Die Trumpsche Asylpolitik

Das abschreckende Asylrecht in den USA. Foto: AFP.

In diesen Tagen schauen bestimmte politische Kreise in Deutschland sicherlich auf das, was in den USA passiert. Es geht nämlich um ihr Thema: Flüchtlinge und Asyl. Unter der Adminstration von Donald Trump ist Asyl kein Recht mehr, sondern ist zu einer Gnade geworden. Und Asylsuchenden wird das Leben so schwer wie nur möglich gemacht, selbst wenn es sich um ein siebenjähriges Mädchen handelt.

Was war geschehen? Eine 39jährige Frau aus dem Kongo meldete sich beim Grenzübertritt von Tijuana nach San Diego bei den amerikanischen Grenzbeamten und erklärte, sie beantrage Asyl. Sie sei vor der ausufernden Gewalt in ihrem Heimatland geflohen und suche Schutz für sich und ihre siebenjährige Tochter. Eine Rückkehr sei für lebesngefährlich. Was nun folgte, war nicht einfach ein normales Asylverfahren, nein, das Kind wurde von seiner Mutter getrennt und Tausende von Meilen entfernt festgesetzt. Die Frau sitzt seit Oktober in einem Untersuchungsgefängnis des Heimatschutzes in San Diego. Die Tochter wurde nach Chicago geflogen und dort untergebracht. Seitdem hatten die beiden nur sechsmal die Möglichkeit miteinander zu telefonieren.

Die 39jährige und ihre Tochter sind keine Terroristen, bergen keinerlei Gefahr für das Land und seine Bevölkerung. Und, man hätte beide problemlos gemeinsam in einem „Detention Center“ unterbringen können, doch es wurde anders entschieden, und zwar so, wie es in einer neuen Anordung der Trumpschen Administration heisst. Um Familien davon abzuschrecken illegal in die USA zu kommen, oder auch ganz rechtens an der Grenze um Asyl zu bitten, sollen Eltern von ihren Kindern getrennt werden. Das nicht nur kurzfristig, sondern, wie es der Fall der Kongolesin zeigt, über mehrere Monate hinweg.

Die Bürgerrechtsbewegung „American Civil Liberties Union“ (ACLU) hat nun in diesem Fall Klage erhoben, denn es ist kein Einzelfall. In den letzten Monaten, so der „Lutheran Immigration and Refugee Service“ wurden 53 Kinder nach Asylanträgen von ihren Eltern getrennt. Nicht weil die Väter und Mütter schlechte Eltern sind, sondern einzig und allein aus dem Grund der Abschreckung. Das ist die Immigrations- und Asylpolitik des neuen Präsidenten. Seine Vorgänger hatten sich noch geweigert solche drakonischen Vorschläge einzuführen, unter Trump allerdings liegen alle Optionen auf dem Tisch…und werden umgesetzt.

Mit CARE nach Afrika

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

In der Vorweihnachtszeit wird viel gespendet. Es ist nicht einfach, die richtige Organisation zu finden, der man vertraut, bei der man weiß, die Spende – ob groß, ob klein – kommt auch an. Schon mehrmals war ich mit der Organisation CARE Deutschland in Afrika unterwegs. Es ging in den Kongo, in den Tschad, nach Somaliland und Puntland und schließlich vor kurzem in den Niger. Vor Ort konnte ich mich über die Arbeit von CARE informieren, selbst sehen, wie das gespendete Geld eingesetzt wird, wie die finanziellen Mittel in den verschiedensten Projekten ankommen, genutzt werden.

Das reicht von der Flüchtlings- und Nothilfe im Osten des Kongos und im Süden des Tschad, über Bildungs- und Fördermaßnahmen in Somaliland und Puntland, der Unterstützung von lokalen Organisationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung am Horn von Afrika bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten im vom Klimawandel betroffenen Niger und Gesundheitssendungen im dortigen Radio. Und das war und ist nicht alles, CARE ist breit aufgestellt in derzeit 90 Ländern.

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Auf den Reisen mit CARE lernte ich viel. Zu den Themen, über die Menschen, die Länder, die Kulturen. Aber auch über mich selbst. Vieles war nahegehend, was ich gesehen, was ich gehört habe. Oftmals war es eine Erdung für das eigene Leben. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind die vielen Projekte von CARE, wie sie angenommen und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht einfach so dahingesagt, die Hilfsorganisation hat selbst viel in den 70 Jahren ihrer Existenz dazu gelernt. Wurden am Anfang, 1946, Lebensmittelpakete aus Amerika in das zerstörte Europa geschickt, um so das Leid und die Not etwas zu lindern, merkte man schnell, dass da mehr gebraucht wird. Schon kurz nach den ersten Lebensmittelpaketen, verschickte man auch Saatgut-, Werkzeug-, Arzneimittel-Pakete – Hilfe zur Selbsthilfe.

Und heute ist dieser Ansatz in allen Bereichen der CARE Arbeit zu finden. Neben der Nothilfe geht es auch immer darum, den Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie mit etwas Unterstützung selbst erreichen können. In den kommenden Tagen berichte ich in einer dreiteiligen Serie in der Printausgabe der Nürnberger Zeitung über CARE, der Fokus liegt dabei auf meiner jüngsten Reise in den Süden des Niger.

Unterstützen kann man die Hilfsorganisation direkt mit einer Spende:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE93 3705 0198 0000 0440 40
BIC: COLSDE33
Stichwort: Afrika Nothilfe
www.care.de/spenden

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„The most dangerous place in the world“

Ich war in der mexikanische Grenzstadt Ciuadad Juarez zu Fuß unterwegs, als dort im Jahr 3600 Menschen ermordet wurden.

      Besuch in Ciudad Juarez

Mit der Bundeswehr war ich zweimal in Afghanistan. Nach der Landung in Kunduz bekam ich gleich eine kugelsichere Weste und einen Stahlhelm verpasst, im gepanzerten Fahrzeug ging es die kurze Strecke vom Flughafen in die Kaserne der Deutschen. Ich reiste in den Ostkongo, um über die dortige Krise zu berichten, sprach im Rebellengebiet der M23 mit dem Präsidenten, während vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehren und Raketenwerfern standen.

      Besuch im Ostkongo

Es ging in den Tschad. Im Süden des Landes herrschte eine Flüchtlingskrise, das Chaos aus der benachbarten Zentralafrikanischen Republik drohte in den Tschad überzuschwappen.

      Besuch im Tschad

Dann ging es nach Somalia, ans Horn von Afrika. Einen funktionierenden Staat gibt es dort nicht mehr, seit 25 Jahren ist das Land gespalten, Teile versinken im Chaos, werden von Terrorgruppen, wie der Al-Shabaab Miliz, tyrannisiert.

      Besuch in Somalia

Ach ja, und hier drüben war ich auch mal in Los Angeles unterwegs, um dort auf Spurensuche nach den Gangs zu gehen, denn LA gilt als die Hauptstadt der Banden und kriminellen Organisationen in den USA.

      Besuch in Los Angeles
Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Das sind nur ein paar der „Reiseziele“, die ich in den letzten Jahren angesteuert habe. Waffen, Gewalt, Not und Elend gab es auf all diesen Trips zu sehen. Doch anscheinend hätte ich für den „Nervenkitzel“ gar nicht so weit fahren müssen, denn der angehende republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump erklärte nun in seiner allumfassenden Kenntnis des amerikanischen Alltags in einem Interview mit der New York Times: „There are places in America that are among the most dangerous in the world. You go to places like Oakland, or Ferguson. The crime numbers are worse. Seriously.“ Oakland ist, laut Trump, also vergleichbar mit den Krisenherden dieser Welt.

Was stimmt, meine neue Heimatstadt in Kalifornien hat ein Gewaltproblem. Die FBI Statistik für 2014 belegt, dass es in dem Jahr 6900 Gewaltverbrechen in Oakland gab, darunter 80 Morde. Doch das ist nichts besonderes für die USA. Vergleichbare Städte, wie Miami oder New Orleans, liegen noch darüber. Oakland ist also nicht gefährlicher als andere US Städte.

Die Reaktion in Oakland ließ nicht lange auf sich warten. Bürgermeisterin Libby Schaaf, geboren und aufgewachsen in Oakland und eine erklärte Hillary Clinton Unterstützerin, twitterte und postete diese Nachricht auf facebook: „Let me be clear, regarding @nytimes story, the most dangerous place in America is Donald Trump’s mouth.“ Dazu muß ich glaube ich nichts mehr hinzufügen!

Die USA sind „tief enttäuscht“

Als Ruanda 1994 einem Schlachthaus glich, in 100 Tagen etwa 800.000 bis eine Million Menschen brutalst ermordet wurden, schaute die Welt weg. Frankreich, Belgien, Deutschland, die UN und vor allem das große Amerika hatten auf breiter Flur versagt. Wochenlang vollführte man im State Department, dem Weißen Haus und bei den Vereinten Nationen in New York einen Eiertanz um das Wort „Genozid“. Während in Ruanda nach dem 6. April 1994 tagtäglich Tausende von hilflosen Menschen mit Macheten und Speeren abgeschlachtet, ertränkt, überfahren, erschlagen, Frauen bis zum Tode vergewaltigt wurden, blickte man in Brüssel, Paris, Bonn und Washington lieber woanders hin. Die Weltgemeinschaft machte sich in diesen 100 Tagen mitschuldig am Morden im Herzen Afrikas.

      (Die Rolle Deutschlands vor und während des Genozids in Ruanda)

Die Tutsi-Rebellenarmee, RPF, von Paul Kagame marschierte von Uganda im Norden ins Land ein und besiegte die Schlächter im Land. Frankreich schützte viele Hutu-Täter und brachte sie ins sichere Ausland. Der Bürgerkrieg in Ruanda schwappte in den benachbarten Osten des Kongos über. Bis heute haben die Folgen dieses Konfliktes Millionen Opfer gefordert.

Ruandas Präsident Paul Kagame will nun doch im Amt bleiben. Foto: Reuters

Ruandas Präsident Paul Kagame will nun doch länger als geplant im Amt bleiben. Foto: Reuters

Kagame wurde der starke Mann in Ruanda und dem Osten Afrikas. Mit maßgeblicher Unterstützung der USA wurde die Armee des kleinen Landes ausgebildet. Die Weltgemeinschaft zeigte Sühne. Ruanda wurde wieder aufgebaut. Entwicklungshilfegelder aus der westlichen Welt stützten Paul Kagame und seine Regierungspartei. Ruanda fand mit den Gagaca-Courts, eine Art Dorfgerichten, einen eigenen Weg der Aufarbeitung und des Neuanfangs. So schien es zumindest. Die fragwürdige Demokratie von Paul Kagame wurde gestützt von den westlichen Geldgebern mit ihrem schlechtem Gewissen. Geflissentlich sah man darüber hinweg, dass Oppositionsparteien unterdrückt werden, eine freie Medienberichterstattung nicht erlaubt ist. Wer den Völkermord nicht als „Genozid an den Tutsi“ bezeichnet und gleichzeitig auf die vielen Toten Hutu hinweist, macht sich schuldig. Wer nachforscht und nachfragt, warum das brutale Morden der RPF auf ihrem Siegeszug nicht auch völkerrechtlich bestraft wird, macht sich ebenfalls verdächtig und wird hart bestraft.

Ruanda galt lange Jahre als Musterbeispiel einer afrikanischen Demokratie, die gestärkt aus der Katastrophe hervorkam. Das Land hat keine oder kaum Korruption, ist sauber, die Wirtschaft boomt, der Blick ist nach vorne gewandt. Ruanda hat große Pläne und will ein IT Hub in Ostafrika werden, immer wieder heißt es, Ruanda werde das Dubai Afrikas. Die vielen „kleinen“ Probleme sind da nebensächlich.

Und nun hat Paul Kagame die Verfassung ändern lassen. Oder das Volk, wie es offiziell heißt. Eigentlich hätte er nur zwei Amtszeiten haben dürfen. Zwischen 1994 und 2000 war er Vize-Präsident, seit April 2000 führte er das Land. Das Ende wäre für ihn 2017 gekommen. Bei der letzten Wahl 2010 wurde er mit 95 Prozent der Wahlstimmen im Amt bestätigt. Eine Demokratie sieht anders aus. Doch die Welt ließ ihn machen, Ruanda schnurrte ja friedlich dahin und Kagame selbst meinte in all den Jahren, er werde nicht an seinem Sitz kleben.

Das ist nun Vergangenheit. Die Wähler „wollten“ im Dezember eine Verfassungsänderung, die Paul Kagame die Möglichkeit gibt, wiedergewählt zu werden. Kagame nahm nun an und erklärte: „Ihr habt mich darum gebeten, das Land auch nach 2017 weiter zu führen. Aufgrund der Bedeutung und der Überlegung, die ihr dem beifügt, kann ich dies nur annehmen“. Paul Kagame wird also weiter Präsident von Ruanda bleiben.

Die Reaktion aus Washington, dem größten Finanzier Ruandas, kam sofort. In einer Erklärung des State Departments heißt es, man sei „tief enttäuscht“ über die Entscheidung Kagames. Damit verpasse er eine historische Chance, einen friedlichen Übergang einer demokratischen Regierung zu einer anderen in Ruanda zu ermöglichen. Nun hoffe man in den USA, dass die anstehenden Wahlen fair, offen und friedlich seien.

Mehr nicht. Das Signal ist da, was es bringt ist eine andere Frage. Washington sorgt sich um die Region. Der Ost-Kongo ist nach wie vor nicht stabil. Burundi im Süden brennt, die Lage droht zu eskalieren. Auch dort gibt es den alten Konflikt zwischen Tutsi und Hutu. Auch dort setzte sich Präsident Pierre Nkurunziza über die Verfassung hinweg und kandidierte 2015 für eine dritte Amtszeit. Seitdem versinkt das kleine Land im Chaos. Ruanda gilt nach wie vor als Musterland in Afrika. Doch die Narben des Genozids von 1994 sind noch lange nicht verheilt. Es könnte wieder krachen.

Die wohl beste Dokumentation über das, was 1994 in Ruanda passierte, ist die PBS-Frontline Dokumentation „Ghosts of Rwanda“. Sie zeigt, wie der Westen wegblickte und wie einfach das Morden verhindert oder gestoppt hätte werden können.

 

 

Fokus auf einen vergessenen Kontinent

Ukraine, Gaza, Afghanistan, Mexiko. Im Nachrichtensumpf dieser Tage ist nicht viel Platz für Afrika. Ach ja, zwei amerikanische Entwicklungshelfer wurden aus Westafrika ausgeflogen, die sich mit dem Ebola Virus infiziert hatten. Afrikanische Themen kommen in den amerikanischen (und auch deutschen) Medien meist nur zum Zug, wenn ein direktes Interesse besteht.

US-Africa Leader Summit. Ein Treffen der USA mit Präsidenten aus 50 afrikanischen Ländern.

Obama hat Vertreter aus Afrika nach Washington geladen.

Nun geht das Weiße Haus in die Offensive. Vom 4. – 6. August findet in Washington das erste Treffen zwischen den USA und rund 50 Präsidenten und Regierungsvertretern afrikanischer Staaten statt. Ein Ereignis, das eigentlich gefeiert werden sollte, denn damit versucht Amerika verlorenes Vertrauen wieder herzustellen, bestehende Verbindungen zu stärken und neue aufzubauen. Afrika war lange Zeit nur ein Nebenschauplatz der USA während des Kalten Krieges. Man rüstete Verbündete auf, stärkte Despoten und ließ unliebsame Präsidenten, wie Patrice Lumumba im Kongo, ermorden. Und Washington hat auch in jüngster Zeit mehrfach total versagt, als es darum ging, eine Führungsrolle auf dem Kontinent zu übernehmen. Man denke an Ruanda, an Liberia, Sierra Leone, Zimbabwe, Somalia, Kongo und andere afrikanische Staaten.

Nun also will man zeigen, dass Amerika den Kontinent nicht vergessen hat. Man will diskutieren, sich austauschen, Lösungen und Strategien finden. Doch in den hiesigen Medien wird dieses Treffen fast vollständig ausgeblendet. Die Grenzsituation zu Mexiko ist politisch angespannter, der Krieg in Gaza näher. Was interessieren da die Probleme eines ganzen Kontinentes, der sowieso nie aus seinem „Dritte Welt Status“ herausfinden wird, so die Denke der Medienmacher. Man kann also nur hoffen, dass die USA dieses mal ihr Wort halten werden, wenn es am Rande der Zusammenkunft in Washington zu Absprachen und Verträgen kommen sollte. Die afrikanischen Nationen haben viel zu bieten und sollten nicht nur für ihre Rohstoffe und als Exportmarkt amerikanischer Waffenschmieden gesehen werden. Doch vor allem geht es um die Zukunft der Menschen in Afrika. Ein symbolträchtiges Zeichen ist „Young African Leaders Initiative (YALI)“, einer Initiative, die 2010 ins Leben gerufen wurde und Jahr für Jahr junge Menschen aus Afrika in die USA bringt. Afrika lohnt sich, das will Obama mit dem Treffen zeigen.

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Der Kongo Ben spricht

Was soll nun das? Man liest manchmal Nachrichten und Artikel, danach fragt man sich, was das nun soll. Hier ist eine, die irgendwie keinen Sinn macht; Schauspieler Ben Affleck soll als Afrika Experte vor dem US Senat aussagen. Ja, Ben Affleck ist neben seiner Filmarbeit sozial sehr engagiert, hat u.a. die „Eastern Congo Initiative“ (ECI) gegründet, eine Organisation, die sich auf die Region  Ost-Kongo konzentriert. Denn da läuft eigentlich alles schief, was schief laufen kann. Krieg, Korruption, Krankheiten, Chaos, Armut und keine Zukunft. Und das, obwohl die Region reich an Bodenschätzen ist. Milizen bekämpfen sich gegenseitig und die nationale Armee. Hunderttausende Menschen leben in Flüchtlingslagern, die Truppen der Vereinten Nationen versuchen den Frieden herbei zu zwingen, aber immer wieder fällt der Ost-Kongo vom internationalen Radarschirm. Andere Probleme, andere Krisen sind größer, wichtiger, näher.

Vor diesem Hintergrund ist der Einsatz von Ben Affleck sicherlich als bedeutend, wichtig und positiv zu bewerten. Mit seinem Namen schafft er Öffentlichkeit, sammelt Gelder für seine NGO, die dann vor Ort sinnvoll in Projekte geleitet wird. Und er hat den Mut in diese Region zu reisen, sich vor Ort einen eigenen Eindruck schaffen. Allerdings, macht ihn das zu einem Experten, der vor dem amerikanischen US Senat aussagen sollte? Der republikanisch dominierte Kongreß hatte kürzlich eine ähnliche Anhörung, wie sie nun im Senat ansteht und wollte Affleck nicht befragen. Ein Abgeordneter der GOP meinte denn auch, „Leute, die ernsthaft Probleme lösen wollen, vor allem wenn es um Fragen von Leben und Tod geht, wollen eine ernsthafte Diskussion mit Experten  und Fachleuten auf diesem Gebiet führen, und nicht mit Berühmtheiten reden.“ Deutliche Worte an die Adresse von Stars wie Angelina Jolie oder eben Ben Affleck. Was macht jemanden zum Experten, wann sollte er oder sie bei solch einer Anhörung gehört werden? Überhaupt ist die Frage, warum es überhaupt solche Fragestunden im US Kongress und Senat gibt, denn klar ist, die Amerikaner werden sich sicherlich nicht in die unüberschaubare und unkalkulierbare Krise im Osten des Kongos einmischen.

 

 

Ein Stück Kongo in der Hosentasche

Was schreibt man über ein Buch, das einen tief beeindruckt, bewegt, fasziniert? Es ist schwer, das in Worte zu fassen, was David Van Reybrouck mit „Kongo – Eine Geschichte“ gelungen ist. Der Belgier hat über Jahre hinweg den Kongo bereist, Gespräche geführt, Interviews aufgezeichnet, alle Ecken des Landes kennengelernt, sich umfassend mit der Geschichte dieses Landes im Herzen des Kontinents auseinander gesetzt. Der Kongo ist nicht weit weg, er war und ist Spielball Amerikas, Europas und nun Asiens. Die Belgier, die Deutschen, die CIA, Che Guevara, im Kongo war im 20. Jahrhundert die Bühne, auf der die Welt verrückt spielte.

Den Kongo zu beschreiben ist unmöglich. Was dort passiert, gerade in den letzten 20 Jahren, ist nicht zu verstehen. Es ist ein Land in der Größe Westeuropas. Ein Land ohne Infrastruktur, man kann nicht von der Hauptstadt Kinshasa in den Osten des Landes fahren. Es existieren keine Straßen (mehr), keine Kanalisation, keine Trinkwasser- und Stromversorgung. Als das Land nach 80 Jahren brutalster Ausbeutung unabhängig wurde, hinterließen die Belgier ein funktionierendes Infrastrukturnetz. Doch von dem ist nicht mehr viel übrig. Was folgte ist das Abgleiten eines ganzen Landes ins Chaos.

David Van Reybrouck beschreibt lesenswert die Geschichte und die Geschichten des Kongo. Seine Politik, seine Kultur, seine Ethnien. Er geht darauf ein, wie dieses wunderbare Land zwischen Ost und West, zwischen den verschiedensten Machtinteressen in der Region und in Übersee aufgerieben wurde. Seit nunmehr 130 Jahren wird der Kongo ausgebeutet. Und es ist nicht einfach so, dass all das weit weg ist, uns nichts angeht. Was Van Reybroucks Buch so besonders macht, ist, dass er zeigt, wie sehr der Kongo eigentlich in unserer Mitte ist. In jedem Handy in unserer Hosentasche, in jedem Computer auf unserem Schreibtisch steckt ein Stück aus der Erde dieses reichen Landes. Es geht uns an, was dort passiert, wie die Ressourcen dort geplündert werden. Wie eine korrupte Regierung, wie Rebellengruppen die eigene Bevölkerung unterdrücken, plündern, vergewaltigen, ermorden, in Armut verkommen lassen. Im Kongo ist Krieg und wir tun so, als ob es uns nichts angeht. Das Land könnte aufgrund seiner Bodenschätze, seiner Lage und seines kraftvollen Flusses in seiner Mitte zu den reichsten Ländern der Welt gehören, doch es ist das Armenhaus des Kontinents.

Die größte UN Friedensmission ist im Kongo. Jedes Jahr verschlingt sie eine Milliarde Dollar. Doch geändert hat sich nichts. Das Land versinkt weiter im Chaos. Das Buch von David Van Reybrouck wirft Fragen auf, vor allem warum. Warum schreitet die Weltgemeinschaft hier nicht tatkräftiger ein? Rund fünf Millionen Tote in den letzten 15 Kriegsjahren sollten nicht einfach übersehen werden. Warum? Man sollte sich auch fragen, wie die Kongo Strategie der Bundesrepublik, der Europäischen Gemeinschaft, der USA, der UN aussieht. Sie scheint nicht zu existieren und man fragt sich nach dem Lesen dieses Buches, warum eigentlich nicht?

Am Ende bleibt für mich nur eine Frage an den Autoren. Hat er Hoffnung, dass sich im Kongo etwas ändern wird? Im Buch beantwortet er diese nicht. Ich habe ihm geschrieben, die Antwort steht noch aus.

„Kongo – Eine Geschichte“ von David Van Reybrouck ist nun auch als Taschenbuch erschienen.

Sein Leben lieben lernen

      Besuch im Ostkongo

© Johanniter

Im Osten des Kongos herrscht seit 15 Jahren Krieg. Mehrere Rebellengruppen kämpfen gegen die nationale Armee und untereinander. Das Ergebnis sind Millionen Tote, Hunderttausende Menschen auf der Flucht, die zum Teil in notdürftigen Flüchtlingslagern untergebracht sind. Die Bevölkerung versinkt im Elend, in Armut, in der Not. Hoffnung auf ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Der Staat selbst ist unfähig und unwillig dem ganzen Chaos ein Ende zu setzen. Korruption, Vergewaltigung, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Im Ostkongo herrscht Anarchie.

Auf meiner kürzlichen Reise in die Region traf ich Arne Schaudinn von der Johanniter Unfallhilfe und die deutsche Journalistin Simone Schlindwein und konnte beide für ein paar Tage in ihrem Leben dort begleiten.

Lunch mit dem Rebellenpräsidenten

Vier Stunden lang ging es über die Holperpiste in Richtung Osten. Die Straße war mal vor etlichen Jahren gut ausgebaut, es war eine wichtige Verbindungsstraße zwischen Goma und Uganda. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Man wird gut durchgeschüttelt im M23 Gebiet, auch wenn die Rebellen versuchen, einige der Löcher notdürftig zu flicken. Kein Wunder also, dass unser Geländewagen nach einiger Zeit einen platten Reifen hat.

Es ist eine Schüttelpartie auf dem Weg nach Bunagana, dem Sitz des M23 Präsidenten, direkt an der Grenze zu Uganda. Er hat ein internationales Reiseverbot, darf noch nicht einmal an den Friedensverhandlungen im ugandischen Kampala teilnehmen. Daher freut er sich über jeden Besucher, besonders wenn es Journalisten sind. Denen steht er gerne Rede und Antwort. Kurz nach dem Flughafen Goma beginnt der Machtbereich der M23. Eine Holzschranke markiert den Beginn. Entlang der Straße patroullieren schwerbewaffnete Soldaten der Gruppe.

Unser Kommen ist bekannt, als wir da sind, wird noch einmal hin und her telefoniert, dann werden wir in einen Raum geführt, dort sitzt Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero auf einer Couch, ein mittelgroßer Mann im Anzug. Vor der Tür schwerbewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer. Auf einem kleinen Fernseher drinnen läuft eine Game Show von RAI, dem italienischen Sender, hier per Satellit zu empfangen. Die heile Welt im Kriegsgebiet. Runiga Lugerero freut sich, schüttelt jedem die Hand und lädt uns erst einmal zum Mittagessen ein. Es gibt Fisch, Reis, Nfundi und Gemüse. Es wird etwas geplauscht, bevor es danach zum Interview geht.

Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero will mit seiner M23 Bewegung den Kongo verändern. Er wettert gegen Korruption, die katastrophalen Verhältnisse im Land, erinnert an das Elend und die Not der Bevölkerung. Man habe in den Friedensverhandlungen in Kampala ernstzunehmende Vorschläge gemacht, doch die Antwort der Regierung in Kinshasa war fast immer gleich: M23 habe keine Berechtigung über gemeinsame Kommissionen, über Wahlen, über Untersuchungen, über Verträge zu verhandeln… Und M23 spreche nicht für die Bevölkerung. Runiga Lugerero hofft, dass die internationale Gemeinschaft endlich die Rebellenbewegung anders einschätze, denn die Sicherheit in diesem Teil des Landes sei wieder hergestellt. Man arbeite an der Infrastrukutur, und, so behauptet es der Präsident der M23, die Menschen in dieser Region stehen zu den neuen Machthabern.

Nach rund zwei Stunden in Bunagana ist es Zeit zum Aufbruch, um noch vor Einbruch der Dunkelheit in einer sicheren Herberge anzukommen. Runiga Lugerero verabschiedet sich mit Handschlag und lädt mich ein, doch mal wieder vorbei zu kommen. „You are welcome any time“. Der Pressesprecher fährt uns in einem schweren Geländewagen Marke Lexus zu unserem Wagen, ausserhalb des abgesperrten Bereiches und meint: „Den haben wir von Kabila bekommen“ und lacht. Gemeint ist die Übernahme Gomas im November, als die M23 neben Waffen, Munition, Lebensmittel, Gerätschaften, Fahrzeuge auch die Privatvilla des kongolesischen Präsidenten Josep Kabila plünderten und nun mit dessen Privatlimousinen im Osten des Landes herumfahren. Man erlebt schon seltsames in diesem Land.

Geht nicht gibts nicht

Die Dinger heißen Chukudu und rollen überall durch Goma. Besser gesagt, sie werden durch die Straßen geschoben. Von einem, zwei oder auch drei zumeist jungen Leuten und Kindern. Damit wird eigentlich alles in der Stadt transportiert. Latten, Rohre, Mehl- und Zementsäcke, Autoreifen, Ersatzteile, Bierkästen im Dutzend, Schreibtische, Betten und Matratzen. Bis zu einer Tonne können die Chukudus tragen, die es in verschiedenen Größen gibt.

Es ist eine Knochenarbeit, die Dinger durch Goma zu schieben. Denn nicht nur das Gewicht als solches ist schon schwer genug, die Straßen sind alles andere als eben für diese Riesenroller. Aber die Chukudus sind aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken, es ist der einfachste und praktischste Weg, Güter von A nach B zu transportieren. Am Rande des Stadtzentrums wurde sogar eine goldene Statue für die Chukudu Fahrer errichtet.

Heute war ich an einer anderen Universität, die zum Teil von der evangelischen Kirche in Deutschland finanziert wird. Dort traf ich einen deutschen Informatiker, der seit eineinhalb Jahren hier ist. Es sei eine Herausforderung, mit den Mitteln und den Möglichkeiten, die hier existieren, das zu verwirklichen, für was er hier sei. Die Universität zahle allein 1000 Dollar im Monat für den Internetzugang, habe damit aber nur eine Bandbreite, die einem Zehntel von dem entspreche, was in Deutschland einem normalen Haushalt zur Verfügung stehe.

Doch auch damit ließe sich leben, man versuche eben das beste mit dem zu machen, was man habe. Sowieso sind alle, die man hier trifft voller Energie, Motivation und Ausdauer. Der Job in der humanitären und der Entwicklungshilfe ist alles andere als leicht. Es ist kein 40 Stunden Job, die Abschaltmöglichkeiten nach Dienstschluß sind so gut wie nicht existent, die Sicherheitslage nach wie vor prekär. Schüsse haben hier schon alle gehört. Man sollte vorher wissen, auf was man sich in Goma und im Ost-Kongo einläßt. Und dennoch, all jene, die ich in den letzten Tagen getroffen und gesprochen habe, würden diesen Schritt hierher wieder gehen. Der Kongo hat eine tiefe und bewegende Faszination…und irgendwie läßt einen dieses Land nicht mehr los.