Leben mit dem Terror

Berlin, Breitscheidplatz. Der Terror trifft die deutsche Hauptstadt. Kein militärisches, kein politisches Ziel, vielmehr das alltägliche Leben. Viele fragen, wo kann man noch sicher sein, wenn nicht unbekümmert und feiernd, einen Glühwein trinkend auf einem Weihnachtsmarkt?

Wir alle leben schon sehr lange mit der Angst vor der Gewalt. Nicht erst seit dem 19. Dezember 2016, nicht erst seit dem 11. September 2001. Auch wenn es so scheint, der Terror ist nicht neu in unserem Leben. Die „University of Maryland“ sammelt seit Jahren in ihrer „Global Terrorism Database (GTD)“ die Daten und Fakten von Terroranschlägen rund um den Globus. Mehr als 150.000 Vorfälle zwischen Januar 1970 und Dezember 2015 wurden darin aufgelistet. In Europa waren es in diesem Zeitraum 18.803 Terroranschläge bei denen 10.537 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Anschläge nahm nicht zu, allerdings stieg 2014 und 2015 die Zahl der Todesopfer auf einen Höchststand seit 2004.

Wir leben schon lange mit dem Terror: Foto: Reuters.

Zwischen den 70er und 90er Jahren war der Terror für Europa eher ein nationales Problem. Die IRA bombte in England und Irland, die ETA in Spanien, die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Action Directe in Frankreich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verrutschte auch der Schwerpunkt der Angriffe auf der Landkarte des Terrors Richtung Osten. Plötzlich gab es Anschläge in Russland, der Ukraine, im Kaukasus. Der Terror hat dann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch noch einen anderen, einen neuen und nicht weniger brutalen Anstrich bekommen. Statt Bomben und Blut für vermeintliche politische Ziele, wurden nun auch noch die Menschen im Namen Allahs terrorisiert.

Es sind bedrückende Zahlen, die man in diesen trockenen Statistiken lesen kann. Auch jene, die beschreibt, dass im Zeitraum zwischen Januar 2015 und Juni 2016 in Europa und Amerika 658 Menschen bei 46 Terroranschlägen ihr Leben verloren. Im Nahen Osten, Afrika und Asien gab es im gleichen Zeitraum 50mal mehr Todesopfer. 20.031 Menschen starben bei 2.063 Angriffen. Das Blutbad reicht um den Globus.

Wir leben mit der Terrorgefahr und das schon lange. Der gewaltsame Versuch einiger weniger, das Leben der Mehrheit zu verändern ist Teil des Alltags geworden. In den USA, im Irak, in Somalia und auch in Deutschland. Die Art und Weise, die Intensität der Anschläge und die Zahl der Todesopfer hat zugenommen. Mit dem Anschlag von Berlin werden wir wachgerüttelt, dass es hier „auch“ passieren kann. Obwohl wir das schon lange wissen und damit leben, damit zu leben gelernt haben.

Es war nur eine Frage der Zeit

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Wieder ist es passiert. Eine Schießerei in den USA. 50 Tote, 53 Verletzte, ein Täter, der legal Waffen kaufte, um seine tödliche Mission zu erfüllen. Es ist zu leicht in diesem Land an Waffen zu kommen.

Jemand, der Homosexuelle hasst, aus welchem Grund auch immer, würde nie auf die Idee kommen, alleine in einen „Gay“-Club zu gehen, um dort ein paar Schwule und Lesben zu verkloppen. Er hätte keine Chance. Nein, der Täter fühlt sich stark, weil er durch seine Bewaffnung ein Ungleichgewicht schafft, um so das zu erreichen, was er erreichen will: ein Blutbad anrichten. Und das heißt ganz und gar nicht, dass ich dafür bin, dass jeder auf der Straße in Wild-West-Manier mit einer Knarre durch die Gegend laufen sollte, um sich bei einem Angriff „verteidigen“ zu können. Der Ruf nach dieser Art der Selbstverteidigung ist schlichtweg schwachsinnig.

Was nach so einer Tat immer besonders wirkt, ist, wie schnell die Opfer politisiert werden. Eigentlich müsste die amerikanische Gesellschaft zusammenrücken und erkennen, dass irgendwas nicht stimmt. Die USA sind das einzige Land der Welt, in dem eine Massenschießerei nach der anderen, ein Amoklauf nach dem anderen geschieht. Es ist hier nie die Frage ob, sondern wann es wieder passieren wird. Donald Trump erklärte via twitter, es müsse etwas passieren, er habe ja davor gewarnt. Was er im Schnellschuss meinte war, allen Muslimen die Einreise vorerst zu verbieten. Übersehen hat Trump dabei, dass der Täter in den USA geboren wurde, ein amerikanischer Staatsbürger war. Trump warf, wie viele andere Republikaner am Sonntag, Barack Obama Führungsschwäche vor. Führungsschwäche deshalb, weil Obama nicht grundsätzlich vom „radikalen Islamismus“ sprechen will. Nicht jeder Muslim ist für Obama ein gefährlicher Fanatiker. Das wird ihm von Trump und Konsorten angekreidet, so, als ob unter Präsident Trump ein Blutbad, wie das in Orlando nicht mehr passieren würde.

Die Tat in der Nacht zum Sonntag war die mit der höchsten Opferzahl in der Geschichte der USA. 50 Tote, 53 Verletzte. Und schon jetzt kann man mit Sicherheit sagen, dass sich auch danach nichts an den Waffengesetzen in den USA ändern wird. Weder ein Amoklauf an einer High School, noch an einer Universität, in einer Grundschule, in einem Kino, in einer Kirche haben bislang zu Verschärfungen geführt. Warum also sollten ausgerechnet tödliche Schüsse in einem „Gay“-Club zu einer Reform eines vermeintlichen Grundrechtes führen? Keine Chance! Die Zeit tickt bereits bis zum nächsten Mal.

 

ISIS Dröhnung nach der Debatte

Die fünfte Debatte der Republikaner fand in Las Vegas statt.

Die fünfte Debatte der Republikaner fand in Las Vegas statt.

Heute lag eine weitere ISIS Platte im Briefkasten. „Wavering Radiant“ heißt sie, geniales, brachiales Teil. Genau das richtige, um über die republikanische Fernsehdebatte zu schreiben. Den Terroristen von „ISIL“ müssen heute Abend die Ohren geklingelt haben, denn „and the winner is: ISIL“….oder Islamischer Staat oder ISIS. So oft wurde die Terrorgruppe wohl noch nie in der Prime Time im US Fernsehen genannt. Es ging bei dieser Debatte der republikanischen Kandidaten um die nationale Sicherheit. Und das nach den Anschlägen in Paris und San Bernardino. Alles was Präsident Obama macht, ist falsch, jeder der neun Kandidaten auf der Bühne in Las Vegas weiß es besser. Ist klar, es ist Wahlkampf. Punkten konnten an diesem Abend Rand Paul, Jeb Bush und auch John Kasich, die nicht emotional reagierten, konkrete und durchdachte Vorschläge machten. Ob das allerdings in den Umfragen zählen wird, sei dahin gestellt.

Die Moderatoren von CNN und Salem Radio versuchten mit Fragen zu provozieren, Zweikämpfe zu schüren. Vor allem zwischen Jeb Bush und Donald Trump, zwischen Marco Rubio und Ted Cruz. Das gelang ihnen auch ganz gut, zur Erheiterung der Fernsehnation. Politik ist in den USA zur Abendunterhaltung verkommen. Dank auch Donald Trump, der in dieser Debatte der republikanischen Kandidaten wieder mit Grimassen und Zwischenrufen lieferte. Allerdings hielt er sich deutlich im Vergleich zu früheren Auftritten zurück. Seine umstrittene Aussage, Moslems die Einreise in die USA zu verbieten, wurde zwar angerissen, doch kaum diskutiert.

Einen klaren Sieger gab es am Ende nicht, in den Umfragen wird sich wohl nicht viel verändern. Trump weit vorne vor dem Rest des Feldes. Einige Kandidaten auf der Bühne sollten jedoch langsam ans Aufhören denken, denn so wird das nie was mit einer ordentlichen Debatte der Präsidentschaftsanwärter…und so wird das auch nie was mit einem Ende von Trumps Traum vom Weißen Haus.

Was kommt als nächstes?

IS in Amerika. Der Krieg hat die USA erreicht. Waren die Anschläge vom 11. September noch gegen Prestige Objekte in New York City und Washington DC gerichtet, ist mit der Massenschießerei in San Bernardino der Terror in die amerikanischen Nachbarschaften eingezogen. Die Tat mit 14 Toten und 17 Verletzten ist nichts im Vergleich zu Selbstmordanschlägen in Bagdad und der jüngsten IS-Attacke in Paris. Und doch wird das Blutbad vom Mittwoch weitreichende Folgen haben.

Mit dem Ende der Schießerei in San Bernardino beginnt ein neues Kapitel im "Krieg gegen den Terror". Foto: Reuters.

Mit dem Ende der Schießerei in San Bernardino beginnt ein neues Kapitel im „Krieg gegen den Terror“. Foto: Reuters.

Amerika wurde da getroffen, wo man es nicht für möglich gehalten hatte. Im Heartland, im Hinterland, fernab der Washington Mall, der 5th Avenue, der Golden Gate Bridge, der Oscar Preisverleihung, des Superbowls. Eine Veranstaltung in einer Behinderteneinrichtung war das Ziel. Die Botschaft ist klar, niemand und nirgendwo kann man sich mehr sicher fühlen. Überall kann es passieren. Jetzt und gleich.

Und es war eben kein Attentäter aus Syrien, aus dem Irak oder Afghanistan. Es war ein Amerikaner, ein hier geborener US Bürger moslemischen Glaubens. All die Schutzmaßnahmen nach 9/11, die unbegrenzte Sammlung an Abhördaten aus dem internationalen Telefon- und Internetverkehr, die Beschneidung der Bürgerrechte in den USA, all das hat am Ende nichts gebracht. Jedenfalls keine absolute Sicherheit, an die viele Amerikaner glaubten. Was nun folgen wird ist klar. Jeder Moslem wird zum Verdächtigen, jede Moschee, jeder Islamcenter, jedes von Moslems geführte Geschäft wird überwacht werden. Amerika befindet sich seit dem 11. September 2001 im Krieg. Ein Krieg, der bislang in Übersee geführt wurde, weit weg vom Alltag der Amerikaner, irgendwo da drüben hinter dem großen Wasser und den Bergen. Nun ist er heimgekommen, ganz offen, blutig und brutal. Der von den USA entfesselte und planlose Irakkrieg hat am Ende eine radikal extremistische und verblendete Religionstruppe geschaffen. Die Geister, die man rief.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es auch hier passiert. San Bernardino könnte überall in den USA sein. Es war der erste Terrorangriff des IS in den USA. Es wird wohl nicht der letzte geblieben sein.

Die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen ist „verrückt“.

Pegida, Nügida und all die anderen selbsternannten Kämpfer gegen die Islamisierung des Abendlandes werden diesmal wohlwollend mit dem Finger auf die ach-so-verhassten Amerikaner zeigen. Gleich mehrere Kandidaten ums Präsidentenamt in den republikanischen Reihen warnen davor, Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Donald Trump ganz Donald Trump schwor sogar, falls Barack Obama seinen Plan durchführe, 10,000 „Refugees“ aus dem Kriegsgebiet in die USA zu bringen, werde er sie, so bald er Präsident ist, die 10,000 wieder zurück schicken. Niemand wolle sie hier in Amerika. Sein Publikum applaudierte

Ted Cruz will keine Flüchtlinge im Land haben. Foto: AFP.

Ted Cruz will keine Flüchtlinge im Land haben. Foto: AFP.

Der Neurochirug im Rennen, Ben Carson, sprach sich auch mit weicher Stimme gegen die Aufnahme von Syrern aus, denn diese seien von moslemischen Extremisten „unterwandert“. Ins gleiche Horn blies nun auch Senator Ted Cruz, der auf einer Wahlkampfveranstaltung in Michigan erklärte, der Plan, syrische Flüchtlinge in die USA zu bringen, sei „verrückt“, denn einige von ihnen seien islamistische Terroristen. „Es wäre der Höhepunkt des Irrsinns, Zehntausende von Menschen hierher zu bringen, darunter Dschihadisten, die nur kommen, um unschuldige Amerikaner zu ermorden“. Kann man leichtfertiger mit der Farbe Angst umgehen?

Ted Cruz meinte dann noch: „Es gibt einen Grund, dass der Direktor der „National Intelligence“ sagte, unter den Flüchtlingen befinden sich ohne Zweifel eine signifikante Anzahl von ISIS Terroristen“. Nur hatte James Clapper, der Direktor der „National Intelligence“, das so nie gesagt. Letzten Monat meinte er, dass man davon ausgehen könne, das der IS versuchen werde, den Flüchtlingsstrom zu infiltrieren. Die USA jedoch werden alles daran setzen, genau hinzusehen, wer nach Amerika reingelassen wird, so Clapper.

Einige der republikanischen Kandidaten im Wahlkampf erinnern also sehr an die Falschaussagen, die Wortverschwurbelungen, an die Panikmache und an die Horrorszenarien der Idaisten in Deutschland. Sie passen gut zusammen, wählbar sind sie hier und dort nicht.

 

 

 

So verheizt man „Partner“

Der gepanzerte Seitenschutz wurde nicht mitgeliefert. Foto: FOXNews.

Der gepanzerte Seitenschutz wurde nicht geliefert. Foto: FOXNews.

Da sitze ich am Tisch, löffle meine Suppe und schaue dabei FOXNews an. Und da berichten sie von der US Unterstützung für die kurdischen Kämpfer im Irak, die Washington gerne als „Boots on the ground“ umschreibt. 250 Mine-Resistant Ambush Protected Vehicles (MRAPs) wurden für den Kampf gegen die IS Terrormilizen geliefert. Ganz großzügig wollte man sein. Nur, die Seitenpanzerung wurde nicht mitgeliefert. Zwar sind die MRAPs mit einem Bodenschutz gegen IEDs und Minen gesichert, also auch wenn das Fahrzeug über eine Bombe fährt, bleibt es einigermassen heil. Nur von der Seite und von vorne ist der gepanzerte Wagen eine Zielscheibe für RPGs, also mobile Raketenwerfer.

FOXNews zeigte Fotos von rund 30 Fahrzeugen, die etwas abgespeckt in Erbil ankamen. Die Kurden dachten zuerst an einen schlechten Scherz und beschuldigten die Zentralregierung in Baghdad, die Platten abmontiert zu haben. Doch schnell kam die Klarstellung aus der irakischen Haupstadt. Militärexperten erklärten dazu, dass es „gefährlich“ und einer „Selbstmordmission“ gleich käme, wenn man darin fahren würde. Gerade vor dem Hintergrund, dass der IS bevorzugt mit RPGs kämpft und angreift.

Im State Department und im Pentagon erklärte man nach der Sicht der Fotos, dass der Deal zwischen den USA und dem Irak vorsah, die Fahrzeuge zu liefern, nicht jedoch die Panzerung, die als militärisches Geheimnis eingestuft wird. Washington gab unumwunden zu, dass man befürchte, dass diese zusätzliche Sicherung dem Iran in die Hände fallen könnte. Also läßt man die „verbündeten“ und „befreundeten“ kurdischen Kämpfer lieber in den sicheren Tod fahren. Auch das ist amerikanische Außenpolitik.

 

„Hello, Twitter! It’s Barack“

„Really! Six years in, they’re finally giving me my own account“, schreibt Präsident Barack Obama. Nun also ist er auch ganz direkt auf Twitter zu finden. Und auch er bekommt nur 150 Zeichen, um über dies und das und jenes zu switchern. Sei es über die Familie, das Essen oder hochpolitische Dinge, die da so über den Schreibtisch im Oval Office gehen. Und, Barack Obama wies schon mal sicherheitshalber und im Scherz darauf hin, dass diese Tweets wohl archiviert werden. Die Frage ist, braucht man das wirklich? Muß ein amerikanischer Präsident oder eine Bundeskanzlerin auf Twitter sein, um sich so jung, dynamisch, am Puls der Zeit zu geben?

Barack Obama ist also nun dabei, auch Bill Clinton ist auf Twitter und die beiden schickten heute schon Nachrichten hin und her. Locker, flockig kamen sie daher. Was will man also mehr? Wenn es nur dabei bleiben würde, aber ich sehe schon die ersten Tweets von POTUS zu ISIS kommen.

Bill Clinton fragt, ob die Twitter Adresse POTUS (President of the United States) im Oval Office bleibt?

Bill Clinton fragt, ob die Twitter Adresse POTUS (President of the United States) im Oval Office bleibt?

Barack Obama antwortet, ob er jemanden kenne, der an FLOTUS (First Lady of the United States) interessiert sei?

Barack Obama antwortet, ob er jemanden kenne, der an FLOTUS (First Lady of the United States) interessiert sei?

Was darf, soll, kann, muss man noch schreiben?

9. September 2012. Pressekonferenz im Weißen Haus. Am Mikrofon Pressesprecher Jay Carney.

Charlie Hebdo Ausgabe vom September 2012.

Charlie Hebdo Ausgabe 9/2012.

Reporter: Die französische Regierung hat sich dazu entschieden, übergangsweise ihre Botschaften und Schulen in mehreren muslimischen Ländern zu schließen, nachdem die satirische Wochenzeitung, Charlie Hebdo, Karikaturen veröffentlich hat, die den Propheten Mohammend verspotten. Ist das Weiße Haus besorgt, dass diese Karikaturen das Feuer in der Region noch weiter anfachen.

Jay Carney: Wir wissen, dass das französische Magazin eine Karikatur veröffentlicht hat, in der eine Figur den Propheten Mohammed darstellen soll. Und natürlich fragen wir uns, wie man so etwas veröffentlichen kann. Wir wissen, dass diese Bilder für viele zutiefst beleidigend sind und potenziell aufhetzend sein können. Aber wir haben auch mehrmals betont, wie wichtig die Meinungsfreiheit ist, die in unserer Verfassung garantiert wird. Mit anderen Worten, wir hinterfragen nicht das Recht, so etwas zu veröffentlichen, wir hinterfragen nur das Urteilsvermögen so etwas zu veröffentlichen.

Die Karikaturen, die zu Botschafts- und Schulschließungen und letztendlich zum Anschlag auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo geführt haben.

Die Karikaturen, die zu Botschafts- und Schulschließungen und letztendlich zum Anschlag auf die Redaktionsräume von Charlie Hebdo geführt haben.

Eine Wortklauberei. Gibt es ein Grundrecht, oder gibt es keines? Muss man sich nun als Journalist fragen, ob man dies oder das noch schreiben, ob man hierüber oder darüber noch berichten kann? Die Karikaturen, um die es hier geht, wurden im September 2012 veröffentlicht und zeigen einen nackten Mohammed, der seinen Po einem Kameramann entgegen reckt und dabei fragt: „Und mein Hintern, gefällt er dir?“, so wie Brigit Bardot in einem Film aus den 50er-Jahren. Seitdem stand das Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo unter Polizeischutz. Nicht so richtig, wie sich heute zeigte.

Präsident Barack Obama reagierte umgehend: „Ich verurteile zutiefst die schreckliche Schießerei in den Büros des Charlie Hebdo Magazins in Paris….Wir sind in Kontakt mit den französischen Behörden und ich habe meine Administration angewiesen, jegliche Hilfe zu leisten, um diese Terroristen zur Rechenschaft zu ziehen“

Amerika reagierte geschockt auf diesen Anschlag. Die Nachrichtensender berichteten rund um die Uhr, es gab Live Schaltungen nach Paris, Analysen und auch die immer wiederkehrende Frage, ob nun ein neues Kapitel im Kampf gegen den Terror beginnt. Denn die Amerikaner rechnen schon lange mit solchen Anschlägen, wie er nun in Paris geschehen ist. Radikale Islamisten, die bewaffnet, gut ausgebildet und ohne Skrupel im Herzen der USA wüten könnten. Damit würde die höchste Stufe der Terrorgefahr erreicht werden, damit würden die USA in einen neuen, viel teureren und intensiveren Krieg verwickelt werden. Einen im eigenen Land.

Noch fühlen sich die Amerikaner sicher, auch wenn der „fair and balanced“ Nachrichtensender  FoxNews und die konservativen Talk Show Köpfe hinter jedem Busch einen Dschihadisten vermuten, ISIS und Al-Qaida Splittergruppen schon an der Grenze zu Mexikko ausgemacht haben wollen. Doch ein Anschlag wie der in Paris in Städten wie Kansas City, St. Louis, Butte in Montana oder Bismarck in North Dakota würde „die greatest nation on earth“ verunsichern, im „Heartland“ treffen. Paris ist heute überall. Der nächste Anschlag wird kommen, die Frage ist nur wo. In Europa oder in den USA.

 

 

 

Die USA, der Irak, die Terrorgruppe IS

Die Sendung Frontline auf PBS ist herausragendes Fernsehen.

Frontline auf PBS ist herausragendes Fernsehen.

Das amerikanische Fernsehprogramm ist meist erlähmend blöd. Man muß schon gezielt suchen, um gute Angebote zu finden. In all den „Reality“, „Comedy“ und sendezeitenfüllenden Shows finden sich aber auch wahre Perlen. Von Fernsehserien wie „The Wire“ oder „Breaking Bad“ bis hin zu „Pawn Stars“. Im Bereich Nachrichten wird es ganz schlimm. Entweder versuchen lokale Sender wirklich jedes Thema auf eine lokale Ebene zu ziehen, d.h. irgendeiner läßt sich immer finden, der irgendwann einmal an irgendeinem Ort in irgendeinem Restaurant was gegessen oder getrunken hat. Und der gilt dann als Experte und also lokaler Bezug; „Jim aus San Francisco war vor fünf Jahren genau da, wo heute Morgen Terroristen zwei Geiseln genommen haben“. Meist kommt dann noch ein „Live-Bericht“, der sieht dann so aus, dass sich Reporter Joe Smurf nachts um 11 vor das Haus von Jim stellt und erzählt, wie das Interview mit Jim am Nachmittag verlief. Absage dann „Joe Smurf live aus San Francisco für Kanal Schlagmichtot“.

Nachrichten sind zum umkämpften Geschäft und zur Unterhaltung geworden. Man muß nur im Kabelsalat FOXNews, CNN Headline News, CNBC einschalten, irgendeiner brüllt immer oder hat fragwürdige Interviewpartner im Studio oder sendet zweifelhaft geschnittene Beiträge. Es geht nicht mehr um die Information, es geht um die Nachrichtenberieselung, wässrig, dünn und manipuliert. Und das 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche. Fakten und eine richtige Berichterstattung stehen dabei nicht mehr im Vordergrund.

Eine absolute Ausnahme in dieser Newssuppe ist PBS, der öffentlich-rechtliche Kanal. Und dort, neben dem Nachrichtenmagazin „News Hour“, vor allem die Sendung „Frontline“. Dokumentationen, wie sie besser nicht sein könnten. Es geht um Themen aus aller Welt und aus den USA. Um Bereiche, die für mich als Zuschauer weit weg oder ganz nah sind. Das ist Fernsehjournalismus der Extraklasse. Für mich eine der besten Sendungen über den Genozid in Ruanda, und ich habe mich mit dem Thema sehr intensiv beschäftigt, ist die Frontline Dokumentation „Ghosts of Rwanda“, die man ohne weiteres auf youtube finden kann.

ISIS Kämpfer in der Frontline Dokumentation "The Rise of ISIS"

ISIS Kämpfer in der Frontline Dokumentation „The Rise of ISIS“

Gestern zeigte die Redaktion eine Sendung über den Aufstieg der Terrorgruppe ISIL oder ISIS oder IS im Irak und Syrien. „The Rise of ISIS“ ist eine beeindruckend recherchierte und präsentierte Dokumentation. Und sie läßt kein gutes Haar an den USA, Präsident Barack Obama und seine Strategie eines schnellen Abzugs aus dem Land. Die USA unter Bush und unter Obama setzten auf den machtbesessenen und „paranoiden“ irakischen Präsidenten Nouri al-Maliki. Bush führte die USA in eine Katastrophe, Obama wollte so schnell wie möglich davon weg. Beide Präsidenten, das wurde in „The Rise of ISIS“ deutlich gemacht, hatten keinen langfristigen Plan. Es gab jeweils ein Ziel, das wurde erreicht. Saddam Hussein gestürzt, doch was kam danach? Die USA zogen ihre Kampftruppen aus dem Irak ab, doch was kam danach? Frontline, das wurde mir gestern wieder bewußt, ist die wohl beste, politische Dokumentarsendung, die es gibt. Fernsehen kann sich auch heute noch im Zeitalter der Rund-um-die-Uhr-Bespaßung lohnen.

Ich lass das mal mit dem Arzt

Ich habe da ein kleines Problem. Eigentlich wollte ich nach meiner Rückkehr hier in Oakland zum Arzt gehen, doch allein die Tatsache, dass ich in Afrika unterwegs war, birgt nun ein Problem. Denn es gibt da ja die einfache Rechnung: Afrika + Unpässlichkeit = Ebola.

Ebola ist das Topthema auf der CDC Webseite.

Ebola ist das Topthema auf der CDC Webseite.

Amerika „liebt“ Horrorszenarien. Al Qaida baut Terrorzellen in den USA auf. Saddam Hussein hat riesige Arsenale mit chemischen und biologischen Waffen. Die Terrorgruppe Islamischer Staat steht schon in Ciudad Juarez an der amerikanischen Grenze, um mit Unterstützung der Drogenkartelle Attentate zu planen. Die Flüchtlinge aus Guatemala, Honduras und El Salvador werden das amerikanische Sozialnetz vernichten. Ach ja, dann sind da noch Kuba, weiße Haie an Stränden, gelegentlich ein Berglöwe in einer Nachbarschaft, Pädophile hinter jedem Busch und Strauch. Und, und, und nun eben auch noch Ebola. Damit lassen sich 24 Stunden „Nachrichtenkanäle“ füllen.

Amerika reagiert panisch. Die Medien stürzen sich darauf, berichten über etwas, was fast nirgendwo im Land auch nur aktuell ist. Gestern Abend stand tatsächlich in den 23 Uhr Nachrichten ein Reporter eines lokalen Fernsehsenders für einen Live-Bericht (!) am Flughafen von San Francisco. „Wird SFO bald Ebola Testtechnologie bekommen?“, fragte er. Hallo!!! Es gibt keine direkten Flüge von Freetown in Sierra Leone oder Monrovia in Liberia nach San Francisco. Also, was soll das?

Die konservativen Meinungsmacher von FOXNews, wie Sean Hannity, die Radio Talkshow Brabbler, wie Michael Savage, die Online Kolumnisten, wie Ann Coulter, sie alle sehen die Ebola Krise als eine politische Krise im Land. Barack Obama verfolge das Weltbürgertum, nur so sei zu erklären, warum es keine Reisebeschränkungen nach Westafrika gebe. Zwischen den Zeilen kann man da die rassistischen Töne durchhören, er sei ja ein Schwarzer, da wolle er seine Brüder und Schwestern in Afrika nicht vor den Kopf stoßen. Erneut zeige sich jedoch die Führungsschwäche des „Commander in Chief“. Egal, was Obama auch macht, es ist für seine Berufskritiker nicht genug. Der zuständige Chef des „Center for Disease Control“ (CDC) müßte umgehend entlassen werden, die Grenzen dicht gemacht, Reisewarnungen und Reiseverbote ausgesprochen werden, kein Amerikaner dürfe mehr in die betroffenen Länder reisen. Man hat den Eindruck, das Ebola Virus lauert hinter jeder Ecke und wartet nur darauf einen Amerikaner, „a good patriot“ zu infizieren. Obama, der Weichling, lasse es zu, dass „god’s country“ verseucht wird, so die Meinung der vielbeachteten Meinungsmacher.

Und nun wieder zu meinem angedachten Arztbesuch. Ich glaube, es ist verständlich, dass ich erst einmal ein bisschen warte. Schmerzen hin, Schmerzen her. Unwohlsein hin, Unwohlsein her. Bevor ich mir das antue, erneut jemanden vor mir im Schutzanzug zu sehen, lasse ich lieber noch etwas Wasser die Pegnitz runterfließen. Die mit ihrer Panikmache gehen mir gerade ziemlich auf den Geist. Hier und da. Denn durch die Ebolakrise bekomme ich noch nicht mal meine Tschadthemen in den Medien unter. Die Afrikaberichterstattung drehe sich derzeit nur um Ebola, heißt es. So, als ob der Kontinent eh nur aus Krankheiten und Seuchen besteht.

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