Von Schlesien bis San Francisco und zurück nach Nürnberg

Ich habe hier einen älteren Bekannten. Hans ist 93 Jahre alt, lebt seit 1942 in San Francisco und kommt ursprünglich aus Schlesien. Und dieser letzte Umstand hat uns auch zusammen gebracht. An einem Sonntagmorgen vor ein paar Jahren half ich Peter Buhrmann aus, der hier in San Francisco seit über 30 Jahren eine Radiosendung für deutsche Einwanderer produziert. Ich kramte also meine Radio F Erfahrungen und meine Liebe für alte Schlager der 30er, 40er und 50er Jahre hervor und sendete mal wieder auf Deutsch und schön langsam zum Mithören.
Und da mein Vater aus Schlesien stammt, nahm ich auch eine alte Aufnahme von 1932 des Schlesierliedes mit und spielte das in der Sendung. Hans, der ein Stammhörer der „Peter Buhrmann Radioshow“ ist, rief mich an und war den Tränen nahe. Das Lied, meinte er, habe er schon so lange nicht mehr gehört und ob ich es ihm nicht aufnehmen könnte. Über dieses Schlesierlied lernten wir uns also kennen. Ich glaube, ich weiss mehr von ihm als er von mir, denn Hans erzählt sehr gerne und viel, und ich höre dabei gerne zu. Seine Geschichte ist eine dieser Einwanderergeschichten, die man einfach niederschreiben muss…
1938 war er bei der deutschen Marine. Ein deutsches Schiff lag mit einem Motorschaden im Hafen von San Francisco, und Hans war einer der Matrosen, die von Deutschland aus Ersatzteile nach San Francisco brachten. Auf der Rückfahrt hatte er eine Auseinandersetzung mit einem Offizier an Bord. Es ging um Politik. Andere Offiziere legten ihm nahe, während der Durchfahrt des Panama Kanals von Bord zu gehen, denn in Deutschland würde ihn ein Militärgericht erwarten.
Hans sprang also von Bord in Panama und versteckte sich, das war so Anfang 1939. Mit Kriegsbeginn in Europa konnte er nicht mehr zurück, auch wenn er gewollt hätte. Im Rückblick beschrieb er diese Zeit in der Fremde als durchaus angenehm. Er arbeitete auf Plantagen und hielt sich damit über Wasser.
Doch dann kam im Dezember 1941 der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor. Amerika trat in den Krieg ein und das FBI liess eine unglaubliche Verhaftungswelle in den Vereinigten Staaten, Mittel- und Südamerika anrollen. Japaner, Deutsche, Italiener wurden verhaftet und in Internierungslager gebracht. Auch die südamerikanischen Metropolen, wie Lima, wurden durchkämmt. Die Amerikaner hatten panische Angst davor, ein Hintertürchen auf dem Kontinent offen zu lassen und so angreifbar zu sein.
Auch Hans wurde verhaftet, er kam in ein Lager und wartete erstmal, was da auf ihn zukam. Im Lager war er beliebt und fiel auch den FBI Mitarbeitern angenehm auf. Eines Tages machten sie ihm den Vorschlag, ob er nicht der Sprecher der japanischen Internierten werden wolle, die alle in Internierungslager in die USA gebracht werden sollten. Hans war etwas verdutzt, denn neben Deutsch, Spanisch und etwas Englisch konnte er keine weitere Sprache. „No problem“, meinten die FBI Leute und so bekam Hans einen neuen Job. Auf dem Schiff in die USA waren neben der japanischen Gruppe auch deutsche Soldaten, sogenannte POWs, Prisoner of War.
Nach einer längeren Seefahrt landete man in San Francisco in Fort Mason, gleich gegenüber von Alcatraz. Von dort ging es in ein Lager nach Pacifica, südlich von San Francisco. Zwei Wochen später wurden die Japaner in Internierungslager ins Landesinnere gebracht. Hans durfte mit Auflagen in San Francisco bleiben. Eine davon war, dass er sich verpflichtete nach Kriegsende zurück nach Deutschland zu gehen.
Doch 1945 schaffte er es mit einem Fürsprecher und mit einem Kurzaufenthalt in Kanada ganz legal als Einwanderer zurück nach San Francisco zu kommen und zu bleiben. Heimat blieb jedoch für ihn Deutschland und Schlesien.
Er hat nie geheiratet und bereiste lieber die Welt, und Frauen hatte er, wie der blonde Hans einst gesungen hat, in jedem Hafen der Südsee. Heute ist er schwer krank, kommt kaum noch aus dem Haus, doch von damals, von seinen Reisen und seinen Erlebnissen berichtet er immer noch in aller Ausführlichkeit und voller kleinster Details, als wäre es erst gestern gewesen. Und das mit einem strahlenden Gesicht und dem für ihn typischen schlesischen Dialekt. Glück auf…