Die Kriminalisierung von Minderheiten

1994 unterschrieb Präsident Bill Clinton den „Violent Crime Control Act“, ein Programm, das die eskalierende Gewalt auf den amerikanischen Straßen eindämmen sollte. In einer Feierstunde erklärte der achso viel gelobte demokratische Präsident: „Gangs und Drogen haben unsere Straßen übernommen und unsere Schulen unterwandert. Jeden Tag müssen wir davon lesen, dass jemand praktisch mit einem Mord davon gekommen ist“.

Deutliche Worte im Kampf gegen die Kriminalität. Parteiübergreifend setzte man sich für ein härteres Durchgreifen ein, Demokraten und Republikaner demonstrierten Einigkeit. 28 Bundesstaaten und der Distrikt von Columbia ließen sich von dem Bundesprogramm überzeugen und nahmen die Gelder aus Bundesmitteln für gezielte Aktionen an. Mehr und besser ausgerüstete Polizisten, lange Gefängnisstrafen, Neubau von Gefängnissen, Säuberungsaktionen auf den Straßen. Alles sah nach einem breiten Feldzug gegen Gangs, Kriminelle, Drogensüchtige und -dealer aus. Amerika sollte vom Übel gereinigt werden. „Tough on Crime“ hieß das Mantra. Von Präventionsmaßnahmen und sozialen Hilfsprogrammen war keine Rede. So etwas wurde nur als Verweichlichung und Unterhöhlung des eigentlichen Zieles angesehen.

Und nun, 20 Jahre danach, gibt es keinen Grund zum Feiern. Die Kriminalitätsraten sind nicht besonders gefallen, die Nachbarschaften sind nicht sicherer geworden, die Datenauswertung zeigt nur eines, der „Violent Crime Control Act“ richtet sich vor allem gegen Minderheiten. Wissenschaftler des Vera Instituts, einer Organisation zur Erforschung von Verbrechen und Verbrechensbekämpfung, kamen zu einem bedrückenden Ergebnis. Die Chancen für ein schwarzes Baby liegen heute bei 1:3. 1:3! Das bedeutet, jedes dritte schwarze Kind wird in seinem Leben eigene Erfahrungen im Gefängnis machen. Bei Latinos liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1:6. Weiße Kinder haben eine bessere Chance, nur jedes 17 Kind wird hinter Gittern enden. Eine Statistik, die erneut aufzeigt, wie rassistisch die amerikanische Gesellschaft nach wie vor ist. Was vor 20 Jahren als hartes Durchgreifen gegen gewalttätige Kriminelle gedacht war, hat sich als ein gezielter Schlag gegen Afro-Amerikaner und Latinos heraus gestellt. Beabsichtigt oder nicht, das sei dahingestellt. Erreicht wurde jedoch, dass weite Teile der amerikanischen Bevölkerung kriminalisiert und auf Jahrzehnte hinaus weiterhin benachteiligt wurden.

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Die Straßen von San Francisco

Scotty, Mike und Moe haben mir heute Abend mal San Francisco von einer anderen Seite gezeigt. Die drei sind Mitglieder der „Gang Unit“ des SF Police Departments. Nach einem Burger ging es erstmal mit einem Zivilwagen zum General Hospital. Dort wurde ein Verwundeter mit Schussverletzung eingeliefert. „Wenn du jemals eine Schussverletzung hast, lass dich hierhin bringen. Das sind die besten auf dieser Seite des Mississippis“, meinte Moe zu mir. Gut zu wissen! Die Ärzte, Krankenschwestern und allerlei Auszubildende schauten sich interessiert das Röntgenbild an. Darauf die Kugel im linken Lungeflügel. Scotty und Moe wollten den Angeschossenen zur Tat befragen, aber der kriegte kaum Luft und irgendwie wollte der auch nicht reden. Auf der Strasse löst man Probleme und Streitigkeiten einfach anders. Vor dem Krankenhaus standen schon ein paar Kumpels des Verletzten, die sich über seinen Zustand informierten.

Vom General Hospital ging es durch den Mission Distrikt nach Bay View Hunters Point, zwei Krisenstadtteile mit Gang Aktivitäten. Alle drei erzählten von ihrer Arbeit, beantworteten Fragen, zeigten da und dorthin. „Scotty verfährt sich immer“, lachte Mike. „Ich darf ja nie fahren“, meinte der. An einer roten Ampel brauste auf einmal ein weisser Ford Taurus rechts vorbei. Also hinterher. Nach 200 Metern wurde der mit Lichtsignal zum Anhalten aufgefordert. Alle drei stiegen aus, ihre „Badges“ sichtbar. Moe kam von rechts, Scotty von links die Knarre an der Hüfte griffbereit machend. Mike blieb etwas entfernter stehen. Und der Reporter durfte aus dem Auto zusehen. Nach ein paar Minuten kamen sie zum Wagen zurück. „Wir haben ihn nur verwarnt, alles kein Ding“, die drei waren wirklich nur auf Gangjagd. Und dann lachten sie drauflos. „Scotty hat den Fahrer gefragt, ob das neben ihm seine Mutter ist“, Moe kriegte sich nicht mehr ein. „Die sah aber auch alt aus“, verteidigte der sich. „Man das war seine Freundin, die war höchstens 25“, meinte Mike.

Und weiter ging die Fahrt…im Schritttempo durch die Mission Gegend, durch kleine Nebenstrassen. Die drei zeigten auf Graffiti, erzählten von verschiedenen Aktivitäten an dieser und jener Strassenecke, berichteten von Mord, Schiessereien, Überfällen. Schliesslich ging es zurück ins Präsidium, wo Scotty mir noch verschiedene Bilder und Videos von Gangs und Gangmitgliedern in der Stadt zeigte. Die Gewaltbereitschaft hat zugenommen. San Francisco hat sich seit den Zeiten der berühmten Fernsehserie mehr als nur verändert.

Hier noch ein von Gangmitgliedern selbst produziertes Video aus dem Mission Distrikt:

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