Gefangen im Jetzt

Ruanda ist ein faszinierendes Land, aber begreifen tut man hier nichts. Zumindest geht es mir so. Die Bundesrepublik hat vor wenigen Tagen einen ziemlich grossen Scheck an die ruandische Regierung übergeben, was mit dem Geld geschieht, das entscheiden die Ruander selbst. Da will man sich nicht reinreden lassen. Deutschland tritt „beratend“ auf. Und dann hört man, dass derzeit im Zentralkrankenhaus in Kigali, dem größten des Landes, keine Operationen durchgeführt werden können. Der Grund, das Gerät zur Aufbereitung des Sterilgutes ist defekt. Also geht gar nichts mehr und Gelder zur Reparatur oder zur Neuanschaffung liegen nicht vor.

Ruanda sieht sich auf dem Weg in die Zukunft. „2020“ heisst das Losungswort, dann soll die neue Zeitrechnung im Herzen Afrikas beginnen. Downtown Kigali gleicht auf den futuristischen Plänen einem Metropolis mit einer Skyline amerikanischer Bauart und sogar eine Schwebebahn ist eingeplant. Ein irres Bild, wenn man sich heute die Innenstadt ansieht. Man redet hier vom Technologiezentrum, vom Singapur Afrikas. Doch die Kinder in der Schule lernen noch nicht mal am Computer, lediglich den Lehrern stehen die wenigen Rechner zur Verfügung. Man übt an Pappmodellen, macht Computerkurse, doch nach der Abschlussprüfung kennen die Schüler noch nicht einmal den Unterschied zwischen Hardware und Software. Soviel zu „2020“.

gisenyiRuanda steht vor riesigen Problemen. Vor ein paar Tagen stand in der „New Times“, der führenden Tageszeitung des Landes, ein Artikel über ein Treffen von Präsident Paul Kagame mit lokalen Bürgermeistern und Politikern. Er kritisierte, dass nach den letzten Treffen nichts von dem umgesetzt wurde, was besprochen und verabschiedet wurde. Zwischen den Zeilen konnte man lesen, dass die Korruption und die Vetternwirtschaft noch immer ein riesiges Problem für Ruanda sind. Ideen und Pläne existieren für die Zukunft, aber man ist Welten von der Umsetzung entfernt. Und kritisch und öffentlich wird darüber nicht gesprochen. Es gibt in Ruanda keine Pressefreiheit, Demonstrationen und Proteste sind nicht erlaubt, und wenn sie stattfinden, dann sind sie staatlich organisiert. Die Polizei, Militär und Geheimpolizei sind omnipräsent. Jeder Häuserblock hat seinen Blockwart. Von einer funktionierenden Demokratie ist man noch weit entfernt, aber Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel hat den Ruandern beim Besuch vor wenigen Wochen wohlwollend auf die Schultern geklopft: „Weiter so“.

Ruanda ist ein Land im Umbruch. Vor dem Hintergrund einer furchtbaren Geschichte erwächst das hehre Ziel einer führenden Nation, die ganz Afrika mitreissen will. Die Menschen sind fast 16 Jahre nach dem Genozid und zehn Jahre vor dem ausgerufenen Zeitmarker in der Realität gefangen. Wohin der Weg wirklich gehen wird….das vermag hier wohl keiner so genau zu sagen.