Post aus Ruanda

Ich bin in Ruanda, einem unbekannten Land zwischen Tränen und Aufbruch. Es ist das erste mal für mich in Afrika, einem Kontinent, der mir bislang nur durch negative Schlagzeilen bekannt war: Kriege, Krisen, Hungersnöte, Korruption. Viele Bilder, Videos und Tondokumente habe ich schon gesammelt, darunter auch ein Interview mit Eugénie Musayidire, die 2007 mit dem Nürnberger Menschrechtspreis ausgezeichnet wurde.

Ruanda ist ein wunderschönes Land, doch alles ist überschattet vom Genozid, der zwischen April und Juni 1994 rund eine Million Menschenleben gefordert hat. Die Geschichten und die Geschichte ist überall. Ruanda glich in diesen 100 Tagen einem Schlachthaus mit Leichen und Blut wohin man auch sah. Und das im ganzen Land.

ruanda1Heute war ich in einer Kirche, rund 30 km südlich von Kigali. Dort wurden 5000 Menschen brutalst abgeschlachtet. An der Rückwand in der kleinen Kirche ein breites rund 3 Meter hohes Regal, gefüllt mit Knochen und Schädeln, zum Teil eingeschlagen. Auch kleine Babyschädel darunter in Stücken.

An den Wänden und an der Decke der Kapelle Kleidung, vorne ein weiteres Regal mit Utensilien der Ermordeten. Ketten, Brillen, Töpfe, Tassen und auch das Mordwerkzeug der Henker, Macheten, Prügel, Knüppel. An der Wand dunkelrote Flecken, wo die Mörder kleine Babies gegen die Mauer schleuderten, immer und immer wieder, bis sie leblos waren…

In dieser Kapelle stand ich alleine. Es war ein ungeheuerliches Gefühl, eine riesige Last legte sich auf meine Schultern, auf mein Inneres. Mein Herz pochte, das Atmen fiel schwer und Tränen stiegen mir in die Augen. Kann, soll, darf man hier beten….an diesem Ort, der so bedrückend ist? Kann man hier Gott finden? Wo war Gott, als die Menschen hier zu ihm kamen, Schutz suchten, doch nur auf den Sadismus und den blinden Hass ihrer Peiniger stiessen? An solch einem Ort, in dieser kleinen Kapelle ist die Stille niederschmetternd. Draussen atmet man durch, ganz tief durch und fragt sich, wie so etwas passieren konnte…