Auf deutscher Spurensuche

Der „deutsche Friedhof“ außerhalb von Calumet.

In einem Antiquariat in Calumet fragte mich ein Mann, der mitbekommen hatte, dass ich nach Büchern über die deutsche Geschichte suchte, ob ich schon den „German cemetery“ besucht hätte. Einen deutschen Friedhof hier oben in der Upper Peninsula von Michigan? Ja, meinte er, nur ein paar Meilen nördlich auf dem Highway 41 und dort auf der linken Seite, der Friedhof sei total überwachsen.

Das wollte ich sehen, denn ich bin ja immer, egal wo ich bin, auf der Suche nach Spuren deutscher Einwanderer. Ich wusste davon, dass zahlreiche deutsche Emigranten in die Region kamen, um im Kupfer Bergbau zu arbeiten oder in den damals boomenden Gemeinden der Region Arbeit zu finden. Natürlich brachten die Deutschen auch ihre Kultur mit, deutsche Vereine und Brauereien, wie die „Bosch Brewing Company“ von Joseph Bosch wurden gegründet. Doch das ist alles lang her. Die UP von Michigan liegt seit nahezu 100 Jahren im Dornröschenschlaf. Seit der Schließung der Minen, dem Abzug der Industrie ziehen die meisten der jungen Leute irgendwann weg. Es bleiben die Alten und die Erinnerungen an eine Zeit, als Calumet eine „Boom Town“ mit Straßenbahn, Theatern und einem Nachtleben war. Beinahe wäre Calumet sogar Hauptstadt von Michigan geworden, aber nur eben beinahe. Wenn man heute durch die Straßen dieser Stadt läuft, kann man noch etwas vom einstigen Glanz Calumets an den Fassaden der Gebäude ablesen.

Gleich mehrmals fuhr ich an dem Friedhof vorbei, der auch auf keiner Karte verzeichnet ist. Schließlich fand ich ihn hinter einem weißen Zaun. Auf einem Schild stand „Schoolcraft Cemetery“, kein Wort davon, dass das hier ein „deutscher Friedhof“ sei. Und es war wirklich alles wild überwachsen, mannshohe Sträucher, Farne, Birken und Nadelbäume. Dazwischen Grabsteine, teils umgefallen. Und tatsächlich, auf etlichen standen deutsche Namen und Schriftzüge, wie auf dem von Katharina Messner, geboren 1850, gestorben 1890. „Hier ruht in Gott – Ruhe sanft in Frieden“.

Ein kleiner Friedhof am Rande einer einstigen Bergmannsgemeinde, vergessen von den Menschen und von der Natur zurückgeholt. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte, die man wohl nie wieder hören wird, die aber vielleicht von den harten Zeiten jener Immigranten erzählen würde, die ihre eigene Heimat verlassen haben, um im fernen Amerika Arbeit, ein neues Zuhause und eine bessere Zukunft zu finden. Einwanderer wie Katharina Messner haben dieses Land groß gemacht.

Auf den Spuren der Deutschen

Egal wohin ich in den USA auch reise, ich suche immer Antiquariate und Second-Hand Plattenläden auf. In den Buchläden stöbere ich vor allem nach lokaler deutscher Geschichte oder eben alten Büchern, die deutsche Immigranten mit in die Neue Welt brachten. Heute war ich erneut in Calumet, durch dichten Nebel und Nieselregen ging es an Houghton und Hancock vorbei in diese einstige „Boom-Town“, in der vor 100 Jahren sogar eine Straßenbahn fuhr. Doch vom früheren Ruhm dieser Stadt ist nicht mehr viel übrig geblieben. Man muß schon wissen, wohin man hier will, sonst ist man schneller durchgefahren als erwartet.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Mich zog es auf die Fifth Street zu „Artis Books“, die Parallelstrasse zur eigentlichen Main Street, auf der Kneipen, das alte Theater, die Feuerwehr zu finden sind. Auf der Fifth ist auch die lokale Kaffee-Rösterei, Keweenaw Coffee. Ein Pfund „dark roasted“ musste ich einfach mitnehmen, denn in den Supermärkten hier gibt es nicht gerade den besten Kaffee zu kaufen. Etwa 150 Meter weiter ist dann der Buchladen. Eine schwere Eingangstür und dahinter öffnet sich eine fantastische Buchwelt. Über eine knarzige Treppe ging ich in den Keller, in dem die deutschsprachigen Bücher auf einem Eckregal standen. Ein paar Romane, alte deutschsprachige Bibeln, Sachbücher und dann auch ein paar Kuriositäten, wie „Die Gegenvorschläge der Deutschen Regierung zu den Friedensbedingungen“ und die „Antwort der alliierten und assoziierten Mächte“, veröffentlicht 1919. Und auch die „Betrachtungen zum Weltkriege“ aus demselben Jahr von Theobald von Bethmann Hollweg standen da auf dem Regal.

Im Nebenzimmer des Kellers dann allerhand Fotobände, Romane, Kunstbücher. Ich entschied mich schließlich für „The World Encyclopedia of Cartoons“, ein wunderbares und umfangreiches Nachschlagwerk, auch wenn der Fokus etwas zu stark auf dem nordamerikanischen Raum liegt. Zur Geschichte der deutschen Einwanderer fand ich ein kleines Büchlein über die Bosch Brauerei, gegründet von Joseph Bosch, der 1850 in Baden geboren wurde. Sein Vater war Brauer in Wisconsin, bevor die Familie nach Lake Linden in Michigan zog. Anfangs arbeitete der junge Bosch als Bergarbeiter, doch er wollte wie sein Vater Brauer werden. Schließlich ging er nach Milwaukee, um dort an der Schlitz Brauerei das Handwerk zu erlernen. 1876 eröffnete Joseph Bosch dann in Lake Linden, Michigan, die „Torch Lake Brewery“, die 1896 schließlich in „Bosch Brewery Company“ umbenannt wurde. Um die Jahrhundertwende war die Brauerei die größte in der „Upper Peninsula“ von Michigan, mit einer jährlichen Produktion von 60.000 Fässern. Zu dieser Zeit brummte die „UP“. Der Bergbau war der Motor der Region, die durstigen Kumpels tranken den „German“ Gerstensaft nur zu gern.

Mit der Prohibition 1919 stand die Brauerei allerdings vor dem Aus. Erst 1933 wurden die Sudkessel wieder zum Kochen gebracht, Gründer Joseph Bosch verstarb vier Jahre später, seine Kinder übernahmen den Betrieb. Der Höhepunkt für die „Bosch Brewing Company“ kam Mitte der 50er Jahre mit einem jährlichen Ausstoß von gut 100.000 Fässern. Bosch Bier war fest verankert in der „UP“. Doch mit dem Verlust von mehr und mehr Arbeitsplätzen in der Region und der Abwanderung vieler „Yoppers“ aus ihrer angestammten Heimat, wurde Anfang der 70er Jahre auch das Ende der „deutschen“ Brauerei erreicht. Bosch konnte nicht länger mit den Großbrauereien aus Detroit, St. Louis und Milwaukee konkurrieren. Am 28. September 1973 wurde das letzte Fass an Schmidt’s Corner Bar in Houghton ausgeliefert. Die Bude war rappelvoll, wie es heißt, jeder wollte noch einmal einen Schluck des beliebten lokalen Biers nehmen. Zum Ende erhallte ein lautstarkes Cheers, Prost, Skål, Kippis.