Sein Leben lieben lernen

Besuch im Ostkongo     

© Johanniter

Im Osten des Kongos herrscht seit 15 Jahren Krieg. Mehrere Rebellengruppen kämpfen gegen die nationale Armee und untereinander. Das Ergebnis sind Millionen Tote, Hunderttausende Menschen auf der Flucht, die zum Teil in notdürftigen Flüchtlingslagern untergebracht sind. Die Bevölkerung versinkt im Elend, in Armut, in der Not. Hoffnung auf ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Der Staat selbst ist unfähig und unwillig dem ganzen Chaos ein Ende zu setzen. Korruption, Vergewaltigung, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Im Ostkongo herrscht Anarchie.

Auf meiner kürzlichen Reise in die Region traf ich Arne Schaudinn von der Johanniter Unfallhilfe und die deutsche Journalistin Simone Schlindwein und konnte beide für ein paar Tage in ihrem Leben dort begleiten.

Gebt den Kindern das Kommando

Wenn man durch Goma fährt, wenn man durch eines der Flüchtlingslager läuft, dann fallen einem sofort die vielen Kinder auf. Sie sitzen im Dreck, kauen auf Zuckerrohr, beobachten Vorbeikommende, spielen mit selbstgebautem Spielzeug. Ein kleiner Junge hatte aus einer Plastikflasche ein Fahrzeug gebaut, die Verschlüsse dienten als Räder. Oder dieser Junge hier, der einen aufgeschnittenen Kanister als Bollerwagen hinter sich herzog.

In einem Gesundheitszentrum der Johanniter kommen monatlich rund 50 Säuglinge zur Welt. Familien mit zehn Kindern sind keine Ausnahme, auch wenn der Vater von vornherein weiß, leisten kann er sich das eigentlich nicht. Als Besucher taucht unweigerlich die Frage auf, welche Zukunft diese Kleinen haben werden?

Heute hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einer deutschen Journalistin, die seit eineinhalb Jahren für die Hilfsorganisation ‚Heal Africa‘ arbeitet. Auf die Frage, ob sie Hoffnung für die Stadt, die Region, das Land habe, antwortete sie mit ja. Durch ihre Arbeit komme sie mit vielen jungen Leuten zusammen, die ihr Hoffnung geben. Die Fragen stellen, die sehen, was hier schief läuft. Es ist schwer im heutigen Kongo kritisch zu denken, schon der kleinste Protest wird unterdrückt und zerschlagen. Doch die Jugendlichen von heute wissen, was woanders passiert, wie das Leben auch gelebt werden könnte. Sie fragen, warum man hier so sehr von den Hilfsorganisationen abhängig sei, obwohl die Region reich ist, mit Bodenschätzen aller Art gesegnet ist, eine unfassbar schöne Umgebung hat, die eigentlich ein Touristenziel sein müßte. Hoffnung sei da, meinte die Deutsche, aber es werde wohl noch Generationen dauern, bis die Gesellschaft hier funktionieren kann und wird. Die Zukunft liege in der Hand der jungen Leute.

Holzlatrinen mit Symbolkraft

Ein weiterer Tag in Goma, ein weiterer Besuch in einem Flüchtlingslager. Fast eine Stunde dauert die 15 Kilometer lange Fahrt von der Innenstadt an die Stadtgrenze. Die Straßenbedingungen sind unsäglich, man wird im Toyota Geländewagen so richtig durchgeschüttelt. Meist nur im ersten Gang geht die Fahrt voran.

Dieses Lager hat über 50.000 Bewohner. Alles kongolesische Flüchtlinge, die vor dem ständigen Bürgerkrieg in die vermeintliche Sicherheit nach Goma geflüchtet sind. Die internationale Gemeinschaft hilft, wo sie kann in diesem Flüchtlingslager, das anfangs nur für eine kurze Zeit angelegt wurde. Doch die Situation verbessert sich nicht in den Heimatregionen der Menschen.

Ich bin mit den Johannitern unterwegs, die hier etliche Latrinen und Duschbereiche aus Holz gebaut, die Apotheken eingerichet und Gesundheitszentren aufgebaut haben. Finanziert wird der Einsatz der Johanniter durch das Auswärtige Amt. Das Geld kommt an, man arbeitet eng mit dem AA zusammen und hebt sich durch den qualitativen Ansatz auch von anderen Hilfsorganisationen ab. Qualitativ heißt, die Latrinen und Duschbereiche der Johanniter sind aus Holz gezimmert, erhöht und nach internationalem Standard gebaut. Im Vergleich dazu die nur mit Planen errichteten Toiletten anderer NGOs. Sogar an Behindertentoiletten wurde von den deutschen Johannitern gedacht. Die Menschen hier wissen den Unterschied zu schätzen.

Der Weg durchs Lager ist erschütternd. Tausende von Menschen, viele Kleinkinder wuseln um einen herum. Spärlich bekleidet, die Latschen durchgelaufen, Rotznasen in welches Gesicht man auch schaut und zum Teil dicke Bäuche, die die schlimme Situation der Kinder noch einmal unterstreicht. Immer wieder der Ruf nach den Wazungu, den Weißen, die hier durch die Gegend laufen.

Das Gesundheitszentrum ist ein aus Planen errichtetes Gebäude, das in wenigen Wochen einem aus Holz erbauten weichen wird. Man hat erkannt, dass hier von einer kurzfristigen Hilfsoperation in eine mittelfristige übergegangen werden muß. Die Menschen sind hier und werden erst einmal hier bleiben. Trotz aller Einfach- und Schlichtheit ist dieses Gesundheitszentrum vorbildlich. Man darf keine deutschen Standards anwenden, es geht um den Aufbau von Gesundheitshilfe in einem korrupten Land ohne Infrastruktur, das sich in einem Krieg befindet.

Nach diesem „Ausflug“ machte ich mich noch einmal auf mit dem Mopedtaxi durch die Stadt. Mein Ziel war die Universität. Ein heruntergekommenes Gebäude, die Scheiben zerschlagen oder zerschossen, in engen, dunklen Zimmern drängen sich Dutzende von Studenten auf Holzbänken.

Ein langer Spaziergang durch die Stadt zurück zum Hotel. Man fällt auf als einziger Weißer. Normalerweise fahren die nur in ihren Geländewagen durch die Gegend. Ein Sprung in den See zum Abkühlen, danach ein kühles „Mützig“ Bier….die Erfahrungen in Goma erden einen. Jedes meiner Probleme ist dagegen nichtig.