Die Mieten steigen, so auch die Zahlen der Obdachlosen

Seitdem ich in der San Francisco Bay Area lebe, immerhin schon seit nahezu 25 Jahren, bleibt ein Problem hier aktuell – Obdachlosigkeit. Tausende von Menschen leben auf der Straße, ohne kurz- und mittelfristige Unterkunft. Die Zeltstädte auf den Gehwegen in San Francisco, Oakland, Berkeley, San Jose und anderen Kommunen der Region wachsen weiter. Die stetig steigenden Mieten und Grundstückspreise verhindern einen angemessenen sozialen Wohnungsbau. Derzeit kostet eine Einzimmerwohnung in San Francisco etwa 3500 Dollar im Monat. Wer ein Haus kaufen will muss dafür tief in die Tasche greifen, unter einer Million Dollar ist nichts mehr zu haben.

Sie sind nicht groß, aber könnten ein Ausweg aus der steigenden Krise sein.

Nun will man hier ganz neue Wege gehen. „Tiny Houses“, Minihäuser, sind zwar nicht die Lösung der eigentlichen Obdachlosigkeit, aber sie könnten jenen in Not helfen, zumindest vorübergehend ein Dach über dem Kopf zu haben. Kostengünstig und vor allem platzsparend sollen die Häuser sein. Mittlerweile sind nahezu alle Kommunen der San Francisco Bay Area an dieser Möglichkeit interessiert. Die steigenden Zahlen an Obdachlosen verlangen nach kreativen Lösungen, „Tiny Houses“ ist eine davon.

Wohnraum in den Städten anmieten geht nicht mehr, die Hotels sind alle ausgebucht und die Budgets der Gemeinden überstrapaziert. Die kleinen Häuser sind um ein vielfaches billiger und bieten genau das, was gebraucht wird. Eine sichere Unterkunft, die gepflegt werden kann, in der Menschen eine Privatsphäre haben, die man mit weitergehenden Angeboten erreichen kann. Vor allem weg von der Straße und all den dazugehörigen Problemen. Die eigenen vier Wände als Neustart. Diese Neubaubewegung sollte man genauer beobachten, vielleicht wäre sie auch was für deutsche Städte.

 

Armes Amerika!

Alltagsszene in Downtown Berkeley.

Die Obdachlosigkeit nimmt zu in den USA. Jede Nacht schlafen etwa 600.000 Menschen auf den Straßen dieses Landes, Tendenz steigend. Hier in der San Francisco Bay Area kann niemand mehr das Problem übersehen. Jeder Besucher spricht mich darauf an. Die Zeltcamps unter den Autobahnbrücken in San Francisco, Oakland und Berkeley werden immer größer. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, denn den Kommunen sind finanziell die Hände gebunden. Die Mietpreise steigen, für eine Einzimmerwohnung in Oakland werden mittlerweile dafür 3500 Dollar verlangt. In San Franciscos Tenderloin, einem sozialen Brennpunkt der Stadt, verlangen versiffte Hotels 150 Dollar und mehr für eine Nacht. Die Städte haben auch nicht das Geld, um sich aus der Krise rauszubauen.

Gestern war ich in Downtown Berkeley unterwegs und sah direkt vor dem Rathaus der Stadt diese Szene. Ein Mann schlief in einem Karton. Passanten liefen daran vorbei, ein ganz normales Bild, an das wir uns alle hier nur zu sehr gewöhnt haben. Amerika 2017 ist an den Rand eines sozialen Kollaps geraten, die ökonomische Schere öffnet sich immer weiter. Es gibt mehr Millionäre, mehr Milliardäre. Es gibt mehr Arme, mehr Obdachlose. Und die vielbeschworene Mittelschicht bleibt auf der Strecke. Donald Trump spricht von Jobs, Jobs, Jobs und kürzt nebenbei Hilfsprogramme für sozial Benachteiligte, Senioren, Food Banks, Schulspeisungen. Trump betoniert gerade den Weg für ein Amerika der Ungleichheit.

One way ticket out of town

400.000 Dollar wird der Bundesstaat Nevada an die Stadt San Francisco überweisen. Darauf einigte man sich außergerichtlich, damit ist die Klage der „City by the Bay“ vom Tisch. Vorausgegangen war ein Skandal. Eine psychiatrische Klinik in Nevada hatte obdachlose Patienten mit einem One Way Ticket in Fernbusse gesetzt, die Richtung San Francisco fuhren. Insgesamt konnten 24 Fälle nachgewiesen werden, in denen das Rawson-Neal Psychiatric Hospital in Las Vegas Patienten einfach und kostengünstig nach Kalifornien abschob. Der Staatsanwalt von San Francisco klagte, nun einigte man sich außergerichtlich.

Abgeschoben mit dem Greyhound Bus.

Abgeschoben mit dem Greyhound Bus.

Ans Tageslicht kam diese Praktik als die Tageszeitung Sacramento Bee von einem  48jährigen berichtete, der in Sacramento aus dem Bus stieg, ohne Familie, Freunde oder einen Platz zum Schlafen. Er war verwirrt und meinte, er sei hier um die Polizei anzurufen. Es stellte sich heraus, dass die Klinik ihn einfach in einen Greyhound Bus setzte und ihm sagte, wenn er in Sacramento ankomme, solle er dort einfach 911, die Notrufnummer, wählen. Alles werde dann geregelt werden. Auch in San Francisco wurde ein obdachloser, psychisch kranker Mann gefunden, der darüberhinaus noch blind und taub war, und der ebenfalls mit einem One Way Ticket aus Las Vegas gekommen war.

Die Behörden in Nevada erklärten nun, man habe eine Untersuchungskommission eingerichtet, die Verantwortlichen in der Klinik ausgetauscht und alles laufe wieder, wie es sein müsste und sollte. Anscheinend waren und sind das allerdings übliche Praktiken in den USA. Schon vor Jahren hörte ich davon, dass es zwischen Los Angeles und San Francisco einen regen Austausch an Obdachlosen gibt. Homeless werden aufgegriffen und mit einem One Way Ticket Richtung Süden oder Richtung Norden geschickt. Auch so wird man Herr des Problems, das anders anscheinend in den USA nicht zu lösen ist.

Abseits vom Glanz und Glitter

Los Angeles, die Stadt, in der Träume wahr gemacht werden. Bentley neben Porsche, Rolls Royce neben Ferrari. Das ist ein normales Bild auf einem Parkplatz im Superreichenviertel Beverly Hills. Abgesperrte Straßenblöcke, wenn mal wieder die Schönen und Reichen und Wichtigen zu einem Privatkonzert, einer Filmpremiere oder einer Exklusivparty in Limousinen vorfahren.

Doch LA hat auch eine andere Seite, die immer deutlicher wird. 44.000 Menschen sind in Los Angeles obdachlos. Das sind 12 Prozent mehr, als noch vor zwei Jahren. Und die Zahl der auf den Straßen von LA Schlafenden hat sich in dem Zeitraum verdoppelt. Das liegt auch an Klagen gegen die Stadt, denn Los Angeles hat zu wenig Obdachlosenunterkünfte. Richter haben entschieden, so lange sich da nichts verändert, dürfen die Homeless zwischen 21 Uhr und 6 Uhr morgens auf der Straße schlafen. Falls die Polizei doch jemanden verhaftet, dann müssen sie sein gesamtes Hab und Gut miteinpacken, dokumentieren und sicher lagern. Ein Unterfangen, dass so gut wie unmöglich ist, von daher drücken die Beamten oftmals beide Augen zu und fahren weiter.

Es sind nicht mehr nur die gescheiterten Existenzen, die nach Drogensucht und Kriminalität auf dem harten Asphalt enden. Ganz im Gegenteil, die Mieten und Lebensunterhaltskosten steigen, einfache Jobs gehen verloren, am Ende finden sich einige unter der Brücke wieder, die vorher immer noch gerade so in einem geregelten Leben am Existenzminimum entlang schlitterten. Darunter auch viele Familien.

Los Angeles ist nicht die einzige Stadt in den USA, in der das Problem Obdachlosigkeit immer größer wird. In San Francisco liegen die durchschnittlichen Mieten für ein Einzimmerapartment bei 3600 Dollar im Monat. Die Stadt steht vor einer unlösbaren Aufgabe, denn es fehlt auf der einen Seite immer mehr an bezahlbarem Wohnraum und auf der anderen Seite Platz für Obdachlosenunterkünfte und Übergangswohnheime. Der Grund und Boden in der „City by the Bay“ ist Gold wert. Eine Ausweg aus der fatalen Situation ist nicht in Sicht. Joel John Roberts von der Obdachlosorganisation PATH (People Assisting the Homeless) bringt es auf den Punkt. „Ich glaube, Obdachlosigkeit ist nur ein soziales Problem. Es ist ein Armutsproblem. Und so lange dieses Land die Armut nicht zum Thema macht, so lange werden wir Obdachlosigkeit haben“.

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Die Straßen von San Francisco

165 Millionen Dollar. Das ist kein Jackpot, das ist nicht das Vermögen eines reichen Menschen und auch nicht der Kaufpreis für ein Start-up Unternehmen im Silicon Valley. 165 Millionen Dollar gibt San Francisco Jahr für Jahr für Obdachlose in der Stadt aus. Und da San Francisco öffentliche Gelder aus Washington erhält, muss die Anzahl der „Homeless“ alle zwei Jahre ermittelt werden. Zuletzt in einer Nacht im Januar 2013. Damals zählte man in einer Nacht 6436 Männer und Frauen.

Doch diese Zahl war wohl zu gering, denn darin kamen obdachlose Kinder und Jugendliche gar nicht vor, die auf sich alleine gestellt in verlassenen Gebäuden hausen oder in Parks campen und ganz bewußt die Nähe zu obdachlosen Erwachsenen meiden. Nun wurde auch diese Zahl ermittelt. Diesmal schwärmten die Stadtbediensteten tagsüber aus. Demnach leben in San Francisco 914 Minderjährige auf der Straße. Allein, ohne Eltern und ohne ein Dach über dem Kopf.

Seit Ewigkeiten versucht die Stadt das Problem der Obdachlosigkeit in den Griff zu bekommen. Ganze Wahlkämpfe wurden schon zu diesem Thema geführt. Bislang schaffte man es nicht auch nur ansatzweise das Problem zu lösen. Und doch, San Francisco steht besser da, als viele andere amerikanische Großstädte. In Los Angeles stieg die Zahl der „Homeless“ zwischen 2011 und 2013 um 15 Prozent. In New York City waren es 13 Prozent. In San Francisco blieb die Zahl stabil, allerdings mit nunmehr 7350 noch viel zu hoch. Dennoch behauptet man im Rathaus der „City by the Bay“, dass gerade die 165 Millionen Dollar Investition dazu geführt habe, dass nicht noch mehr Menschen die Straßen von San Francisco ihr Zuhause nennen.