Kirchenasyl – man muss nicht jedes Gesetz beachten

Was verbinden Amerikaner heute mit Henry David Thoreau? Eine google- Suche auf amerikanischen News Seiten zeigt, dass Thoreau kaum Gesprächsthema ist, und wenn, dann geht es vor allem um sein Leben in und mit der Natur. Thoreaus Lehre vom zivilen Ungehorsam ist zwar weit verbreitet in den USA, doch wird die “civil disobedience” dieser Tage mehr mit anderen Personen in Verbindung gebracht.

Die Presbytarian Church in Montclair, Oakland, ist Teil eines Kirchenasyl Netzwerkes in der East-Bay.

Die Presbytarian Church in Montclair, einem Stadtteil am Rande von Oakland. Montclair ist gehobene Mittelschicht, heile Welt in einer Stadt, die oftmals als eine der gefährlichsten der USA beschrieben wird. Hier merkt man kaum etwas von den Alltagsproblemen in West- und East Oakland, wenn man sie nicht sehen will. Und doch, die Kirchenmitglieder hier haben erst kürzlich einer geflohenen Familie aus Guatemala Kirchenasyl gewährt.

Die Montclair Presbytarian Church ist Teil des Netzwerkes “East Bay Sanctuary Covenant”, einem Zusammenschluß von mehr als 30 Kirchen und Glaubensrichtungen in der East Bay, östlich von San Francisco gelegen. Schon seit 1982 gibt es das Netzwerk, gegründet nachdem die, zum Teil von den USA finanzierte Gewalt in Mittelamerika, Tausende Menschen vertrieben hatte. Viele von ihnen suchten in den Vereinigten Staaten Sicherheit. Kirchen im ganzen Land taten sich zusammen, um den Geflohenen zu helfen. Seitdem reißt der Strom der Hilfesuchenden aus Honduras, Guatemala, El Salvador und Mexiko nicht ab. Viele Glaubensgemeinschaften sehen hier ihre Aufgabe. Pfarrer Ben Daniel leitet die Presbytarian Gemeinde in Montclair: „Die Idee, dass Kirchen jenen Schutz bieten, die vor dem Gesetz fliehen, geht bis auf das frühe Judentum zurück. In den 1970er Jahren bot meine Gemeinde Kriegsdienstverweigerern desim Vietnamkriegs Kirchenasyl an. Und in den 1980er Jahren kamen die Flüchtlinge aus Mittelamerika, denen wir halfen. Die neue Asylbewegung begann vor etwa zehn Jahren und konzentriert sich darauf, Familien intakt zu halten. Es gibt da Familien mit einem legalen und einem illegalen Elternteil, manchmal sind auch beide Elternteile ohne gültige Papiere hier, ihre Kinder jedoch wurden hier geboren und sind damit amerikanische Staatsbürger. Wir wollen diese Familien zusammen halten, damit Eltern oder ein Vater oder eine Mutter nicht von den Kindern und der Familie getrennt werden.“

Es scheint, dass die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA viele Gläubige mobilisiert hat. Die Fronten sind klar, Trump will illegale Einwanderer ausweisen, wettert gegen Mexiko und seine Bürger. Doch Pastor Ben Daniel, der zuvor in San Jose gelebt hat, sieht das etwas kritischer: „Ich kann aufgrund meiner damaligen Nachbarschaft sagen, dass die Obama-Regierung so schlimm, wenn nicht sogar schlimmer war als die von George W. Bush in Bezug auf Abschiebungen, auf die Spaltung von Familien, auf das harte Durchgreifen an der Grenze. Aber viele progressive Kirchen wollten sich das nicht eingestehen, es war hart für viele Amerikaner zu akzeptieren, dass die Obama-Regierung eine ziemlich schlechte Rolle bei den Abschiebungen einnahm. Denn, er war ja unser Mann, nicht wahr?“

Die Wahl Trumps hat daher zumindest einen positiven Effekt gehabt. Es wird wieder offen und breit über Kirchenasyl und “Civil Disobedience”, dem zivilen Ungehorsam in den Gotteshäusern gesprochen. Doch als Vorbild gilt nicht Henry David Thoreau und seine Schriften: „Ich denke, für die meisten gläubigen Amerikaner hat die Verbindung von zivilem Ungehorsam mit dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit ihre Wurzeln in der Bürgerrechtsbewegung und den schwarzen Kirchen im Süden, angeführt von Martin Luther King und anderen. Ich denke, die meisten in meiner Gemeinde und auch ich selbst, sehen es genau so, wenn wir mit Ungerechtigkeit konfrontiert werden. Man sollte nicht ein Gesetz befolgen, nur weil es ein Gesetz ist.“

Dem kann Sister Maureen nur zustimmen. Sie leitet das Netzwerk der “East Bay Sanctuary Covenant”. Die kleine, ältere Glaubenschwester wirkt mit ihren rund 70Jahren fragil in diesem Keller unterhalb einer Kirche direkt neben dem Campus der University of California in Berkeley. Doch Sister Maureen sprüht vor Energie und Kraft. In den Büros werden Tag für Tag Flüchtlinge beraten, ihnen wird auf verschiedenste Weise geholfen, manche werden direkt an Partnergemeinden weitervermittelt. Seit der Wahl Trumps ist die Zahl der Hilfesuchenden von täglich 30 auf 50-70 gestiegen. Sister Maureen sieht das, was sie und die anderen Gemeindemitglieder in ihren Kirchen, Tempeln und Moscheen tun deshalb auch nicht als rechtswidrig: „Das ist einfach, denn es gibt ein Gesetz, das größer ist als von Menschen gemachte Gesetze. Das Gesetz Gottes ist viel wichtiger. Es ist eine moralische Notwendigkeit, ein moralischer Wert für mich und unsere Gemeinden. Ich würde nie daran denken, dass wir das Gesetz brechen, denn wir erheben uns nur für Gottes Volk. Das hat auch Jesus getan. Wir sterben nicht gerade für andere, wir sind auf diesen Keller beschränkt. Es geht darum, dass jeder ein Recht auf Leben hat. Und die Ärmsten der Armen kommen mit gar nichts. Sie sind unglaubliche Menschen, die viel durchgemacht haben, als junge Menschen viel erlitten haben.“

Ein Gottesdienst unter der Discokugel.

Die Millionenmetropole San Jose ist die größte Stadt in der San Francisco Bay Area. Das Herz des Silicon Valleys, in dem vor allem viele Einwanderer aus Mexiko, Guatemala, El Salvador und Honduras leben. An diesem Sonntagmorgen treffen sich gleich mehrere Gemeinden zu einem gemeinsamen Gottesdienst in einer Veranstaltungshalle mitten in einem Industriegebiet. Die Diskokugel dreht sich, die Scheinwerfer kreisen an den Wänden. Man will zusammen kommen, beten und feiern. Alles beginnt mit einer Prozession in der Halle, die hinaus auf den Parkplatz führt und dann um das Gebäude herum. Eine Blaskapelle geht voraus, dahinter wird eine Figur von Jesus und das Kreuz getragen. Danach beginnt der Gottesdienst auf Spanisch.

Der katholische Geistliche Jon Pedigo arbeitet für die Diözese in San Jose, er wurde gebeten, den Gottesdienst zu halten. Für ihn ist klar, dass diese Veranstaltung vor allem der Gemeinschaft und dem Zusammenhalt innerhalb der Latino-Gemeinden dient. Die Angst vor Abschiebung und rassistischen Übergriffen sei bei allen groß, sagt er. Bei den legalen und illegalen Einwanderern gleichermaßen, denn jeder hier ist auf die eine oder andere Art mit Menschen in Verbindung, die nach amerikanischem Gesetz nicht legal im Land sind. In seiner Andacht spricht er ganz offen darüber, prangert jene Politiker als unchristlich an, die zwar von Liebe sprechen, sich aber dann gegen Einwanderer wenden. „Ich sehe das nicht als eine Politisierung des Evangeliums. Vielmehr denke ich, wenn die Leute Liebe nur auf eine persönliche Beziehung beschränken, dann ignorieren sie die tatsächliche Übersetzung des Evangeliums. Und sie ignorieren den historischen Kontext, in dem es geschrieben wurde. Für mich war es also kein politisches Predigen. Ich nannte es nur beim Namen, dass Menschen in diesem Moment leiden.“

Father Jon, wie ihn hier alle nennen, führt mich zu Rosa Valez, einer Frau Mitte 50. Ihre Enkelin steht neben ihr und übersetzt. Valez lebt seit 12 Jahren als “undocumented immigrant” in San Jose, d.h. sie hat keine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für die USA. 2005 kam sie illegal mit vier ihrer Kinder über die Grenze nach Kalifornien. Sie hofft, dass sie unentdeckt und hier bleiben kann. Doch jeder Tag könnte der letzte in Amerika sein. „Ich habe Angst, denn jeden Augenblick könnten die Immigrationsbeamten zu mir auf die Arbeit oder zu mir nach Hause kommen und mich mitnehmen.“

San Jose ist, wie eigentlich alle Städte in der Bay Area, eine “Sanctuary City”, das bedeutet, die lokale Polizei weigert sich, mit der Bundes- und damit der Einwanderungspolizei zusammen zu arbeiten. Die San Jose Police verhaftet niemanden, nur weil er illegal im Land ist. Wie lange das so bleiben wird ist unklar unter der derzeitigen Trump-Regierung. Die Angst geht um in der Community, wie die 21jährige Yadira erzählt. Eltern würden ihre Kinder nicht mehr zur Schule bringen, viele blieben nur noch zu Hause, aus Angst, aufgegriffen zu werden. Yadira wurde zwar hier geboren, doch sie sieht sich als Teil der gesamten Latino Community in San Jose: „Es ist meine Familie, meine Nachbarschaft, es ist ein Teil von mir. Wenn sie meine Familie holen, dann holen sie ganz sicher auch mich. Sie werden wegen meiner Hautfarbe nicht glauben, dass ich hier geboren wurde. Sie werden sagen, sie ist wahrscheinlich aus Mexiko, nehmen wir sie mit.“

An diesem Sonntag sprechen viele von der “Community”, der Gemeinschaft und über “civil disobedience”. Davon, dass man sich wehren muss, sich organisieren will. Und das heißt, sich als Wähler registrieren zu lassen und im kommenden Jahr wählen zu gehen. Aber auch denen zu helfen, die den Schutz brauchen. Für den Katholiken Father Jon und für viele andere hier ist der zivile Ungehorsam Bestandteil ihres Lebens. Sie haben dabei ganz konkrete Vorbilder, die den Kampf für mehr Bürgerrechte selbst gekämpft haben, wie Father Jon erklärt: „Ich werde beim zivilen Ungehorsam nicht von Henry David Thoreau inspiriert, seiner Idee des Aufbegehrens, mit der Natur im Einklang zu sein. Er kam aus einer priviligierten Umgebung, da ist es einfach, vom “edlen Wilden” und sowas zu sprechen. Diese Idee, die in der amerikanischen Romantik des 19. Jahrhunderts entstanden ist, den Kampf zu romantisieren. Ich dagegen komme aus der Cesar Chavez Bewegung, da wird der Kampf nicht romantisiert, er kommt aus der Wirklichkeit der Farmarbeiter in den 1950er Jahren, die auf den Feldern vergiftet, die wie Dreck behandelt wurden. Sie wurden schlecht bezahlt, manchmal gar nicht. Und dieser Kampf war ein gewaltloser Kampf, aber es ging um kulturelle Identität, um wirtschaftliche Rechte, um amerikanische Bürgerrechte.“

Viele Gemeinden und Gläubige in den USA organisieren und vernetzen sich in diesen Monaten. Gemeinsam will man nach dem Schock des Wahlabends und dem stürmischen ersten halben Jahr der Trump-Adminstration nach vorne blicken. Martha Smith kam nach Jahren ohne Glaubenszugehörigkeit zurück in die Kirche. Sie wurde aufgrund des sozialen Einsatzes der Montclair Presbytarian Church Mitglied der kleinen Gemeinde. Sie sei bereit, die Idee des zivilen Ungehorsams zu leben, sagt sie. „Nach der Wahl, waren ich und viele Leute am Trauern, es war wie das Ende einer Welt, in der wir leben wollten. Ich wollte eine Gemeinschaft, die wie ich darüber nachdachte, was passiert ist und die von Gerechtigkeit und Frieden träumte. All das mit unserem Glauben sah, dass wir uns verpflichten jeden zu lieben und der Welt zu dienen. Und dieser Glauben findet nicht nur in diesen vier Wänden statt, sondern in dem, wie wir uns in der Welt verhalten. Wie wir andere behandeln, uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen, das Recht einer Frau über ihren Körper, Gay und Lesbian Rights, Antirassismus, wirtschaftliche Gleichberechtigung. Wenn wir uns dafür einsetzen, dann setzen wir uns für unseren Glauben ein.“

Gläubige aller Religionen stehen in diesen Tagen auf, organisieren und unterstützen sich. Cesar Chavez und Martin Luther King, der Kampf der Farmarbeiter, der gewaltlose Protest der Afro-Amerikaner gelten als Vorbild. Der Name Henry David Thoreau fällt dabei nur sehr selten. Die USA unter Donald Trump blicken zurück auf jene Bürgerrechtler, die das Amerika von heute massgeblich beeinflusst und verändert haben.

Den Segen im Vorbeifahren

Man kann Hamburger und Cola im „Drive Through“ kaufen. Es gibt „Drive Through“ Apotheken und Drogerien. Doch eine „Drive Through“ Kirche gab es wohl bislang noch nicht. Bislang, denn seit kurzem bietet die „Holy Spirit Catholic Church“ im kalifornischen Fremont ein Schnellgebet am offenen Autofenster an.

Bei Problemen im Job, in der Beziehung, im Leben, soll man nun einfach für ein paar Minuten auf den Hof der kleinen Kirche fahren, dort wartet dann schon ein ehrenamtlicher Helfer der Gemeinde, der dem Fahrer oder der Fahrerin durchs offene Fenster die Hand auf die Schulter legt und betet. Quasi eine Stärkung der geistlichen Art. „Lord Jesus Christ help this soul“. Und nein, ich mache mich nicht darüber lustig, ich finde es nur interessant, wie die katholische Kirche hier ganz neue Wege geht. Eingeladen werden nicht nur Katholiken, auch Protestanten, Muslime, Hindus und Gläubige anderer Religionen können und sollen sich angesprochen fühlen, erklärt Pastor Mathew Vellankal. Eigentlich eine tolle Botschaft; wir beten alle zum selben Gott. Ein direktes und semi-privates Gebet auf dem Nachhauseweg, denn bislang wird der Service nur von 17 bis 19 Uhr angeboten. Ich hoffe nur, dass im Hintergrund nicht solche Schmalzmusik, wie in dem Video läuft.

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Der Papst auf Death Row

Heute war ich mal wieder in San Quentin zu Besuch. Ein paar Stunden am Samstagmorgen eingesperrt in einem Käfigabteil des Besuchsraums mit einem Death Row Insassen. Dazu Coca Cola und Popcorn, Mikrowellenburger und Nussmischung. Draussen strahlte die Sonne, die San Francisco Bay lag spiegelglatt nur einen Steinwurf vom Gitterfenster entfernt.

Reno erzählte, dass der katholische Geistliche in San Quentin einige Häftlinge aufgefordert hatte, Briefe an den Papst zu schreiben. Denn der kommt im kommenden Jahr nach Kalifornien, ein Besuch in San Francisco ist schon fest eingeplant. Der Jesuitenpriester im Staatsgefängnis hofft mit seiner Briefkampagne, den Papst auch zu einem Besuch in den East-Block von San Quentin zu bewegen. Dort ist die kalifornische Death Row untergebracht. Überraschen würde es nicht, wenn ohne viel Brimborium auf einmal der katholische Oberhirte vor dem Gefängnistor steht und um Einlaß bittet.

In der Vergangenheit gab es schon verschiedene hohe Besuche in San Quentin. Das reichte vom Dalai Lama bis zu Winnie Mandela. Papst Franziskus würde es bestimmt ganz anders machen, wenn ihn die Gefängnisleitung läßt. Sein erste Besuch hinter Gittern wäre es auch nicht. Man kann gespannt sein, ob es zu dem Besuch im ältesten kalifornischen Gefängnis kommen wird und wie die lokalen katholischen Ordensträger auf dieses durchaus ungewöhnliche Anliegen ihres Seelsorgers in San Quentin reagieren werden.

Der Kampf um ein Mädchen, das tot ist

Jahi McMath ist tot. Das sagen die Ärzte im Children’s Hospital Oakland, das sagt ein unabhängiger Mediziner, der als Sachverständiger vom Gericht eingesetzt wurde. Doch die Eltern sehen das anders, sind fest davon überzeugt, dass noch ein Wunder geschehen wird, dass ihr Mädchen nicht hirntot ist, dass sie wieder aufwachen und genesen wird.

Der unabhängige Arzt wurde eingeschaltet, um die Sachlage zu prüfen, denn das Krankenhaus wollte die Beatmungsmaschine am Bett von Jahi McMath abschalten. Die Eltern klagten, vor Gericht einigte man sich auf den Mediziner von draussen. Der kam, untersuchte und stimmte mit den Ärzten des Hospitals überein, dass das Mädchen hirntot sei und es keine Chance auf eine Genesung gebe. Der Richter setzte daraufhin den Termin zum Abschalten der Maschinen auf Montag 17 Uhr fest.

Damit wollten sich die Eltern allerdings nicht abfinden. Sie bekamen Unterstützung von zahlreichen katholischen Ärzten, „Pro Life“ Organisationen und Aktivisten. Der Fall Jahi McMath gleicht immer mehr dem der Terri Schiavo in Florida, die 2005 nach einem jahrelangen rechtlichen hin und her starb. Am Donnerstag erklärten die Eltern des 13jährigen Mädchens nun, dass sie eine Pflegeeinrichtung in der Bay Area gefunden haben, die Jahi aufnehmen wolle. Allerdings müßten dazu zwei operative Eingriffe erfolgen, um das Mädchen transportieren zu können, so der Anwalt der Familie, Chris Dolan.

Das jedoch könnte schwierig werden. Das Children’s Hospital in Oakland veröffentlichte umgehend eine Stellungnahme, in der es hieß, dass der zuständige Richter solch einen Eingriff nicht angeordnet habe und man sich genau an die Vorgaben des Gerichts halten werde, am Montag 17 Uhr Ortszeit die Maschinen abzustellen. Und weiter: „Children’s Hospital Oakland glaubt nicht, dass chirurgische Eingriffe am Körper einer verstorbenen Person eine angemessene medizinische Praktik ist.“ Der Richter wird wohl auch darüber entscheiden müssen. Der Fall der Jahi McMath wird immer bizarrer.

Kreuzzug gegen Obama

Schwarz auf weiß stand es schon lange da. In so einem dicken Buch, aber das haben eh nur die wenigsten in Washington gelesen oder andere, wie im Fall der katholischen Kirche, haben erst einmal abgewartet. Denn 2012 ist ja ein Wahljahr. Und Politiker in Wahljahren reagieren auf Wählerproteste ganz anders, mehr kalkulierend, schnell vom Tisch damit und gut ist.

Um was geht es denn eigentlich. Das politische Lieblingskind von Barack Obama ist die Gesundheitsreform. Mit dem Versprechen endlich für jeden Amerikaner den bezahlbaren Zugang zum amerikanischen Gesundheitssystem zu schaffen ist er zum erfolgreichen Wahltag 2008 marschiert. Für einen Großteil der US Bürger war eine einheitliche Krankenversicherung einfach das Thema des letzten Wahlkampfs. Obama siegte und machte sich an die Arbeit. Proteste von links und rechts, geradeaus und von der hintersten Hinterbank waren zu vernehmen. Die Republikaner betitelten das „Monsterwerk“ als „Obamacare“ und schossen von allen Seiten darauf. Von „Todeskommissionen“ war zu hören, die darüber entscheiden sollten, ob ein Kranker überhaupt noch ein Anrecht auf Behandlung habe. „Unamerikanisch“ sei Obamacare, „sozialistisch“, „von Kuba abgeschaut“…. Obama hatte wahrlich keinen leichten Stand mit seinem gewaltigen Wahlversprechen.

Und so fiel es dann am Ende auch aus. Viele Kompromisse mußten eingearbeitet werden, um es in der eigenen Partei nicht zwischen den Flügelkämpfen aufgerieben zu bekommen. Und dennoch im großen und ganzen ist es ein Jahrhundertwerk geworden, denn zum ersten mal sollten alle Amerikaner krankenversichert sein. Aber das war dann doch nicht das Ende der Diskussion. Man muß sich nur die republikanischen Präsidentschaftsdebatten anhören, in denen alle Kandidaten von einer ersten Amtshandlung sprechen: Der Annulierung von Obamacare!

Und nun kommt auch noch die katholische Kirche und droht mit einem „Marsch auf Washington“. Was den Bischöfen vor allem in der neuen Krankenversicherung Obamas aufstößt sind die Vorgaben, dass der Arbeitgeber für Verhütung, die Pille danach und Sterilisationsmaßnahmen aufkommen soll. „Niemals zuvor, beispiellos in der amerikanischen Geschichte, hat sich die Bundesregierung so gegen die katholische Kirche gewandt“, meinte der Vorsitzende der amerikanischen Bischofskonferenz Bill Donohue. Die Katholiken mobilisieren also gegen Obama. In offiziellen Stellungnahmen, von der Kanzel und auf der Straße. Ganz nebenbei bemerkt man, dass man in den USA 70 Millionen Katholiken hinter sich habe, eine große Wählergruppe. In einigen Bundesstaaten könnte das ausschlaggebend sein. Die republikanischen Gegenkandidaten wittern bereits Morgenluft und umsäuseln die Bischöfe. Gingrich und Santorum predigen bereits mit Heiligenschein vom Ende Obamacare. Es könnte doch noch eng werden für den Amtsinhaber, wenn der Vatikan die US Wahl entscheiden will.

War da was?

Der Bischof von Ciudad Juarez ist ein Kumpel vom Bürgermeister. Kein Wunder also, dass der auch im Interview erklärt, alles sei eigentlich in Ordnung. Und die paar Probleme, die es doch gibt, daran seien die Amerikaner, die “Maquiladoras” (Montagebetriebe) und die verschwindenen Familienwerte verantwortlich. Auch ein Weg als Bischof über 3111 tote Mitbrüder und Mitschwestern im vergangenen Jahr zu urteilen…Nein, das ist echt kein Problem! Die inoffzielle Mordrate liegt sogar bei 3900.

Heute morgen hatte ich auch noch ein Interview mit Kathleen Staudt von der “University of Texas El Paso”. Sie steht den Versuchen der mexikanischen Regierung unter dem Titel “Wir sind alle Juarez” sehr kritisch gegenüber, mit denen das Gewaltproblem in der Stadt unter Kontrolle gebracht werden soll. Eigentlich müßte man auch auf US Seite so einiges ändern, meinte sie. Wenn man sich die Statistiken ansieht, dann werde klar, dass 99 Prozent der Drogen, die jedes Jahr an der Grenze mit viel Aufwand und Geld beschlagnahmt werden, Marihuana ist. Eine Droge also, die bereits in 16 US Bundesstaaten als “medical treatment” eingesetzt wird, heißt, mit einem Rezept vom Arzt kann man ganz legal Marihuana kaufen. Staudt betont, dass sie nicht für die Legalisierung von Drogen ist, allerdings mache es Sinn in diesem Fall ganz neue Wege zu gehen und diese Substanz in den legalen Rahmen mit Kontrolle und Steuereinnahmen zu bringen.

Am Nachmittag ging es dann zu “Casa Amiga”, einer Einrichtung für Frauen in einem der gefährlichsten Distrikte von Juarez. Vorbei an Dutzenden von “Maquiladoras”, darunter “Motorola”, “Honeywell” und auch…“Siemens”. Dabei dachte ich wieder an die Worte von Kathleen Staudt am Morgen, die erklärte, die internationalen Firmen, die in Juarez produzieren lassen, müssen in die Verantwortung genommen werden, um die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen zu garantieren und ihnen mehr als nur ein paar Dollar Lohn pro Tag auszuzahlen.

“Casa Amiga” hilft mißhandelten und mißbrauchten Frauen, Schulungen werden zu den verschiedensten Themen angeboten, man begleitet betroffene Frauen in Krankenhäuser und zu Behörden, um die Fälle aktenkundig zu machen und man versucht immer wieder auf die schwierige Situation von Frauen in Juarez hinzuweisen. Mit viel Einsatz kämpft man gegen die Windmühlen an, die da Staat, Stadt, Polizei, Verständnis, Machismo, Banden heißen. Man kann die Mitarbeiter hier nur bewundern, die seit Jahren mit den schlimmsten Fällen und Geschichten umgehen müssen. Doch so lange es noch solche Menschen gibt, hat Juarez eine Chance, denn sie arbeiten für eine bessere Zukunft.