Aber jetzt ist alles klar

Jetzt sag mir einer nochmal, dass die Kommunalwahl in Nürnberg kompliziert sei! Am 4. November wird in meiner Wahlheimat Oakland u.a. auch der Bürgermeisterposten neu vergeben. Aufgrund meiner Beiträge im Blog der Nürnberger Zeitung ist wohl jedem klar, dass die Amtsinhaberin Jean Quan von mir keine Stimme bekommen wird. Erst am Montag erlebte ich sie wieder auf einer Podiumsdiskussion der Kandidaten, auf der sie sich tatsächlich mehrmals selbst auf die Schultern klopfte. Vor allem der Satz, dass Oakland in ihrer Amtszeit sicherer geworden sei und es in diesem Jahr voraussichtlich „nur“ ungefähr 70 Morde geben werde, stieß mir doch etwas auf. Oakland hat eine gesunkene Mordrate, das stimmt, aber die Kriminalitätsrate in der Stadt ist weiterhin hoch, viel zu hoch. Und Quan hat so einiges in den letzten paar Jahren verbockt, in dem sie es aufgrund ihres großes Egos vermieden hat, eine breite Allianz aus Politik, Wirtschaft, Organisationen und Nachbarschaftsgruppen zu bilden. Vielmehr wollte sie nur an vorderster Front in die Kameras lächeln. Ein schwachsinniger Ansatz folgte dem nächsten, dazu verließen so einige wichtige Mitarbeiter das sinkende Schiff „Oakland City Hall“.

Egal, ich bin kein Fan von OB Quan. Nun also geht es ans (hoffentlich) Ab- und Neuwählen. Da ist nur das Problem des sogenannten „Rank Choice Votings“, das vor ein paar Jahren in Oakland eingeführt wurde. Was das ist, erklärt die Bürgermeisterkandidatin Libby Schaaf in einem neuen Video. Sie ist nicht die einzige, die unaufhörlich versucht, den Wählerinnen und Wählern diesen Wahlschmonz verständlich zu machen. Eigentlich soll damit Geld gespart werden, Geld, das für eine Stichwahl ausgegeben werden würde. 15 Kandidaten wollen in diesem Jahr in Oakland ins Rathaus einziehen, ein dichtes Feld. In den Veranstaltungen, auf den Plakaten und Flugblättern geht es kaum um Inhalte, mehr um Schlagwörter. Doch eine Stichwahl würde genau das beenden und eine Diskussion zwischen zwei Kandidaten über Themen, Inhalte, Standpunkte fördern. Das jedoch wird mit dem „Rank Choice Voting“ unmöglich gemacht. Hier also der neueste Videoclip von Libby Schaaf, eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen. Auch wenn sie das schön und verständlich erklärt, ich bleibe dennoch dabei, die Nürnberger Kommunalwahl ist einfacher und vor allem demokratischer.

YouTube Preview Image

Wer blickt da noch durch?

Ein Heft mit allen Kandidaten und Entscheidungen für den Wahltag.

Ein Heft mit allen Kandidaten und Entscheidungen für den Wahltag.

Im Briefkasten lag die Informationsbroschüre für die kommende Wahl. Ein Magazin großes und dickes Heft, in dem Kandidaten und Bürgerentscheide aufgelistet sind. Am ersten Dienstag im November ist es dann so weit, ich soll meine Stimmen für den Gouverneur, einige Kabinettsmitglieder in Kalifornien, Abgeordnete in Sacramento und Washington, den Generalstaatsanwalt, den Bevollmächtigten für die Versicherungsaufsicht, für das öffentliche Schulwesen, jemanden der sich „Controller“ nennt usw. abgeben.

Dann kommen da noch einige Namen und Entscheidungen auf der lokalen Ebene hinzu. Bürgermeister, Stadträte, jemand, der in einem Verkehrsgremium sitzt, ein anderer in der Schulaufsicht, ein Kassenprüfer und einer fürs Wasserwerk. Ja Himmelherrgott, wie soll ich denn wissen, ob derjenige Zahlen addieren oder eine Ahnung von sauberem Trinkwasser hat? Dazu dann die politischen Entscheidungen, die auf mehreren Seite dargelegt werden und von riesigen Krediten für das Transportwesen bis hin zur Rolle der Ethikkommission in der Stadt reichen. Ich frage mich echt, wie man das durcharbeiten will und soll.

Ich lebe in Oakland. Oakland ist eine schöne Stadt, die ihren schlechten Ruf eigentlich nicht verdient hat. Hier tut sich kulturell sehr viel, hier wurde kalifornische Geschichte geschrieben, hier eröffnen die besten Restaurants und vor allem, hier ist das Wetter besser, als auf der anderen Seite der Bay. Doch dann gibt es da so etwas wie „Ranked-Choice Voting“, ein absoluter Kappes. Was das heißt ist, man hat drei Stimmen und wählt mit der ersten Stimme seinen Bürgermeister Kandidaten oder Kandidatin, der oder die einem am ehesten zusagt. Mit der zweiten und dritten Stimme folgen dann die Kandidaten, die man auch ok findet, die man aber nicht unbedingt haben will. Die Idee dahinter ist, dass man mit dieser Mehrfachstimmenabgabe eine Stichwahl vermeidet. Denn wenn kein Kandidat die absolute Mehrheit bekommt, werden die Zweit- und Drittstimmen ausgewertet. Das heißt, wie es dummerweise auch bei der letzten OB Wahl passierte, der Kandidat mit den meisten Erststimmen muß nicht unbedingt als Sieger aus dem Wahltag hervorgehen. Seit vier Jahren hat Oakland eine Bürgermeisterin, Jean Quan, die mit nur 25 Prozent und neun Prozent weniger Erststimmen ins Amt gehievt wurde. Ein absoluter Irrsinn, aber in Oakland normal. Interessant ist auch, dass das Wahlsystem von Bezirk zu Bezirk, von Stadt zu Stadt anders sein kann. „Ranked-Choice Voting“ ist nicht so verbreitet, aber natürlich findet man es in Oakland. Klar, wo sonst!

Diesmal wird wieder so gewählt, Ausgang ungewiss. 15 Kandidaten und Kandidatinnen sind im Rennen. Man kann nur hoffen, dass nicht wieder so etwas passiert, wie vor vier Jahren. Nochmal eine Amtszeit von  Jean Quan wäre eine absolute Katastrophe. Die Kandidatin Libby Schaaf ist derzeit im „City Council“, dem Stadtrat. Sie hat die Unterstützung von Gouverneur Jerry Brown bekommen, der selbst hier gleich um die Ecke wohnt. Sie ist zugänglich, offen für Fragen und findet Antworten. Schaaf sieht die Probleme, so wie sie sind. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, ein marodes öffentliches System. Sie malt keine Luftschlösser und verspricht auch keine unhaltbaren Lösungen. Wer in Oakland kandidiert, gewählt wird und Erfolg haben will, muß die Fähigkeit besitzen Koalitionen schließen zu können, andere zu überzeugen, die Stadt vor eigene Interessen zu stellen. Libby Schaaf hat glaube ich das Zeug dazu. Ich drück die Daumen für meine Wahlheimatstadt Oakland.

YouTube Preview Image

Gewalt ohne Ende

Gerade lief in Deutschland der Film „Nächster Halt: Fruitvale Station“, der die Geschichte von Oscar Grant erzählt. Grant war in der Neujahrsnacht 2009 auf dem Nachhauseweg in der BART Station Fruitvale von einem BART Polizisten erschossen worden. Dem tödlichen Schuß folgten Ausschreitungen in Oakland und der quasi Freispruch für den Schützen Johannes Mehserle, dem keine Mordabsichten nachgewiesen werden konnten.

Lanedria Grant

Lanedria Grant wurde in Oakland erschossen.

Die Grant Familie kommt allerdings nicht aus den Schlagzeilen. Nun ist die Tante von Oscar Grant vor ihrem Haus in East-Oakland erschossen worden. Die 43jährige Lanedria Grant stand vor dem Haus, als sie von einer Kugel getroffen wurde und noch am Tatort verstarb. Ein 31jähriger Mann, der neben ihr stand, wurde mit schweren Schußverletztungen ins Krankenhaus gebracht. 2012 war Tony Jones, ein Cousin von Oscar Grant, von der Polizei nach einem Raubüberfall angeschossen worden. Er verbüßt derzeit eine Haftstrafe.

Die Gewalt in Oakland ist zum heißen Wahlkampfthema geworden. Im November wird der Bürgermeisterposten neu besetzt. Amtsinhaberin Jean Quan kandidiert erneut und ruht sich auf einier leicht gefallenen Mordrate aus. Tatsache ist jedoch, dass Oakland gefährlicher denn je geworden ist. Anfang der Woche wurde ein Bekannter von mir auf offener Straße und in einer „sicheren“ Gegend von drei jungen Männern mit vorgehaltener Pistole überfallen. Gestern Nacht wurden zwei 20jährige in ihrem Auto von einm bislang Unbekannten angeschossen. Ganz normale Nachrichten in dieser nordkalifornischen Stadt.

Denk ich an Oakland in der Nacht…

„(04-22) 07:53 PDT OAKLAND — A man was shot and killed in East Oakland, police said Tuesday. The victim, whose name wasn’t immediately released, was found dead in a car on the 1400 block of 104th Avenue near the San Leandro border about 5:20 p.m. Monday. No arrest has been made.“

Eine kleine Nachricht, die man am Morgen beim Kaffeetrinken liest. Alltag in Oakland. Der 28. Mord in diesem Jahr. Die Kommentare in Online Foren der beiden Tageszeitungen sind zynisch. Einige schlagen schon vor, dass San Leandro im Süden und Berkeley im Norden fünf Meter hohe Mauern an ihren Stadtgrenzen errichten sollten, damit die Gewalt nicht überschwappt. Doch der Mord war nicht der einzige „Zwischenfall“ am Montagabend.

„The other shooting happened about 11:21 p.m. in the 2600 block of International Boulevard, a few blocks from the Fruitvale district. A 24-year-old man, whose name was not released, said he was walking when he was suddenly hit by a gunshot to his leg.“

Schüsse fallen immer wieder in der Stadt, gerade in East- und West-Oakland. Jahr für Jahr zählt man rund 600 Schießereien im Stadtgebiet. Vor ein paar Wochen bin ich zu einer Diskussionsveranstaltung  der Bürgermeisterkandidaten und -kandidatinnen gegangen. Im November wird hier gewählt. Die Amtsinhaberin wollte keine Fehler eingestehen, alles laufe nach Plan. Man versuche ja die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen, habe auch schon gute Fortschritte gemacht. Sie verwies auf eine gefallene Mordrate 2013. Die 100er Grenze wurde nicht überschritten, also ein Erfolg ihrer Politik. Tatsache ist jedoch, dass die bewaffneten Überfälle zugenommen haben. Die Polizei warnt mittlerweile davor, dass man in Downtown Oakland nicht unbekümmert mit seinem Smart Phone durch die Gegend laufen sollte. Das sei nur eine Einladung (!) für Kriminelle.

Downtown Oakland wurde in den letzten Jahren durchaus aufgewertet, heißt, Restaurants und Kneipen, Cafes und kleine Galerien eröffneten. Oakland hat viel zu bieten, ist eine Stadt voller Künstler und kreativer Menschen. Für San Francisco Besucher würde sich der kurze Weg über die Bay durchaus lohnen, um hier ins aktive Nacht- und Kulturleben einzutauchen. Doch leider ist es auch eine Tatsache, dass Kleinkriminelle hier Narrenfreiheit haben. Nach dem Kraftwerk Konzert vor ein paar Wochen im altehrwürdigen Fox Theatre mußte ich feststellen, dass meine Autoscheibe eingeschlagen war. Und nicht nur bei mir, von drei weiteren Konzertbesuchern erfuhr ich das gleiche. Seit 1999 lebe ich in dieser Stadt, seitdem ich hier bin, wird über die hohe Kriminalitätsrate diskutiert. Ein Programm folgt dem anderen. Bislang jedoch ohne messbare Erfolge. Mord, Schießereien, Überfälle, Einbrüche, damit wird diese Stadt immer mehr in Verbindung gebracht. Als hier lebender Deutscher kann man einfach nicht verstehen, warum da nicht endlich etwas getan wird, warum man Besucher immer noch davor warnen muß, nicht in bestimmte Stadtteile zu gehen, warum man als Bürger dieser Stadt auf manchen Straßen besonders aufpassen muß und sein Umfeld genauestens im Auge behalten sollte. Das ist Alltag in Oakland, der Stadt gleich hinter dem Golden Gate.

Blutiger Jahresanfang

Alles beim Alten in Oakland. Vor ein paar Wochen freute sich Jean Quan noch und erklärte, ihre Gewaltpräventionsprogramme zeigten endlich Ergebnisse. „Nur“ 92 Morde im Jahr 2013 seien ein Erfolg ihrer Politik, kommentierte die Bürgermeisterin. Im Vorjahr lag die Mordrate noch bei 131 in ihrer Stadt. Quan ganz selbstsicher und selbsteingenommen schielt bei solchen Aussagen bereits auf den Wahltag im November 2014. Denn dann stellt sie sich zur Wiederwahl. Vieles hängt davon ab, ob sie Oakland sicherer gemacht hat. Eine hohe Mordrate passt da nicht so gut ins Bild. Aber die Statistik zeigt ja nun einen Fall von 131 auf 92, eine Reduzierung, so deutlich wie seit 40 Jahren nicht mehr. Dank Jean Quan?

Wohl kaum, denn die Situation auf den Straßen Oaklands hat sich kaum verändert. Am Samstag wurden die Opfer 10 und 11 gezählt. Ein 15jähriger Junge und ein 35jähriger Mann, die vor einer Freizeiteinrichtung des „Boys and Girls Club“ in West-Oakland standen. Einfach so. Ein noch Unbekannter ging auf sie zu, zog eine Schußwaffe und feuerte auf jeden der beiden mehrere Schüsse ab. Die Opfer starben noch, bevor sie ins Highland Hospital gebracht werden konnten. Zwei weitere Tote, die Bürgermeisterin Jean Quan die guten Nachrichten zunichte machen und die zeigen, dass sich nichts in dieser Stadt verändert hat.

Die Bürgermeisterin hat eigentlich keinen Plan und hofft, mit ein paar Pflastern hier und da, die Sache in den Griff zu bekommen. Da werden ein paar mehr Polizisten auf die Straßen geschickt, dort kauft man schon mal ein paar Knarren von Leuten zurück „no questions asked“ und da stellt man sich tief betroffen hinter die Familie eines weiteren Opfers und fordert ein Ende der Gewalt. Wohlfühlhilfen, wir tun ja was. Aber all das nutzt so gut wie nichts, um das Morden auf den Straßen der Stadt zu beenden.

Was Oakland braucht ist eine neue Stadtführung, die das Gewaltproblem in Oakland zur höchsten Priorität macht. Die ganz deutlich sagt, alleine läßt sich das Morden in Oakland nicht beenden. Aber dafür ist das Ego einer Bürgermeisterin wie Jean Quan zu groß, die lieber in Hinterzimmern Pläne schmiedet, die keiner kennt und keiner versteht.

Ich weiß, in Nürnberg stehen dieses Jahr auch Wahlen an. Die Probleme liegen da ganz woanders. Verkehr, Stadtentwicklung, Mietpreise, SÖR… Aber das sind Probleme, mit denen man sich beschäftigen, über die man auch vehement streiten und diskutieren sollte. In Oakland kommt man dazu gar nicht. Hier geht es um die Sicherheit der Bürger. Darum, dass junge Afro-Amerikaner, junge Latinos ohne Angst über den Haufen geknallt zu werden aufwachsen können. Darum, dass man in einigen Gegenden nicht ständig aufpassen muß, nicht in einen Schußwechsel zu geraten oder von jemandem mit einer Knarre in der Hand nach seinem Geld gefragt zu werden. Das ist der Alltag in Oakland. Das ist Wahlkampfthema in Oakland.

91 Morde zu viel

In der Silversternacht starb eine 21jährige, das 91. Mordopfer in Oakland in 2013. Bürgermeisterin Jean Quan jubelte noch kurz zuvor, dass aufgrund all ihres Einsatzes die Mordrate in der Stadt deutlich gesunken sei. Ja, das ist sie, von 131 im Jahr 2012 auf nunmehr 91. Doch Quan und ihre Behelfstruppe im Rathaus sind dafür nicht verantwortlich zu machen. Ganz im Gegenteil, im Laufe der Amtszeit der Bürgermeisterin hat sich Oakland zur Hauptstadt der Einbrüche und bewaffneten Überfälle entwickelt. Auch die Gewaltkriminalität, wie Vergewaltigungen, hat drastisch zugenommen. Ganz zu schweigen von den Schießereien im Stadtgebiet. Im abgelaufenen Jahr wurden über das „Shot Spotter System“, eine Art Zählmaschine für abgefeuerte Schußwaffen im Stadtgebiet, mehr als 4000 (!) Vorfälle registriert. Das sind pro Monat mehr als 300 Zwischenfälle. Die Anzahl der durch Schußwaffen Verletzte wird von der Oakland Police Force nicht geführt, da die Dunkelziffer zu hoch ist. Allerdings gab es mehr als 500 gezielte Schießereien, zumeist zwischen rivalisierenden Gangs. Von einer Deeskalation oder einer verbesserten Sicherheitslage in meiner Wahlheimat Oakland kann also gar keine Rede sein.

Im November stehen hier Bürgermeisterwahlen an. Jean Quan sammelt bereits fleissig Geld für ihre Wiederwahl. Die egozentrische Politikerin hofft auf einen erneuten Wahlsieg im katastrophalen Wahlsystem der Stadt. Hier gilt das sogenannte „Rank Choice Voting“. Der Wähler gibt dabei nicht nur seine Stimme für seine Kandidaten oder Kandidatin ab, sondern auch seine zweite und dritte Wahl. Wenn ein Kandidat nicht die absolute Mehrheit an Erststimmen erzielen kann, werden die Zweit- und Drittstimmen ausgewertet. Das soll eine Stichwahl verhindern. So schaffte es Jean Quan schon 2010 mit weniger Erststimmen als ihr direkter Konkurrent das Bürgermeisteramt zu gewinnen.

Quan will weiter in Oakland regieren, dafür setzt sie schon jetzt die Ellbogen ein. Doch erklären wird sie sich müssen. Ihre Erfolgsbilanz ist in jeder Hinsicht mehr als mager, Oakland ist zu einer der gefährlichsten Städte in den USA geworden. In den frühen Morgenstunden des 1. Januar wurde ein 13jähriger Junge auf offener Straße erschossen. Die Statistiker können wieder von vorne anfangen.

Wo ist der Aufschrei?

Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Eine Schlagzeile, ein Mord in Oakland. Diesmal schlich jemand kurz vor drei Uhr morgens an ein Haus heran und feuerte mehrere Schüsse ins Schlafzimmer. Er traf den 19jährigen Andrew Thomas und dessen 16 Monate alten Sohn Drew Jackson ins Gesicht. Beide starben im Schlaf. Den Abend zuvor gab es überall in den USA die jährlichen „National Night Out“ Blockparties, auf denen Nachbarn sich kennenlernen, zeigen, dass sie sicher in ihren Straßen sind. Auch in Oakland waren tausende von Menschen draußen und wollten ein Zeichen setzen.

Doch 24 Stunden später holte sie die bittere Realität ein. Zwei weitere Namen kamen auf die Mordliste 2013 für Oakland. Und die Opfer werden immer jünger. 16 Monate war Drew Jackson alt. Auch wenn sein Vater in irgendetwas verwickelt war, Bandenkrieg, Drogen…ich weiß es nicht, immer mehr Kinder werden Opfer des blutigen Krieges auf den Straßen dieser Stadt. Und ich frage mich, wo ist der Protest, wo die Demonstrationen, wo die Wut gegen sinnlose Morde in den Nachbarschaften dieser Stadt? Drew Jackson starb nur gut eine Woche nach der Beerdigung der achtjährigen Alaysha Carradine, die ebenfalls im Schlaf von tödlichen Kugeln getroffen wurde.

Einige Politiker in Oakland werten es als gutes Zeichen, dass die Mordrate in diesem Jahr unter der vom Vorjahr liegt. Man tue was, etwas werde richtig gemacht, sagen sie. Doch bei über 60 Morden Mitte August und rund 300 Schießereien in der Stadt muß man sich ernsthaft fragen, ob diese gewählten Volksvertreter eigentlich wissen, was sie da sagen.

Oakland ist nicht die einzige amerikanische Stadt, die derzeit hart getroffen ist, die mit einer eskalierenden Gewaltspirale zu kämpfen hat. Überall im Land stehen Kommunen vor dem Problem, die Gewalt auf den Straßen unter Kontrolle zu bekommen. Die Statistiken des FBI belegen zwar, dass die allgemeine Mordrate in den USA weiterhin fällt, doch das ist kein Grund wegzuschauen, wenn ganze Städte zu zerbrechen drohen. Oakland hat ein Problem und die Bürgermeisterin, der kalifornische Gouverneur und auch der amerikanische Präsident haben diesen Krieg in den eigenen Straßen noch nicht zur Priorität erklärt. Warum?

Kaliforniens Mordhauptstadt

      Oakland

Seit nunmehr 17 Jahren lebe und arbeite ich in Oakland, der Stadt gleich gegenüber von San Francisco. Es ist eine sehr historische, kulturell vielfältige, lebendige Stadt, in der sogar Redwood Bäume wachsen. Eine schöne Stadt, direkt an der Bay gelegen.

Doch Oakland kämpft seit Jahrzehnten gegen eine hohe Mordrate, und die Situation wird immer schlimmer. Im vergangenen Jahr wurden in Oakland 134 Menschen ermordet, dazu kam es zu rund 500 Schießereien. Auch Raubüberfälle, Einbrüche, Messerstechereien, Autodiebstähle haben zugenommen. Die Gewaltspirale gerät in Oakland außer Kontrolle.

Dazu der aktuelle Audiobeitrag.

Die Brücke an der Bay

Am 3. September sollte es endlich so weit sein. Die neue Bay Bridge, der Ost-Teil, sollte mit Posaunen, Trompeten, Tamm-Tamm und viel Trulala eröffnet werden. Ein Volkslauf sollte organisiert werden, ein freier Spaziergang bis nach Treasure Island möglich sein, Volksfeststimmung war geplant. Und nun fällt die Feier wohl ins trübe Bay Wasser.

Das eigentlich auf eineinhalb Milliarden Dollar geplante Projekt kostet mittlerweile 6,4 Milliarden Dollar. Eine kleine Kostenerhöhung, die in Kalifornien daran liegt, dass über lange Zeit jeder mitreden wollte. Bürgermeister kamen und gingen auf beiden Seiten der Bay und verlangten Nachbesserungen, denn mit so einer Brücke kann man sich ja auch in die Annalen der Region einschreiben. Dann stieg der Stahlpreis und schwupps hatte man ein paar Milliarden mehr Kosten verursacht.

Als ich in die San Francisco Bay Area zog wurde gerade die Brückengebühr von einem Dollar eingeführt. Die sollte zeitlich begrenzt sein und zur Finanzierung des Neubaus beitragen. Mittlerweile zahlt man zu den Stoßzeiten sieben Dollar Gebühr und keiner redet mehr davon, dass dies auch wieder abgeschafft wird. Auch nicht die steuerfeindlichen Republikaner….ach ja, stimmt, das ist ja keine Steuer. Denn nur wo Steuer drauf steht, ist auch eine Steuer drin.

Doch zurück zum 3. September. Die Party muß wohl abgesagt werden, denn vor kurzem hat man festgestellt, dass 32 Bolzen, die teilweise drei Meter messen, brüchig sind. Und das genau in dem Bereich, an dem die Brücke nach links in das Tunnel auf Treasure Island biegt. Nun rätselt man, wie es dazu kommen konnte. Erst hieß es, die Stahlfirma in Ohio, die die Bolzen lieferte, habe schlampig gearbeitet. Die wehrte ab und meinte, nix da, wir haben sauber malocht. Jetzt heißt es, die Bolzen haben über fünf Jahre neben der Brücke gelegen, anscheinend habe das Regenwasser und der feuchte Nebel die Teile splissig gemacht. Andere Experten fragen sogar, ob nicht ganz falsch geplant worden sei und der Fehler in der seismischen Ausrichtung der Brücke liege.

Egal, was nun der Fehler ist, es sieht nicht gut für die Party am 3. September aus. Die Bürgermeisterin von Oakland, Jean Quan, meinte schon, dass würden die Hotelbesitzer in ihrer Stadt nicht gerne hören, denn an disem verlängerten Labor Day Weekend sei alles schon ausgebucht. Nun debattiert man darüber, ob man nicht dennoch, auch mit den ollen kaputten Bolzen die Brücke für den Verkehr eröffnen kann. Denn das Problem ist die alte 1936 errichtete Brücke direkt daneben, die nicht erdbebensicher ist und schon beim 89er Earthquake nachgab.

Wir hier haben also die Wahl, entweder weiter auf einer Wackelbrücke Jahrgang 1936 zu fahren oder aber auf einer niegelnagelneuen Skybridge voran zu kommen, in der Hoffnung, dass nicht noch mehr Bolzen rissig werden. Kalifornien ist wahrlich zum Schildbürgerland geworden.

Mordhauptstadt Kaliforniens

[audio:http://blog.nz-online.de/peltner/wp-content/blogs.dir/7/files/2013/03/oakland.mp3|titles=Mordhauptstadt Oakland]

Oakland ist eigentlich eine schöne Stadt. Es gibt mehr Sonne und mehr Grün als in San Francisco, es ist wärmer und nicht so beengt. Und auch kulturell spielt sich hier einiges ab, eine tolle Musikszene, vor allem Jazz, HipHop, Industrial und Experimentell existiert, eine lebendige und vielseitige  Theaterszene hat sich entwickelt, unzählige von Künstlern und Autoren haben in Oakland eine Heimat gefunden.

Und doch, Oakland ist nicht wegen seiner Lebensqualität bekannt, vielmehr macht die Stadt vor allem mit ihrer hohen Kriminalitätsrate Schlagzeilen. Gründe dafür gibt es genug. Der wohl wesentlichste, seit Jahren schon ist die lokale Politik ein Totalausfall.
Zur Situation in Oakland ein aktueller Audiobericht.