Die Aushöhlung des Rundfunks

Schon seit Jahren ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den USA unter Beschuß. Bereits 1995 fragte der damalige Sprecher des Kongresses, Newt Gingrich: „Soweit ich das sehe, ist dabei nichts öffentlich. Es ist vielmehr ein elitäres Unternehmen. Rush Limbaugh ist öffentlicher Rundfunk“. Gingrich und andere Rechtsaußenpolitiker der Republikaner versuchten immer mal wieder öffentliche Gelder für die „Corporation for Public Broadcasting“ (CPB) zu kürzen, mit dem Ziel dem Fernsehnetwork PBS (Public Broadcasting Service) und NPR (National Public Radio) den finanziellen Hahn zuzudrehen. Beide, PBS und NPR, seien zu links, hieß es.

Nun, mit der neuen Adminstration im Weißen Haus, scheinen die Republikaner all ihre alten Listen vorzukramen, was sie denn tun könnten, um die USA tatsächlich mehr nach rechts rutschen zu lassen. Kritischer Rundfunk und Fernsehen, das nicht ihren Meinungen entspricht, soll da gestrichen werden. Die Sesamstrasse ist christlichen Fundamentalisten schon lange ein Dorn im Auge. Deren Verbreitung von Akzeptanz, Inklusion, dem Feiern des Andersseins passt nicht in das elitäre Bild eines weißen bibeltreuen Südstaatlers, der lautstark die San Francisco und New York Werte ablehnt. Und NPR ist für sie nicht viel besser, kritische – und in meinen Ohren – durchaus ausgewogene Berichterstattung, wird als sozialistische und Demokraten-Propaganda wahrgenommen.

In Trumps Haushhaltsplan sollen nun also 445 Millionen Dollar gestrichen werden. Damit, so hofft es der Autor des Vorschlags, der republikanische Abgeordnete Doug Lamborn aus Colorado, werde endlich der linksliberale Ätherdschungel bereinigt. Doch was Lamborn übersieht ist, dass nur ein geringer Teil dieses Betrages direkt an NPR und PBS geht. Das Radio Network bekommt aus diesem Topf weniger als ein Prozent. Die Kollegen vom Fernsehen weniger als sieben Prozent. 99,3 Prozent dieser 445 Millionen Dollar wird über Fördermaßnahmen an lokale Sender in den 50 Bundesstaaten weitergegeben. Damit werden dann lokale Programme finanziert, aber auch der Einkauf von Mantelprogrammen aus dem Angebot von PBS und NPR. Lamborn und mit ihm Trump vernichten also in ihrem Feldzug gegen die öffentlich-rechtlichen Networks den lokalen Rundfunk und das lokale Fernsehen. Im Gespräch ist nun auch, das ein Gesetz verhindern soll, dass lokale Sender öffentliche Gelder für die Programme von PBS und NPR ausgeben dürfen. Eine heikle Forderung, die sicherlich nicht einfach so mal durchgewunken werden wird.

Der öffentliche Rundfunk in den USA ist nicht vergleichbar mit dem in Deutschland. Auf der Frequenzskala sind die Sender vor allem links zu finden. Es sind Lokalsender, die teilweise, wie KQED in San Francisco, durch Hinzukauf von kleineren Relaystationen zu Regionalsendern geworden sind. Und diese Stationen produzieren eigene Programme und kaufen Mantelprogramme wie die „Newshour“ von PBS oder „Morning Edition“ von NPR hinzu. Neben diesen beiden Networks gibt es noch weitere Produktionsplattformen wie „American Public Radio“ oder auch „Public Radio Exchange“, die ebenfalls Programme an Lokalsender liefern.

Neben den bei PBS und NPR organisierten Stationen, senden auch unzählige von unanbhängigen Sendern wie KWMR in West-Marin oder KKUP in Cupertino. Diese produzieren nur eigene Programme und finanzieren sich aus Spendengeldern der Hörer. Hinzu kommt das „Pacifica Network“, ein Verbund mehrerer Radiosender, der aus der Pazifisten Bewegung im Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Und auch die Collegesender im ganzen Land können als öffentlicher Rundfunk betrachtet werden, denn sie sind oftmals Community Stationen, die fest in ihren Kommunen verankert sind. Ganz zum Schluß gibt es auch die Piratensender, eine Senderbewegung, die den Grundsatz verfolgt, die Frequenzen gehören allen. Zum Senden brauche man keine Lizenz. Radiomachen sei „Freedom of Speech“.

Dieser neue Versuch, PBS und NPR in ihrer Verbreitung zu beschränken oder gar zu zerstören, zeigt ganz deutlich, welchen politischen Weg die USA unter Donald Trump eingeschlagen haben. Nun wird alles daran gesetzt, in möglichst kurzer Zeit eine Verschiebung des gesellschaftlichen Rahmens zu erreichen, auch wenn der Großteil der Amerikaner den Wertewandel längst vollzogen hat. Doch das scheint bei einigen alten, weißen Männern in Washington noch nicht angekommen zu sein.

 

 

It’s the end of the world as we know it…

Nun mußte er auch gehen. Mit großem Bedauern habe ich von der letzten Kündigungswelle im Funkhaus Nürnberg erfahren, denn unter denen, die nun vor die Tür gesetzt wurden, war mein „Radio-Ziehvater“, dem ich sehr viel zu verdanken habe. Ich erinnere mich noch an meine ersten Schritte im Hörfunk, damals bei Radio Gong in der Inneren-Kramer-Klett-Straße. Ich machte dauerhaft Frühdienst mit R.K., jeden Morgen um halb fünf begann die Schicht. Wir hatten Zeit über vieles im Radio zu sprechen. Oftmals nach dem Dienst gingen wir noch auf einen Kaffee in die Meisengeige, unterhielten uns, tauschten uns aus über Beiträge, Nachrichten, Gehörtes. Und irgendwann meinte R. zu mir, „Radio, das ist Theater im Kopf“.

Und wie recht er hatte. Dieser Satz begleitete mich und begleitet mich noch immer in meiner beruflichen Laufbahn. Egal ob in Kurzbeiträgen für Privatsender oder in Einstundenfeatures für öffentlich-rechtliche Hörfunkanstalten, Radio ist „Theater im Kopf“, wenn man es denn will. R. redete nicht nur, er zeigte mir auch, was er meinte. Ein Begleiter in den Anfangsjahren, den ich jedem Berufsanfänger nur wünschen würde.

Doch es ging in diesen Gesprächen nicht nur um das Handwerk, wir redeten auch über die Verantwortung als Journalist, wie leicht es ist als Radiomann, Dinge zu verändern, Stimmung zu machen, einseitig zu berichten. Nie wieder wurde mir in meiner Ausbildung zum Radioredakteur im Funkhaus Nürnberg so deutlich gemacht, was Ethik im Journalisms bedeutete. R. bereitete mich für das Leben als freier Journalist und Korrespondent vor.

Das hier soll jetzt kein Nachruf sein. Oder vielleicht gerade doch. Ein Nachruf auf die journalistische Qualität im bayerischen Lokalradio und besonders im Funkhaus Nürnberg. Über die Jahre wurden viele Journalisten in diesem Radioverbund gegangen, die Qualität auf die Sender brachten. Die gerne mehr Programm wollten, Qualitätsprogramm. Die jungen Nachwuchskräften halfen, ihnen mit Fachwissen und Rat zur Seite standen.

Als jemand, der aus dem Funkhaus Nürnberg kommt, der dort als der erste Volontär ausgebildet wurde, verbindet mich viel mit diesen vier Sendern, für die ich damals arbeitete. Und ich höre immer mal rein übers Webradio und sowieso, wenn ich in Nürnberg bin. Doch was ich höre gleicht einer Dauerwerbesendung. Zwischen den einzelnen Werbeblöcken werden Musik und Wortbeiträge geschalten. Wortbeiträge, mehr ist es nicht mehr. Ganz banal und immer Witzi-Spritzi-Heiterkeit. Natürlich ist das Funkhaus Nürnberg ein kommerzielles Unternehmen, natürlich muß auch hier gespart werden. Doch die Entwicklung, die im Privatfunk mit Siebenmeilenstiefeln voran getrieben wird, ist der Todesstoß des Radios. Die Qualität bleibt links liegen. Schade, sehr schade. Doch verständlich, wenn man die guten Leute, diejenigen, die diese Sender mit ihrer Stimme aufgebaut haben, gehen läßt, oder sie aus Kostengründen vor die Tür setzt. Praktikanten und Volontäre sind billiger, keine Frage.

Doch Radio ist mehr als Nebenbeibeschallung. Auch ein Privatsender kann anspruchsvoller Hörfunk sein. Es benötigt nur den Mut, neue Wege in der Programmgestaltung, der Vermarktung, der Einbeziehung von Zielgruppenzu zu gehen, ja auch in Fragen des Werbeverkaufs. Die eingeschlagenen Pfade, nicht nur im Funkhaus Nürnberg, sind leider die falschen.

Kommerz über Volkes Stimme

Das ist also Amerika. Der harte, blanke Kapitalismus, wo Dollar mehr zählen als die Möglichkeit von Minderheiten ihre Meinungen zu äußern, ihre „Communities“ über den Äther zu erreichen, fernab von Superstars und Talentshows Underground Musik und Kultur zu präsentieren. Das ist die katholische Kirche, die sich als jesuitische Universität im Mantel der Gemeinschaft präsentiert und dann doch lieber das dicke Geldbündel einsackt, und einen lokal wichtigen Radiosender, US weit und weltweit geschätzt, einfach abschaltet.

Vor eineinhalb Jahren marschierte die Leitung der University of San Francisco mit Sicherheitskräften in die Studios von KUSF und schaltete mitten in der Sendung den Transmitter ab. Einfach so, Hebel umgelegt und aus die Maus. Das wars. Nach fast 35 Jahren wichtigem Service für die San Francisco Bay Area macht die jesuitische Uni-Führung klar, was man von einem vielseitigen und lokal orientierten Sendeplan, was man von der hochgelobten „Cultural Oasis“ wirklich, was man von Programmen auf Türkisch, Armenisch, Persisch, Chinesisch, Finnisch, Deutsch, Französisch, von Programmen für Rentner und Behinderte, über Kleinkunst und Theater, über Musikspezialsendungen und und und hält. USF verkaufte an ein schein-öffentliches Klassiknetwork in den Händen der University of Southern California (USC), das landesweit Sender aufkauft, um ein klassisch-kommerzielles Musikprogramm auszustrahlen.

Viele Ehrenamtliche, Fans und Unterstützer von KUSF organisierten sich, bauten „KUSF in EXILE“ auf, ein Internetprogramm, das die Vielfalt des alten KUSF Senders zeigen sollte und klagten gegen den Verkauf bei der Aufsichtsbehörde FCC. Ungewöhnlich lange zog sich der Einspruch hin. Man hoffte, doch umsonst. Am Donnerstag war nun Schluß. Die FCC winkte mal mit dem Zeigefinger Richtung USF und USC „böse, böse Buben“. Zusammen müssen die beiden Unis $ 50.000 zahlen, ein Klaps auf die schmierigen Hände derjenigen, die die Meinungsvielfalt in den USA gezielt abschaffen. Und das nun alles auch noch staatlich abgesegnet, mit dem Siegel der Regularien und Richtlinien.

Aus und vorbei. San Francisco verliert damit nicht nur einen wichtigen Sender, sondern viele Künstler, Musiker, verschiedene Communities und Minderheiten in den USA ein „Outlet“, ein Forum, eine Möglichkeit über ihr Schaffen, ihre Arbeit, ihre Ideen, ihre Überzeugungen, ihre Meinungen, ihre Herkunft, ihre Probleme und Sichtweisen zu sprechen. Armes San Francisco.