Alles sonnig in Juarez

“Woher kommen Sie?”

“Aus Nürnberg”.

“Lieben Sie Ihre Stadt?”

“Ja.”

“Würden Sie sie verteidigen?”

“Ja”

“Genau das mache ich.”

Héctor Murguía ist der neue Bürgermeister von Ciuadad Juarez. Na, nicht ganz. Der 57jährige war schon einmal “Presidente Municipal” von 2004 bis 2007. Danach kam José Reyes Ferriz, dessen Administration als die blutigste in die Annalen der Stadt einging. Kurz nach Ferriz’ Amtsübernahme brach ein blutiger Drogenkartellkrieg aus, der bislang weit über 7000 Menschenleben forderte. Allein im vergangenen Jahr 3111. Und in dieser Zeit wurde der alte zum neuen Bürgermeister gewählt.

Doch für Héctor Murguía ist die Welt in Ordnung. Die schlimmen Meldungen über Juarez? Alles nur Propaganda. Die anderen, so der Bürgermeister, seien nur neidisch auf die vielen neuen Jobs in der Stadt. Deshalb redeten sie Juarez schlecht, um die ansässigen Firmen abzuwerben. Und was ist mit der hohen Mordrate? Morde gibt es überall, sie seien hier nicht mehr als in Mexiko City. Ach ja, und was ist mit den vielen ermordeten, vergewaltigten und entführten Frauen? In Juarez wird sehr viel für Frauen getan. Nirgends sonst würde es so viele Jobs für Frauen geben, wie eben in Juarez. Also, sorgen Sie sich nicht um Ihre Mitarbeiterinnen hier im Rathaus, wenn sie spätabends nach Hause gehen? Nein, wieso denn, die Stadt ist sicher, hier geht man abends aus.

Bei diesem Interview staunte ich nur. Noch vor einem Jahr saß ich in dem gleichen Büro dem Vorgänger José Reyes Ferriz gegenüber, der die Situation ernsthaft, doch nicht übertrieben darstellte und schon gar nicht untertrieb. Er gestand Fehler ein, beschrieb die Probleme und zeigte auch Lösungen auf.

Und nun der Nachfolger, der breitbeinig und mit etwas Überheblichkeit vor rund zwei Dutzend (!) Selbstportraits sitzt und vom schönsten Ort der Welt redet. Nach solch einem Gespräch läuft man durch die Straßen der Stadt, vorbei an den verfallenden Häusern, den vernagelten Ladenfronten, denkt noch mal an die Interviews vor einem Jahr, an die vielen Artikel und Bücher, die man in der Zwischenzeit gelesen hat und fragt sich, auf welchem Planeten dieser Héctor Murguía lebt…jedenfalls nicht in Juarez.

Der Tod in Juarez

Dieser Monat ist der bislang tödlichste in Ciudad Juarez, seitdem der offene Straßenkrieg zweier Drogenkartelle im Januar 2008 begann. Rund 200 Menschen starben bereits im Juni, 60 alleine in der letzten Woche. Die Gewaltspirale dreht sich immer schneller.

juarezIm Januar war ich in Juarez, konnte mich einigermassen frei und alleine in der Stadt bewegen. Doch nun soll auch das nicht mehr möglich sein. Immer öfters und immer brutaler finden die Schiessereien zwischen den Drogengangs nun auch auf offener Strasse im Downtown Bereich von Juarez  statt. Und der liegt gleich hinter der Santa Fe Bridge, die El Paso mit Juarez verbindet.

Juarez ist wie Tijuana ein Knotenpunkt für den Drogenhandel in die USA. Die Nachbarstadt von El Paso gilt als das „Goldene Dreieck“. Wer es kontrolliert, kontrolliert den Fluss der Drogen in die Vereinigten Staaten von Amerika, ein Hunderte von Millionen Dollar lukratives Geschäft. Im NZ Interview meinte der Bürgermeister von Juarez, José Reyes Ferriz, dass die Situation noch eskalieren wird, bevor sie sich bessert. Man sei jedoch auf dem richtigen Weg. Doch bislang ist auch nur der Ansatz einer Besserung in Juarez nicht erkennbar. Polizei und Militär sind präsent auf den Straßen der Stadt, doch das hat bislang wenig zur Befriedung beigetragen. Ganz im Gegenteil. Wurden im Januar noch zehn Morde pro Tag notiert, sind es jetzt schon nahezu doppelt so viele. Juarez versinkt in einem Blutbad

Hoffnung für Juarez

Heute war ich nochmals in Juarez. Wieder 50 Cent eingeschmissen und über die Brücke marschiert. Ein Interview mit dem Bürgermeister stand an, ein weltgewandter, offener, sehr freundlicher Mann mit Weitblick. Time Magazine beschrieb ihn einmal als den Mann mit dem schlimmsten Job. Was fragt man jemanden, der den Willen und den Mut zur Veränderung hat, der bleibt, weil er seine Stadt liebt und gleichzeitig vor scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt ist?

Jose Reyes FerrizJose Reyes Ferriz ist beschäftigt, Leute laufen rein und raus aus seinem Büro direkt hinter der Grenze an der Santa Fe Bridge. Nach zwei Stunden Verspätung setzt er sich zu mir an den langen Konferenztisch, macht sich eine Cola Dose auf, nimmt einen kräftigen Schluck und ist bereit. Er beschreibt im perfekten Englisch die komplexe Situation in der Stadt. Es geht nicht nur um einen Drogenkrieg, Juarez habe in den letzten zwei Jahren einen „perfect storm“, den perfekten Sturm erlebt. Und noch immer versucht man nicht unter zu gehen. Da sind die strengeren Passkontrollen der Amerikaner, die seit zwei Jahren von ihren Bürgern verlangen, einen Pass vorzulegen, wenn sie nach Mexiko wollen. Vorher reichte der Führerschein, doch 80 Prozent der Amerikaner besitzen nach wie vor keinen Reisepass. Alleine das zog die Tourismusindustrie von Juarez nach unten, denn die Stadt lebte von US Amerikanern, die zum Essen, Trinken und Einkaufen kamen.

Und dann die Wirtschaftskrise, die Juarez hart traf. Vor allem die amerikanische Automobilindustrie liess in Juarez produzieren. Alleine im letzten Jahr verlor die Stadt 25 Prozent der Jobs in der Produktion.

Hinzu stand Jose Reyes Ferriz gleich nach Amtsantritt vor grossen Entscheidungen. Er musste weite Teile der Polizeiführung auswechseln, die korrupt waren und mit den Kartells zusammen arbeiteten. Todesdrohungen folgten, nun lebt er mit Bodyguards an seiner Seite und einem automatischen Gewehr unterm Bett.

Juarez ist eine Stadt, die fasziniert. Denn hier treffen Widersprüche aufeinander, wie wohl an keinem anderen Ort. Die Menschen haben Angst und sind gleichzeitig von der Gewalt fasziniert. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, meinte Reyes Ferriz dennoch im Gespräch. Viel Glück wünschte ich ihm am Schluss….und „stay safe“. In dieser Stadt ist das nicht einfach so dahin gesagt.