Der Club ist überall

Im Nordwesten von Ruanda. Die Vulkane im Dreiländereck Ruanda/Uganda/DRC. Dort findet man auch die Gorillas, zu denen man in geführten Gruppen marschieren kann. Als Tourist zahlt man schlappe 500 Dollar. Eine wunderschöne Landschaft, viel Grün, aber eben auch rauh aufgrund der noch aktiven Vulkane. Und hier oben sehe ich einen Ruander, der mit einem Trikot des 1.FCN rumläuft. Klar will ich ein Bild machen, doch der will nicht. Ziert und zickt da rum, als wollte ich es ihm vom Leib reißen. Auch das Argument, ich komme immerhin aus der Stadt und wolle nur ein Photo machen, nutzt nichts. Er macht auf blöd. Und einfach so mal schnell knipsen geht auch nicht, zu viele stehen schon um den jungen Mann herum und diskutieren und Knips und weg könnte Probleme mit sich bringen. Die Ruander lassen sich nicht gerne photographieren. Keine Ahnung warum, aber es ist schade, denn man sieht hier so viel wunderschöne AugenBlicke, z.B. was hier alles auf dem Kopf getragen wird. Alleine mit so einer Bildserie könnte man ganze Bücher füllen.

Na gut, soll nicht sein, steht dem Ruander eh nicht, das FCN Trikot…der Heini!!!

Über eine Huppelpiste geht es von Gisenyi, direkt an der Grenze zum Kongo, runter nach Kibuye. Fast parallel entlang des Lake Kivu Ufers, hinauf in die Bergkette. Ein wunderschöner Blick fast hinter jeder Kurve. Mal die gewaltigen Vulkane, mal ein Blick auf Goma hinter der Grenze, mal auf den wunderschönen See, da kann der Bodensee dagegen auslaufen. Die Fahrt geht vorbei an riesigen Teefeldern und anderen Anbauprodukten. Und auch einige Kühe weiden hier oben, erinnert sehr an dieses Plattencover von Pink Floyd’s “Atom Heart Mother”.

Für 75 Kilometer benötigt man fast dreieinhalb Stunden. Erster, manchmal zweiter und so gut wie nie dritter Gang. Kurvenreich und steinig ist die Straße. Doch Ruanda ist ein Land auf dem Vormarsch, auch hier in der Pampa merkt man das. Es ist organisiert und kontrolliert, auch wenn auf dem Land die Armut sichtbarer ist, die Infrastruktur weitgehend fehlt. Aber auch hier wurden schon Fiberglaskabel verlegt, Ruanda ist startbereit für die Zukunft, oder zumindest will man das sein. Aber hier oben im Nordwesten des Landes wird auch deutlich, dass all die Bemühungen der Regierung in Kigali an Entwicklungen in der Region geknöpft sind. Hier findet man noch Flüchtlingslager der UN, Wiedereingliederungslager für ehemalige Milizenkämpfer, die zum Teil mit deutschen Geldern finanziert werden. Und der Blick über die Grenze macht klar, wie nah die Gefahr lauert. Selbst Kongolesen, die man in Gisenyi trifft, erklären einem, Goma als solches sei sicher, doch man könne das Stadtgebiet nicht verlassen. Sicher sei nur die Reise über die Grenze ins benachbarte Gisenyi. Und tatsächlich trifft man am Seeufer in Gisenyi viele junge und wohlhabende Kongolesen, die Party machen. Unterdessen geht der Krieg der Milizen unvermindert weiter in Nord- und Süd Kivu. Die Gefahr wächst, dass die Gewalt auch wieder über die Grenze nach Ruanda schwappen könnte oder dass die Kagame Regierung in Kigali entscheidet, die Situation jenseits der Grenze sei eine Gefahr für die innere Sicherheit. Die ruandische Armee ist eine der bestausgebildetsten in Afrika und marschbereit in Richtung Kongo.

Und hier am Lake Kivu sitzt man, blickt auf diese traumhaft schöne Landschaft. Vögel zwitschern und krächzen, singen und feiern Vogelhochzeit. Ein paar Fischer in ihren langen Einbäumen paddeln singend vorbei. Das Grün ist vielschichtig und für mich als Grünschwächelnder gar nicht so richtig zu erkunden. Der Nachthimmel ein einziges klares Sternenglitzern. Hier im Herzen von Afrika scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Kein Flugzeug am Himmel, kaum Autos unterwegs, alles wirkt friedlich. Es ist gar nicht so leicht, einfach mal eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs gerade sein zu lassen. Hier steht die Zeit….die Frage ist, für wie lange noch.

„Tora, Tora Kagame“

Das Stadion war hell erleuchtet. Weit über 50.000 Menschen drängten sich zuerst auf die Ränge und dann auch in das Innere des Stadionrunds. Mehr als 90 Prozent davon männlich und der Großteil unter 25 Jahren alt. Kigali feierte am Montagabend den Wahlsieg der Regierungspartei FPR mit ihrem Kandidaten Präsident Paul Kagame. Erste Hochrechnungen lagen bei 92,9 Prozent der Stimmen für den Amtsinhaber. Ein sattes, aber mehr als zu erwartendes Ergebnis für Kagame.Wahlparty im Stadion von Kigali

Im Stadion herrschte Partystimmung. Auf einer aufgebauten Bühne scratchte ein Rapper vor sich hin, Sänger und Sängerinnen wechselten sich mit hippigen Parteiliedern ab, um die Menschenmenge in Stimmung zu bringen und zu halten. Die tanzten ausgelassen und sangen mit. Auf den ersten Blick hätte es sich auch um ein Hip Hop Konzert handeln können. Nur die vielen T-Shirts mit dem Bild von Präsident Paul Kagame und immer wieder der lauthals herausgebrüllte Refrain „Tora, Tora Kagame“, „Wählt, wählt Kagame“, machte deutlich, dass es sich hier um eine Veranstaltung der siegreichen Regierungspartei handelte.

Der Sieger kam denn auch endlich um halb eins in der Nacht in gelber Hose, blauem Blouson und Baseballmütze. Doch wer nun erwartete, dass Kagame eine Siegesrede halten würde, weit gefehlt. Er tänzelte strahlend auf einer extra Bühne vor der Ehrentribüne herum, lüpfte hin und wieder sein Cappy und winkte der Menge zu, die jubelnd antwortete. Die Musik lief weiter, zum zigten Male wurden die Kampflieder der FPR gesungen: „Tora, Tora Kagame“. Erst um drei Uhr morgens dankte Paul Kagame seinen Unterstützern und erklärte den Sieg, als einen Sieg für die Entwicklung Ruandas. Um halb fünf am Morgen dann ein Feuerwerk auf den Gewinner. Man weiß, wie man feiert in Kigali.

Die Tanz- und Gesangveranstaltung im Stadion zeigte die Stärke der FPR und des Präsidenten Paul Kagame. Die Jugend steht hinter ihm. Doch gleichzeitig ist dies auch eine große Gefahr, denn diese jungen Menschen wollen Teil haben an den Versprechungen Kagames und der Zukunft des überbevölkerten Landes. Der Präsident redet vom Wirtschaftsboom, vom Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur, von der Einheit des Landes. Und tatsächlich ist Ruanda ein sicheres Land, überall wird gebuddelt und gebaut. Entlang der Strasse nach Kibuye im Westen des Landes graben Hunderte von jungen Arbeitern einen Graben, in dem neue Kabel verlegt werden. Die Hauptstraßen in der Hauptstadt Kigali bekommen gerade eine neue Asphaltdecke und gleich zwei fünf Sterne Hotels werden hochgezogen. Ein neuer Flughafen ist in Planung, Ruanda ist auf der Überholspur in die Zukunft.

Paul Kagame hat den Weg vorgegeben. Die internationale Unterstützung aus den USA, China und Europa ist ihm sicher. Die Wahlen haben gezeigt, dass der Präsident Ruanda fest im Griff hat. Die nächsten sieben Jahre werden nun entscheiden, welchen Weg Kagame gehen wird. Schafft er es, Ruanda als leuchtendes Beispiel auf dem afrikanischen Kontinent voran zu bringen, das Land zu demokratisieren und die Region zu befrieden? Oder entwickelt sich Paul Kagame auch zu einem „big African man“, wie es sie so viele in Afrika gab und gibt?

Die Kritik an Kagame kommt vor allem von außen. Von der New York Times bis zur taz wird der Präsident kritisiert. Vom Polizeistaat, von der eingeschränkten Pressefreiheit und der Unterdrückung der Opposition ist die Rede. Das alles hat die Zehntausende von jungen Menschen im Stadion von Kigali in der Wahlnacht nicht interessiert. Für sie ist Paul Kagame der Mann, der ihnen Wohlstand und eine sichere Zukunft bringen wird…“Tora, Tora Kagame“.

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Almenblutrausch

bisesero1Zweieinhalb Stunden für 30 Kilometer. Von Kibuye am Lake Kivu geht es über eine Holperpiste in die hügelige Landschaft. Vorbei an Ansiedlungen, Feldern und spielenden Kindern. Im ersten, maximal im zweiten Gang geht es voran. Eigentlich ist das die Strasse, die Kibuye mit Cyangugu im Süden des Landes verbindet. Doch Landstrasse ist zu hoch gegriffen, eine steinige Staubpiste umschreibt es besser. Irgendwann geht es von der Hauptstrasse ab.

Hinweisschilder sind so gut wie keine zu finden. Doch es muss hier oben sein. Bisesero heisst das Dorf. Kurvenreich ist die Fahrt. Dann ist man oben, ein himmlischer Anblick. Reisende haben Ruanda einmal als die Schweiz Afrikas bezeichnet. An diesem Ort weiss man warum. Ein Blick wie in den Alpen. Berge und Täler, Felder und im Hintergrund der wunderschöne Lake Kivu. Und dahinter die Berge des Kongos.

Bisesero. Oberhalb dieses Dorfes liegt die nationale Gedenkstätte für den Widerstand gegen den Genozid. Für fast 100 Tage hatten sich im Frühjahr 1994 rund 60.000 Tutsis hier oben auf dem Berg verschanzt und gegen Angreifer verteidigt. Dem einzigen Ort, an dem es einen gezielten Widerstand gegen den Genozid gab. Mit Lanzen vertrieben sie die Hutu Milizen, die mit Macheten ein weiteres Blutbad anrichten wollten. Doch dann brach der Widerstand, als das ruandische Militär eingriff. Die Tutsis konnten sich mit ihren Speeren und ihrem Überlebenswillen nicht länger gegen Gewehre und Handgranaten wehren.

bisesero2Heute erinnert ein Massengrab an Zehntausende von Toten. Am Eingang des Mahnmals steht eine unscheinbare Lagerhalle, so wie sie auch auf jeder Alm stehen könnte. Man vermutet landwirtschaftliches Gerät oder Heuballen. Doch hier ist der Raum mit Schädeln und Knochen gefüllt. Man steht nur fassungslos da. Betroffen, irritiert, fehl am Platz. Man tritt hinaus und sieht diese friedliche Landschaft. Wie konnte das nur passieren?

Mit dem Bau der Gedenkstätte wurde vor zehn Jahren begonnen, doch sie wurde nie fertig gestellt. Der Regierung ging das Geld aus. So bröckelt mittlerweile der Putz ab, die Stufen und Mauern sind angeschlagen. Am Eingang erwartet den Besucher ein Wasserschaden. Besucher? Hierher kommt niemand. Delegationen ist der Weg zu beschwerlich, Kranzniederlegungen in dieser Gegend wären zu zeitaufwendig.

Die Tür ist verrammelt, erst nach wenigen Minuten kommt eine Frau angerannt, die das Auto durch das Dorf fahren sah. Im Gästebuch ist der letzte Besucher mit dem Datum September 2009 zu finden. Die heute 22jährige verdient sich mit den wenigen Führungen ein paar Ruandische Francs dazu. Mit sieben hat sie auf diesem Hügel ihre Eltern verloren. Im Dorf lebt man wieder zusammen, meint sie. Man schaue nicht zurück, man hat vergeben.

Fussball vereint

Der DFB ist hier in Ruanda sehr aktiv. Die Trainer- und Schiedsrichterausbildung steht vornan, dazu demnächst mehr in der Nürnberger Zeitung.

ruanda5Auf dem Weg nach Kibuye am Kivu See, direkt an der Grenze zum Kongo, spielten immer wieder Jungs Fussball. Um ein paar Töne für ein Radiofeature über das Engagement des DFB zu sammeln, hielt ich an. Doch aus den Aufnahmen wurde nicht viel, zu seltsam oder ungewöhnlich war es wohl, dass da ein Weisser mit Aufnahmegerät am Rand stand und zusah. Also pölten wir einfach ein bisschen mit dem selbstgebastelten Fussball, den man richtig gut kicken konnte. Doch dabei ging mir fast die Luft aus, denn Ruanda liegt ziemlich hoch und dieser Fussballplatz lag auch noch auf einem Berg. Aber es ging für eine Weile und machte auch richtig Spass. Fussball vereint eben.

Aber hier auf dem offenen Land sieht man auch die Unterschiede zur Stadtbevölkerung. Die Kinder hatten mehr abgetragene, zu grosse und verdreckte Sachen an, spielten barfuss auf einem sehr holprigen und zum Teil steinigen Platz. Was man in Kigali nicht so sehr sieht, wurde hier ganz klar, Ruanda ist ein sehr armes Land.