Corona bremst den Kulturaustausch

Die San Francisco Bay Area ist so eine Region, in der man, wenn man denn sucht, viele deutsche Spuren finden kann. San Francisco und auch Oakland wurden von deutschen Einwanderern mitaufgebaut. In der Geschichte am Golden Gate hinterließen die „Germans“ einen tiefen Eindruck.

Ich erinnere mich noch gut an die Schilderungen eines alten Freundes, der bereits 1942 nach San Francisco kam. Er hatte eine aufregende Flucht hinter sich, war vom FBI nach dem japanischen Angriff auf die Militärbasis Pearl Harbor in Costa Rica aufgegriffen und wie viele Tausend weitere Deutsche und Japaner aus Mittel- und Südamerika in die USA gebracht worden. Hier sollte er in ein Internierungslager kommen, konnte aber nachweisen, dass er aus Nazi-Deutschland schon 1938 geflohen war…das ist eine Geschichte für sich, die hier in Oakland beginnt.

Doch zurück zu diesem alten Freund, mit dem ich oft durch San Francisco fuhr. Er deutete immer wieder auf Häuser und Straßenecken, da sei ein deutscher Metzger gewesen, dort ein Tischler, da ein Bäcker, dort ein Automechaniker. Mit Hans die Straßen von San Francisco zu befahren, war eine historische Rundfahrt der besonderen Art. Er erzählte von den vielen Festen, die gefeiert wurden, von den Empfängen in der „California Hall“ auf Polk Street.

Davon ist nicht viel übrig geblieben, das alte „deutsche“ San Francisco ist längst verblasst. Dennoch waren die Deutschen nie weg, neue Immigranten kamen und bauten hier das auf, was sie machen wollten, lebten ihren „American Dream“. Etliche deutsche Restaurants kann man finden, noch. Denn die „Suppenküche“ in Hayes Valley ist in Schwierigkeiten, deutsche Gemütlichkeit, Bierhallenatmosphäre und das lange Sitzen an Tischen ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Das „Walzwerk“, ein ostdeutsches Themenrestaurant, macht zum Ende der Woche ganz dicht. Schon zuvor fiel ihr „Schmidt’s“ den hohen Mietpreisen in der „City by the Bay“ zum Opfer.

Das „Walzwerk“ hat es schon auf seiner Webseite stehen: „We are closed“

Auch Feste der noch verbliebenen Kulturvereine werden derzeit ersatzlos gestrichen. Wie soll man auch ein Maifest im Herbst feiern. Und die Aussichten sind nicht gut, denn oftmals waren diese Feste auch „Fundraiser“ für die Clubs. Das Goethe-Institut, die offizielle deutsche Kulturaußenstelle in der Region, ist seit Monaten geschlossen. Die Ausfälle an Gebühren und Eintrittsgeldern werden deutlich bei allen zukünftigen Planungen zu spüren sein.

Den Deutschen geht es sicherlich nicht anders als anderen ethnischen Gruppen in San Francisco oder in den USA. Doch an diesen mehr als wichtigen Part in der amerikanischen Gesellschaft wird kaum gedacht. Das Land der Immigranten vergisst gerade in diesen harten Zeiten die oftmals gefeierte und geschätzte Vielseitigkeit des amerikanischen Lebens. Was nach dieser Pandemie von all dem Kulturleben der „Minderheiten“ noch übrig bleiben wird, ist nicht absehbar. Man kann nur hoffen, dass es nicht einen totalen Kahlschlag geben wird.

Der Tanz mit den Teufeln am Horn von Afrika

Wenn man an das Horn von Afrika denkt, dann fallen einem vor allem Krieg, Chaos, Terror, Hunger und Seepiraten ein. Die Hochzeiten der Kulturmetropole Mogadischu sind lang her, lang vergessen. An eine spannende, reiche und vielseitige Musikszene in der Region denkt wohl kaum jemand. Doch die gibt es, wie das neue Album von Ostinato Records “The Dancing Devils Of Djibouti” zeigt

Neun von zehn Befragten haben noch nie etwas von Dschibuti gehört, der kleinen Republik am Horn von Afrika, zwischen Eritrea, Äthiopien und Somaliland gelegen. Das kleine Land mit noch nicht einmal einer Million Einwohnern liegt strategisch, wie es Vik Sohonie von Ostinato Records beschreibt: „Wenn wir an Dschibuti denken, dann an die Militärbasen. Daran, dass die USA von dort ihre Drohnen starten, um Somalia zu bombardieren.“

Vik Sohonie hatte zuvor mit seinem Label Ostinato Records die Platte “Sweet as broken Dreams” veröffentlicht, Musik aus der boomenden somalischen Metropole Mogadischu, bevor sie zerstört wurde. Dafür waren er und sein Mitstreiter wochenlang vor Ort, hörten sich durch Klangarchive bei Radiosendern und Kultureinrichtungen und suchten auf den Märkten der Region alte Kassetten. Und bei den Recherchen stießen sie auch auf die Musik im Nachbarland Dschibuti, am Golf von Aden gelegen, einem Knotenpunkt der Schifffahrt. „Ähnlich wie das auch in Somalia war, trafen und vermischten sich hier die verschiedenen Kulturen der Händler, denn ist so ein strategischer Punkt der Welt. Wenn man das alles zusammenfasst, dann versteht man, dass Dschibuti nicht nur heute ein Ort des globalen Interesses ist. Vielmehr ist es ein Ort, an dem sich all diese Kulturen von überallher trafen.“

Vik Sohonie und sein Label Partner reisten erneut nach Dschibuti, um dort Musik ganz neu aufzunehmen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Musikindustrie in dem kleinen Land wird seit der Unabhängigkeit 1977 staatlich kontrolliert. Und alles wurde im Studio des Nationalen Rundfunks aufgenommen. Es ging den beiden diesmal nicht darum, einfach nur Archivmaterial zu kopieren und zu veröffentlichen. Sie wollten an diesem Ort, in diesem alten Studio alte Songs ganz neu aufnehmen. Nach langem hin und her bekamen sie die Erlaubnis zehn Songs aufzuzeichnen, die nun auf dem Album “The Dancing Devils of Djibouti”, eingespielt von der Groupe RTD, zu finden sind. „Als wir die Band zum ersten Mal hörten, war das in diesem Aufnahmestudio. Hier hatte zuvor jeder gespielt, hier wurden Tausende von Songs eingespielt. Da ist diese Energie im Raum, diese historische Energie, auch wenn das Studio nicht mehr im besten Zustand ist. Aber da ist auch eine grandiose Akustik. Wenn die Band da spielt, ist es einfach atemberaubend.“

Es ist wahrlich ein musikalischer Schatz, der hier gehoben wurde. Musik zwischen Funk und Reggae, Harlem Jazz, indischem Bollywood und arabischen Einflüssen. Eine mitreißende Mischung, die bislang kaum bekannt war und nun sicherlich ein ganz neues Interesse finden wird. Und das mehr als verdient. Zehn Songs, die den musikalischen Reichtum dieser Region ausdrücken. Für Vik Sohonie drückt ein Lied das besonders aus, das übersetzt “You Are the One I Love” heißt: „Er gibt sehr gut dieses Ost-Afrika Gefühl wieder. Über diesen Song bekommt man einen Einstieg in die Musik Dschibutis. Da ist amerikanischer Funk und Jazz, ein bißchen Äthiopisch, ein bißchen Somalia, ein bißchen Indisch, ein bißchen von allem…. I think it’s the perfect stew for people to appreciate the music of Djibouti.”


Auf der Bandcamp Seite des Labels kann man schon mal in zwei Songs reinhören.

Alles in allem

Eine neue Platte der Einstürzenden Neubauten. Lange hat es gedauert, bis dieses neue Studioalbum erschien. 2007 wurde „Alles wieder offen“ veröffentlicht, 2014 folgte die Auftragsarbeit „Lament“. Dazwischen ein paar Tourneen. Und nun eben „Alles in allem“. Der erste Eindruck, alles in allem etwas ruhiger. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

Die Einstürzenden Neubauten sind eine Band, die einem viel eröffnet. Schon immer. Früher war es diese brutale Mischung aus Punk und Industrial, da wurde gesägt, gehackt, geschlagen, gedröhnt. Dazu schrille Schreie von Blixa Bargeld und Texte, die man erst mal setzen lassen mußte. Vieles ist geblieben, aber die Rohheit, dieser direkte Schlag auf die 12, der ist weg. Alles wirkt beim ersten Höreindruck eingänglicher, aber so einfach ist es dann doch nicht, denn wir reden hier von einer Band, der nie die kreativen Ideen ausgehen. Es ist ein unglaubliches Zusammenspiel von Musikern, die alle für sich Klangkünstler sind. Die Neubauten sind einfach keine Band, die nur leicht bekömmliches Liedgut darbietet. Man muß auch weiterhin hinhören, genau zuhören, ihrem teils verwinkelten und verwobenen Soundpfaden folgen. Da passiert so viel, scheinbar ganz nebenbei. Es ist eine Klangreise mit wunderschönen Bildern.

Die Mitglieder der Einstürzenden Neubauten sind älter geworden, sie sind in die Jahre gekommen, aber sie spielen immer noch in ihrer eigenen Liga. Kopieren kann man diese tüftelnden Handwerker nicht. Sie sind Meister in dem was sie machen, kommen hier zusammen, um grandiose Dinge zu kreieren. „Alles in allem“ wirkt beim ersten Durchhören ruhiger, um dann doch in Songs wie „Zivilisatorisches Missgeschick“ in einem Krachbad aufzugehen. Das lädt ein bewußt zu hören, die vielen Zwischentöne, Unterschichten, Seitenklänge zu erkunden. Die Neubauten wie eh und je. Dieses Zusammenspiel der Ideen ist nach wie vor für mich erstaunlich. Da passiert so viel. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, einen halben Meter links, einen halben Meter rechts stehen Lautsprecher in Kopfhöhe. Die Musik durchfährt mich, setzt sich, erfüllt mich. Diese Feinheiten sind besonders. Unglaublich. Musik, die Grenzen versetzt.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltweit bekannt und geschätzt. Auf „Alles in allem“ präsentieren sie sich als Berliner Band. Gleich mehrere Songs drehen sich um die Hauptstadt und bieten so einen ganz anderen Soundtrack der Metropole. Die Texte von Bargeld wirken manchmal wie Beobachtungen an der Straßenecke. Die Platte wächst und wächst beim Hören und ich freue mich schon jetzt, wenn ich die Einstürzenden Neubauten endlich wieder live erleben kann. Die Tour ist nur verschoben. Mit dieser Platte machen sie deutlich, dass sie auch nach 40 Jahren nicht müde geworden sind, sich nicht wiederholen, noch immer Maßstäbe setzen können. „Alles in allem“ wird sicherlich zu meinen Lieblingsplatten 2020 gehören.

Der Klang von damals

Zwischen 1925 und 1955 wurden auf 107 Stationen in den Vereinigten Staaten von Amerika jiddische Radioprogramme ausgestrahlt. Die Hochzeit war in den 30er und 40er Jahren, als immer mehr Radiostationen on-air gingen und die jüdischen Gemeinden in den USA anwuchsen. Ein Kulturschatz, der nie richtig ergründet und archiviert wurde, fast vergessen schien, doch von einem Sammler in New York durch Zufall entdeckt und zum Teil neu veröffentlicht wurde.

Henry Sapoznik ist Autor, Radio- und Plattenproduzent, Gründer des “Yiddish Radio Project” und ein Sammler alter jüdischer Aufnahmen. Für ihn steht fest, dass diese Art von Radioprogrammen nur in den USA stattfinden konnte. “Wie in allen Ländern kontrolliert die Regierung die Radiolizensen, aber hier wurden sie verkauft. Daraus entstand eine Art Marktplatz, der auch kleinere Stationen on-air brachte. Das lief dann so, das jemand eine Lizenz kaufte und Sendezeit an andere vermietete, die für ihre zwei Stunden dann eine eigene Finanzierung finden mussten.”

Die amerikanische Radiolandschaft ist etwas besonderes, denn neben den kommerziellen Sendern und Programmen, gibt es auch Stationen, die zum einen Sendezeit verkaufen, zum anderen sogenannte “Community stations”, eine Art offene Kanäle mit Programmen, die meist von Freiwilligen produziert werden. Sie werden “cultural producers” genannt, Kulturproduzenten. Das sind dann teils fremdsprachige oder kulturelle Programme, die im Mainstream Hörfunk keinen Platz finden. Und die jüdischen Sendungen von damals fielen genau in diese Kategorie. “Viele der jiddischen Programme waren so aufgebaut, dass sie einen tiefer in die Community brachten, betonten, wer man als Hörer und als Mitglied der religiösen, sozialen und nationalen Gemeinschaft war. Die Programme waren keine Western, keiner Gangster Shows, keine “Mystery” Shows. Die Programme waren vor allem Unterhaltung. Besonders Musikshows, jiddisches Gesangstheater, dazu so Schlager und religiöse Musik”, umschreibt Sapoznik die Sendungen.

Mitte der 80er Jahre hatte Henry Sapoznik für das “YIVO Institute for Jewish Research” in New York gearbeitet und gründete dort ein Sound-Archiv. Vor allem Klezmer Musik wurde archiviert. Und bei seiner Suche nach Schellackplatten stieß er immer wieder auf Aluminium Platten, sogenannte Instagram Discs. “Die wurden hergestellt, weil die Sender dokumentieren können mussten, was sie gesendet hatten. Falls es Beschwerden gab, hatte man so eine Kopie der Show, aber diese Discs waren eben nur für eine kurze Zeit gedacht.”

Aluminium Platten als Belegexemplare, auf denen Radiosendungen und Klangaufnahmen, Live-Auftritte und Radiowerbung festgehalten wurden. Nirgends sonst gab es ein Klangarchiv für diese Sendungen, schon gar nicht bei den einzelnen Radiostationen. Der Großteil von ihnen, so Sapoznik, wurde wahrscheinlich während der Kriegsjahre vernichtet, denn Aluminium war ein wichtiges Material. “Niemand wiederholte eine Sendung, das gab es damals nicht. Alles war live, deshalb wurden diese Discs als Altmetall von den Stationen abgegeben. Und einige Kopien überlebten nur deshalb, weil ein paar Leute sie aufhoben, die in den Sendungen vorkamen, sie produzierten oder als Sponsor auftraten.”

Auf diesen Platten, die Sapoznik auszugsweise neu veröffentlichte, ist mitreißendes Radio zu hören, das auch eine wichtige Epoche des jüdischen Lebens gerade in New York dokumentierte. “Die Sprache in den Shows war wie eine Fremdsprache in Amerika. Da gab es Yiddish, wie es von den Juden aus der alten Welt gesprochen wurde. Da waren Leute, die ganz bewusst Yiddish und Englisch in ihrer Sprache vermischten.” Unter den Produzenten dieser Sendungen war auch Nahum Stutchkoff, ein im heutigen Polen geborener jüdischer Autor und Schauspieler, der u.a. das umfassendste jiddische Wörterbuch “Ojzer fun der jidischer schprach” schrieb, das je veröffentlicht wurde. In zahlreichen jiddischen Theaterstücken und Radiosendungenn machte er von sich reden.

Das besondere an Henry Sapozniks CD-Veröffentlichungen für das “Yiddish Radio Project” und seine Arbeit über die jüdischen Radiosendungen ist, dass er zeigen kann, welche Bedeutung diese Hörfunkprogramme für die jüdischen Gemeinden in den USA hatten. Die meisten dieser “Kulturprogramme” – fremdsprachig oder mit anderem ethnischen Hintergrund – wurden nie archiviert. Mit dem Verkauf eines Senders, mit dem Ausscheiden eines Moderators ging auch immer ein Stück der hörbaren Kultur, der Vielseitigkeit im “melting pot” USA verloren. Diese historischen jiddischen Radioprogramme machen jedoch deutlich, wie reich die Vereinigten Staaten von Amerika waren und auch noch sind.

Nichts geht mehr

Vor einigen Wochen schrieb ich noch begeistert über das aktuellen Konzertjahr, produzierte eine vielgehörte Radio Goethe Sendung mit all den Bands, die in diesem Jahr durch die USA touren wollten. Mitte April hat sich das nun alles erledigt. Erst kam die Absage von Das Ich, nun ist klar, kein Kraftwerk, kein KMFDM, kein Rammstein, keine Einstürzenden Neubauten, kein hackedepiciotto.

Hinhören, kaufen, unterstützen. Die neue Fiddler’s Green Live CD ist mitreißend und bringt die Live-Atmosphäre in die eigenen vier Wände.

Was für jemanden wie mich, der seit 1996 in den USA und Kanada die musikalischen Klänge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durch den Äther rauschen lässt, wie ein vielversprechendes Jahr 2020 aussah, hat sich nun Nebelloch von San Francisco verloren. Alle Konzerte abgesagt, verschoben, doch auf wann? Bis in den Herbst hinein wurden die Auftritte gecancelt, das liegt nicht unbedingt daran, dass schon jetzt klar ist, dass bis dahin alle Clubs und Konzerthallen dicht sind. Vielmehr sind die Vorlagen, die deutsche Bands für Touren in den USA leisten müssen, zu hoch und damit zu riskant. Künstlervisa kosten viel Geld, das im Falle einer Tourabsage nicht zurückerstattet wird.

In Los Angeles hat Bürgermeister Eric Garcetti erklärt, dass er für dieses Jahr keine Großveranstaltungen mehr in der „City of the Angels“ erwarte. Das trifft Rammstein, die dort am 19. September vor bereits ausverkauftem Haus im Los Angeles Memorial Coliseum spielen sollten. Daraus wird nichts, wie es heißt, denken Band und Management bereits an eine Gesamtverschiebung der Europa- und Amerika Stadientour auf 2021.

Hinter Rammstein steht Universal Records, das größte Plattenlabel der Welt. Eine Tourabsage ist ärgerlich, teuer, doch kein Ruin für die Band, Rammstein verkaufen noch immer viele Tonträger und erhalten ihre Schecks von der GEMA. Anders sieht das schon bei Musikerinnen und Musikern aus, die vom Touren leben. Sei es das Duo hackedepicciotto oder Bands wie Fiddler’s Green, die wohl eine der besten Live-Bands der Republik sind. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke (hackedepicciotto) mußten nun neben ihren vielen anderen Projekten, darunter Einstürzende Neubauten und auch Soloauftritte, ihre geplante gemeinsame Konzerttour durch die USA für den Herbst absagen.

Viele der Musikerinnen und Musiker, Bands und Projekte stehen vor einer ungewissen Zukunft. Unterstützung ist dennoch möglich. Nein, nicht noch mehr „Streaming“ bei Spotify, Pandora oder anderen Diensten, sondern der direkte Kauf von Vinyl, CDs, Downloads, Merchandise auf den Webseiten der Künstler oder über Plattformen wie bandcamp, die, so viel ich gehört habe, fair bezahlen. Hinhören ist angesagt und damit helfen.

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Der Mann brennt nicht in diesem Jahr

Die „Black Rock Desert“ bleibt in diesem Jahr leer.

Nun also auch „Burning Man“. Das alljährliche Festival, oder besser die alljährliche und einzigartige Zusammenkunft von Menschen aus aller Welt im Norden Nevadas fällt in diesem Jahr aus. Am Freitag verkündeten die Organisatoren, dass es 2020 nicht zu „Black Rock City“ in der „Black Rock Desert“ kommen wird.

Es war zu erwarten, dass Covid-19 auch vor diesem gewaltigen Kunst- und Community Event nicht stoppen würde. Zu unsicher ist die Lage, niemand kann die Frage beantworten, wie sich das Virus im Sommer entwickeln wird. Schon viele Wochen vor den eigentlichen 8 „Burning Man“ Tagen, die vom 30. August bis 7. September, dem amerikanischen „Labor Day“. stattfinden sollten, ziehen die ersten Crews der „Burning Man“-Organisation in die Wüste. Die Umzäunung des weiläufigen Areals beginnt, die Infrastruktur im Nichts wird aus dem Boden gestampft.

2016 im Vor-Trump-Amerika stand ich auf der Playa neben einem rund fünf Meter hohen Bären aus Cent Stücken.

Es ist sicherlich ein Schock, aber einer der zu erwarten war. Die erste Absage überhaupt seit dem Beginn von „Burning Man“ im Jahr 1986 in San Francisco und dem Umzug in die Wüste von Nevada 1990. Außer Donald Trump und seinen Glaubensbrüdern und -schwestern denkt wohl niemand in den USA, dass Amerika schon bald zu einem „normalen“ Alltag zurückkehren wird. Und was ist schon normal in diesen Zeiten.

Die BM-Organisation kündigte an, eine Art Online-Festival durchführen zu wollen, doch wie das aussehen, wie es ablaufen, wie es finanziert werden soll, das ist alles noch unklar. Jetzt geht es ersteinmal darum, die bereits verkauften Tickets zurück zu erstatten und zu überlegen, wie es weitergeht. Denn von dem Ausfall des Festivals sind nicht nur die „Burning Man“-Organisation und die rund 80,000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen betroffen, auch die umliegenden Gemeinden, zumeist „Native American“ Ansiedlungen, werden in diesem Jahr kürzer treten müssen. „Burning Man“ pumpt nämlich alljährlich rund 75 Millionen Dollar in die lokale Wirtschaft in diesem entlegenden Teil im Norden Nevadas.

Die Bedeutung von Weltmusik in „America First“ Zeiten

Der Ruf nach “America First” ist überlaut, eine “hohe, schöne Mauer” will Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und Flüchtlinge aus Krisen- und Konfliktgegenden haben kaum noch eine Chance legal in die USA zu kommen. Das Einwanderungsland Amerika macht die Schotten dicht. Die eigene Bauchnabelschau steht im Wahljahr 2020 scheinbar an vorderster Stelle.

Da ist es erfrischend, dass das Plattenlabel Smithsonian Folkways mit Sitz in Washington DC einen ganz anderen Weg geht und in diesen aufgeheizten Zeiten die Vielfalt der Kulturen feiert. In einer neuen Wiederveröffentlichungsserie auf Vinyl wird nun Musik aus Gambia, Trinidad und den Gebieten der südlichen Sahara präsentiert.

Folkways Recordings ist eine musikalische Schatztruhe. Tausende von Aufnahmen aus aller Welt sind hier über die Jahrzehnte zusammengetragen worden, und das aus den verschiedensten und noch so entlegendsten Kulturen, in Sprachen, die es teilweise gar nicht mehr gibt. Oftmals ist es Musik, die alles andere als hitverdächtig ist. Aber Folkways, das bis in die 1940er Jahre zurückreicht, ist zu einem einmaligen Archiv der Weltmusik geworden. Das Label hat mit einer Wiederveröffentlichungsserie von alten Aufnahmen auf Vinyl begonnen, aktuell sind es – Calypso Travels, Gambian Griot Kora Duets und Tuareg Music of the Southern Sahara. Und das durchaus mit einem Hintergedanken, wie Huib Schippers, der Direktor von Folkways erklärt: „Wir leben in einer sehr polarisierten Welt. Wir als Label glauben, wir können das etwas abschwächen, in dem wir den Blick auf Menschen in anderen Teilen der Welt legen und zeigen, was sie antreibt.“

Huib Schippers erklärt auf die Frage, wie man denn bei solch einem gewaltigen Archiv mit tausenden von Aufnahmen eine Auswahl treffen könne, dass man als Team zusammenkomme, jeder bringe ein paar Vorschläge mit. Gemeinsam höre man sich die Aufnahmen an und entscheide dann gemeinsam darüber. Die drei aktuell veröffentlichten Platten verbinde musikalisch dabei wenig, sagt er, es sei einfach „unglaubliche Musik“.

Die Musik der Tuareg bringt den Hörer ganz nah dran, die Mikrofone haben dabei nicht nur die Musiker aufgenommen, sondern fingen auch die gesamte Atmosphäre im Freien ein. Die Kora Duette aus Gambia und Senegal hingegen stellen die feinfühligen und durchaus auch hypnotischen Klänge dieser westafrikanischen Harfe dar. Die Originalplatte erschien 1979. Calypso Travels von Lord Invader war dessen letzte Platte, die von Folkways Gründer Moses Asch 1960 in New York produziert wurde. Es ist zeitlose Musik, die auf diesen drei Veröffentlichungen präsentiert wird. Was sie verbindet ist der grenzenlose Blick auf diese universelle Sprache der Musik.

In diesen “America First” Zeiten wird genau diese Sprache zu einem wichtigen Gegenpart einer engstirnigen und beschränkten Politik. Folkways sieht sich dennoch nicht als politisches Label, man sei zwar Teils des Smithsonian Netzwerkes, aber finanziell nicht davon abhängig. Eine staatliche Kontrolle über die Veröffentlichungen und Themen des Labels gebe es also nicht, meint Huib Scheppers. „Wir glauben, die Menschen auf dieser Erde sollten in Frieden miteinander leben, versuchen, sich zu verstehen und Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu feiern. Vieles, was wir veröffentlichen drückt das aus. Es geht darum, neugierig zu sein, was für mich einer der besten Wege ist Vorurteilen vorzubeugen.“

Huib Schippers beschreibt das, was Folkways tut als eine Art GPS, ein globales Navigationssystem. Und das ist es wahrlich. Die Welt hören kann Grenzen verschieben. Geplant sind schon jetzt etliche weitere Wiederveröffentlichungen auf Vinyl. All die Musik gibt es auch als CD on Demand und natürlich als Download.

Mit Worten und Bildern die Mauern öffnen

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

Reno ist einer von vielen. Seit 1980 nennt er eine 1 Meter 40 mal 2 Meter 20 große Zelle sein “Haus”. Manchmal verlässt er sie für Wochen nicht und wenn doch, dann wird er in Handschellen, die an einer Bauchkette angebracht sind, aus seiner Zelle geführt. Reno ist einer von nahezu 750 Todeskandidaten im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin. Mit 33 Jahren wurde er verhaftet, im Mai dieses Jahres wird er 75 Jahre alt.

Reno hatte lange Zeit einen Weg gefunden, um die brutale Wirklichkeit um ihn herum auszublenden. Er malte. Portraits, doch vor allem Landschaften. Farbenfrohe Bilder in einem grauen Alltag, Fenster in eine Welt, die er nie wieder selbst sehen wird. Seine Matratze legte er auf den Boden und nutzte das Bettgestell als Schreibtisch. So blendete er sich aus, so überlebte er die langen Jahre hinter Gittern. San Quentin liegt direkt an der San Francicso Bay, die Aussicht traumhaft schön. Gegenüber der “Correctional Facilty” liegt die Halbinsel Tiburon, eine Reichengegend, wo einst Steffi Graf und Andre Agassi lebten und wo sich Robin Williams in seinem Haus umbrachte. Dahinter Angel Island, einst ein Internierungslager, heute ein Nationalpark. In der Ferne kann man die Bay Bridge, Oakland und ein paar der Skyscraper von San Francisco sehen. Doch davon sehen die meisten Gefangenen nichts. Nur wenige von ihnen, meist zu lebenslanger Haft Verurteilte mit guter Führung, können außerhalb der Mauern, aber noch im Innenbereich des Gefängnisses arbeiten und einen Blick auf die Bay werfen.

Im Todestrakt, der Death Row, sind die Gefangenen alleine in ihren Zellen untergebracht. Im allgemeinen Strafvollzug, den es auch in San Quentin gibt, sind jeweils zwei Häftlinge auf diesen etwas mehr als drei Quadratmetern untergebracht. Im Todestrakt hofft man deshalb, dass nach dem verkündeten Hinrichtungsstopp von Gouverneur Gavin Newsom, keiner der zum Tode Verurteilten in Zukunft seine Zelle teilen muss. Er lebe seit 40 Jahren alleine, meint Reno. Er könne nicht mehr mit jemandem auf so engem Raum leben, erklärte er vor ein paar Tagen im Besuchsraum von San Quentin.

Mittlerweile malt er nicht mehr. Seine Gelenke, sagt er, Arthrose, die mangelnde Gesundheitsversorgung im Gefängnis, es würde im Winter nie richtig warm werden, im Sommer sei es brütend heiß in den alten Gemäuern von San Quentin. Der Trakt, in dem er untergebracht ist, stammt noch aus den Gründerjahren Mitte des 19. Jahrhunderts. In den “Visiting Room” mit seinen Besucherkäfigen wird er im Rollstuhl gefahren. An den Handgelenken trägt er Bandagen. Um die Handschellen an der Bauchkette gelöst zu bekommen, muss er aus seinem Rollstuhl mühsam aufstehen, durch eine kleine Öffnung im Gitter werden die Schlösser geöffnet, die Kette von einem Wärter herausgezogen.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht.

Eine kurze Umarmung, “good to see you”, danach gibt es ein Sandwich zu Coca Cola, Popcorn und einen Schokoriegel, die der Besucher vor dem Einschluß aus Automaten kaufen und in einer Mikrowelle aufwärmen kann. Auch diese Besuche sind ein Fenster nach draußen. Anderes Essen, ein anderes Gesicht, ein paar Erzählungen aus der Welt hinter den Mauern. Die meisten auf Death Row und im allgemeinen Strafvollzug von San Quentin erhalten kaum noch Besuch. Sie wurden über die Jahre einfach vergessen. Reno hat früher gerne über seine Bilder gesprochen. Zahlreiche seiner teils farbenfrohen, detailreichen Gemälde wurden sogar in Ausstellungen in den USA, Deutschland und Schweden ausgestellt. Das Malen war für ihn wie das Schaffen eines Fensters in der fensterlosen Zelle. Die fühlbare Enge wurde so einfach erweitert.

In San Quentin findet man hochbegabte und talentierte Gefangene. Das war schon immer so. 1936 wurde der amerikanische Komponist Henry Cowell aufgrund einer “moralischen” Straftat zu 15 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre lang saß er in San Quentin, bevor er eine Begnadigung bekam. Cowell komponierte weiter in San Quentin, die Musik dieser Zeit drückt die Schwere und die Eintönigkeit des Gefängnislebens aus. Er sagte einmal, die Musik habe ihn in San Quentin überleben lassen.

In San Quentin trafen sich in den 40er und 50er Jahren auch die Jazzgrößen Kaliforniens, Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon, Dupree Bolton, Earl Anderza, Jimmy Bunn und andere. Meist waren sie, wie auch der Jazzsänger Ed Reed, wegen Drogenkonsums hier gelandet und formten hinter Gittern eine der besten Jazz Combos ihrer Zeit, die gelegentlich bei Feiern und Anlässen des Direktors aufspielten. Sie nutzten diese Freiheit, um in den Klangweiten des Jazz im damals gefährlichsten Gefängnis westlich des Mississippi zu überleben. “Es waren immer großartige Musiker in der Band”, erinnert sich der heute 91jährige Reed. “Der Übungsraum war unter der Turnhalle in diesem alten Backsteingebäude ohne Fundament. Gefängnisdirektor Duffy hatte Instrumente gespendet bekommen und schaffte es, dass eine Instrumentenfirma sie pflegte.” Nur hier San Quentin existierte diese Superband, draußen, nach ihrer Entlassung kamen die Musiker nie wieder zusammen. Es sollen bislang unveröffentlichte Aufnahmen von dieser sagenhaften Band existieren. Tonbänder, die im alten Schulhaus auf dem Gelände von San Quentin in einer Kiste liegen sollen. Gefunden wurden sie bislang nicht, danach gesucht hat wohl bislang auch noch niemand.

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Im Speisesaal des Gefängnisses sieht man auch eines der beeindruckendsten, doch unbekanntesten Wandbilder der USA. 1953 begann der Häftling Alfredo Santos an seinem Monumentalwerk zu malen, nachdem er einen Wettbewerb hinter Mauern gewonnen hatte. Zwei Jahre lang arbeitete er Tag für Tag an der Geschichte Kaliforniens, detailreich versuchte er sie wiederzugeben, von Indianern bis zum Wirtschaftsboom in den Nachkriegsjahren der frühen 1950er. Auf sechs Wänden, jeweils 30 mal 4 Meter, schuf er ein einzigartiges Wandgemälde, dessen Stil an den mexikanischen Künstler Diego Rivera und die Plakatkunst der 30er und 40er Jahre erinnert. Ein Wandbild aus vielen kleinen Szenen, teils filmisch genau, teils expressionistisch, und alles ist in Brauntönen gehalten. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entlassung konnte Alfredo Santos sein Bild wiedersehen. 2003 durfte er als Besucher das Gefängnis und den normalerweise nicht zugänglichen Speisesaal betreten. In einem Nebensaal spielte auch Johnny Cash am 24. Februar 1969 sein berühmtes Konzert. “San Quentin, you’ve been living hell to me” sang er, und der Jubel der Häftlinge echote von den kahlen Wänden zurück.

San Quentin wird auch die “Bastille by the Bay” genannt, ein Gebäude, dass wie eine alte Festung wirkt. Es ist das älteste Staatsgefängnis im Bundesstaat und dennoch, trotz der alten Gemäuer wollen die Gefangenen hier sein, denn San Quentin ist eines der wenigen Gefängnisse inmitten einer Metropolregion. Mehr als 700 Freiwillige unterhalten Sozial-, Freizeit-, Beschäftigungs- und Bildungsprogramme. Das reicht von einer Uni mit College Abschluss über ein Shakespeare Theater zu einer preisgekrönten Häftlingszeitung, einem Radioprogramm und Yoga Kursen. Insgesamt werden mehr als 70 solcher Programme angeboten, nur wenige allerdings für die “Condemned Inmates”, die zum Tode Verurteilten. Die nutzen das Malprogramm und eine Schreibwerkstatt, um das verarbeiten, was sie erlebt haben und erleben. Und sie nutzen Papier, Stift und Pinsel um den trostlosen Alltag, der sich täglich wiederholt, zu entfliehen. Kurt Michaels ist ebenfalls im “East-Block”, dem Todestrakt untergebracht. “Ich nenne diese Zelle hier lieber meine Betoneigentumswohnung, also mehr wie man sein Zuhause sieht und weniger wie eine Gefängniszelle. Im Laufe der Jahre lernt man, die Gitterstäbe nicht mehr zu sehen, man sieht einfach durch sie hindurch, wenn man nach draussen blickt.”

Der 53jährige ist seit 1990 in San Quentin. Er wirkt im Gespräch wie unter Strom, immer darauf wartend, dass etwas passieren könnte. Kurt Michaels begann in seiner Endstation San Quentin mit dem Schreiben. Gedichte und vor allem Briefe an Freunde, in denen er seine Welt und seine Gedanken anschaulich schildert. Er bittet seine Brieffreunde, ihre Welt genauestens darzustellen, denn diese Briefe werden für ihn zum Fenster in die Freiheit: “Ich korrespondiere mit einigen Leuten in aller Welt. Wenn ihre Briefe hier ankommen, von Australien und anderen Ländern, dann sortiere ich sie nach Gegenden, in die ich dann in diesem Moment reisen möchte. Manchmal sage ich meinen Zellennachbarn, stört mich jetzt nicht, laßt mich in Ruhe. Und dann nehme ich ihre Briefe, öffne sie, einen nach dem anderen, oftmals sind Fotos dabei und sie beschreiben verschiedene Dinge in ihrem Leben, damit ich daran Teil haben kann. Das ist meine mentale Flucht, das ist alles, was wir hier haben.”

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Ben Aronoff arbeitete über mehrere Jahre als “Corrections Officer”, als Justizbeamter, im Todestrakt von San Quentin. Er beobachtete und bewunderte fasziniert die Kreativität der Häftlinge. “Da erinnere mich an einen Häftling, der durfte aufgrund seines Verhaltens nicht am offiziellen Kunstprogramm teilnehmen. Das störte ihn nicht, er machte sich einen Pinsel aus seinen Haaren. Und er bekam den staatlich zuerkannten Tabak. Heute dürfen sie ja noch nicht mal mehr in ihren Zellen rauchen, aber damals bekamen sie noch Tabak. Und er mischte den Tabak mit Wasser, nutzte seine Haare als Pinsel und malte die wunderbarsten Bilder auf seine Zellenwand. Die waren einfach unvorstellbar schön. Und alle paar Wochen wurde er auf den Hof geschickt und die Gefängnisleitung ließ die Wand wieder weiß übertünchen. Aber das war ok für ihn, denn dann hatte er wieder Platz zum Malen.”

In San Quentin, dem ältesten kalifornischen Staatsgefängnis, sind derzeit fast 4000 Gefangene untergebracht. Wer hierher kommt arrangiert sich mit dem brutalen und tristen Alltag, mit Gangs, oftmals mit der Aussicht nie wieder nach draußen zu kommen. Doch viele finden auf kreative Weise einen Weg, zumindest ein Fenster nach draußen, in die weite Welt zu öffnen.

Ein Grammy für Pete Seeger

Ich bin kein großer Fan der Grammys, irgendwie wird immer das gleiche und die gleichen ausgezeichnet. Interessant finde ich nur jene Awards, die auf den hinteren Rängen zu finden sind, wie „Best boxed or special limited-edition package“, „Best album notes“ und „Best historical album“. Da sind immer mal wieder außergewöhnliche Veröffentlichungen dabei, wie in diesem Jahr der Grammy für eine Pete Seeger Box.

Pete Seeger, die Stimme der amerikanischen Folk-Bewegung. Vor sechs Jahren, am 27. Januar 2014 verstarb er im Alter von 94 Jahren. Seeger wurde schon zu Lebzeiten als “American Treasure”, als lebender Kulturschatz Amerikas bezeichnet. Meist nur mit seinem Banjo in der Hand, begeisterte er seine Zuhörer, und das weltweit. Pete Seeger war Sänger, Rebell und die Stimme einer ganzen Nation. Er sang von einer besseren Welt und war der Meinung, diese könne nicht überleben, solange das Privateigentum „Gott aller Götter“ sei. Seine Lieder sollten Hoffnung geben. Zu Pete Seeger‘s 100. Geburtstag am 3. Mai 2019 hatte sein langjähriges Label “Smithsonian Folkways” eine umfangreiche 6 CD Box herausgebracht, darunter auch 20 bislang unveröffentlichte Songs. Dazu ein 200seitiges Buch. Und diese opulente Box wurde mit einem Grammy für „Best historical album“ ausgezeichnet.

An Pete Seeger kommt man in den USA nicht vorbei. Bob Dylan und Joan Baez und selbst Musiker von Rage Against the Machine sehen ihn als großen Einfluss auf ihre Musik. Seine Lieder wurden zu einem Soundtrack dieses Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine bekannten Songs sind genauso auf „The Smithsonian Folkways Collection” zu finden, wie Lieder, die ihn einfach am besten beschreiben. Zusammengestellt wurde diese Werkschau von Jeff Place, Kurator und Leiter des Folkways Archivs. „Ich habe einfach versucht, die größte mögliche Retrospektive zusammenzustellen. Von seinen ersten Veröffentlichungen überhaupt bis hin zu den letzten in seinem Leben. Und dann wollte ich auch noch all die Orte aufnehmen, die Pete Seeger mit seiner Musik besuchte. Die Leute sprechen von ihm wie von Woody Guthrie, Woody’s Kinder sind auch Pete’s Kinder…Joan Baez erzählte mal, dass sie als 13jährige ein Konzert von Pete Seeger an ihrer Schule erlebte, und das veränderte ihr Leben.“

Jeff Place berichtet davon, dass Pete Seeger in den 50 Jahren aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei und seinem politischen Einsatz für soziale und gesellschaftliche Initiativen unter politischen Druck geriet. Seeger war auch ein Teil der legendären und sehr erfolgreichen „Weavers“, einem Folk Quartett aus Greenwich Village, das neben traditionellen Folk Songs auch Arbeiter- und Protestlieder sang. Damit machten sie sich in der politisch aufgeheizten McCarthy Ära verdächtig. Seeger und auch andere Mitglieder der „Weavers“ wurden „blacklisted“. Kein Club ließ ihn mehr auftreten, kein Radiosender spielte ihn mehr. Doch das hielt ihn nicht auf, so Jeff Place: „Er lebte also ein Leben im Untergrund, wo er einfach an Colleges und Universitäten auftauchte und ohne große Ankündigung spielte, so konnte man ihn nicht davon abhalten. Es wurde versucht, seine Ideen aufzuhalten, aber er fand einen Weg, um die jüngere Generation zu erreichen, in dem er an Schulen spielte und Platten aufnahm. Darunter auch Platten für Kinder. Er hat all diese Menschen in den Vereinigten Staaten beeinflusst, diese jungen Leute, diese Kinder, die schließlich Teil der großen Folk Bewegung in den späten 50er und 60er Jahren wurden, wie Peter, Paul & Mary und Dylan und all die anderen.“

Pete Seeger wurde durch seine Schul- und Uniauftritte erneut bekannt, erreichte so eine neue, junge Generation. In den 60er Jahren setzten Lehrer in den Schulklassen seine Musik im Unterricht ein. Die Saat, die er mit seinen Konzerten säte, ging auf. Seeger veröffentlichte über 70 Platten auf Folkways Records, darunter “Spoken Word” Alben, Musik für Kinder, Protestlieder, Songs aus anderen Ländern und Kulturen. Überall wohin Pete Seeger reiste, brachte er nicht nur seine amerikanischen Lieder mit, sondern nahm auch Songs von dort mit zurück in die USA. Er war ein musikalischer Grenzgänger und Brückenbauer, der Menschen mit seinen Songs zusammenbrachte. Auf dieser Box ist auch eines der bedeutendsten antifaschistischen Protestlieder überhaupt enthalten, das 1933 im norddeutschen Konzentrationslager Börgermoor geschrieben und mit dem Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt geweht wurde. Pete Seeger liebte dieses kraftvolle Lied und spielte es immer wieder auf seinen Konzerten.

Mit der großen Pete Seeger Werkschau schließt sich für Folkways Records auch der Kreis der wichtigen „Drei“ der amerikanischen Folk-Musik, denn zuvor schon hatte das Label Boxsets von Woody Guthrie und Lead Belly veröffentlicht. „Man muss auch erwähnen, dass Pete Seeger ein enger Freund von Woody Guthry und Lead Belly und einigen anderen war“, meint Jeff Place. „Und er war derjenige, der weitermachte…sie starben leider viel zu jung, doch Pete hielt ihre Musik und ihre Ideen über die Jahre am Leben. Er ist dafür verantwortlich, dass wir Woody Guthrie heute so kennen oder ihn so schätzen.“

„Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ ist nicht nur eine bedeutende Werkschau einer der wohl wichtigsten Jahrhundertmusiker Amerikas, die nun mit einem Grammy geehrt wurde. Beim Durchhören all der Lieder spürt man vielmehr, dass Pete Seeger mit seinem Banjo und seiner warmen Stimme Kraft und Hoffnung in teils schwierigen Zeiten geben wollte und auch konnte. Amerika könnte heute mehr denn je wieder einen Pete Seeger gebrauchen.

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Megalomaniac, Deutschland, Redukt….und dann noch Cheri Cheri Lady

2020 wird ein Konzertjahrt. Da freut man sich als langjähriger Moderator einer Radiosendung, in der nur Musik aus deutsch(sprachig)en Ländern gespielt wird. Die Schweiz kam ursprünglich wegen den Elektroklängen von Yello und Österreich wegen dem abstrusen Rocktheater von Drahdiwaberl mit dazu. In 24 Jahren konnte ich hier einige Bands aus meinen Playlisten live rleben.

Im Jahr 2020 geben sich gleich drei große Namen aus der deutschen Musikszene die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Und das sind nicht irgendwelche Bands, das sind die Großen ihres Genres, die in den USA eine riesige Fangemeinschaft hinter sich haben. Im Juli werden KMFDM aufpielen, sie touren mit Ministry und Front Line Assembly einmal quer durchs Land. Wer die Band nicht kennt, hat etwas verpasst, denn KMFDM ballern seit 35 Jahren ihren ultimativen und kompromisslosen Beat unter die Fans. Live sind sie grandios. Sie gelten als Pioniere des harten Metal-Industrial Sounds. Ein absolutes Muss.

Kurz darauf dann sind Rammstein an der Reihe. Sie haben zum ersten Mal eine Stadiontour ausgerufen, die sie in acht US Städte, nach Montreal und Mexiko City bringen wird. Und zwischen den Terminen sind noch weitere offene Tage, die zu Folgekonzerten führen könnten. Der Hype online ist riesig für die „German Boygroup“, wie sie mir mal von einem weiblichen Fan beschrieben wurden. Und Rammstein live, ein wahres Freudenfest. Was sie auf ihrer Europatournee gezeigt haben, läßt Spannung auf dieser Seite des Atlantiks aufkommen.

Im Oktober dann treten die Einstürzenden Neubauten mit einer neuen Platte im Gepäck die Reise nach Übersee an. Sie haben „The Year Of The Cat“ ausgerufen und zehn Konzerte einmal quer durchs Land gebucht. Es beginnt in Los Angeles und endet in Philadelphia. Die Neubauten sind zweifellos eine der wichtigsten deutschen Bands, denn sie haben mit Klangexperimenten und Klangideen durchaus die Grenzen der Hörgewohnheiten verschoben.

Neben diesen drei kommen noch einige weitere deutsche Gruppen in die USA. Da ist vor allem die SXSW in Austin Texas, alljährlich fördert da die Initiative Musik Auftritte von deutschen Bands, Musikern und Musikerinnen. Das ganze ist als Einstieg in den US Markt gedacht. Etliche der Teilnehmer zieht es nach den Auftritten in Austin noch für weitere Konzerte in den Westen der USA.

Und dann gibt es da auch so seltsame Auftritte, die eigentlich kein Mensch braucht. Denke ich mir zumindest, aber ja, Geschmack ist immer so eine Sache. Ich glaube, wenn David Hasselhoff in Deutschland Erfolg haben kann, dann sollte das auch für Thomas Anders in den USA möglich sein. Zumindest kann ich von mir behaupten, dass in fast 24 Jahren mit Radio Goethe kein einziges Mal Modern Talking in meiner Sendung lief. Das ist doch schon mal was. Aber noch besser, ich bekam auch kein einziges Mal einen Hörerwunsch dahingehend. Da lobe ich mir meine Hörerinnen und Hörer. Na, Modern Talking kommen ja nicht ganz, nur Thomas Anders, der damals mit seiner riesigen Nora Kette um den Hals „Cheri Cheri Lady“ trällerte. Und als Unterstützung bringt er Sandra mit. Gleich sieben Konzerte sind geplant: San Jose, 2x Burbank, Chicago, Elizabeth, NJ, New York und Boston.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal in einen Beitrag KMFDM, Rammstein, Einstürzende Neubauten, Modern Talking und Sandra unterbringen kann. Wahrlich verrückte Zeiten. Es steht einiges an Konzerten in diesem Jahr an. Das nächste kommt schon in dieser Woche für mich. Laurie Anderson spielt mit Mike Patton (Faith No More) im SF Jazz Center. Und dieses Zusammenspiel kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.