Ein Kraftwerker packt aus

Eigentlich will Karl Bartos gar nicht mehr groß darüber reden. Immerhin ist er schon seit über 25 Jahren nicht mehr Teil einer der wohl bedeutendsten Gruppen überhaupt. Und doch, alles, was er heute musikalisch und visuell macht, wird mit dem „Output“ seiner einstigen Band verglichen. Kraftwerk wurde für Karl Bartos zum Segen und zum Fluch. Nach 25 Jahren Ausstieg aus der legendären Gruppe legt er nun seine Autobiografie vor, die eine umfangreiche Klangbiografie geworden ist. Eine wahrhafte Spurensuche in der Hörwelt. weiter lesen

Die unendlichen Weiten von Brain

Es gibt diese visionären Plattenmacher und einzigartigen Labels, die einfach am Puls der Zeit sind. Auch wenn das erst viel später erkannt und wertgeschätzt wird. Günter Körber und Bruno Wendel waren solche Macher, Brain Records das Label dazu. Sie setzten Maßstäbe und veröffentlichten diesen weiten, offenen und international beachteten Sound, der als „Krautrock“ weltweit Erfolge feiern konnte. Was zwischen 1972 und 1979 auf Brain Records passierte, ist nun in einer umfassenden und beeindruckenden 8 CD Box zusammen gefasst worden: „Brain – Cerebral Sounds of Brain Records„. weiter lesen

Da war Dada da

IMG_5466Ausverkauftes Haus. Faust in San Francisco ist ein Heimspiel für diese Soundtüftler, Pioniere ihres Genres, für diese grenzniederreißenden Klangquälgeister. Gründungsmitglied Jean-Hervé Péron meinte im Gespräch zwei Städte seien für sie etwas ganz besonderes: London und San Francisco. Das spürte man auch am Samstagabend in diesem Club auf der Valencia Street. Eine alte Kapelle, die heute als Musiktempel genutzt wird. Wenn der liebe Gott am gestrigen Abend noch einmal reingehört hat, wird er sich mehr als gewundert haben. Der Gospel, der hier gespielt wurde, war eine Mischung aus tranceartigen Beats, experimentierfreudigen Sounds und grotesken Klängen: die wunderbare Welt der faustschen Dada-Weiten.

Welche Rolle die grauhaarige Frau auf der Bühne spielte, ist mir auch nach einer kurzen Nacht nicht klar. Was hat die gemacht? Sie hat gestrickt. Gestrickt? Ja, in aller Ruhe, kein Ton war von ihr zu hören. Sie saß nur da und strickte. Auch das ist Faust. Man muß es nicht begreifen. Ein Konzert dieser legendären deutschen Formation wirft Fragen auf. Genau das erwartet auch das Publikum.

Auf der Bühne wurde es zuweilen sehr eng. Faust, live in San Francisco.

Auf der Bühne wurde es zuweilen sehr eng. Faust in San Francisco.

Da geht nichs stromlinienförmig voran, nichts einfach so ins Ohr. Der große Hit wurde nie geschrieben. Die gesungenen Lyrics machen meist überhaupt keinen Sinn. Wenn man meint, eine Melodie erkennen zu können, passiert irgendetwas klangtechnisches, was da eigentlich nicht hingehört, den Hörer aber auf eine akustische Umleitung führt, die dann wieder ganz neue Soundregionen eröffnet. Und mittendrin eine groteske Spielerei, bei der man sich ernsthaft fragt, ob das nicht alles Verarsche ist. Ich liebe Faust!

Faust ist Gegensatz. Faust ist ein Klangbad. Faust ist deutscher als vielen Deutschen lieb ist. Sie sind eine der wichtigsten Bands der Musikgeschichte und bedeutende Kulturbotschafter Deutschlands. Diese Band gibt es seit 45 Jahren. Angefangen hat alles, als Plattenfirmen auf der Suche nach den neuen Beatles waren. Sie bekamen als Antwort eine Gruppe von eigenwilligen Musikern, die die Grenzen des traditionellen Liedguts verschieben wollten. Immer auf der Suche, was Musik eigentlich wirklich ist. Ein Beispiel? Jean-Hervé Péron meinte zu mir, Musik ist für ihn alles. Das Holzhacken im Garten ist genauso Musik wie das Fegen in seinem Haus. Es klingt, beschwingt, bringt neuartige Soundideen, die vielleicht dann auf der Bühne umgesetzt werden. Faust hat Charaktere zusammen geführt, die in ihren eigenen Kunst- und Klangwelten leben. Reibereien waren und sind vorprogrammiert. Vor ein paar Jahren produzierte ich ein Feature für den BR, dazu interviewte ich Gründungsmitglied Hans-Joachim Irmler. Der ist heute nicht mehr dabei und doch noch immer. Alles kompliziert, aber anders wäre Faust auch gar nicht vorstellbar.

      Faust - ein Portrait:

 

 

Er schwebte so dahin

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Ich habe Dieter Moebius nie persönlich getroffen, doch gegenwärtig war er in den letzten fast 20 Jahren schon. Zu seinen Platten und seiner Musik fand ich erst, als ich schon in den USA war. In Deutschland spielte eigentlich niemand Dieter Moebius oder seine Bands Cluster und Harmonia. Zumindest nicht im Nürnberger Sendegebiet. Weder der Bayerische Rundfunk, AFN noch die Nürnberger Privatsender, die ich hörte, hatten Cluster oder Harmonia in ihren Playlisten. Klar, in ein paar Sendungen irgendwo in Deutschland, moderiert von weitsichtigen oder exzentrischen Musikjournalisten, lief auch das.

Dieter Moebius kreuzte immer mal wieder meinen Weg, seitdem ich Radio Goethe produziere. In Interviews tauchte sein Name auf, in Artikeln und Büchern wurde er erwähnt, als Gastmusiker war er beliebt. Und ja, auch in den guten, alten Tagen bei KUSF in San Francisco schätzte man diesen Ausnahmemusiker, diesen Visionär, diesen Pionier des deutschen 70er Jahre Sounds.

Er sah sich nicht als Krautrocker und doch repräsentierte Moebius diese bedeutende Ära in der deutschen Musikgeschichte. Gerade laufen die beiden im Januar auf bureau-b Records veröffentlichten Cluster Platten „Japan Live“ und „USA Live“. Empfehlenswert auch die beiden Solo Scheiben von Dieter Moebius „Ding“ und „Kram, die bei Klangbad erschienen sind. Es sind keine Hitscheiben, kein eingängiges Material. Mancher Top Ten geformte Hörer würde es vielleicht sogar als Katzenmusik bezeichnen. Cluster fanden gerade im Ausland ihre begeisterten Fans. In den USA, in Japan, in Großbritannien. In Deutschland waren sie und auch die vielen anderen experimentierfreudigen Gruppen ihrer Zeit Fremde im Land. Moebius und sein langjähriger musikalischer Partner Hans-Joachim Roedelius ließen Klänge zusammen fließen zu einem Strom, der bei genauem Hinhören elektrisierte. Fantastische Soundlandschaften, mit denen man sich beschäftigen mußte. Es war fast nie eingängig, als Hörer mußte man nach der Hintertür suchen, um überhaupt den Zugang zu diesen Klangkörpern zu finden.

Dieter Moebius ist nun im Alter von 71 Jahren verstorben. Sein reiches Musikarchiv wird noch Generationen von Musikbegeisterten faszinieren.

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Krautrock Rettungsaktion

Die Briten, die Amerikaner und die Japaner lieben Krautrock. Und darunter versteht man ein weites Feld. Die sphärischen Klänge eines Klaus Schulze genauso, wie die verquasteten Klangbäder von Faust oder die weit offene Soundlandschaften von Can. Was sich in den 70er Jahren in Deutschland entwickelte und im eigenen Land so gut wie unterging, stieß in Übersee auf riesiges Interesse. Da wurde etwas produziert, was den Begriff Musik ganz neue definierte. Der WDR sprach in einer frühen Dokumentation über Faust von Krach, doch was die Klang-Revoluzzer da anstellten, veränderte und beeinflusste die internationale Musikszene.

Die Verehrung dieser schrägen Krauts ging so weit, dass in Tokio sogar ein Museum für progressive Musik entstand, in dem ein extra Bereich für die Krautrock Helden eingerichtet wurde. Es ist wohl der einzige Platz auf der Welt, in dem Wachsfiguren von Zappi Diermaier und Hans-Joachim Irmler von Faust, Klaus Schulze und Manuel Göttsching von Ash Ra Tempel zu finden sind.

Doch nach 30 Jahren ist das Museum gefährdet. Der Mietvertrag im Tokyo Tower läuft zum 1. September aus. Noch ist unklar, was mit der einmaligen und einzigartigen Ausstellung geschehen wird. Aus deutscher Sicht wäre das mehr als traurig, wenn die Wachsfiguren und all die gesammelten Objekte und Informationen in ihrer Fülle verloren gingen, denn Krautrock ist einer der wenigen Musikbereiche, der Deutschland auf die internationale Bühne hob.

In den USA überlegt man nun, wie man zur Rettung der Ausstellung und des Museums beitragen kann. Alles ist offen…wie eben der Klang des Krautrocks.

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Elektronika „Made in Germany“

Die Deutschen kommen an in den USA….Was mit Kraftwerk, Tangerine Dream und anderen experimentierfreudigen Krautrockbands Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre angefangen hat, zieht sich weiter duch die Jahrzehnte bis heute. Die Deutschen legen den Maßstab in Sachen Elektronika und Soundtüftelei. Die Amerikaner blicken immer wieder gespannt und gebannt nach Deutschland. Was daheim so gar nicht richtig bekannt ist, deutsche Elektrofummler, DJs und Soundkreative touren weltweit und kommen mit ihrer Musik an. Zwischen New York, Los Angeles, Tokio und Peking hat die deutsche elektronische Musikszene einen hervorragenden Ruf. Von daher hier mal ein Review einer neuen Platte, die über Radio Goethe bereits im ausländischen Radio getestet wurde und beeindruckende Rückmeldungen bekommen hat. Sølyst heißt sie, dahinter steckt der Schlagzeuger der Kölner Gruppe Kreidler, Thomas Klein:

Manchmal bekomme ich Cds zugeschickt, die mich restlos begeistern. Und dann sitze ich an meinem Schreibtisch, das Album läuft und ich versuche das in Worte zu fassen, was ich gerade höre. Doch irgendwie lässt sich das gerade nicht fassen. Sølyst, das Soloprojekt von Kreidler Drummer Thomas Klein. Es ist Elektronik, es ist Ethno, es ist weltoffen, hypnotisierend, ergreifend….ein bisschen Krautrock, ein bisschen Buschtrommeln, mal düster, mal ganz nah und sehr persönlich. Und dann wieder voller Beat und Drums, distanziert, wie in einem berauschenden Diafilm mit Momentaufnahmen. Das Label, selbst nach Worte suchend, umschreibt diese Musik als “Tribal Dub Krautrock” und das zeigt schon die Schwierigkeit, diese Klangweiten in eine Schublade zu pressen.

Ja, es ist die ideale Musik für einen Afrikafilm. Ich denke an Bilder und Momente, die ich in Ruanda, Kongo, Uganda gesehen und erlebt habe. Sølyst wäre der ideale Soundtrack dazu gewesen. Steppe, Weite, Sonne, wunderschöne Landschaft, erbärmliche Armut, reiche Natur, Grausamkeiten der Menschheit, Gesichter, alt und jung. Sølyst unterlegt diesen Film…meinen und ich denke jeden Erinnerungsstreifen, egal ob Afrika oder hoch im Norden. Es ist diese persönliche Weite, die die Musik von Thomas Klein auszeichnet. Für mich ist dieses Album eines der absoluten Höhepunkte in diesem Jahr. Sehr, sehr empfehlenswert.