Der Tiger ist sauer

Gestern berichtete ich über die Freilassung von Kim Davis, der Standesbeamtin für Rowan County, die sich trotz richterlicher Anordnung geweigert hatte, homosexuellen Paaren Trauscheine auszustellen. Sie erklärte, ihre Auslegung von Gottes Wort sei wichtiger als „the law of the land“, das sogar vom Verfassungsgericht in Washington abgesegnet worden war.

Egal, als Kim Davis gestern an der Hand von Pastor, Ex-Gouverneur und Präsidentschaftsanwärter Mike Huckabee unter dem Jubel der Menge auf die Bühne trat, ertönte „Eye of the tiger“ von Survivor. Als ich den Auftritt live im Fernsehen verfolgte, fragte ich mich schon, ob die Band dazu ihr ok gegeben hatte. Wie sich nun herausstellte, nö, hatte sie nicht. Survivor reagierten umgehend und verklagten Mike Huckabee und Kim Davis auf 1,2 Millionen Dollar, für die unerlaubte Nutzung ihrer Hitsingle.

Survivor reagierte prompt mit einer Stellungnahme. Foto: Peltner.

Survivor reagierte prompt mit einer Stellungnahme.

Bislang wurde das Lied als Motivationsschub in Muckibuden rund um den Globus genutzt, denn es war Teil des Soundtracks von „Rocky III“, Sylvester Stallone trainierte zu dem Song für den großen Kampf. Gewichtheben, Sprints, Dauerläufe, all das passt gut zu „Eye of the tiger“, oder wie es Lothar Matthäus einmal ausdrückte: „vom Feeling her, habe ich ein gutes Gefühl“. Doch eine Standesbeamtin, die weltweites Aufsehen erregte, weil sie eigenwillig gleichgeschlechtlichen Partnern die Ehe verweigern wollte, geltendes Recht brach, dafür vier Tage hinter Gittern sass, dann weinend an der Hand eines erzkonservativen Präsidentschaftskandidaten auf eine Bühne tritt, das passt nicht so richtig zum „Rocky“-Image.

Survivor erklärten auf ihrer facebook Seite, man solle ihre Musik nicht mit politischen Botschaften vermischen. Klare Aussage, kurz und knapp. Im Netz kam die Reaktion der Band gut an. Tausende Male wurde ihr Posting geteilt. Juristen glauben, dass Survivor gute Chancen hat, einen Prozess, wenn es denn so weit kommen sollte, zu gewinnen, denn klar ist, sie gaben weder Huckabee noch Davis ihr Einverständnis „Eye of the tiger“ zu nutzen. Und Huckabee ist im Wahlkampf, eine Klage an den Hacken kann er sich gerade gar nicht leisten. Vor allem, wenn es um das wichtige Copyright geht. Es wird wohl auf einen Vergleich hinauslaufen. Und einen Boykottaufruf christlicher Fundamentalisten gegen Survivor. Aber damit kann die Band sicherlich leben.

Im Auge des Tigers von Gott gesandt

Ich glaube mal nicht, dass Survivor ihren Hitsong für diesen Moment geschrieben haben. Als die Standesbeamtin für Rowan County, Kim Davis, auf die Bühne tritt, röhrt „Eye of the tiger“ durch die Lautsprecherboxen, so, als ob sie einen Schwergewichtskampf gewonnen hätte. Davis war nach fünf Tagen Gefängnis entlassen worden. Zuvor hatte sie sich trotz Richterspruch geweigert, Trauscheine auszustellen. Der Grund, Kim Davis erklärte, Gay Marriage verstosse gegen ihre religiöse Überzeugung, von daher unterschreibe sie diese Trauscheine nicht. Egal, ob das oberste Verfassungsgericht die Eheschließung zwischen Mann und Mann, zwischen Frau und Frau als „law of the land“ erklärte. Egal, ob Kim Davis bei ihrer Amtseinführung schwor, die Gesetze in Kentucky und den USA zu befolgen. Egal, ob ein zuständiger Richter ihr mit Beugungshaft drohte. Kim Davis blieb dabei und meinte, sie befolge nur Gottes Wort.

Kim "Rocky" Davis vor ihrer Verhaftung. Foto: AFP.

Kim „Rocky“ Davis vor ihrer Verhaftung. Foto: AFP.

Was dann in Grayson, Kentucky, passierte war ein sonderbarer Zirkus. Kim Davis wurde für die Christlich-Konservativen im Land zur Heldin, die für ihren Glauben einstand. Die Präsidentschaftskandidaten Mike Huckabee und Ted Cruz eilten in die Kleinstadt, um Unterstützung zu zeigen und Aufmerksamkeit im Wahlkampf zu erzielen. Huckabee polterte von der „Rechtstyrannei“ und meinte ernsthaft; „Gott hat sich gezeigt. Er hat sich gezeigt in der Form einer gewählten Demokratin mit dem Namen Kim Davis“. Die Menge applaudierte.

Nun also ist die dreifach geschiedene Kim Davis das Darling der heterosexuellen Eheverfechter in den USA. Richter David Bunning entliess sie mit der Auflage, dass sie sich fortan nicht mehr um die Trauscheine in ihrem Büro kümmern darf. Davis ließ am Dienstag offen, ob sie sich daran halten wird.

Aber denken wir mal weiter. Nehmen wir mal an, ich wäre in einer Stadtverwaltung für die Ausstellung von Jagd- und Waffenscheinen verantwortlich. Ich würde als überzeugter Vegetarier meine Unterschrift verweigern, denn „you shall not kill“ heißt es ganz klar in der Bibel. Mein Glauben verbiete mir das Abknallen von Tieren, so meine Begründung. Man stelle sich mal den „Shitstorm“ vor, allen voran von Seiten der Freiheitsverfechter der NRA, der danach mit Sicherheit kommen würde.

Ich spreche Kim Davis ihren Glauben nicht ab, allerdings lebt sie in einem Land, in dem die geschriebenen Gesetze vor Gottes Wort stehen, egal, wie sie dies auch auslegen mag. Sie muß ihre Unterschrift unter einen Trauschein gleichgeschlechtlicher Partner nicht geben, das ist ihr überlassen. Diese Freiheit hat sie. Doch wenn sie sich so entscheidet, muß sie ihren Schreibtisch räumen. Als eine demokratisch gewählte Kommunalangestellte, darf sie nicht mehr und nicht weniger machen, als die Gesetze zu befolgen.

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