Musik zum Entdecken

In Oakland regnet es, sogar mein Hund will nicht vor die Tür. Ich schreibe an einem Artikel über die Todesstrafe und so ganz nebenbei höre ich Musik der etwas anderen Art. Touch ist eine audio-visuelle Gemeinschaftsprojekt mit Sitz in London und Los Angeles. Das was auf dem touch Label erscheint sind klangvolle Soundlandschaften, denen man sich öffnen muß….wenn man denn will. Denn was hier zu hören ist, sind keine eingängigen Melodien, keine tiefgehende Texte, kein tanzbaren Songs.

Kennt jemand Bethan Kellough, Heitor Alvelos, Thomas Ankersmit, Yann Novak oder Carl Michael von Hausswolff? Alles Musiker und Klangkünstler, die auf touch ihre Arbeiten veröffentlichen. Nicht in großen Stückzahlen, wir reden hier von wenigen Hundert CDs oder LPs oder EPs oder WAV Files, die interessierte Hörerinnen und Hörer erwerben.

Gerade läuft das Album „Aven“ von Bethan Kellough. Es ist schwer zu beschreiben, was da gerade passiert. Es sind tragende Töne, mal laut, mal leise, die einen umspielen, live aufgenommen in Los Angeles. Ich bedauere, nicht bei diesem Konzert dabei gewesen zu sein. Es ist Hinhörmusik, nichts für nebenbei.

Da ist Heitor Alvelos, ein Klangkünstler, der jahrzehntelang Field Recordings sammelte und diese in seine Aufnahmen einfließen läßt. Manches klingt so wie der Wind in einer verlassenen Industrieanlage. Und nun fragt sich vielleicht der eine oder die andere, warum man sich sowas anhört? Warum nicht, ist meine Antwort. Musik ist mehr als nur das, was man im Dudelfunk, den Charts und Tanzschuppen zu hören bekommt. Das, was touch hier offenbart, ist die Verschiebung der „normalen“ Musikgrenzen. Hinhören, Zuhören, sich leiten lassen in ganz andere Klangdimensionen, wie wir sie kennen. Man muss sich darauf einlassen, bereit sein, sich fordern zu lassen.

Ein spitzer, schriller Ton drillt sich in meinen Kopf. Sechs Minuten lang, die lang und länger werden. Thomas Ankersmits „Stimulus 2489Hz-3295Hz“, ein irres Teil. Musik? Ich weiß es nicht, als es zu Ende ist hallt es in meinen Ohren weiter.

hararCarl Michael von Hausswolff vertont eine Reise nach Äthiopien. Field Recordings in einem Klangbad, das eigentlich aus einem einzigen Ton besteht. Es ist wie das Wohlfühlen in einem heißen Bad. Man rutscht tiefer in die Wanne, das warme Wasser umspielt den ganzen Körper. Hier ist es diese Musik, die einen ganz erfasst. Beeindruckend, was da passiert.

Ich bin mir sicher, nicht viele Menschen sehen und hören all das wie ich. Nicht, dass ich da das geschulte Ohr oder die musikalische Bildung genossen oder den intellektuellen Ansatz zur Klangkunst gefunden habe. Ganz im Gegenteil, ich tue mir sehr schwer, das in Worte zu fassen, was ich da höre. Diese Musik spricht mich vielmehr emotional an, auch wenn da nur ein Ton ist, der sich leicht verändert. Was ich jedoch in all den Jahren Plattensammeln und Radio Goethe produzieren und um die Welt reisen gelernt habe, ist, das Musik ein offenes Ohr verlangt. Wassertrommeln in Kamerun, ein Percussionist im Niger, der aus Kallebassen unglaubliche Töne herausholt, ein somalischer Musiker, der in Hargeisa nur mit seiner Stimme und einem traditionellen Saiteninstrument mich inne halten ließ. Und eben hier, die Tiefen, die Weiten, die Schwere, die seltsame Welt der Klangkunst. Musik verlangt das Hinhören ohne Grenzen im Kopf. Nicht mehr und nicht weniger. Ein etwas anderer Soundtrack für einen verregneten Samstagnachmittag.

Kalifornien steht im Saft neben dieser Trockenheit

Kalifornien trocknet aus. Die Reservoirs, Flüsse und Seen sind auf dem niedrigsten Pegelstand seit Jahren. Im Winter schneite es nicht, Regen will auch nicht fallen. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown spricht von einer Notlage und will das Wasser rationieren. Darüber habe ich schon mehrmals berichtet. Kalifornische und amerikanische Themen kommen an, die Leserinnen, Leser, Hörerinnen und Hörer werden gerne darüber informiert, was sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten so tut.

Die Dürre hier ist anders als in Kalifornien.

Die Dürre hier ist anders als in Kalifornien.

Nun sitze ich im Tschad, einem sehr armen Land. Ein Großteil ist Wüste, die sich immer weiter Richtung Süden ausbreitet. Da ist der Tschadsee, vier Länder drumherum. Niger, Nigeria, Kamerun und Tschad. In den letzten 30 Jahren verlor der See nahezu 90 Prozent seiner Wasseroberfläche. In der Geschichte gab es zwar immer mal wieder Trockenperioden und auch der Tschadsee versickerte. Doch dieses mal ist es anders. Das Wasser fehlt, der Tschad ist trocken, Ernten und damit die Versorgung der Bevölkerung gefährdet. Eine Dürre macht sich breit. Hier ist die Trockenheit eine Gratwanderung, ob man gerade noch so an einer größeren humanitären Krise vorbeischlittert oder Zeit gewinnt. Mehr als Zweidrittel der Bevölkerung verwenden 80 Prozent ihres Einkommens auf die Grundversorgung. Preisanstiege für Grundnahrungsmittel können da nicht aufgefangen werden.

Der Tschad leidet unter einer Dürre. Anders als in Kalifornien ist das hier jedoch lebensbedrohlich. Kinder leiden aufgrund der Ernteausfälle an Mangelerscheinungen, internationale Hilfsorganisationen versorgen Hunderttausende mit Nahrungsmitteln. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Es wird höchstens noch schlimmer. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Hier Kalifornien, dort der Tschad. Und dabei ist der Tschad ganz weit weg. Die Krisen, das Elend und die Not in Afrika sind kaum noch Themen. Man weiß ja schon davon, hat die Bilder schon oft genug gesehen. Bitte umblättern, bitte umschalten.

Eine Stadt in Afrika

Straßenbild in N'Djamena, Tschad.

Straßenbild in N’Djamena, Tschad.

Schön ist sie nicht, die Hauptstadt der Republik Tschad. Zumindest habe ich die schönen Seiten noch nicht gesehen, auch wenn es auf Wikipedia heißt, man sollte sich die „Altstadt“ ansehen. Also, die hier ist nicht zu vergleichen mit der in Nürnberg.

N’Djamena hieß bis 1973 Fort-Lamy, dann wurde die Stadt umbenannt. Die Spuren der Kolonialzeit sollten ausgemerzt werden. Viel ist von der französischen Herrschaft nicht übrig geblieben, man muss schon danach suchen. Heute morgen war ich zur Sicherheitsbesprechung im Büro von CARE. Der Compound der Hilfsorganisation liegt nicht weit vom Hotel entfernt. Ein paar Straßen weiter, zwei Kreisverkehre, dann ist man auch schon da.

Der Tschad ist Krisengebiet. Man muß nur auf die Landkarte blicken und weiß, hier könnte es schon bald drunter und drüber gehen. Im Norden Libyen, im Osten der Sudan, im Süden die Zentralafrikanische Republik, im Osten Kamerun, Nigeria und Niger. Eine Krise neben der anderen wickelt sich um das Land herum. Weite Teile der Grenze wurden von der tschadischen Regierung abgeriegelt, aus Angst vor Übergriffen. Libyen im Norden, Boko Haram im Westen, radikale Milizen im Süden. Dazu noch der Alptraum Ebola, der bereits hinter der Grenze zu Nigeria lauert. Zur Sicherung verwendet und verschwendet die tschadische Regierung riesige Beträge fürs Militär, Geld das woanders fehlt. Im Süden, Osten und Westen gibt es riesige Flüchtlingslager, Hilfen, Unterstützung und Programme aus N’Djamena gibt es nicht. Denn dafür sind ja die internationalen Hilfsorganisationen vor Ort.

Noch zwei Tage sind wir hier, dann geht es in den Süden des Landes, an die Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Flüchtlingslager, Elend, Not, eine vergessene Krise bei all den Krisen weltweit. War da was in Afrika?