„Die wollten mich killern“

Besuch bei Schwester Milgitha      

Heute morgen bekam ich die Nachricht: „Milgitha ist gestern Abend gestorben“. Immer mal wieder hatte ich über sie in der NZ, im Blog und in anderen Medien berichtet. Eine große Frau, eine katholische Ordensfrau, die seit den 70er Jahren im ländlichen Kaduha in Ruanda lebte.

Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda.

Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda.

Über eine Huppelpiste fuhren wir damals in das kleine Dorf, um sie zu treffen und zu interviewen. Teils im Schritttempo, die Straße war mehr ein Bachbett. Und dann saßen wir da in diesem Raum, ein riesiges ruandisches Holzkreuz an der Wand und Milgitha erzählte aus ihrem Leben. Von den Anfängen in Kaduha, vom Aufbau der Gesundheitsstation, von den Tagen „als der Teufel nach Ruanda kam“. Es war schon fast stockdunkel draußen, wir hörten ihr einfach zu, wie sie das schilderte, was sie gesehen und erlebt hatte, wie sie versuchte, das Unausprechbare in Worte zu fassen. Ich hielt einfach das Mikrofon und ließ sie reden. Und dann sagte sie in ihrem münsterländischen Akzent diesen Satz, an den mich Britta heute morgen erinnerte „Die wollten mich killern“. Wir mußten damals beide lächeln. Und ich lächele jetzt auch. Die wollten sie „killern“, aber sie konnten nicht.

Es war eines der bewegendsten und folgenreichsten Interviews für mich. Damals fuhren Britta und ich tief bewegt nach Kigali zurück. Wir haben sie danach noch mehrmals getroffen. Das letzte mal sah ich sie im Garten des berühmten „Hotel Ruanda“, des Hotel des Milles Collines in Kigali. Wir saßen zusammen, aßen und tranken etwas, unterhielten uns, lachten viel. Milgitha erzählte gerne. Und sie war bekannt, wie der bunte Hund in Ruanda. Immer wieder kamen Männer und Frauen an unseren Tisch und schüttelten ihr die Hand. Milgitha war für viele Jahre der gute Engel im Land der tausend Hügel.
Sie war eine kraftvolle Frau, voller Energie. Sie ging ihren Weg, so weit, dass sie sich sogar mit dem Mutterhaus in Münster überwarf und schließlich ausgeschlossen wurde. Sie wollte in ihrem Ruanda sterben, doch vor ein paar Wochen mußte sie für eine Operation nach Deutschland ausgeflogen werden. Eine Krankenversicherung hatte sie nach ihrem Rauswurf aus dem Mutterhaus nicht mehr, Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und Unterstützer halfen aus. Es ging nicht mehr anders. Gestern Abend verstarb Schwester Milgitha in einem Bonner Krankenhaus.

Der Glaube bringt Frieden

Vor fast zwei Jahren traf ich zum ersten mal Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda. Nach einer mehrstündigen und holprigen Autofahrt von Kigali kommend saß ich ihr in einem Wohnzimmerbereich des „Maision Euthymia“ gegenüber. Die Clemensschwester berichtete von ihrem Leben und ihrer Arbeit in Ruanda. Anfang der 70er Jahre war sie ins Land gekommen, um hier eine Gesundheitsstation aufzubauen.

Und das gelang ihr und ihrer Mitschwester auch. Der Ruf des Zentrums war weit über die eigentlichen Grenzen des Einzugsbereichs bekannt. Schwester Milgitha half und war dort angekommen, wo sie immer sein wollte, bei den Armen Afrikas.

Doch dann kam das Frühjahr 1994, in dem in einhundert Tagen rund eine Million Menschen abgeschlachtet wurden. Tausende wurden brutalst auf dem Kirchengelände von Kaduha, unter den hilflosen Blicken der Clemensschwestern mit Macheten, Knüppeln, Speeren, Gewehrkolben, Granaten ermordet. Auch in diesen Tagen schaffte es Schwester Milgitha Hunderten von Menschen zu helfen, viele zu retten. Erst vor ein paar Wochen traf sie Dutzende der Kinder von damals, die sie vor dem sicheren Tod bewahrte und sie nach Burundi bringen konnte.

Die fast 75jährige lebt heute in einem kleinen Häuschen in Kigali. Sie ist keine Clemensschwester mehr, der Orden hat sie entlassen. Die Kirche, an die sie glaubte, für die sie ihr Leben gegeben hätte, für die sie unermüdlich im Einsatz war, diese Kirche hat sie fallenlassen. Man wirft ihr Ungehorsam vor, eine Sünde im katholischen Orden. Egal, wie sehr man sich auch für die Menschen in Not eingesetzt hat. Egal, was man selbst in den schlimmsten Zeiten im Einsatz für die Kirche erlebt, durchgemacht, mitgemacht und gesehen hat.

Nun sitze ich dieser 75jährigen Frau im Hotel “Des Mille Collines”, dem “Hotel Rwanda” gegenüber. Sie erzählt, berichtet, und ja, sie ist enttäuscht von ihrer Kirche. Doch noch immer schöpft sie Kraft und Energie, Trost und Hoffnung aus ihrem Glauben an Gott. Man habe ihr nach den Wochen und Monaten des Genozids vorgeschlagen, psychologische Betreuung anzunehmen. Doch sie lehnte ab. Sie setze sich stattdessen lieber in eine Kapelle. Spreche dabei noch nicht einmal mit Gott. Sie schließe die Augen, hört einfach nur, was er ihr mitteilen will. Sie findet so den Frieden, den Frieden vor den Bildern, die sie nie mehr vergessen wird.

Hier noch einmal der Radiobeitrag über Schwester Milgitha, über die 100 Tage, an denen Gott nicht zum Ruhen nach Ruanda kam:

Schwester Milgitha in Kaduha     

Von der Sprachlosigkeit

Als Journalist erlebt man vieles, was man lange, sehr lange mit sich rumschleppt. Man sieht Dinge, die einen nicht mehr verlassen. Man spricht mit Menschen, hört ihre Geschichten, ihre Erlebnisse, versucht zu verstehen. Manchmal geht das, manchmal geht es nur zum Teil, manchmal geht es gar nicht. Man schreibt, berichtet, versucht das in Worte zu fassen, mitzuteilen, irgendwie verständlich zu machen, was Erich Kästner mal sehr treffend als so fürchterlich beschrieben hat, „daß man darüber nicht schweigen darf und nicht sprechen kann“. Man kommt in solche Situationen und weiss nicht, wie man da wieder heil raus kommt.

Als Journalist habe ich schon über viele „Stories“ berichtet. Ich habe über den „Job“ viele Menschen kennen gelernt, die zu Freunden wurden. Ich habe bei Interviews gelacht, bis ich nicht mehr konnte. Journalist sein ist ein wunderschöner Beruf. Doch es sind eben gerade diese intensiven Geschichten, die man mit sich rumträgt, die einen nicht mehr verlassen. Bernard Offen, Überlebender des Holocaust, den ich nach einem Interview in San Francisco wieder bei den Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Dachau traf. Er lud mich ein, mit ihm und der amerikanischen Reisegruppe zu Abend zu essen. Am Tisch unterhielten wir uns, sie berichteten und ich hörte einfach nur zu. Und dann rollte einer nach dem anderen den Ärmel nach oben und zeigte mir seine Tätowierung auf dem Unterarm. Ich habe mich noch nie so geschämt Deutscher zu sein.

Manche Besuche im Todestrakt von San Quentin gehören auch auf diese Liste des Unbeschreiblichen. Dort habe ich mehrmals mit Häftlingen gesprochen, deren Hinrichtung angesetzt war. Man ist um Worte verlegen, gerade am Ende eines solchen Gesprächs. Es gibt immer wieder Interviews und Gespräche mit Menschen, die einen nicht mehr loslassen. Ehemalige deutsche Internierte im Zweiten Weltkrieg in den USA, die noch immer auf ein Schuldeingeständnis jenes Landes warten, in das sie flüchteten. Alte Männer, die wissen, sie haben nicht mehr viel Zeit.

Da sind Dinge, die man sieht, die man versucht in Worte zu fassen. Die Bilder von den Terrorangriffen des 11. Septembers, als Menschen aus den brennenden World Trade Center Türmen in den sicheren Tod sprangen. Man sah sie, aber man berichtete nicht darüber. Die Toten in Juarez, Mexiko, mit Kugeln durchsiebt, geschändet und niedergemetzelt, die dort zum abendlichen Stadtbild gehören. Die Berichte und die Bilder des Genozids in Ruanda, ein „Thema“ in das ich irgendwie hinein stolperte. Ich saß Schwester Milgitha in Kaduha gegenüber und hörte ihr nur zu. Danach trat ich nach draussen, atmete ganz tief durch und merkte, was für eine Last Worte sein können.

Und Sie fragen sich nun, was das alles mit diesem Blogeintrag zu tun hat? Ja, eigentlich wollte ich hier „nur“ über den Film „Dark Water Rising“ berichten, den ich gerade auf DVD gesehen habe. Ein Film über die Rettungsversuche nach den Hurricanes Katrina und Rita, die New Orleans verwüsteten. Die Regierung rettete die Menschen, die Haustiere wurden zurück gelassen. Nur wenige tausend überlebten. Dieser Film zeigt die Organisationen und Freiwilligen, die nach New Orleans kamen, von Haus zu Haus gingen und die Tiere retteten, die man finden konnte und die noch am Leben waren. Diese Bilder brachten für mich die anderen Bilder hoch und ich war froh, dass ich 2005 nicht nach New Orleans ging, um über das Ausmass der Katastrophe, das Unvermögen der amerikanischen Regierung und der offiziellen Stellen zu berichten. Und vor allem nicht über das, was man hier sehen kann. Doch schauen Sie selbst, der gesamte Film liegt auch als youtube Video vor:

YouTube Preview Image

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

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