Weltmusik im Dröhnland

Das Duo Senyawa stammt aus Jogjakarta in Indonesien. „Weltmusik“ dachte ich mir, als ich die CD zugeschickt bekam. Eingeschoben, da singt einer mit dunklen Kehlkopfgesang „Tanggalkan nams, segalla di dunia“. Immer und immer wieder. Es hat schon etwas Trancemäßiges an sich. Und dann kommt es. Ein brachiales, verzerrtes Gitarrenbrett, eine Welle an Sound und immer noch dieses gebetsmühlenartig vorgetragene „Tanggalkan nams, segalla di dunia“.

Senyawa sind nicht Crossover über ein kleines Bächlein aus verschiedenen musikalischen Genres, sie überqueren vielmehr einen reissenden Fluss und zerschlagen anschließend die Brücke, die sie gerade noch passiert haben. Das ist eine Vermischung aus scheinbar nicht zu vereinbarenden Musikwelten. Ein Tsunami der alles an Tönen und Klang mit sich reißt. Hier die gewachsene Tradition, um zugleich von einem brutalen Industrialangriff überspült zu werden. Doch gerade das macht diese Platte „Sujud“ aus. Es sind Tumulte im Hörgang. Der tiefe Gesang der für mich unverständlichen Sprache, dazu wird ein Klangrahmen mit teilweise selbstgebauten Instrumenten und tiefen Soundflächen abgesteckt, der sich manchmal zum rostigen Stacheldraht entwickelt.

Irgendwie geht dieses Alt und Neu zusammen. Faszinierend, ganz anders, sowas habe ich noch nie gehört. Manchmal wirkt es verspielt, leicht, ja, zärtlich, um dann im nächsten Augenblick vor die Wand geklatscht zu werden. Eine irre Klangreise, die schizophrene Züge aufweist, ein Alptraum im Mittelohr. „Sujud“ muss man laut spielen, sehr laut spielen. Mit Sicherheit werden einen die Nachbarn danach besorgt ansehen, was war bitteschön das? Das Duo Rully Shabara und Wukir Suryadi verdient es aber, dass man sich Zeit für sie nimmt, es zumindest versucht, einen Zugang zu dieser Berg- und Talfahrt zu finden. Es lohnt sich wirklich, Eintritt in dieses grandiose Dröhnland zu bekommen. Für mich ist „Sujud“ von Senyawa eine der interessantestes Neuheiten, die ich in diesem Jahr zu hören bekommen habe.

 

In den Tiefen der Klangkunst

Lustmord heißt das Projekt des walisischen Musikers Brian Williams. Nun läuft hier seine jüngste CD „Dark Matter“ und ich überlege, wie ich das beschreiben kann, was ich da höre. Williams ist ein Musiker, der sich im Industrial und Ambient Bereich bewegt. Das heißt, er arbeitet mit weiten, düsteren Klangflächen, dazwischen Töne und Einspielungen, Sounds, die man aus dem alltäglichen Leben kennt oder zu kennen glaubt.

Für „Dark Matter“ hat Williams durch eine kosmische Audio-Bibliothek gegraben, die zwischen 1993 und 2003 entstanden ist, darunter auch Töne aus den NASA Forschungscentren (Cape Canaveral, Ames, The Jet Propulsion Laboratory und Arecibo), The Very Large Array, The National Radio Astronomy Observatory. Rhythmus, Melodie, Texte gibt es bei Lustmord nicht. Vielmehr sind es alptraumhafte Tonspuren, ein statisches Rauschen, Metall auf Metall, eine klangliche Schwere, die den Hörer nach unten zieht. Es ist der Soundtrack der eigenen Ängste, die Bilder dazu liefert man selbst.

Auf „Dark Matter“ taucht man ein in teils abgrundtiefe Soundlandschaften, die einen – die mich – erfassen, beeindrucken, bewegen. Aufgenommen wurde das Album im Dezember 2015 in den Los Angeles Studios des Touch Labels, bekannt für seine eher „anderen“ Veröffentlichungen. Hier entstehen keine Hits, keine Mitschunkelsongs, kein neuer Superstar wird geboren. Drei Songs sind auf der CD zu finden (Subspace, Astronomicon, Black Static), Gesamtlänge 70 Minuten und 42 Sekunden. Hier werden die Grenzen der Musik ausgelotet. Und das nicht behutsam, sondern mit einer unglaublichen Gewalt. Für mich ist es ein Sog, der da aus den Boxen tönt, einen mitreisst, taumeln lässt. Musik zum Hinhören, nichts für nebenbei. Erst dann erfasst man die ganze Tiefe dieses unglaublich beeindruckenden und sehr persönlichen Albums.

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San Francisco Underground – Audio Report

Vor ein paar Tagen habe ich bereits über die San Francisco Kassetten Szene berichtet, hier nun ein Audio Bericht dazu, um einen kleinen Höreindruck zu liefern…und nicht vergessen, Kunst und Musik kennen keine Grenzen:

      Tape Labels

SanFranciscoKassettenUnderground

Nice Ass RecordsSan Francisco ist eine Stadt mit vielen Subkulturen. Nicht viel größer als Nürnberg und dennoch hier steppt der Bär auf vielen Hochzeiten. Gestern war ich für ein Interview im Tenderloin Distrikt. Dort an der Ecke Turk und Leavenworth im fünften Stock leben Julia Mazawa und ihr Freund Daniel Hintz, aka Cactus. Beide sind DJs auf KUSF, dem wohl bekanntesten Collegesender westlich des Mississippi. Und beide lieben mehr den aussergewöhnlichen Sound. Cactus ist ganz begeistert von „Field Recordings“. Er hat ein kleines Kassettenaufnahmegerät und liebt es, die Aufnahmetaste zu drücken und das Gerät auf die Feuerleiter nach draußen zu stellen. Aufgenommen wird dann der Sound der Strasse. Verkehr, Sirenen, laut schwadronierende Passanten, streitende Crack Süchtige an der Ecke. Bei seinen „Recordings“ weiss man nie, was am Ende rauskommt. Cactus ging sogar mal so weit und produzierte eine Zweistunden Spotlight Sendung auf KUSF mit seinen „Field Recordings“. Das ganze klang dann wie, als ob man eben in der Tenderloin im fünften Stock sitzt und einfach das Fenster aufgemacht hat. Mit einem Lachen erzählt er, dass er damals so einige Hassanrufe im Studio erhielt, die ihn anschrien, er solle endlich Musik spielen.

Cactus ist bei KUSF als der Verfechter von Noise, Industrial und experimentelle Musik bekannt. Er kennt die Bands und die Macher und ist selbst sehr aktives Mitglied der lokalen Community. Die Bay Area gilt als eines der weltweiten Zentren dieser Musik. Nun hat er sein eigenes kleines Label ins Leben gerufen „Tenderloin Electric Tapes“, und ja, die Aufnahmen gibt es nur auf Kassette und „one of a kind“. Einzeln und speziell verpackt und es gibt nur eine Aufnahme. „Ich finde Kopien nicht gut, von daher, was man hört ist einzigartig“.

Seine Freundin Julia ist schon seit einiger Zeit mit einem Label am Start. „Nice Ass Records“ heisst es. Julia ist vor allem eine Verpackungskünstlerin und sieht das was tonlich geliefert wird als nicht ganz so wichtig an. Sie macht beides, Schallplatten und nun auch Kassetten. Doch ihre Platten sind nicht aus Vinyl, sie bastelt diese aus Plastiktellern, wie man sie auf Parties oder zum Picknick benutzt. Sie schneidet die flache Unterseite heraus und presst darauf die Tonrille. Das Ergebnis ist eine bunte, biegsame Platte. Der Sound nicht so irre klar, aber ein absolutes Unikat.  Und dazu eben wunderschön und künstlerisch eigenwillig verpackt.

In  San Francisco und dem benachbarten Oakland haben sich rund zwei Dutzend Kassetten Labels entwickelt. Die Tapes kommen in geringer Stückzahl heraus, werden weiter gegeben, billig verkauft oder in bekannten und beliebten Clubs und Szeneplattenläden ausgelegt. Es ist auf eine seltsame Weise ein Gegenstück zur nervigen und schnelllebigen mp3 Kultur…und doch, die Musik ist auch auf den Webseiten der Bands und Labels zu hören. Aber es gibt oftmals nur eine geringe Stückzahl der  „realen“ Veröffentlichung. Geld kann man damit nicht machen, es ist mehr der Kunstgedanke, der Ausdrucksversuch, das Community Gefühl einer musikalischen Randgruppe was zählt. Und das ist eben auch San Francisco.

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„Kein Mitleid für die Mehrheit“…

kmfdm…oder „Kein Mehrheit für die Mitleid“. Bekannter aber als KMFDM….(und nein, das steht nicht für „Kill Motherfucking Depeche Mode“). Dahinter steckt vor allem der aus Hamburg kommende Sascha Konietzko, und der hat wahrlich Musikgeschichte geschrieben. Mitte der 80er Jahre ging es als Kunstprojekt in Paris los, dann zog es ihn in die USA, wo er die Musikszene gehörig aufmischte. Konietzko und seine KMFDM gelten heute als Pioniere des Elektro-Metal-Industrial Sounds. Harte, treibende Beats, provokante Lyrics und schweisstreibende, lautstarke Shows.

Am heutigen Abend waren KMFDM mal wieder in San Francisco. Das erste mal, seitdem Sascha Konietzko und seine Frau und Bandkollegin Lucia Cifarelli von Seattle zurück nach Hamburg gezogen sind. Es war erneut ein Hammerkonzert. Ein Wechsel zwischen Klassikern und Songs der jüngsten CD „Blitz“.
KMFDM sind eine der wenigen deutschen, oder deutsch geleiteten Bands, die es international zu Ruhm gebracht haben und als Pioniere ihres Genres gelten. Ohne Zweifel haben sie Bands wie Oomph! oder auch Rammstein massgeblich beeinflusst (Rammstein tourte u.a. zuerst als Vorband von KMFDM durch die USA).

Der Ballsaal (!) des Grand Regency war am Abend sehr gut gefüllt und die Fans sangen auch bei den zahlreichen deutschsprachigen Songs kräftig mit („Hau Ruck“, „Tohuvabohu“, Potz Blitz!“). Ob sie es verstanden, weiss ich nicht, aber deutsche Texte sind kein Hindernis mehr in den USA. Bei KMFDM ist die deutsche Sprache sogar zu einem wesentlichen Element der Musik und des Sounds geworden. Natürlich habe ich auch mein iPhone hochgehalten, man sieht nicht viel…aber, hey, ich war da.

KMFDM auf myspace

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