Wohin geht die Reise?

Nach wochenlangen Vorbereitungen geht es morgen los. Ciudad Juarez in Mexiko ist das Ziel. Die Grenzstadt zu El Paso, Texas. Die derzeit gefährlichste Stadt der Welt. Letztes Jahr wurden über 2600 Menschen dort umgebracht, in diesem Jahr ist die Statistik schon auf 50 Morde geklettert. Die 1,5 Millionen Metropole im Norden des Landes gleicht nach 21 Uhr einer Geisterstadt, schilderte mir ein lokaler Reporter am Telefon. Es ist unglaublich, denn nur eine Brücke über den Rio Bravo trennt Juarez von El Paso, der zweitsichersten Stadt in den USA. Hier sinkende Verbrechenszahlen, dort ein offener, brutaler und nicht zu kontrollierender Krieg zweier Drogenkartelle.

JuarezIch bin gespannt, was ich dort sehen werde, was mich erwartet. Es geht mir nicht darum, einen weiteren Beitrag über die Schrecken und den Horror in der Stadt zu zeichnen. Ich möchte sehen, ob und wie ein Leben in Juarez möglich ist, trotz dieser Umstände. Ist es überhaupt möglich, wenn es heisst, die irakische Haupstadt Bagdad oder die afghanische Haupstadt Kabul wären sicherer als Juarez? Es gibt einige beeindruckende und erschütternde Fakten über den Alltag in Juarez. In Mexiko gibt es nur einen legalen Waffenladen, und der ist in Mexico City. Doch die Kartelle sind bis zu den Zähnen bewaffnet. Die Waffen kommen aus den USA, wo einige Leute sehr, sehr gut mit dem Strassenkrieg in Juarez verdienen. Und die Kartelle, die sich um die Drogenrouten nach Norden bekämpfen, lassen den Krieg nicht nach El Paso rüber schwappen, denn sie wissen genau, dass das nur die amerikanischen Sicherheitsbehörden auf den Plan rufen würde. Es scheint also so, als ob Amerika nur dann reagieren würde, wenn die eigenen Interessen berührt werden, wenn die eigenen Bürger dran glauben müssten. Was ausserhalb der südlichen Grenze geschieht….tja, man beobachtet die Situation, heisst es von offiziellen Stellen. Und man zählt die Toten mit, die sich seit zwei Jahren in den Strassen von Juarez anhäufen.

Interview mit Afghanistan Korrespondent

Christoph ReuterChristoph Reuter ist Korrespondent für den Stern in Afghanistan. Als einziger deutscher Journalist lebt er in Kabul und berichtet von dort über die Entwicklungen in Afghanistan, die Sicherheitslage, den Wiederaufbau und die Probleme im Land.

Ich habe Christoph telefonisch in Kabul erreicht und ihn zum Wahltag und den Folgen befragt:

Christoph Reuter     

Besuch am Hindukusch – Reise in ein unbekanntes Land

Welcome to TermezEine für mich einmalige Reise! So kann ich zumindest den Versuch starten, das in Worte zu fassen, was ich in diesen paar Tagen erlebt habe. Mit einer Idee fing alles an, als im amerikanischen Wahlkampf immer wieder aufs Neue davon geredet wurde, die NATO Partner im Afghanistan Einsatz müssten mehr eingebunden werden. Amerika klotzt und die Verbündeten zögern, hiess es immer wieder. Klar wurde dabei, die amerikanische und auch kanadische Öffentlichkeit weiss so gut wie nichts davon, dass Deutschland in Afghanistan präsent ist, mit derzeit 3500 Soldaten und Soldatinnen, das drittstärkste Kontingent stellt und im Norden einen Weg geht, der durchaus empfehlens- und auch nachahmungswert ist – nämlich Partnerschaft und Kooperation.

Mit dieser Idee und meiner Möglichkeit durch Radio Goethe vor allem junge Hörer in Nordamerika zu erreichen, wollte ich mir den Einsatz der deutschen Soldaten mal selbst ansehen. Über das Auswärtige Amt kam ich mit dem Verteidigungsministerium in Verbindung und nach etwas hin und her stand der Termin. Eine Woche Afghanistan, zu den Einsatzorten Mazar-e Sharif und Kunduz. Und was ich in diesen paar Tagen sehen konnte, war vielfältig, war neu, war alles hoch interessant. Schon die Anreise über Termez in Usbekistan. Man kommt am Abend mit einem Airbus aus Köln auf einem Flugfeld an, bleibt dort über Nacht, untergebracht in Zelten, und fliegt am Tag darauf mit einer Transall weiter nach Mazar-e Sharif in Afghanistan. Zwanzig Minuten Flug, etwas steil geht es dann runter. Eine riesige Anlage haben sich die Deutschen da aufgebaut. Auch andere Truppen der ISAF sind im Lager zu sehen. Kroaten, Schweden, Norweger, Amerikaner, Engländer, Ungarn, Franzosen…

Für alles ist gesorgt, eine kleine Stadt neben der eigentlichen Stadt wurde aufgebaut, denn der Grossteil der Soldaten, darf im viermonatigen Einsatz, die Kaserne überhaupt nicht verlassen. Nur jene Kräfte, die dienstlich raus müssen, können raus. Die meisten der Deutschen werden von Afghanistan keine grossen Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Am ersten Tag fuhr ich mit ein paar Journalisten Kollegen im Taxi in die Stadt Mazar-e Sharif, um die “Blaue Moschee” zu besuchen, DIE Sehenswürdigkeit in der Gegend. Das Glaubenshaus lag unter einer dicken Schneedecke. Noch kurz eine Einkaufsstrasse gesehen und schon ging es vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Auf der verschneiten Strasse blockierten plötzlich mehrere Autos die Fahrbahn, sofort kamen einem alle Horrogeschichten hoch, die man in den letzten Wochen und Monaten gehört hatte. Doch es war nur ein liegengebliebenes Fahrzeug, nichts besonderes, etwas ganz normales bei den Strassenverhältnissen. Allerdings merkten wir, dass wir in Afghanistan angekommen waren, die innere Spannung hatte sich aufgebaut.

Im Lager ist man in Containerbarracken untergebracht. Nicht komfortabel, aber weitaus besser als in Zelten. Alle, bis auf die Ausnahme der Lagerleitung, aber auch höhere Dienstgrade, sind zu dritt auf den kleinen Zimmern untergebracht. Es besteht keine Privatsphäre, nicht beim Schlafen, nicht beim Duschen, nicht auf den Toiletten. Und auch die Büros sind gut besetzt. Gearbeitet wird sieben Tage die Woche, nur am Freitagmorgen hat man frei. Vier Monate lang ohne mal alleine zu sein zehrt. Klar, sagt jetzt der eine oder andere, die Soldaten haben gewusst, auf was sie sich da einlassen. Ich stimme Ihnen zu, allerdings sollte man die Diskussion über den Einsatz in Afghanistan nicht auf der Basis führen, ob ein finanzieller Zuschlag von derzeit 92 Euro pro Tag und Kopf gewährleistet sei und, ob zwei Dosen Bier für die Soldaten pro Tag gerechtfertigt ist. Ich habe in meiner Zeit dort keinen einzigen betrunkenen und/oder aggressiven Soldaten gesehen und habe vielmehr vollen Respekt davor bekommen, was die Angehörigen der Bundeswehr dort machen. Journalisten werden dort durchgeschleust, jeden Tag. Und dennoch waren alle freundlich, stets hilfsbereit und offen, von ihrer Arbeit und den Eindrücken zu berichten.

Am zweiten Tag in Mazar-e Sharif gingen wir auf eine Patrouille, die uns in ein kleines Dorf führen sollte. Mit drei “Dingos” ging es los, schwergewichtige und gepanzerte Fahrzeuge, die problemlos die Winterlandschaft durchquerten. Am Rande der kleinen Ansiedlung wurde angehalten, Splitterwesten angelegt und der Kommandoführer mit ein paar Soldaten (und drei Pressevertretern im Schlepptau) liefen auf eines der Häuser zu. Draussen positionierten sich mehrere Soldaten. Wir wurden ins Haus eingeladen, sassen auf dem Boden und hörten zu, was der “Malek”, der Bürgermeister des Dorfes, zu berichten hatte. Er sprach von Projekten, die bereits mit Hilfe der Deutschen angegangen wurden, was noch ansteht, aber auch, dass er nun ein “Hadschi” sei, ein Gläubiger, der gerade von seiner Reise nach Mekka zurück gekehrt war. Und auch meine Fragen beantworteten die Afghanen geduldig. Mich interessierte vor allem, wie sie es empfinden, dass die Deutschen hier im Raum mit Splitterwesten und zum Teil bewaffnet sitzen und gleichzeitig über Möglichkeiten der Winterhilfe sprechen, Kinderkleidung und Holz für das Dach der Moschee besorgen wollen. Ich weiss nicht, ob die Männer im Raum anders geantwortet hätten, wenn die Bundeswehrangehörigen nicht dabei gewesen wären, aber sie erklärten, dass Deutschland und Afghanistan schon sehr lange eine enge Beziehung verbinde. Und sie verständen gut, dass man sich in diesen Zeiten schützen müsse, also mache es ihnen nichts aus, dass bewaffnete Soldaten im Zimmer seien. Einer der Alten griff bei diesen Ausführungen des Bürgermeisters, die Splitterbrille des Truppführers und setzte sie auf. Alle mussten bei diesem Anblick lachen, eine sehr lockere und entspannte Atmosphäre herrschte im Zimmer. Tee und Brot, Plätzchen, Nüsse und Süsses wurde gereicht.

Nach einer halben Stunde ging es wieder los. Draussen warteten zahlreiche Kinder, die uns mit den Alten verabschiedeten. Die Kleinen trugen Jacken mit dem ISAF Logo, ein Zeichen dafür, dass einiges der Hilfe ankommt. Auch wenn mir im Laufe der Reise mehrere Gesprächspartner erklärten, dass in diese Region bereits mehr als 100 Milliarden Dollar geflossen seien, doch nach wie vor rund 1,2 Millionen Afghanen von direkter Nahrungsmittelhilfe abhängig sind. Der letzte kalte und schneereiche Winter hatte zu starken Ernteausfällen geführt, was zur Folge hat, dass in diesen Wochen die deutschen Patrouillen den Kontakt zu lokalen Bürgermeistern suchen, um herauszufinden, was gebraucht wird. Ganz direkt, ganz unkompliziert.

Interview mit Afghanistan Korrespondent

Als ich meinem Freund Marco Evers erzählte, ich werde im Dezember mit der Bundeswehr nach Afghanistan fahren, meinte er: „Arndt, Du musst mit Christoph sprechen.“ Gemeint war Christoph Reuter, Stern Korrespondent in Afghanistan und absoluter Kenner des Landes.

Nach ein paar Emails hin und her fragte ich ihn, ob ich ihn für meine [Radio Goethe] Magazine Sendung telefonisch interviewen könnte. Und er stimmte sofort zu. Das Interview kann man in der aktuellen „Radio Goethe Magazine“ Sendung hören.

RGM