Die Verrohung der Gesellschaft

Als Ende August 2005 der Hurricane Katrina auf die Golfküste von Louisiana, Mississippi, Texas und Alabama traf entstand ein Schaden, der weit über 100 Milliarden Dollar groß war. Doch das war nicht das eigentliche Problem. Die Amerikaner waren vielmehr entsetzt und enttäuscht darüber, dass die Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen nur schleppend anliefen, nicht durchdacht waren, das ganze Chaos durch Fehlentscheidungen und Fehlplanungen nur noch vergrößert wurde. Die Regierung, allen voran die Bush-Administration, hatte vollkommen versagt. George W. Bushs Umfragewerte rutschten nach der Katrina Katastrophe deutlich ab. Ganz Amerika war erschüttert von der Unfähigkeit der staatlichen Behörden.

Im neuen Amerika werden ankommende Kinder von ihren Eltern getrennt. Foto: Reuters.

Wie sich die Zeiten ändern. Seit Wochen und Monaten spielen sich an der US amerikanischen Grenze brutale Szenen ab. Kinder werden von ihren Eltern getrennt, nachdem diese illegal die Grenze überschritten haben. Und nicht nur das, auch Asylbewerbern an der Grenze wurden die weinenden Kinder weggenommen. Präsident Donald Trump und sein Justizminister Jeff Sessions haben dieses Vorgehen lange Zeit als hartes Durchgreifen gegen Kriminelle verteidigt, wer nicht von seinen Kindern getrennt werden wolle, sollte eben nicht illegal versuchen in die USA zu gelangen, so die Meinung der Offiziellen.

Damit scheint nun Schluß zu sein, doch viele der Kinder, die in andere Landesteile gebracht wurden, sind noch immer nicht mit ihren Eltern vereint. Schlimmer noch, über 100 Kleinkinder im Alter von 5 Jahren und jünger sind unauffindbar. Dutzende ihrer Eltern wurden bereits deportiert, ohne ihre Kinder. Andere Elternteile konnten bislang nicht aufgefunden werden. Und der Aufschrei in der Bevölkerung hält sich in Grenzen, vor allem bei denen, die Donald Trump unterstützen. Sie glauben seinem Ruf nach sicheren Grenzen, fordern den Mauerbau, die Abschottung Amerikas, die Kategorisierung von Immigranten und Asylsuchenden als Kriminelle und Terroristen.

Amerika verliert unter Donald Trump viel mehr als nur das Ansehen. Es findet eine Verrohung der Gesellschaft statt, in der Andersdenkende, Andersgläubige, Andersaussehende, Anderssprechende als unerwünscht und unamerikanisch abgestempelt und beschimpft werden. Amerika in den Augen von vielen ist ein weißes Land, und wenn es das zur Zeit nicht ist, soll es wieder eins werden. Die Not, das Leid, das Elend im eigenen Land und in anderen Teilen der Welt geht viele hier nichts mehr an. Das versteckt sich hinter den Rufen „America First“ und „Make America Great Again“. Donald Trump wirkt wie der Priester einer Gemeinde, die ein neues, ein gelobtes Land ausruft, in dem kein Platz für Fremde, Schutzsuchende, Nichtweiße ist.

 

Das neue Chaos von Donald Trump

Das Titelfoto des aktuellen TIme Magzine.

Das Bild des kleinen Mädchens ging um die Welt. Herzzerreißend weint es und stand damit für die mehr als 2300 Kinder, die nach einem illegalen Grenzübertritt von Mexiko in die USA von ihren Eltern getrennt und in teils sehr fragwürdigen Unterkünften versorgt wurden. Der Vater der zweijährigen Yanela aus Honduras hat nun in einem Interview erklärt, die Kleine sei nie von ihrer Mutter getrennt gewesen, sie habe nur sehr beim stressigen Grenzübertritt geweint. Yalena und ihre Mutter, die 32jährige Sandra Hernandez, seien vielmehr in einem Familienlager der Immigrationsbehörde in Texas untergebracht.

Konservative Medien in den USA sehen das allerdings als einen weiteren Beweis dafür, dass viele Medien und Demokraten die Immigrationskrise in den USA politisch ausschlachten wollen, wie hier mit „gefälschten“ Bildern. „Fake News“ ist der Ruf, doch klar ist, dass die kleine Yanela nie zu Trump aufschaute und der Präsident auch nie auf die das Mädchen runterblickte. Es ist eindeutig eine Fotomontage, die allerdings das ganze Problem an der südlichen Grenze der USA verdeutlicht. Die Trennung von Familien ist unmenschlich und unchristlich.

Zwar hat Donald Trump, auch nach großem Druck der Christen im Land, mit einer präsidialen Anordnung von jetzt auf gleich die Trennung von Kindern von ihren Eltern außer Kraft gesetzt, doch damit hat Trump nur neues Chaos geschaffen. Nun geht die Suche nach 2300 Kindern los, die irgendwo im Land untergebracht wurden, teils sprechen sie indigene Sprachen, die von Betreuern nicht verstanden werden. Ausgehändigte Flyer an betroffene Eltern, auf denen Telefonnummern aufgelistet sind, helfen, so unterstützende Anwälte, nicht viel weiter. Trump hat nach dem übereifrigen „Muslim-Ban“ nun ein weiteres Chaos geschaffen, denn das Justizministerium sieht die Dinge ganz anders als das Ministerium für Heimatschutz. Jeff Sessions und seine Juristen meinen, Familien sollten nach einem illegalen Grenzübertritt weiterhin interniert werden. Das Heimatschutzministerium legt Trumps Anordnung dahingehend aus, dass Familien nach einer Registrierung bei Familienmitgliedern in den USA unterkommen können. Die Immigration, das Grundrecht auf Asyl, die Grenzsicherung und damit auch der Trumpsche Mauerbau werden also auch 2018 das heiße Wahlkampfthema sein.

Ist doch nur für den Selbstschutz!

Man will sich doch nur sicher fühlen. Foto: Reuters.

Man will sich doch nur sicher fühlen. Foto: Reuters.

Irgendwas läuft schief im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die vom früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg finanziell unterstützte Organisation „Everytown for Gun Safety“ hat nun ein paar Zahlen veröffentlicht. Wieder mal Zahlen, bei denen man sich an den Kopf packt. 2015 haben 265 Kinder und Jugendliche unter 18 eine Waffe in die Hand genommen und versehentlich auf sich selber oder jemanden anderes geschossen. Meist waren es Kleinkinder, wie der vierjährige William Anderson aus Bethel, Alaska, der am 28. Dezember nach dem Schlittenfahren nach Hause kam und dort die Waffe seines Vaters fand, damit spielte und sich ein Schuß löste. William starb.

Von den 265 versehentlich abgefeuerten Schüssen waren 83 tödlich. 41 Kinder erschossen sich unabsichtlich selbst und 42 weitere Personen starben durch umherfliegende Kugeln. Es waren Unfälle, keine von Kindern und Jugendlichen geplanten Selbstmorde oder Morde.

Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch eine Kugel verletzt oder getötet zu werden, steigt erheblich mit einer Waffe im Haushalt. Und das auch, wenn niemand jemanden in der Familie oder im näheren Umfeld töten will. Dazu passt auch die Nachricht aus St. Cloud, Florida. Eine Frau wachte in der Nacht zu Silvester durch Geräusche auf und sah einen Schatten auf sich zukommen. Sie griff zur Waffe neben sich (!) und feuerte einen Schuss ab. Und der traf ihre 27jährige Tochter tödlich. Die war spät nach Hause gekommen und wollte anscheinend noch nach der Mutter sehen. Der Vater der 27jährigen ist Polizeibeamter, seine Frau, die Mutter, arbeitet in der Notrufzentrale der Stadt. Ich weiß, die „National Rifle Association“ (NRA) erklärt: Not guns kill people, people kill people!

Das Leid der Kinder

Jedes Jahr versuchen rund 140.000 Menschen illegal die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu überwinden. Viele von ihnen schaffen es nicht, werden von amerikanischen Grenzbeamten verhaftet. Andere sterben in der Wüste, verdursten, brechen entkräftet zusammen. Wieder andere werden auf der mexikanischen Seite von Banden überfallen, ausgeraubt, vergewaltigt, ermordet. Das menschliche Drama an der südlichen Grenze der USA ist ein täglicher Alptraum.

Nun haben die Behörden in Mexiko Alarm geschlagen. Innerhalb einer Woche im März haben sie 370 Kinder aufgelesen, die beim Versuch über die Grenze zu kommen einfach zurück gelassen wurden. Dehydriert, orientierungslos, verletzt. Zuvor hatten sie mehrere tausend Dollar an Schmuggler gezahlt, doch das alleine war keine Garantie. Die Kinder stammen, so die mexikanischen Behörden, aus mehreren mittelamerikanischen Ländern. Immer öfter werden Kinder alleine auf die lange und beschwerliche Reise Richtung Norden geschickt, um dort einen Job zu finden. Die Amerikaner verschließen vor diesem Problem ihre Augen, es sei ein mexikanisches Problem, heißt es in Washington. Eine von Präsident Obama angedachte Reform des Einwanderungsgesetzes – längst überfällig – wurde erneut vertagt, verschoben, verpasst. In dieser Legislaturperiode wird nichts mehr passieren. Warum? Weil man sich in Washington nicht einig wird. In der Wüste werden deshalb weiter Menschen sterben, die eigentlich nur dem „American Dream“ folgen.

Kate Perrys Rauswurf aus der Sesamstrasse

Kate Perry ist ein Superstar, bekannt für ihre Musik und ihre gnadenlosen Outfits. Und genau ihre Klamotten haben sie nun in Schwierigkeiten gebracht….in der Sesamstrasse. Perry war als Gast geladen, um mit Elmo zu spielen und zu singen. Den Song kann man hier unten auf youtube anschauen. Allerdings reagierten Eltern, die die Sendung probeweise vorab sehen durften, entsetzt über den tiefen Einblick, den Kate Perry den jungen Zuschauern bot. Die Produzenten überlegten nicht lange und schmissen den Besuch der Sängerin kurzerhand aus dem geplanten Programm für die kommende Saison.

Ähm, also ich finde das Kleid zwar nicht soooo doll, aber irgendwie scheinen mir hier die Eltern etwas übersext zu sein, wenn man das mal so sagen darf…

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Im ruandischen Gefängnis

Ruanda ist ein Land im Um- und Aufbruch. Der Genozid ist überall, egal wohin man sich wendet, man wird damit in Kontakt kommen. Heute war ich mit Eugenie Musayidire, die 2007 mit dem Nürnberger Menschrechtspreis ausgezeichnet wurde, im Gefängnis von Gitarama. Mehr als 8000 Häftlinge sitzen dort ein, der Grossteil von ihnen wegen Straftaten während des Genozids 1994.

Dort sind auch rund 400 Frauen in einer engen Baracke untergebracht. Holzstockbetten über drei Etagen, eng aneinander liegen die Frauen. Handtücher und Kleidungsstücke hängen an Leinen, Taschen, in denen private Dinge untergebracht sind. Eine davon mit dem Konterfei von Barack Obama „Yes we can“. Im kleinen Innenhof stehen viel aneinander gedrängt, reden, singen, lesen in der Bibel.ruanda2

Eugenie Musayidire hat hier ihr neues Projekt gefunden. Sie betreut die 74 Kinder im Alter bis zu sechs Jahren, die mit ihren Müttern hinter den Gefängnismauern leben. Mit Hilfe einiger Gefangener geht sie mit den Kleinen spazieren, singt und spielt mit ihnen, geht zum Gefängniszaun und blickt nach draussen, wo an einer Strasse Passanten vorbeilaufen und Autos vorbeifahren. Für die Kinder eine spannende Abwechslung von der Enge des Gefängnistraktes.

Eugenie Musayidire hat grosse Pläne, sie will hier ein Kinderzentrum aufbauen, eine Art Kindergarten, um den Kleinen eine Kindheit in einer einigermassen normalen Umgebung zu bieten. Es wäre ein richtiger Schritt für die Kleinen, vielleicht auch ein Stück Hoffnung für die Mütter, die ihren Kindern so gut wie gar nichts bieten können.

Auch dieses Erlebnis am heutigen Tag war erschütternd, die Enge des Traktes erdrückend. Dazwischen kleine Kinder, die den Spaziergang im staubigen Gefängnishof geniessen.

ruanda3Später sass ich noch mit Eugenie und ihren Helferinnen zusammen. Sie stellten sich vor, ihren Namen, warum sie hier waren und wie lange sie noch hier sein werden. Die meisten von ihnen meinten „Genocide“. 14, 22, 27 Jahre, lebenslänglich. Unvorstellbar in diesen Zuständen, in dieser Umgebung. Wie halten sie das aus? Sie wüssten, warum sie hier seien. Schuld, Sühne, hoffen auf Vergebung.