Der Tag, an dem man Danke sagt

Eigentlich ist Thanksgiving ein schöner Feiertag. Die Läden schliessen, es wird ruhig auf den Straßen, man sitzt zusammen, isst, trinkt, teilt, geht ein bisschen in sich, blickt zurück und sagt Danke. Danke für das, was einen im ergangenen Jahr bewegt hat, was man richtig gemacht, was man überstanden hat, Danke an die, die bei einem waren, die zu einem gestanden haben. Und Thanksgiving an sich wurde nie kommerzialisiert, auch wenn gleich am nächsten Tag der größte Shopping Tag des Jahres ansteht – der Black Friday.

Ich schreibe eigentlich, denn nichts ist mehr so, wie es einmal war. Im Weißen Haus sitzt ein Präsident, der es sogar schafft, diesen Tag zu politisieren. Seine Tweets und seine Videobotschaft an diesem Donnerstag belegen dies. Trump kann nicht einfach mal ruhig sein oder eine Nachricht in die Welt schicken, die alle Amerikaner betrifft. Er muss immer etwas sagen, was ihn miteinbezieht, was polarisiert. Die klassische Weltsicht eines Egozentrikers.

In diesem Jahr ist viel passiert, vor allem auch hinterm Trump’schen Horizont. Aber das wird kaum wahrgenommen. Die Hungerkrise in Somalia, Südsudan, Nordnigeria und Jemen. Die verstörenden Bilder aus diesen Ländern, die Hoffnungslosigkeit der Menschen, das schiere Elend. Krieg, Hunger, Not. Die gewaltigen Naturkatastrophen rund um den Globus, die Flüchtlingskrisen auf allen Kontinenten. Und das alles vor diesem politischen Schmierentheater in Washington, in dem die Gesellschaft tief gespalten wird, Diktatoren hofiert und Hilfsgelder gekürzt werden, die politische Weitsicht zu einer sehr beschränkten Kurzsichtigkeit verkommt. Eine Nabelschau, die nur noch peinlich berührt.

Thanksgiving ist und bleibt einfach mehr, das sollte man an diesem Tag in den USA nicht vergessen. In diesem Sinne, ein „schönes Erntedankfest“ 2017!

Beim Essen ist man sich einig

Hungeropfer im Jemen. Foto: Reuters.

Gestern am späten Abend flippte ich so durch die Fernsehkanäle. Krimis, bescheuerte Reality TV Shows, fremdsprachige Gameshows, C-Movies und zig Verkaufskanäle. auf denen alles von potthässlichen Nachthemden bis zu Münzen und Fitnessgeräten angeboten wurde. Im hinteren Bereich, auf Kanal 112, stieß ich auf C-SPAN2, einem Sender, der Parlamentssitzungen, Reden und Veranstaltungen von öffentlichem Interesse kommentarlos überträgt. So gegen 23 Uhr wurde die Aufzeichnung einer Anhörung des Auswärtigen Ausschusses im US Senat (Senate Foreign Relations Committee) vom gleichen Tag ausgestrahlt. Und die hatte es in sich. weiter lesen

Die Lage am Horn von Afrika ist mehr als angespannt

Zum Ende meiner Reise ans Horn von Afrika interviewte mich ein Netzwerk an Schweizer Lokalradios für einen Aktionstag am kommenden Dienstag. An diesem Tag soll auf die aktuelle Krise in Somalia, Somaliland und der Region hingewiesen und Spenden für die betroffene Bevölkerung gesammelt werden. Hier das Interview im Wortlaut:

Arndt Peltner, Sie sind ans Horn von Afrika gereist, nach Somaliland und Puntland in Somalia, wie ist Ihr Eindruck?

– In der unabhängigen Republik Somaliland und auch in Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, ist die Situation mehr als angespannt. Mitte März hätte bereits die aktuelle Regenzeit beginnen müssen, doch bislang ist kaum Regen gefallen. Das ist nun bereits die vierte ausbleibende Regenzeit in Folge, und das bedeutet, die Böden sind ausgetrocknet. Flüsse, Bäche, Seen existieren nicht mehr. Das sieht man gerade, wenn man über das Land fliegt, es gleicht einer kargen Mondlandschaft. Die Weideflächen sind nicht mehr existent, Zweidrittel des Viehs, also Ziegen, Kamele und Rinder sind bereits verendet. Wir reden hier von etwa 10 Millionen Stück Vieh. Überall wohin man hier fährt, sieht man tote Tiere am Straßenrand. Es ist ein Bild des Schreckens.

Die 45jährige Sahra Hawadle Diiriye hat fast ihre gesamte Herde von 500 Ziegen verloren.

Was können die Regierungen in Somaliland, in Puntland und Zentral-Somalia, was können Hilfsorganisationen tun?

– Sie versuchen ihr bestes. Die Regierungen hier haben kaum Eigenmittel, um die Krise in den Griff zu bekommen. Das Problem ist, dass die somalische Bevölkerung zum großen Teil nomadisch lebt, also mit ihren Tieren umher zieht. Derzeit wird versucht die Menschen zu erreichen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Das heißt, Tanklaster mit Wasser fahren bis zu einhundert Kilometern weit, um Wasser in entlegene Gegenden und zu den Bedürftigen zu bringen. Dazu Lebensmittel, wie Mehl, Reis, Zucker. Das alles in einer Hitze von 35, 36, 37 Grad. Die Stammesältesten sprechen hier von der schlimmsten Dürre in über 50 Jahren. Die letzte Dürre in Somalia, 2011, forderte über 200.000 Tote. Doch diese Dürre und ihre Folgen war nur in einigen Regionen des Landes zu spüren. Die aktuelle Krise erfasst das ganze Land. Wir reden hier von der Hälfte der Bevölkerung, die betroffen ist, über sechs Millionen Menschen.

Somalia kennen wir nur aus den Schlagzeilen, ein gescheiterter Staat, der im Chaos und Terror versinkt. Ist das der Grund für die derzeitige Krise?

– Es ist auch ein Grund, in den vergangenen Jahren konnte wenig an der Infrastruktur gearbeitet werden, die präventiv wirken könnte. Und für mich als westlicher Besucher bedeutet das immer, mit bewaffnetem Begleitschutz unterwegs zu sein. Aber der Hauptgrund ist vor allem die anhaltende Dürre. Das Wetterphänomen El Niña hat weite Teile Ostafrikas fest im Griff, der Regen bleibt aus. Somalia und auch die umliegenden Länder sind betroffen, wie der Osten Äthiopiens und der Norden Kenias. Im großen und ganzen erreichen die Hilfsorganisationen die Bedürftigen, nur in einigen Teilen im Süden des Landes, in denen die Al Shabaab Milizen die Kontrolle haben, ist die Situation ganz dramatisch, denn dort erreicht die Hilfe die Menschen nicht. Es ist für die NGOs zu gefährlich dort im Einsatz zu sein.

Wie schlimm ist die Lage?

– Ich kann es nicht deutlich genug sagen. Wenn es nicht innerhalb von wenigen Wochen regnet und vor allem gut regnet, werden sich hier am Horn von Afrika dramatische Szenen abspielen. Schon jetzt kann man die Zeichen deutlich sehen. Millionen von Ziegen, Kamelen und Rindern sind verendet, die Kadaver liegen an den Straßen. Damit breiten sich Krankheiten aus, Fälle von Cholera wurden schon vermeldet. Hinzu kommt die Unterversorgung vor allem der nomadischen Bevölkerung, der Hirten, die in dieser Krise alles verloren haben. Ich war vor ein paar Tagen in einer abgelegenen Siedlung von Hirten, irgendwo im Nirgendwo von Puntland. Alle Kinder dort sind unterernährt, werden derzeit mit Hilfe von Organisationen wie CARE aufgepäppelt. Noch spricht man von „Medium Acute Malnourishment“, also einer noch im Grenzbereich befindlichen Unterernährung. Aber die Lage spitzt sich zu. Wenn sich der Status von „Medium“ auf „Severe“, auf massiv oder schwer, verändert, muss innerhalb von 72 Stunden gehandelt werden. Und das ist eine Aufgabe, die in einem Land wie Somalia fast unlösbar erscheint. Auch wenn keiner offen darüber reden will, die Planungen für den schlimmsten Fall laufen bereits. Doch dafür braucht man jetzt die nötigen Mittel vor Ort.

Man muss sich schon fragen, warum es überhaupt so weit kam, hätte man sich besser auf die Krise vorbereiten können? Die Dürre kam ja nicht über Nacht?

– Das stimmt, die Dürre hat sich lange angekündigt. Derzeit bleibt bereits die vierte Regenzeit aus, und das in einem eher unwirtlichen Land. Fehlender Niederschlag wird hier gleich zu einer Katastrophe. Doch man hat aus der letzten Hungerkrise 2011 durchaus gelernt. Die Koordination zwischen den Regierungsstellen und den NGOs wurde verbessert. Die Warnzeichen wurden frühzeitig erkannt und auch weitergegeben, auch an die UN. Als ich im Herbst 2015 durch Somaliland und Puntland reiste, war die Lage bereits angespannt. Damals verendeten zwar noch keine Tiere, aber viele Ernten blieben aus. Die Regierungen und Hilfs-Organisationen waren gewarnt, aber Somalia, das seit 1991 in den internationalen Medien vor allem als Krisen- und Chaosstaat beschrieben wird, war nicht so auf dem Radarschirm, wie es hätte sein sollen. Syrien, die Flüchtlingskrise, Ebola, die Wahl in den USA und nun die Hungerkatastrophen in Nigeria, im Südsudan, im Jemen….Somalia spielte da nur eine untergeordnete Rolle in den Medien, aber auch bei den Spendern. Jetzt versucht man eben vor Ort den Fokus auf dieses geschundene Land zu legen. Und es muß schnell gehen.

Sie haben auf ihrer Reise durch Somaliland und Puntland mit vielen betroffenen Menschen gesprochen. Wie gehen sie damit um?

– Die Menschen kennen das Land und seine Bedingungen. Es ist trocken, Wüste, Dürren gehören hier dazu, immer mal wieder kommt es zu Hungerkatastrophe. Aber die Dimension ist diesmal eine andere. Das ganze Land ist betroffen. Und dennoch, ich war in Ansiedlungen von Flüchtlingen, die alles verloren haben, von der Hand in den Mund leben, die mir aber sagten, sie werden auch diese Krise überstehen. Sie hoffen auf Allah und auf die internationale Hilfe, die sie durch diese schwierige Zeit bringen und ihnen hoffentlich anschliessend einen Neustart als Viehzüchter ermöglichen werden. Die derzeitige Situation ist also nicht mit etwas Regen bewältigt. Die medizinische Versorgung für die Menschen und die Tiere muß mittelfristig gewährleistet werden, sie werden einen Neustart brauchen, die Mittel dafür müssen von außen kommen. Wenn man hier die Alten fragt, die ihr Leben lang Vieh gezüchtet haben, Somalia in und auswendig kenne, wenn man sie fragt, wird der Regen noch kommen, sagen sie, mit einem Lächeln und einem Schulterzucken: Insh’Allah….wenn Gott will.

Die braune Erde Somalia

Mit einem Flieger des „World Food Programs“ ging es zurück nach Hargeisa.

Heute ging es von Garowe über Boosaaso am Golf von Aden zurück nach Hargeisa. Ein Flug über Puntland hinweg im Nordosten Somalias, direkt am Horn von Afrika und dann Richtung Osten und nach Somaliland. Wie Narben ziehen sich die Flussbette durch die Landschaft. Kein Wald, kein See, kein Fluss ist von oben zu sehen. Alles ist braun, erscheint unwirtlich, fast wie eine Mondlandschaft. Wären da nicht immer wieder ein paar Dörfer.

Die letzten Tage haben mir gezeigt, wie hart das Leben in diesem Teil Afrikas ist. Besuche in den Dörfern, in den Ansiedlungen von Inlandsflüchtlingen führten mir das ganze Ausmaß der Krise vor Augen. Die Menschen haben nichts außer der Hoffnung auf bessere Zeiten. Die letzten drei Regenperioden sind bereits ausgefallen, seit Mitte März sollte es eigentlich wieder regnen. Sollte! Der fehlende Niederschlag bringt das Land an den Rand einer Katastrophe.

Vor meinem Abflug aus Garowe sprach ich noch mit dem CARE Länderdirektor für Somalia, Raheel Chaudhary.

Das ganze Ausmaß der Dürre kann man von oben sehen.

Er arbeitet seit über 20 Jahren für Hilfsorganisationen, hat in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan und eben Somalia Erfahrungen sammeln können. Auch für ihn ist diese Dürre etwas ganz Neues. Bislang, so Chaudhary, gab es Hungerkrisen in Teilen Somalias, zuletzt 2011. Doch diese hier erfasst das ganze Land, sogar darüber hinaus. Der Norden Kenias, Äthiopien, Südsudan, Jemen sind betroffen. Die Krise hat eine bislang nicht dagewesene Dimension erreicht.

Hat er Hoffnung? Raheel Chaudhary überlegt kurz und beschreibt dann das Gespräch vom Vortag, als wir in diese Nomadenansiedlung mitten im Nichts kamen und eine Frau über ihren Alltag berichtete. Sie erzählte von den Schwierigkeiten, von ihren sieben Kindern, aber auch davon, dass ihnen geholfen werde. Mit Wasser, Nahrung und Bargeld, und wenn Gott es will, werde es auch bald wieder regnen. Und dann, so die Frau, werden sie und ihre Nachbarn wieder losziehen, mit neuen Tieren fruchtbare Weidegebiete finden, Insh’allah. Insh’allah meinte Raheel Chaudhary mit einem Lächeln. Diese Frau, sagte Chaudhary zu mir heute Morgen, habe Hoffnung und das gebe auch ihm Hoffnung. Die Hilfe, die sie als Organisation geben, auch wenn sie noch so klein ist, kommt an. Auch das zeige ihm dieses Gespräch mit der Mutter. Sie gibt nicht auf, wie könnte dann er aufgeben.

Wolken ziehen vorbei

Am Himmel über Puntland sind immer mal wieder Wolken zu sehen. Gerade morgens türmen sich die Wolkenberge, doch im Laufe des Tages klart der Himmel auf. Kein Tropfen Regen ist gefallen. Die Wahrscheinlichkeit auf Niederschlag liegt derzeit bei Null Prozent. Damit nähert man sich hier der absoluten Katastrophe. Noch will das niemand offen ansprechen, doch die Zeichen sind bereits zu erkennen.

Hilfsorganisationen, wie CARE, sprechen derzeit von „MAM“, das steht für „Moderate Acute Malnutrition“. In der kleinen Ansiedlung außerhalb von Gardo in Puntland kann man sehen, was das bedeutet. Gegen Mittag, in der größten Hitze, sind wir da. Eine Zeltansammlung von Nomaden, die hier gestrandet sind. Auf der Suche nach Weideflächen und Wasser ließen sie sich schließlich auf diesem trockenen Boden neben der Landstrasse nieder. Auch in der Hoffnung Hilfe zu bekommen. Die kommt in Form von Lebensmitteln, Wasser und Bargeld. Nicht viel, aber es langt zum Überleben. Bislang noch.

Vor jeder Hütte im Flüchtlingsdorf steht eine Tonne mit dem Wasser für die Familie. Das Wasser wird mit Tankwagen hierher gebracht.

Als unsere Geländewagen halten, werden gerade die Kleinkinder unter einem Baum im Schatten gewogen und gemessen, ihre Größe und ihre Armdicke. Eigentlich alle Kinder hier sind hart an der Grenze zwischen moderater und akuter Unterernährung. Mit „Plumpy’Nut“ werden sie aufgepäppelt, in der Hoffnung, dass sie so die aktuelle Krise überstehen.

Doch die wird mit jedem Tag schlimmer. Der Regen kommt und kommt nicht, mehr und mehr Tiere verenden elendlich, Krankheiten breiten sich aus, die Menschen werden schwächer. Die Regierungen von Puntland und Somalia tun, was sie können mit den wenigen Mitteln, die sie haben. Hinzu kommen einige Hilfsorganisationen vor Ort, die gleich an mehreren Fronten zu kämpfen haben. Hier auf dem Land die Menschen zu erreichen, zu handeln, so weit das möglich ist. Und weltweit Spenden in einer von Krisen gezeichneten Welt für ein Land zu sammeln, das die meisten nur mit Krieg, Terror, Dürre und Chaos in Verbindung bringen. Tatsache ist auch, dass die Krise am Horn von Afrika morgen nicht zu Ende sein wird.

Hier spielt man bereits gedanklich „SAM“ durch, das steht für „Severe Acute Malnutrition“, der Ausbruch einer breiten Hungerkatastrophe. Und die wird kommen, wenn der Regen nicht fallen sollte. Wenn „SAM“ ausgerufen wird, müssten innerhalb von 72 Stunden nicht nur Notfallmaßnahmen anlaufen, sie müssten auch die Menschen in den abgelegendsten Teilen Somalias und Somalilands erreichen. Wenn nicht, werden Hunderttausende sterben. Hilfsorganisationen gehen bereits davon aus, dass diese anstehende Hungerkatastrophe am Horn von Afrika weitaus schlimmer sein wird, als die letzte im Jahr 2011.

 

Eine Dürre wie seit 50 Jahren nicht mehr

„Wir haben die Stammesältesten in Puntland gefragt, und keiner konnte sich an so eine Dürre erinnern“, meinte Dr. Abdullahi Abdirahman Ahmed, General Manager der „Humanitarian Affairs and Disaster Management Agency“ (HADMA) in Puntland. „Wir reden hier nicht von ein, zwei, drei Regionen. Das ganze Land ist betroffen.“ Abdullahi zeichnet ein katastrophales Bild im NZ-Interview von der Situation in Puntland. Die Regierung und die Hilfsorganisationen im Land ständen vor einer fast unlösbaren Aufgabe, sagt er.

Über eine Piste geht es ins Dorf Uskure.

CARE ist seit 25 Jahren in Somalia. „Sie tun was sie können“, meint der Chef von HADMA. Aber er sehe die Spendenmüdigkeit, die die Arbeit von NGOs erst ermöglicht. „Uns rennt die Zeit davon. Seit Mitte März ist die Regenzeit angebrochen, doch es gab so gut wie keinen Niederschlag. Wenn bis Ende April, Anfang Mai kein Regen fällt, werden viele, viele Menschen sterben.“ Ihre Tiere haben viele Farmer und Viehzüchter bereits aufgegeben. Einige, die es sich leisten können, kaufen Mais und füttern damit das Vieh. Doch das hat zur Konsequenz, dass die Maispreise im Land drastisch gestiegen sind, somit wird auch der „türkische Weizen“ fast unerschwinglich für jene, die sich kein Reis und keine Nudeln leisten können.

Somalia steht am Rande des Abgrunds. Das wird auch deutlich, als es nach dem Interview im HADMA Büro in Garowe raus ins Dorf Uskure im Distrikt Dangorayo geht. Bis Dangorayo geht es auf einer geteerten Landstrasse, danach über eine Schotterpiste fast querfeldein. Links und rechts der Strasse und Piste liegen immer mal wieder tote Tiere, Kamele und Ziegen.

300 nomadische Familien haben sich neben dem Dorf Uskure niedergelassen. Ihre Tiere sind verendet.

Nach über einer Stunde Rumgeruckel erreichen wir das abgelegene Dorf, daneben haben sich 300 nomadische Familien in ihren Zelten niedergelassen. Sie sind hier, weil sie Hilfe brauchen. Normalerweise ziehen sie mit ihren Herden durchs Land, doch die gibt es nicht mehr. Hier am Rande von Uskure leben sie von der Hand in den Mund, einmal im Monat wird Wasser und Nahrung gebracht. Sie hoffen auf mehr von der Regierung von Hilfsorganisationen. Im Schatten eines der wenigen Bäume führe ich das Interview mit Dorfchef. Um uns herum etliche Männer, die mal nicken, mal vor sich murmeln. Die zahlreichen Kinder drängeln sich dazwischen, beobachten das ungewöhnliche Interview.

Doch die Menschen in Uskure sind nicht die einzigen in diesem geschundenen Land. Die Dürre ist gewaltig, die kalifornische Trockenperiode, die ich erlebt habe, war dagegen nichts. Die Tierkadaver, die man überall am Horn von Afrika sieht, sind ein bedrückendes Zeugnis dieser Krise. Und die Zeit tickt, wenn der Regen nicht bald kommt, werden hier viele Menschen sterben. Schon jetzt deuten sich die Zeichen der Hungerkatastrophe an. Kinder werden krank, manche sterben sogar, weil sie Wasser aus verunreinigten Tümpeln und Pfützen getrunken haben. Krankheiten breiten sich aus. Die Angst vor einer nicht mehr zu kontrollierenden Katastrophe ist überall zu spüren. Es geht jetzt um eine flächendeckende Nothilfe. Darauf bauen, darauf hoffen die Menschen in Puntland.

Es rollt sich gut auf der Schotterpiste

Eineinhalb Stunden dauert der Flug von Hargeisa in Somaliland nach Garoowe in Puntland. Mit einer Fokker F50 der Fluggesellschaft Daalo ging es gegen Osten. Nur ein paar Passagiere waren an Bord. Meine Bordkarte sagte zwar 5D, aber den Sitz gab es gar nicht. „Free Seating“, meinte der Flugbegleiter zu mir. Als ich dann nach hinten gehen wollte, um mir einen passenden Fensterplatz auszuwählen, sagte er, „No, just sit in the front, because of the weight“. Das schafft Vertrauen!

Puntland von oben.

Draußen debattierte noch eine Frau mit mehreren Männern des Bodenpersonals, schließlich durfte auch sie an Bord und die Reise nach Puntland konnte beginnen. Um Hargeisa herum war noch etwas grün zu ehen, einzelne Bäume, Sträucher. Tiefe Spuren von früheren Bächen und Flüssen durchzogen die Landschaft. Immer seltener wurden Dörfer und Anwesen im Nirgendwo. Umso näher wir Garoowe kamen, um so trockener wurde das Land unter der Fokker. Eine Wüstenlandschaft so weit das Auge reicht. Die Landung war daher auch das Highlight des Fluges, das Video dazu sieht man unten.

Der Flughafen von Garoowe besteht aus einer Schotterpiste und ein paar Bretterbuden. Zahlreiche Soldaten, mit Maschinengewehren und Patronengürteln bewaffnet, sichern diesen Schotterstreifen ab. Von einer Stadt ist weit und breit nichts zu sehen. Ein Stempel in den Pass und die knappe Anordnung „Go“. Der Koffer wurde mit einem Kleinlaster die 30 Meter von der Maschine bis zur Butze gefahren. Ich schnappte ihn mir und ging durch eine weitere Bretterbude hindurch, das war wohl der puntländische Zoll. Auch dort ein paar Bewaffnete. Was die hier sichern, war mir wirklich nicht ganz klar.

Draußen traf mich die Hitze, sonst wartete niemand auf mich. Eigentlich sollte da jemand sein, war aber keiner. Etwas bedröppelt stand ich da und fragte mich, was nun? Eine Telefonnummer hatte ich nicht, auch kein funktionierendes Telefon. Mein fragender Blick schien aufzufallen, denn sofort kamen ein paar Uniformierte auf mich zu und fragten „Problem?“. „Yeap, I have a problem“, aber wie mache ich das nun verständlich? Mein Somali ist auch auf der dritten Reise nicht besser geworden. Nach mehreren Versuchen verstand einer von ihnen, dass ich auf einen Fahrer von CARE wartete. „No problem. I call“. Woher er nun die Nummer vom CARE Büro in Garoowe hatte, wußte ich nicht, aber er versuchte es. „Not good“ kam als nächstes. Er packte sich meinen Koffer und meinte „Come“. Was sollte ich auch anderes machen, also lief ich hinter ihm her in einen Schuppen aus Wellblech. Darin saßen ein paar Soldaten, ihre AK47 locker auf dem Schoß liegend, zwei Frauen, ein paar Jugendliche waren auch in dem angenehm kühlen Unterschlupf. Mein Uniformierter bot mir einen Plastikstuhl an, alle schauten auf mich und ich sagte: „Hello, how are you?“ Ein Jugendlicher antwortete mir sogar und fragte, ob ich Wasser möchte. „Where from?“ „Germany“. „Ah, German. Good“, und er lachte. Fehlte nur noch, dass er „Schweinsteiger“ sagt, wie mir das schon öfters in Afrika passiert ist.

Nach wenigen Minuten kam der Uniformierte mit dem Telefon zurück, griff sich wieder meinen Koffer und lachte. „Driver sleep“, sagte er und wir gingen auf einen Geländewagen zu, der Fahrer stieg aus, grinste breit übers Gesicht und schmiß meinen Koffer auf die Ladefläche. Ich stieg hinten ein, doch er wartete noch mit der Abfahrt. Aus dem Radio dröhnte ein Sprecher, ich schätzte, eine Religionssendung, denn „Allah“ verstand ich gleich mehrmals. Nach etwa fünf Minuten kam ein Soldat zum Auto, der gleich zwei Maschinengewehre bei sich trug. Stereoschutz ist immer gut. Es ging weiter mit der Reise.

War die Landebahn schon eine Holperpiste, ist die Zufahrtstrasse zum Flughafen nicht viel besser. Nach mehreren Kilometern kamen wir auf eine geteerte Landstrasse. Links und rechts ist nichts, nur Sand und Steine, eine unwirtliche Landschaft. An einer Stelle kam uns auf der Straße ein Jeep entgegen. Sowohl der Fahrer, wie auch der Soldat drehten sich zu mir um, „no problem, all ok“. Nett, sie wollten mich beruhigen, obwohl ich mir gar keine Gedanken machte. Der Soldat stieg aus und in den Jeep ein, in dem zwei weitere Soldaten saßen. Das Begleitfahrzeug durch die Stadt, das den Weg für uns hupend freimachte. Und Garoowe ist eine pulsierende, lebendige Metropole inmitten der kargen Gegend. „Welcome to Garoowe“, sagte der Fahrer und freute sich, als ich meinte, es sei schon das zweite Mal. Aber heimisch fühle ich mich hier nicht.

Der Hunger erreicht die Hauptstadt

Eine junge Mutter mit ihrem unterernährten Kleinkind in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Seit einem halben Jahr könne man es deutlich sehen, so die Chefärztin. Mehr und mehr Mütter bringen ihre unterernährten Kleinkinder in die Ambulanz MCH und in das italienische Kinderkrankenhaus, das einzige seiner Art in Somaliland. Jede Woche werden es mehr. Die Frauen machen sich von weither auf den Weg in die Hauptstadt, um hier Hilfe für ihre Kleinen zu finden. Mit dem nahrreichen Brei „Plumpy’Nut“ werden sie aufgepäppelt. Eine kurzzeitige Hilfe, denn die Gewichtszunahme bedeutet auch das Ende des Aufenthalts. Länger als nötig darf niemand bleiben, weitere kleine Patienten warten schon.

Gerade jetzt kommen viele Frauen mit ihren Kindern aus dem Ostteil der Republik, der besonders von der Dürre betroffen ist. Nachdem dort die Regenzeit im November ganz ausblieb, verschlimmerte sich die Situation dramatisch. Und auch jetzt warten die Menschen auf den dringend benötigten Niederschlag, der eigentlich schon da sein müsste. Doch am Himmel ist kein Zeichen von Regen zu erkennen.

„Vielleicht beten wir zu wenig. Vielleicht haben wir nicht genug den Armen gegeben“, wundern sich einige. „Allah wird uns helfen“, meint eine Mutter im Kinderkrankenhaus. Die Suche nach Gründen für die derzeitige Wasserknappheit, die in einer gewaltigen Hungerkatastrophe enden kann, ist umfassend. An der Universität von Hargeisa erkennt man die Ursachen für diese Katastrophe. Da ist sicherlich der zu niedrige Niederschlag in den letzten paar Jahren. Damit verbunden die Ausweitung der Wüste. Doch da ist auch die Übergrasung durch das Vieh, mangelndes Umweltbewußtsein, fehlende Wasserspeicheranlagen und noch einige weitere Gründe.

Die unabhängige Republik Somaliland kämpft derzeit ums Überleben. Die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen dieser Dürre sind noch nicht abzusehen. Millionen Ziegen, Rinder und Kamele sind schon verendet. Krankheiten könnten ausbrechen, die wirtschaftliche Situation von vielen Familien hat sich dramatisch verschlechtert. Der Hunger breitet sich schleichend und ohne Probleme aus. Mit den unterernährten Kindern hat die Hungerkatastrophe am horn von Afrika nun auch die Hauptstadt Hargeisa erreicht. Die Zukunft dieser Region ist ungewiss.

 

Zuerst sterben die Tiere…

„Das bißchen Reis langte nicht für meine Kinder und die Tiere“, meinte die Frau außerhalb von Dilla. Um uns herum Dutzende von verendeten Ziegen, teils schon fast verwest, teils noch mit aufgedunsenen Bäuchen. Ein grausamer Anblick, der Gestank hängt in der Luft.

Dutzende von Tierkadavern an einer Stelle außerhalb von Dilla.

Vor einem Jahr lebten in dieser kleinen Gemeinde und die darum angesiedelten Dörfer 5000 Menschen. Dann schlug 2016 die Dürre im Osten Somalilands zu und viele von dort machten sich auf den langen Marsch in den Westen der Republik. Mehr als fünftausend Menschen siedelten sich im Gebiet von Dilla an. Sie waren Willkommen, das Wenige, was die Anwohner von Dilla hatten, teilten sie mit den Neuankömmlingen. Insgesamt waren nun auch etwa 25.000 Stück Vieh in und um Dilla. Doch das ist mehrere Monate her. 17.000 Ziegen und Rinder starben seitdem aufgrund der anhaltenden Trockenheit. Sie fanden kein Wasser und keine Nahrung mehr. Die Flüchtlinge und die Bewohner von Dilla verloren ihre Existenzgrundlage.

„Wir brauchen Hilfe. Jetzt!“, meinte der Vorsitzende des Dürre-Rates in dieser Region. „Was heißt jetzt?“, wollte ich wissen ohne damit eine philosophische Diskussion loszutreten. Der alte Mann verstand und sagte, die Regenzeit habe nun eigentlich begonnen. Wenn bis Ende April der Regen nicht kommt, sagt er, sterben hier die Menschen.

Doch zu der Dürre kommt nun auch noch die Seuchengefahr. Die vielen Tausend Kadaver verrotten, der wenige Niederschlag, der hin und wieder fällt, schwemmt alles in einen kleinen Tümpel, aus dem die Menschen ihr Wasser schöpfen. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Katastrophe unkontrollierbar wird. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.

CARE will nun vor Ort handeln. Die Bewohner sollen die vielen Tierleichen beseitigen, tiefer und damit sicher vergraben. Auch ein riesiger Wassertank wird gebaut, in den das Trinkwasser aus 100 Metern Tiefe fließen soll. Die Pumpe wird mit Solarzellen betrieben, was in dieser sonnigen Region finanziellen Sinn macht.

Man gibt nicht auf in Dilla. Weder der Bürgermeister, der von Hoffnung spricht. Noch der Vorsitzende des Dürre-Rates, der von der Gemeinsamkeit redet. Und auch die Frau aus dem Osten Somalilands, der von 500 Tieren nur 30 geblieben sind, sagt: „Es wird schon wieder….Insch’Allah, so Gott will“.

Gelandet und doch nicht angekommen

Im Landeanflug auf den Flughafen von Hargeisa, Somaliland. Die Landschaft weit, leer und sehr trocken.

Ich bin da und doch ist noch alles so weit weg. Der Anflug auf Hargeisa zeigte ein Land, das schon immer mit der Trockenheit zu kämpfen hatte. Viel Wasser gab es hier noch nie, doch die Menschen haben sich angepasst. Die aktuelle Situation bedeutet jedoch eine Krise, die nur sehr schwer zu fassen ist.

Gleich in vier Ländern haben die Vereinten Nationen einen „Famine“, eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Betroffen sind geschätzte 20 Millionen Menschen. Das hat eine Dimension erreicht, die kaum noch zu kontrollieren ist. Allein diese Zahl sagt aus, dass viele Menschen sterben werden. Denn die koordinierten Hilfsmaßnahmen, die umgehend anlaufen müssten, bleiben aus. Die USA als wichtigster „Donor“ der UN ziehen sich zurück. In Europa, so scheint es, blickt man mehr auf die eigenen Probleme, die Flüchtlingskrise, der Brexit, anstehende Wahlen. Bereits im Februar hatten führende Politiker am Horn von Afrika auf die drohende Katastrophe hingewiesen und einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Viel ist nicht passiert. Bis Ende Juli müssten vier Milliarden Euro zusammen kommen, bislang sind es gerade mal zehn Prozent davon. Die Türkei, als eines der wenigen Länder, startete eine direkte Soforthilfe. Doch das langt einfach nicht aus. Die drohende Hungerkatastrophe in gleich mehreren afrikanischen Ländern und im Jemen darf nicht ausgesessen werden.

Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen sind hier in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia vor Ort, darunter auch CARE, die schon lange am Horn von Afrika aktiv und über lokale Organisationen sehr gut vernetzt sind. Das zahlt sich nun aus. In den kommenden Monaten sollen „1,6 Millionen Menschen mit Wasser, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in den am stärksten betroffenen Regionen“ versorgt werden. Doch auch dafür wird viel Geld gebraucht. Ich wurde in den letzten Wochen und Tagen mehrfach gefragt, wohin man Geld spenden sollte, wenn man helfen möchte. Meine Antwort war und ist immer die gleiche, gerade weil ich seit ein paar Jahren mehrfach mit CARE unterwegs war, im Kongo, im Tschad, im Niger und eben mehrmals am Horn von Afrika, und so direkt die Arbeit dieser Hilfsorganisation vor Ort und ihre Projekte sehen konnte. Von daher hier der Link zu CARE Deutschland.

Dieses Ziel von CARE, 1,6 Millionen Menschen zu erreichen, zeigt allerdings auch, dass es nicht nur der Hunger ist, der hier tödlich zuschlägt. Die Wasserknappheit, die Dürre führt im vierten Jahr erneut zum Ausfall der Ernte. Doch auch das Vieh stirbt, aus Mangel an Nahrung und Wasser. Damit wird die Zukunft Hunderttausender Somalier mittel- und langfristig vernichtet. Hinzu kommt, dass die Menschen in den ländlichen Gegenden Wasser aus verseuchten Pfützen nutzen, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. CARE spricht von einem Kampf an mehreren Fronten und das in einem Land, dass in weiten Teilen im Chaos und im Terror versinkt.

Zu helfen ist schwer und dann auch wieder nicht. Zumindest müssen die, die hier vor Ort helfen wollen und können, die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Sofort- und Nothilfe umzusetzen. Eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe loszutreten, wie mir dies ein Vertreter der sogenannten AfD aufs Auge drücken wollte, halte ich an diesem Punkt für mehr als zynisch. Es gibt Möglichkeiten zu helfen, nutzen wir sie.