Das Wort Gottes hinter Gittern

Grelles Neonlicht, eine Madonna Statue, ein Kreuz, ein Altar. Links vorne spielt eine Band, singt ein Chor. Rund 100 Männer sind in der „Chapel“ von San Quentin zusammen gekommen, um an diesem Sonntagmorgen den katholischen Gottesdienst zu feiern. Zweisprachig wird gebetet, gesungen, gepredigt. Die Männer in Jeanshemd und -hose sind alles Häftlinge des ältesten Gefängnisses in Kalifornien.

Der Gottesdienst beginnt etwas später, da durch den Sturm und den starken Regen viele erst verspätet von ihren Zellen hierher kommen konnten. Die Gebetsräumlichkeiten sind in einem Innenhof von San Quentin untergebracht. Gleich nach der Schleuse in den inneren Bereich, gegenüber des SHU, des „Security Housing Units“, dem Gefängnis im Gefängnis.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

John ist ein „Lifer“, ein Lebenslänglicher. Er begrüßt am Eingang alle Ankommenden per Handschlag, die Mitgefangenen und die wenigen Gäste von draußen. Einige Katholiken aus benachbarten Gemeinden kommen immer mal wieder vorbei, um hier mit den Insassen den Gottesdienst zu feiern, erklärt mir Father George. Er ist der katholische Priester, der auch beratend für alle andere Religionen zuständig ist. In einem Interview erklärte mir Father George, dass dieser Job hier in San Quentin für ihn wie ein Ruf an die Harvard University gewesen ist. Er liebe seine Aufgabe hinter Gittern, auch, wenn er sich in den Zellblöcken nur mit schußsicherer Weste, zum Schutz vor Stichwunden, bewegen kann. Auch, wenn er im East-Block, dem Todestrakt, den Gottesdienst in einem separaten Käfig, getrennt von den Todeskandidaten feiern muß. Hier, so Father George, sehe und erlebe er jeden Tag Gott.

Viele Gefangene schütteln mir die Hand, wünschen mir „Peace“. Einige harte Kerle, denen man ihr früheres Leben durchaus ansieht. Tätowierungen am Hals und an den muskulösen Unterarmen sprechen eine eindeutige Sprache. Aber hier sei man Familie, sagt John nach dem Gottesdienst. Das frühere Leben aus Gewalt, Kriminalität, Gottlosigkeit liege hinter ihnen, meint er. Als ich ihn frage, wie lange er noch habe, sagt er, das kann er nicht sagen, er sei „Lifer“. Vor ihm liegen lange Jahre in einer 2,40 x 1,20 Meter großen Zelle, denn lebenslänglich heißt in Kalifornien lebenslänglich. Er wird San Quentin nur auf einem Weg verlassen.

Der Glaube ist hier eine Stütze, das meint auch Mike, auch er sitzt eine lebenslängliche Haftstrafe ab. Man tausche sich aus, man helfe sich, meint er. Die Stimmung ist freudig an diesem 3. Advent. Die drei Kerzen brennen vorne, dafür braucht es eine Sondergenehmigung. Es wird für die Verstorbenen und die Kranken im Gefängnis gebetet, für die Opfer von Terror und Gewalt draussen. Der Gottesdienst wird aufgezeichnet und später für die anderen Gefangenen, die es hören wollen, über den Gefängnis eigenen Audiokanal ausgestrahlt.

Die Männer lachen viel vorher und nachher, umarmen sich, genießen diese Gemeinsamkeit in der Kapelle von San Quentin. Hier sind sie alle gleich; Weiße, Schwarze, Latinos, ein paar Asiaten. Junge und Alte. Der Glaube versetzt hier wahrlich Mauern. Der Glaube ist hier, das verstehe ich an diesem Morgen, eine wirkliche Sinnfindung in einem ausweglosen Zustand.

 

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

ruanda1