Gemeinsam gegen die Gewalt

Die Politik in den USA tut nichts gegen die Gewalt auf den Straßen, gegen Massenschießereien und alljährlich Zehntausende von Toten und Verletzten durch Schusswaffen. Das ist die Lehre aus El Paso und Dayton. Doch damit wollen sich viele in den USA nicht mehr abfinden. Es bilden sich Koalitionen, um gemeinsam gegen die ausufernde Gewalt vorzugehen.

Fast die Hälfte der Gemeinde hat die Folgen von Schusswaffengewalt schon selbst erlebt.

The Way“ in Berkeley ist eine afro-amerikanische Kirche, die sich einmischt. Gerade die beiden Führungspersonen Pastor Mike und sein Bruder Ben McBride, beide in San Francisco und Oakland aufgewachsen, halten sich nicht zurück. Am heutigen Sonntag feierten sie einen Gottesdienst, der schlichtweg mitreißend war. Politisch, fordernd, kompromisslos. Es ging um das Thema Waffengewalt in den „black communities“ der USA. An einem Punkt forderte Pastor Mike all jene in der Gemeinde auf nach vorne zu kommen, die Angehörige, Freunde oder Bekannte durch Gewalt verloren haben. Nahezu die Hälfte der Kirchenbesucher stand danach um ihn herum, einige hatten Fotos von Verstorbenen mitgebracht. Man umarmte sich, man legte seinem Nachbarn die Hand auf die Schulter, man betete gemeinsam für ein Ende des sinnlosen Sterbens.

Die McBrides reden und beten nicht einfach nur, sie organisieren auch im ganzen Land. Pastor Mike ist einer der treibenden Kräfte in einem Verbund aus Hunderten von „black churches“ in den USA. Das Ziel ist, sich zu organisieren und gemeinsam gegen die Gewalt anzugehen. So will man politischen Druck ausüben. Mit etlichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten hat man bereits gesprochen, auch mit Präsident Donald Trump will man ins Gespräch kommen. Doch am wichtigsten ist es diesen Kirchenvertretern, dass die Mitglieder der etwas anderen, eher unkonventionellen Gemeinde aktiv werden, sich einmischen, ihre Senatoren und Kongressabgeordnete anschreiben und das Wort Jesus Christus‘ „love your enemy“ vorleben. Es liege an jedem von uns selbst, so McBride, die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Es sind hoffnungsvolle Worte an diesem Sonntagmorgen auf der University Avenue in Berkeley. Vielleicht etwas naiv, doch sie sind der richtige Ansatz in diesem Land. Die Veränderung beim Waffenbesitz, das Ende der Gewalt durch Schusswaffen muss aus den Kirchen kommen, von den Gläubigen selbst, die den Schutz eines jeden als die eigentliche „Pro Life“ Frage einfordern. Die Kirchen der Schwarzen in den USA machen es vor. Sie haben zu lange der Gewalt in ihren Stadtteilen zusehen müssen, darauf hoffend, dass etwas passiert. Damit ist nun Schluß. Gemeinsam will man den Druck im ganzen Land erhöhen. Es wird höchste Zeit.

Nun kommt die „Family Operation“

Eine Kirche in Oakland. Nach dem Gottesdienst sprechen der Pfarrer, Kirchenvertreter und zahlreiche Mitglieder der Gemeinde über das, was da wohl kommen wird und was die Trump Administration als „Family Operation“ bezeichnet. Der Präsident selbst hatte bereits Mitte Juni in einem Tweet deutlich gemacht, dass er die Deportation von Millionen von Migranten angeordnet habe.

Wenige Tage nach diesem Tweet ruderte Trump etwas zurück, er werde nun zwei Wochen warten, damit die Demokraten mit ihm einen Deal ausarbeiten könnten. Die „Deadline“ dafür ist allerdings am Samstag verstrichen, kein „Deal“ für den „Dealmaker“. Nun bereiten sich Behörden und die Immigrationspolizei (ICE) auf das Projekt „Family Operation“ vor. Dabei sollen Familien des Landes verwiesen werden. In den Großstädten und in den Agrarregionen des Landes geht die Angst um. Viele der „undocumented immigrants“ trauen sich kaum noch auf die Straße, zum Einkaufen, in den Park. Und in den unzähligen Kirchen, wie dieser hier in Oakland, wird darüber gesprochen, was man tun kann, ja, was man als Christ tun muss.

Tausende von Familien sollen ausgewiesen und abgeschoben werden. Doch viele der Kinder in diesen Familien wurden in den USA geboren, sind damit amerikanische Staatsbürger. Was soll mit ihnen passieren? Es wäre nicht das erste Mal, dass die USA ihre eigenen Staatsbürger ausweisen. Deutsche Familien beispielsweise wurden nach dem 2. Weltkrieg nach Deutschland deportiert, mit ihnen ihre Kinder, die in den Vereinigten Staaten zur Welt kamen.

Donald Trump macht nun Wahlkampf auf dem Rücken von Migranten. Er zeigt seiner Basis, dass er ernst macht, dass er hart durchgreift, dass für ihn die Migranten das Problem allen Übels in den USA sind. Dem gegenüber stehen Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, wie Libby Schaaf in Oakland, die sich schützend vor Migranten stellen. Schaaf erklärte mir in einem Interview: „Als Amerikanerin und als Bürgermeisterin muss ich meine Gemeinde beschützen. Und in meiner Gemeinde leben auch Menschen wie Maria Mendoza Sanchez, die mit einem Baby im Arm und ihrem Mann in dieses Land kam und alles richtig machte. Sie arbeitete hart, kaufte sich ein Haus, bildete sich weiter, und legte Wert darauf, dass ihre Kinder, drei davon wurden in den USA geboren, eine gute Schulbildung erhalten. Sie wurde eine examinierte Krankenschwester in unserem öffentlichen Krankenhaus, rettete Leben, half den Kranken und wurde in den mehr als 20 Jahren in diesem Land nie straffällig. Welchen Vorteil hat meine Gemeinde in Oakland, wenn sie in ein Land zurückkehren soll, in dem sie seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr war, wenn sie ihre Kinder, die amerikanische Staatsbürger sind, verlassen muss, ihre Patienten, die sie mögen. Was hilft das meiner Gemeinde? Es hilft nichts!“

Seit der Amtsübernahme von Donald Trump hat sich in den USA ein Schattennetzwerk aus Hilfsorganisationen, Kirchen und Privatpersonen gebildet, die auf drohende Abschiebungen in den Städten und Gemeinden reagieren wollen. Und derzeit schrillen überall die Alarmglocken. Telefonlisten werden verbreitet, Hinweise und Informationen für den Tag X ausgedruckt. Nun also scheint dieser Tag gekommen zu sein. Bei der Immigrationspolizei gibt man sich bedeckt, man spreche nicht über bevorstehende „Law Enforcement“ Aktivitäten. Berater des Präsidenten, wie etwa Stephen Miller, plädieren allerdings dafür, dass diese angekündigte Verhaftungswelle und die Abschiebungen möglichst werbe- und öffentlichkeitswirksam durchgeführt werden. Miller ist sich sicher, dass diese Bilder gut im Wahlkampf für Donald Trump ankommen werden. Das Leid der einen scheint der Erfolg des anderen einen zu sein.

„I see dead people“

An der Ecke Franklin und Clay Street in San Francisco, unweit des Deutschen Generalkonsulats gelegen, steht ein Haus, das da so gar nicht mehr hinpasst. 1895 für Margaret Crocker erbaut, fällt dieses Herrenhaus umgeben von Wohnsilos selbst beim Vorbeifahren auf der vielbefahrenen Franklin Street auf.

Golden Gate Spiritualist Church.

In diesem für San Francisco alten Gebäude ist seit 1924 die “Golden Gate Spiritualist Church” untergebracht. Am vergangenen Mittwochabend besuchte ich erneut die Kirche. Beim Eintreten hat man gleich das Gefühl in eine andere Zeitepoche, wenn nicht sogar in eine andere Dimension zu schreiten. Die Welt da draußen ist weit weg, nur ganz entfernt kann man den Lärm des Alltags wahrnehmen. An den Wänden selbstgemalte Bilder, die ihre eigene Geschichte haben, wie mir später Reverend Delaney Lauderback und auch die Pianistin Carla Gee erklären. Die Gemälde wurden nämlich nicht in dieser Welt gemalt. Sie hängen an den Wänden, die noch zum Teil die Originaltapete aus den Gründungsjahren aufweist.

Im Erdgeschoss befindet sich der Versammlungsraum der Kirche, ein kleines Nebenzimmer dient als “Chapel”, als Kapelle. Das Licht gedämpft, alte Stühle an einer Wand, in mehreren Vitrinen sind etwa 800 Elefantenfiguren aufgereiht. Ein religiöses Symbol für die Spiritualisten. In dieser Kapelle finden die “Healing Sessions” vor dem eigentlichen “Church Service” statt, wie der Pastor der 95 Mitglieder starken Gemeinde, der 81jährige Reverend Delaney Lauderback, erklärt: „Wir praktizieren hier Heilung durch Handauflegen, nichts Spektakuläres. Einige von uns haben das Glück diese heilende Kraft zu kanalisieren. Wir lassen die Personen in der Geisterwelt, die diese Heilkraft haben, sie durch uns an Menschen weitergeben, die sie brauchen.“

Die Mitglieder der “Spiritualist Church” glauben an einen Austausch zwischen dieser und der Welt der Verstorbenen. Etwa 180.000 Mitglieder zählt diese Glaubensgemeinschaft in den USA. „Es ist anders und doch ist es eine Kirche, die auf Gott basiert“, so der Pastor. „Der erste Grundsatz des Spiritualismus lautet, dass wir an die endlose Intelligenz glauben, dass Gott keine Person irgendwo auf einem Thron ist. Er ist endlos gegenwärtig, endlos bewußt, endlos überall und wir alle sind ein Teil darin. Wir haben eine Seele, die ein Funken in dieser Gotteskraft ist.“

Nach dem Heilen, dem Handauflegen, für einige der Gekommenen findet im größeren Versammlungsraum der “Service”, die Messe, statt. Nach einigen Liedern und Gemeindehinweisen treten nacheinander zwei Männer an das Rednerpult, die beide Medium sind. Sie deuten scheinbar wahllos auf Männer und Frauen in den Sitzreihen und fragen, ob sie zu ihnen kommen dürfen. Dann berichten sie von “Spirits”, von Geistern, die sie neben den Personen sehen, beschreiben, was diese ihnen erzählen und versuchen das mit Fragen zu deuten. Aufzeichnen darf ich den Service mit einem Aufnahmegerät nicht. Nicht die Geister haben damit ein Problem, sondern es sind eher weltliche Gründe, wie Pastor Lauderback mit einem Lachen meint: „Das ist keine gute Idee. Ich glaube es gibt Gründe der Vertraulichkeit für die Leute, die hier sind. Ich meine ganz legale.“

Eine die regelmäßig hier ist, ist Marilyn Lander. Seit fast einem Jahr kommt sie Woche für Woche zur Kirche. Meist schon vor dem eigentlichen Beginn des Service, um noch etwas in den spirituellen Büchern in den Wandschränken zu schmökern. „Ich war schon immer vom Austausch mit Geistern fasziniert. Als beide meiner Eltern starben, entschied ich mich, ich schau mal, was es damit auf sich hat. Und seit dem ersten Mal, seitdem ich hierher kam, fühlte ich mich willkommen. Plus, ich bekam Beweise, die mir zeigten, dass meine Eltern und andere die verstarben in der Geisterwelt sind. Es ist unglaublich und die Gemeinschaft hier ist sehr nett.“

Carla Gee sitzt jeden Mittwoch und Sonntag am Flügel gleich neben der kleinen Bühne und begleitet die Lieder. „Ich glaube an die Philosophie der Kirche. Ich mag sie, sie ist wunderschön. Sie besagt, dass wir nicht sterben, wenn der physische Körper stirbt, die Seele besteht weiter. Das ist der Grund unserer Kirche, daran glauben wir und versuchen Leute das verständlich zu machen.“

Auf der anderen Seite der San Francisco Bay findet man das American Baptist Seminary of the West. LeAnn Flesher ist die Dekanin und Professorin für das Alte Testament. Sie sieht die “Spiritualist Church” kritisch, und dennoch weiß sie, dass dieser Glaube auch im Christentum zu finden ist. „Als erstes fällt mir etwas aus dem Alten Testament ein, als King Saul Samuel von den Toten beschwören will. Er geht zu einem Medium und fragt Samuel, ob er eine bestimmte Schlacht gewinnen wird. Und Samuel bestraft ihn hart dafür, dass er ihn von den Toten beschworen hat. In diesem bestimmten Text sieht man ein deutlich negatives Beispiel, das nicht gebilligt wird. Aber das es überhaupt da ist legt nahe, dass es praktiziert wurde.“

In der San Francisco Bay Area gibt es viele verschiedene Religionen, Glaubensgemeinschaften, die hier friedlich nebeneinader existieren können. LeAnn Flesher, Expertin des Alten Testaments, sieht deshalb auch die “Golden Gate Spiritual Church” gelassen. Sie versteht sogar, zumindest ein bisschen, woher die Faszination für diesen Glauben kommt. „Ich denke, dass Wissenschaft und Religion uns davon zurückhält, all das zu erfahren, was es zu erfahren gibt. Es gibt da Dinge im Universum, in unserer Welt, in bestimmten Bereichen, die wir nicht kennen oder nicht hunderprozentig erklären können. Und wir glauben, durch die Wissenschaft alles verstehen zu können. Und wenn es nicht konkret und nachweisbar ist, dann existiert es nicht. Das hält uns zurück. Und gleichzeitig sind da bestimmte Leute,  die den Glauben an einen bestimmten Punkt bringen wollen, an dem die Wissenschaft überflüssig ist. Und auch das hält uns zurück, denn sie gehen in eine ganz andere Richtung. Die Frage ist also, wenn da nun Leute zu mir kommen und mir sagen, sie sehen Geister um mich rum, die da einiges veranstalten, glaube ich daran, dass das so ist? Nein, ganz sicher nicht.“

Nach dem Service am Mittwochabend kommt einer der Männer von der Bühne auf mich zu. Ich hatte bemerkt, dass er mich, während der andere sprach, ständig anblickte. Er lächelt mich an, gibt mir die Hand und sagt: „Da war eine junge Frau neben Dir, die Dich die ganze Zeit umarmt hat. So wie eine Schwester.“ 

 

Das Wort Gottes hinter Gittern

Grelles Neonlicht, eine Madonna Statue, ein Kreuz, ein Altar. Links vorne spielt eine Band, singt ein Chor. Rund 100 Männer sind in der „Chapel“ von San Quentin zusammen gekommen, um an diesem Sonntagmorgen den katholischen Gottesdienst zu feiern. Zweisprachig wird gebetet, gesungen, gepredigt. Die Männer in Jeanshemd und -hose sind alles Häftlinge des ältesten Gefängnisses in Kalifornien.

Der Gottesdienst beginnt etwas später, da durch den Sturm und den starken Regen viele erst verspätet von ihren Zellen hierher kommen konnten. Die Gebetsräumlichkeiten sind in einem Innenhof von San Quentin untergebracht. Gleich nach der Schleuse in den inneren Bereich, gegenüber des SHU, des „Security Housing Units“, dem Gefängnis im Gefängnis.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

John ist ein „Lifer“, ein Lebenslänglicher. Er begrüßt am Eingang alle Ankommenden per Handschlag, die Mitgefangenen und die wenigen Gäste von draußen. Einige Katholiken aus benachbarten Gemeinden kommen immer mal wieder vorbei, um hier mit den Insassen den Gottesdienst zu feiern, erklärt mir Father George. Er ist der katholische Priester, der auch beratend für alle andere Religionen zuständig ist. In einem Interview erklärte mir Father George, dass dieser Job hier in San Quentin für ihn wie ein Ruf an die Harvard University gewesen ist. Er liebe seine Aufgabe hinter Gittern, auch, wenn er sich in den Zellblöcken nur mit schußsicherer Weste, zum Schutz vor Stichwunden, bewegen kann. Auch, wenn er im East-Block, dem Todestrakt, den Gottesdienst in einem separaten Käfig, getrennt von den Todeskandidaten feiern muß. Hier, so Father George, sehe und erlebe er jeden Tag Gott.

Viele Gefangene schütteln mir die Hand, wünschen mir „Peace“. Einige harte Kerle, denen man ihr früheres Leben durchaus ansieht. Tätowierungen am Hals und an den muskulösen Unterarmen sprechen eine eindeutige Sprache. Aber hier sei man Familie, sagt John nach dem Gottesdienst. Das frühere Leben aus Gewalt, Kriminalität, Gottlosigkeit liege hinter ihnen, meint er. Als ich ihn frage, wie lange er noch habe, sagt er, das kann er nicht sagen, er sei „Lifer“. Vor ihm liegen lange Jahre in einer 2,40 x 1,20 Meter großen Zelle, denn lebenslänglich heißt in Kalifornien lebenslänglich. Er wird San Quentin nur auf einem Weg verlassen.

Der Glaube ist hier eine Stütze, das meint auch Mike, auch er sitzt eine lebenslängliche Haftstrafe ab. Man tausche sich aus, man helfe sich, meint er. Die Stimmung ist freudig an diesem 3. Advent. Die drei Kerzen brennen vorne, dafür braucht es eine Sondergenehmigung. Es wird für die Verstorbenen und die Kranken im Gefängnis gebetet, für die Opfer von Terror und Gewalt draussen. Der Gottesdienst wird aufgezeichnet und später für die anderen Gefangenen, die es hören wollen, über den Gefängnis eigenen Audiokanal ausgestrahlt.

Die Männer lachen viel vorher und nachher, umarmen sich, genießen diese Gemeinsamkeit in der Kapelle von San Quentin. Hier sind sie alle gleich; Weiße, Schwarze, Latinos, ein paar Asiaten. Junge und Alte. Der Glaube versetzt hier wahrlich Mauern. Der Glaube ist hier, das verstehe ich an diesem Morgen, eine wirkliche Sinnfindung in einem ausweglosen Zustand.

 

Sonntagmorgen in Gore

Gore ist eine Kleinstadt. 8000 Menschen wohnen hier. Eine größere Staubstraße führt durchs Zentrum. Kleine Läden reihen sich aneinander. Matratzen, Stoffe, Hemden, Bohnen, Mehl, Töpfe. An einem Tisch zerhackt ein Fleischer erst ein Schaf, dann eine Ziege. Nur ein paar Meter weiter liegen die ersten Haxen schon auf einem größeren Rost. Ein paar Mopedtaxis hupen vorbei. Ein Mobilfunkanbieter versucht mit übersteuerter und überlauter Ethnomucke auf sich aufmerksam zu machen. Viele Kunden zieht der Lärm scheinbar nicht.

Knapp 250 Meter von der morgendlichen Geschäftigkeit entfernt liegt etwas versteckt die evangelische Kirche. Ein Flachbau, blaue Stahltüren und Fensterläden. Mit Handschlag hier und Handschlag dort werde ich begrüßt. Innen wurden meinem Begleiter und mir ein Platz auf einer niedrigen Holzbank zugeteilt. Frauen rechts, Männer links. Ein kahler Raum, vorne ein Podest, eine gezimmerte Kanzel, dahinter an der Wand zwei Christusbilder mit englischem Text darunter. Amerikanische Missionare scheinen in der Gegend gewesen zu sein. Natürlich war Jesus ein Weißer, eines der Bilder erinnerte sogar etwas an „Weird Al“ Yankovic. Seltsam. Es wurde erst einmal gesungen, ein Kirchenchor klatschte und tanzte, eine Kapelle spielte auf. Ein Lied wurde lang und länger, dann noch ein zweites. Zwischendrin fiel der Lautsprecher aus, ein Chorsänger fummelte an einem Kabel rum, dann dröhnte es wieder lautstark. Nach einer halben Stunde trat ein Mann ans Pult und begann zu sprechen. Es klang, so schien mir, nur die Ankündigung eines weiteren Liedes. Und ja, Halleluja.

Es darf getanzt werden im Gotteshaus.

Es darf getanzt werden im Gotteshaus.

Der Gottesdienst wurde auf Französisch gehalten. An einem Punkt mußten alle Gäste und Neuankömmlinge in der Gemeinde nach vorne kommen. Es wurde für sie gebetet und ein Lied gesungen. Ich stand da als einziger Weißer im Raum vor der Kanzel, verstand kein Wort, aber die Stimmung war gut. Sowohl die Frauen auf der einen, wie auch die Männer auf der anderen Seite lächelten mir zu. Ich fühlte mich willkommen. Nach Segen und Gesang begrüßte uns der Kirchenvorstand mit Handschlag. Mein „Thank you, for having me here“ ging wahrscheinlich unter.

Die Predigt wurde gehalten und ging an mir vorbei, aber ich genoß die Situation. Dann die Kollekte, alle liefen um einen Tisch herum, auf dem eine Schüssel stand. Jeder sollte so viel geben, wie er kann. Während der Kirchenvorstand zählte, wurde wieder gesungen, musiziert und vor allem im ganzen Raum getanzt. Eine lebendige, energiegeladene, unterhaltsame, schweißtreibende und durchaus auch humorvolle Messe. Es durfte gelacht werden. Am Schluß gab jeder jedem und jeder die Hand. Ganz leicht, fest zudrücken ist hier nicht gewollt.

Ein schöner Sonntagmorgen in Gore. Nun sitze ich wieder im Compound von Care, es ist schwülheiß. Eigentlich sollte es heute weiter Richtung Osten gehen, doch die Planung wurde umgeschmissen. Die Franzosen hatten eine Reisewarnung für alle Europäer veröffentlicht. Lange Autofahrten sollten gerade in Grenznähe vermieden werden. Damit wurde auf die Ermordung des französischen Bergführers in Algerien reagiert. Der Norden und Westen des Tschad ist vor allem von dieser Reisewarnung betroffen. Im Norden die chaotische Situation in Libyen, im Westen Niger, Nigeria und Kamerun, wo Boko Haram die Bevölkerung terrorisiert. Bei Care ist man vorsichtig. Im Osten hätten wir noch weitere Flüchtlingscamps besuchen sollen. Nun bleiben wir hier, führen vor Ort weitere Gespräche. Auch wenn es hier (noch) nicht brennt, die Sicherheit geht vor. Von daher war heute mal ein Ruhetag, ein wohlverdienter.

Glauben im Krieg

Im deutschen Feldlager in Kunduz gibt es ein Gotteshaus, das „Gottesburg“ genannt wird. Man sieht von außen nicht viel, wie jedes Gebäude im Feldlager ist es mit Hescos, mannshohen Schuttgutkörben, umwallt. Das soll im Fall eines Angriffes vor herumfliegenden Splittern schützen. In der kleinen Kirche wird freitags zum Bibelfrühstück geladen, es werden Veranstaltungen organisiert, der Chor probt hier und natürlich werden evangelische und katholische Gottesdienste gehalten. Die „Gottesburg“ ist eine kleine Insel zum Abschalten.

Seit November letzten Jahres ist dort Thomas Balzk als evangelischer Militärpfarrer im Einsatz. Ein engagierter Mann mit Ideen und einem immer offenen Ohr für die Belange seiner Soldaten.

Ein Audiobericht:

Pfarrer Thomas Balzk in Kunduz     

Ein Mormone ist unwählbar!

Gleich zwei republikanische Mormonen wollen ins Weiße Haus. Jon Huntsman hat keine Chance, obwohl er ein erfahrener Politiker und Diplomat, ehemaliger Gouverneur und Botschafter, ist, kreucht er da am Ende der Kandidatenliste vor sich hin. Nach den ersten beiden Vorwahlen in Iowa und New Hamsphire wird er mit Sicherheit das Handtuch werfen.

Mitt Romney gilt nach wie vor als heißer Anwärter auf die Kandidatur seiner Partei. Doch auch er ist Mormone und das könnte zu einem größeren Problem beim lustigen Stimmenfang werden. Derzeit debattiert die christlich-fundamentalistische Basis der GOP heftigst über die Qualitäten und Überzeugungen Romneys. Und immer wieder kommt dabei auch seine Religionszugehörigkeit auf. Er sei zwar als Politiker erfahren, aber ein Mormone. Er sei ein Washington „Outsider“, aber  ein Mormone. Er sei erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, aber ein Mormone. Mormone klingt in diesen Erklärungen immer so, als ob im 100 Meter Endlauf ein absolut durchtrainierter Spitzenathlet an den Start ginge und der Sitznachbar auf der Tribüne abwinkt und sagt: „Dat wird nix, der hat ’nen Klumpfuß“.

In den verschiedensten christlichen Online Foren ist Mitt Romney das Thema schlechthin. Die einen meinen, seine Religionszughörigkeit ist Nebensache und gehe niemanden etwas an. Ein Nutzer schreibt: „Die Mormonen glauben an Jesus als ihren Retter. Ganz einfach. Romney wäre ein viel besserer Präsident als Obama oder Gingrich.“ Darauf der Kommentar eines anderen: „Sie (die Mormonen) glauben Jesus sei der Bruder Lucifers. Sie glauben, dass Gott Sex hatte, um Jesus zu zeugen. Das ist kein Christentum! Jesus ist Gott und nur das. Lucifer wurde erschaffen. Es war kein Ergebnis eines sexuellen Aktes“. Deutliche Worte, doch kein Einzelfall. Eine weitere Forenteilnehmerin schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass der Glauben eines Kandidaten wichtig ist. Man muß nur unseren jetzigen Präsidenten betrachten und man sieht, wie jemand mit muslimischem Glauben unser Land regiert. Ich persönlich empfinde Mormonismus als Kult und glaube nicht, dass jemand der einer Lüge folgt, mit Integrität führen kann.“

Obama ein Muslim, Romney ein Kultanhänger….diese Auffassungen sind weit verbreitet im christlich-fundamentalistischen Basiscamp der Grand Old Party. In einer Umfrage des „American Family Networks“ haben fast 40 Prozent der Befragten angegeben, dass Romney aufgrund seiner Zugehörigkeit zur mormonischen Kirche nicht wählbar sei. Und genau das könnte ein Problem für den Kandidaten Romney werden, erst in der Vorwahl und falls er sich dabei doch wider Erwarten durchsetzen sollte, im Hauptkampf gegen Amtsinhaber Obama.

 

 

 

 

Fernsehpredigerpannemann

Man kann dem Papst ja vorwerfen, was man will, aber er bleibt standhaft. Er steht für die katholische Kirche wie ein Fels in der Brandung. Das muß man schon ehrlich zugeben, egal, wie man nun die Dinge sieht, die da so vehement verteidigt werden.

Anders ist das in den USA. Hier wird das „christliche“ Weltbild vor allem von Fernsehpredigern bestimmt, die tagein tagaus ihre Zuschauergemeinde beschallen, erleuchten, wegen ein paar Dollar anhauen und ihnen dabei vor allem vom Übel der Welt berichten. Da geht es durchaus auch politisch zu. Schwule, Homoehe, Obama und Demokraten sind verantwortlich für Terror, Lug und Trug und alles was einen in den Schoß von Satan bringt.

Pat Robertson, seines Zeichens Aushängeschild der Fernsehprediger und Boss des Christian Broadcasting Networks, meldet sich immer über seinen „700 Club“ zu Wort. Dabei gibt er Tipps, wie ein Christ im täglichen Leben zurecht kommen kann. Sei es beim Sport, beim Essen, beim Sex, bei der Geldanlage, beim Beten….Pat Robertson weiß zu allem die passende Antwort für den fleißigen „700 Club“ Zuschauer. Seine Popularität war sogar mal so groß, dass Robertson ernsthaft fürs Weiße Haus kandidierte.

Auf die Email eines besorgten Christen, wie man damit umgehen soll, wenn der Partner mit Alzheimer diagnostiziert werde, meinte Pat der Bibelverdreher nun, dass Scheidung in so einem Fall durchaus vertretbar sei, denn diese Krankheit sei „eine Art Tod“ und das Gebot besage ja, „bis der Tod euch scheidet“. „Ich weiß es klingt brutal, aber wenn er (der Email Schreiber) etwas machen will, dann sollte er sich scheiden lassen und ganz neu anfangen. Aber er sollte sicher gehen, dass für seine Frau gesorgt ist und jemand sich um sie kümmert.“

Ganz neue Töne für diesen Seelenfänger, denn ansonsten ist Pat Robertson für die Ehe….natürlich nur die Ehe zwischen Mann und Frau…aber, in so einem Fall von Alzheimer, da kann Jesus auch nicht böse sein, ist Scheidung doch wohl das richtige. Wer will das schon mitansehen, das kann man doch nicht erwarten, schon gar nicht von einem gläubigen Christen? Warum fällt mir da gerade Obelix etwas abgewandelt ein: „Die spinnen ja, die Fernsehprediger“.

Der Glaube bringt Frieden

Vor fast zwei Jahren traf ich zum ersten mal Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda. Nach einer mehrstündigen und holprigen Autofahrt von Kigali kommend saß ich ihr in einem Wohnzimmerbereich des „Maision Euthymia“ gegenüber. Die Clemensschwester berichtete von ihrem Leben und ihrer Arbeit in Ruanda. Anfang der 70er Jahre war sie ins Land gekommen, um hier eine Gesundheitsstation aufzubauen.

Und das gelang ihr und ihrer Mitschwester auch. Der Ruf des Zentrums war weit über die eigentlichen Grenzen des Einzugsbereichs bekannt. Schwester Milgitha half und war dort angekommen, wo sie immer sein wollte, bei den Armen Afrikas.

Doch dann kam das Frühjahr 1994, in dem in einhundert Tagen rund eine Million Menschen abgeschlachtet wurden. Tausende wurden brutalst auf dem Kirchengelände von Kaduha, unter den hilflosen Blicken der Clemensschwestern mit Macheten, Knüppeln, Speeren, Gewehrkolben, Granaten ermordet. Auch in diesen Tagen schaffte es Schwester Milgitha Hunderten von Menschen zu helfen, viele zu retten. Erst vor ein paar Wochen traf sie Dutzende der Kinder von damals, die sie vor dem sicheren Tod bewahrte und sie nach Burundi bringen konnte.

Die fast 75jährige lebt heute in einem kleinen Häuschen in Kigali. Sie ist keine Clemensschwester mehr, der Orden hat sie entlassen. Die Kirche, an die sie glaubte, für die sie ihr Leben gegeben hätte, für die sie unermüdlich im Einsatz war, diese Kirche hat sie fallenlassen. Man wirft ihr Ungehorsam vor, eine Sünde im katholischen Orden. Egal, wie sehr man sich auch für die Menschen in Not eingesetzt hat. Egal, was man selbst in den schlimmsten Zeiten im Einsatz für die Kirche erlebt, durchgemacht, mitgemacht und gesehen hat.

Nun sitze ich dieser 75jährigen Frau im Hotel “Des Mille Collines”, dem “Hotel Rwanda” gegenüber. Sie erzählt, berichtet, und ja, sie ist enttäuscht von ihrer Kirche. Doch noch immer schöpft sie Kraft und Energie, Trost und Hoffnung aus ihrem Glauben an Gott. Man habe ihr nach den Wochen und Monaten des Genozids vorgeschlagen, psychologische Betreuung anzunehmen. Doch sie lehnte ab. Sie setze sich stattdessen lieber in eine Kapelle. Spreche dabei noch nicht einmal mit Gott. Sie schließe die Augen, hört einfach nur, was er ihr mitteilen will. Sie findet so den Frieden, den Frieden vor den Bildern, die sie nie mehr vergessen wird.

Hier noch einmal der Radiobeitrag über Schwester Milgitha, über die 100 Tage, an denen Gott nicht zum Ruhen nach Ruanda kam:

Schwester Milgitha in Kaduha     

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

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