drauflos und doch, auch das ist gekonnt. Immer war es locker und unterhaltsam. „Rock Zock“ mit Burgess und Hennig war ein Unikum in der Radiolandschaft. Und dann die Musik, die wohl nirgends sonst so zusammengemixt gespielt wurde. Eine Mischung aus den Großen der Hard Rock Genres und den lokalen und regionalen Bands. Toll gemacht! „Rock Zock“ wird mit dem Ausscheiden von Brian Burgess noch weiter geführt, aber beschnitten. Das wichtige Wort hier ist „noch“.

Wieder einer geht, ein weiterer Abgesang auf die mittelfränkische Radiolandschaft folgt. Brian wurde nicht gegangen, wie viele vor ihm. Er wählte seinen Ausstieg, hatte die Zeichen der Zeit erkannt. „Captain America“ ist kein Moderator für vorgesetzte Mod-Breaks und vorgefertigte Mod-Meldungen. Bis hierher und nicht weiter. Dieser Schluss ist ihm hoch anzurechnen. Mit ihm wird eine Stimme auf der Antenne fehlen, die markant und einzigartig für Nürnberg war. Ein bißchen weite Welt im ansonsten lahmen Dudelfunk.

 

Casey Kasem nimmt seinen Hut

Man kennt seine Stimme, seinen Namen, viele von uns sind mit ihm aufgewachsen. Der amerikanische Truppensender AFN strahlte seit 1970 wöchentlich, u.a. auch im Grossraum Nürnberg, die „American Top 40“ aus. Moderator war Casey Kasem. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor dem Radio sass und viele der Sendungen auf Kassette aufnahm.

Der 77jährige Casey Kasem hört nun auf. Zwar moderiert er schon seit ein paar Jahren nicht mehr die Top 40 Sendung, war aber für einige andere Countdown Sendungen weiterhin am Mikro. Doch jetzt ist Schluss. Kasem will sich auf ein paar neue Projekte konzentrieren. Was genau, das hat er noch nicht verlauten lassen.

Hier ein paar Audiobeispiele, des „King of Countdown“, der uns nicht nur die besten Hits aus Amerika brachte, sondern auch massgeblich viele deutsche Radiomoderatoren mit seinem lockeren Stil beeinflusste.

Casey Kasem     

„Golden Age of Homeland Security“

Ich bin ein begeisterter Sammler von alten Tönen. Musik und Audioclips, historischen Reden und alter Werbung. Für Radioproduktionen ist das einfach fantastisch. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit meinem ehemaligen Kollegen, Rainer Knape, aus dem Funkhaus Nürnberg. Das war damals noch zu Radio Gong Zeiten in der Inneren-Cramer-Klett-Strasse. Wir gingen auf einen Kaffee in die Meisengeige und unterhielten uns übers Radiomachen. Und er sagte einen Satz, der für mich und meinen Werdegang im Hörfunk ganz wichtig wurde. „Radio ist Theater im Kopf. Du hast am Anfang eine leere Bühne vor dir und musst selbst bestimmen, wie du sie füllst.“ Im Radio macht man das durch Musik, durch historische und bekannte Aufnahmen, durch Soundeffekte, durch die Produktion selbst. Beispielsweise ist der Redefluss eines Interviewpartners ein Klangelement für sich. Beim Privatradio werden Schnaufer oftmals aus Zeitgründen geschnitten. Doch gerade das kann klanglich reizvoll sein, wenn man jemandem zuhört, der hörbar nachdenkt.

Ein Zeitalter drückt sich auch über Lieder und Originaltöne aus. Gestern hatte ich mal wieder ein Spotlight auf KUSF San Francisco, also eine Zweistundensendung zu einem bestimmten Thema. Es ging diesmal um Songs und sogenannte „Public Service Announcements“ des Kalten Krieges. Das deutsche Label Bear Family Records hat dazu eine wunderbare CD Box herausgegeben.

Und hier kann man sich die Sendung über die KUSF-Archivseite anhören.