Der Blick nach unten lohnt sich

Heute wurden die Grammy Nominierungen verkündet. Ich muss auf der ellenlangen Liste ziemlich weit nach unten fahren, um die wirklich guten Platten zu finden, von denen ich finde, dass sie eine Auszeichnung verdient haben. Klar, es ist immer auch Geschmack dabei, aber seien wir doch ehrlich, bei diesen Grammys werden in den vielbejubelten Kategorien immer die gleichen Verdächtigen nominiert und ausgezeichnet.

Eine der wirklich großartigen Platten in diesem Jahr ist Mary Gauthiers „Rifles & Rosary Beads“, die als „Best Folk Album“ zur Wahl steht. Gauthier hat das Album gemeinsam mit Veteranen geschrieben. Songs, die in Musik-Workshops entstanden sind, Lieder als Hilfe, als Krücke, als Möglichkeit, Erfahrenes auszusprechen und zu verarbeiten. Eine wichtige Platte in diesen Zeiten, wo Zehntausendes von Soldaten aus den Einsätzen in Afghanistan und Irak zurückkommen und auf eine Gesellschaft stoßen, die nicht in der Lage ist, ihnen die Hilfen zu bieten, die sie benötigen, die sie verdienen. Jeden Tag nehmen sich 22 Veteranen das Leben. Das ist die offizielle Zahl, nicht beachtet dabei werden Suizidversuche, Gewalt gegen andere, Alkohol- und Drogenprobleme, der gesellschaftliche Absturz. Mary Gauthiers Album ist daher ein Spiegel und ein Aufrüttler zugleich. Alben wie diese sollten beachtet und ausgezeichnet werden:

      gauthier

In der Kategorie „Best Album Notes“ wurde die hervorragende Doppel-CD Alpine Dreaming: The Helvetia Records Story, 1920-1924″ nominiert. In jahrelanger Kleinarbeit hat Professor James Leary von der University of Wisconsin in Madison alle Aufnahmen eines Labels zusammengetragen, das ein Schweizer Einwanderer 1920 gegründet hatte. Und nicht nur das, Leary erzählt in dem umfassenden Booklet die Geschichte des Labels und der Schweizer Community, angereichert mit vielen Bildern, Informationen und Details zu den einzelnen Musikerinnen und Musikern. Ein beeindruckendes Klangwerk, das neugierig macht auf mehr. Auf mehr, was all die Einwanderer in die USA mitgebracht haben, wie sie dieses Land zum Tönen brachten, wie sie es kulturell und musikalisch beeinflusst und bereichert haben.

      helvetia
Und dann sind auch noch zwei deutsche Produktionen in der Kategorie Best Historical Album nominert. Beide wurden auf dem einzigartigen (Kult-)Label Bear Family veröffentlicht: „At The Louisiana Hayride Tonight“ und „Battleground Korea: Songs And Sounds Of America’s Forgotten War“ . Zwei umfangreiche Boxen, die es in sich haben. Vor allem die Korea Box ist ein historisch einmaliges Klangerlebnis, die Geschichte zum Hören bringt. Beide sind in der bekannten Bear-Family Qualität mit viel Liebe zum Detail veröffentlicht worden.

Musik für dunkle Tage

„Das Buch der Klänge“ heißt die bereits 1984 erschienene Platte des Komponisten Hans Otte. Ich muss zugeben, bis vor einer Woche kannte ich diesen Mann nicht, und das, obwohl er deutsche Musikgeschichte geschrieben hat. Von 1959 bis 1984 war Hans Otte der Musikchef von Radio Bremen und entwickelte mit Weitsicht ein Programm, das einzigartig in der ARD war.

Otte war jedoch auch Komponist, der mit „Das Buch der Klänge“ auf den Spuren von John Cage wandelte, den er mit seiner Arbeit für Radio Bremen einem breiteren Publikum bekannt machte. Diese Solo Klavier Stücke wurden zwischen 1979 und 1982 geschrieben. In diesen zwölf Kapiteln führt er die Hörer auf eine ergreifende Klangreise, die einfach passend ist für den regnerischen Herbst, den kühlen Winter, der Melancholie zum Jahresende. Es ist das Herausfinden der ganzen Tiefe dieses Instruments. Einzelne Töne, die durch den Raum schweben, ein zärtlich, leises Wehen, wie der Wind, der den grauen Nebel um die Bäume waben lässt. Es ist die Stille, die hier erklingt, die den Raum mit wunderbaren Bildern erfüllt.

Das in Portland, Oregon, ansässige Label Beacon Sound bringt nun in einer Auflage von gerade mal 500 „Das Buch der Klänge“ erneut auf Vinyl heraus. „One of the 20th century’s most sublime pieces of music for piano“, heißt es auf der Webseite des Labels und diese Umschreibung scheint nicht übertrieben zu sein. Ein tief beeindruckendes, bewegendes und zeitloses Album. Perfekt für diese Jahreszeit voller Rückblicke, Gedankengängen, Aussichten. „Das Buch der Klänge“ von Hans Otte ist absolut empfehlenswert.

Der Abgesang des Undergrounds

1987 war ich zum ersten Mal in San Francisco und war begeistert. Seit 1992 habe ich vieles im Kunst-, Kultur- und Nachtleben am Golden Gate kennengelernt. Faszinierend war für mich als Nürnberger in der Weltstadt die vielen Clubs und Galerien, die Buchläden und Konzertorte, die so ganz anders waren, als das, was ich aus meiner Heimatstadt kannte. „Open Mic“ Abende mit Musikern, Schriftstellern, Künstlern, die immer anders endeten, als geplant. Konzerte und Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

Muss Apartments weichen, der Elbo Room auf der Valencia Street.

Nun lebe ich schon lange in der San Francisco Bay Area und beobachte, wie mehr und mehr Clubs und Auftrittsorte dicht machen, verschwinden, vergessen werden. Angefangen hat es mit dem ersten dot.com Boom Ende der 90er Jahre und nun weht erneut ein eiskalter Wind durch die Kulturlandschaft der Region. Viele, der einst bedeutenden und wichtigen Bühnen sind nicht mehr. Vor kurzem machte Hemlock Tavern auf Polk Street dicht. Der Elbo Room wird zum Jahresanfang verschwinden. Und im Oktober 2019 der feine Musikclub Mezzanine zwischen Market und Mission Street. „Developers“ erleben derzeit den neuen Gold Rush am Golden Gate. Mit Apartment Buildings, Lofts und Bürogebäuden kann man viel, sehr viel Geld machen.

Kulturschaffende werden ab- und rausgedrängt. War Oakland lange Zeit eine Alternative für Musiker, Künstler und Kunstschaffende, so sind auch die Mietpreise „across the Bay“ nach oben geschnellt. Erst gestern las ich von einem Studioapartment für 2850 Dollar in Oakland. Wer kann sich das noch leisten?

San Francisco und die gesamte Region verlieren derzeit ein Stück von dem, was die Bay Area immer ausmachte. Kultur wird teuer, für die, die es anbieten und für die, die es genießen wollen. Wohin der Weg geht, wie gegengesteuert werden kann, das ist mehr als fraglich. Ein Problem sicherlich nicht nur für San Francisco und die Bay Area. Überall fehlt Wohnraum, überall machen Grundstücksbesitzer, Mieteigentümer und „Developer“ Gewinn, wenn sie neue, zahlkräftige Mieter ansprechen. Und ja, jetzt klinge ich wie der alte Mann, der den alten Zeiten nachhängt. So ist es aber nicht, ich wünschte mir einfach nur, dass kulturelle und künstlerische Freiräume geschützt werden, denn gerade das macht das Leben in Städten wie San Francisco und Oakland ja auch aus. Finde ich!

It’s great to be alive in Colma

An Colma fährt man vorbei, wenn man von San Francisco kommend über den 280er zum internationalen Flughafen muss. Von der Autobahn kann man etwas davon sehen, für was Colma bekannt ist: Friedhöfe. Doch dieser Blick zeigt nicht das Ausmass dieser riesigen Totenstadt mit ihrem eigenen Charme, in der Gottesacker wie Parks wirken, in denen gejoggt, Hunde ausgeführt und sogar Filme für die ganze Familie gezeigt werden.

Rae Gonzalez ist die Bürgermeisterin von Colma, südlich von San Francisco gelegen, etwa 5 Quadratkilometer groß, in der gerade mal 1500 Menschen leben. Über Tage. Colma ist nämlich die Friedhofsstadt von San Francisco. 1,5 Millionen Tote sind hier begraben. Gonzalez wuchs hier auf, spielte auf den Friedhofsfeldern mit Freunden Football und Baseball. Das war ganz normal für sie und all die anderen, die hier leben. „Aber über die Jahre, als Häuser zum Verkauf standen, wollten bestimmte ethnische Gruppen nicht hierher ziehen, sie meinten, das sei kein gutes Feng Shui und bringe nur Unglück. Ich sehe es hingegen als ein offenes Feld. Meine Nachbarn sind leise und ich habe Glück, denn ich kann auch auf der anderen Straßenseite parken, ich muss mir das nicht mit den Nachbarn dort teilen.“

Im Angesicht des Todes hat man hier seinen Sinn für Humor nicht verloren. Der offizielle Slogan der “Stadt der Seelen”, wie Colma auch genannt wird, ist “It’s great to be alive in Colma”. T-Shirts und Aufkleber damit werden im städtischen Museum verkauft. Bürgermeisterin Rae Gonzalez lacht und setzt noch einen drauf, in dem sie lachen sagt: “Everybody is dying to get in”.

17 Friedhöfe gibt es in Colma, darunter vier konfessionslose, vier jüdische, zwei chinesische, einen japanischen, einen griechischen, einen serbischen, einen katholischen, einen italienischen, einen nicht mehr aktiven Armenfriedhof und einen Friedhof für Haustiere. Colma wurde aufgrund der weltlichen Vielfalt auch einmal als “United Nations of Cemeteries” beschrieben, denn im Totenreich kommen sie alle wieder zusammen.

Richard Rocchetta arbeitet im historischen Museum von Colma. Er wuchs am Rande von Colma auf und kennt die Geschichte der Kleinstadt. „Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in San Francisco eine Bewegung, alle Friedhöfe auszulagern, damit man die beschränkte Landfläche gerade im Westen der Stadt für Häuser und Geschäfte nutzen könnte. Das dauerte allerdings etliche Jahre, um die Friedhöfe aufzulösen. Es gab Gerichtsverfahren und mehrere Wahlen. Am Ende der 1930er Jahre wurden sie schließlich alle aufgelöst. Damals gab es noch vier große Friedhöfe in San Francisco, zwei wurden schon in den 1920ern umgebettet, aber erst Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre kamen die letzten beiden großen Friedhöfe und ihre Leichen nach Colma.“

Damit war auch das Ende der Farmgemeinde Colma besiegelt. 1894 wurden hier noch rund zwei Millionen Tonnen Kraut geerntet und nach San Francisco, in den Mittleren Westen und bis nach Chicago gebracht. In Colma gab es damals sogar eine deutsche Sauerkrautfabrik, die die zahlreichen deutschen Immigranten in der Region versorgte. Auch Massengräber sind hier zu finden, denn als die Stadtführung in San Francisco 1914 beschloss, die ersten städtischen Friedhöfe aufzulösen, „erbte“ die kleine Gemeinde Hunderttausende von Leichen. Viele der Hinterbliebenen konnten damals die 10 Dollar Überführungsgebühr von San Francisco nach Colma nicht bezahlen. Die sterblichen Überreste wurden deshalb einfach in Massengräbern auf dem Armenfriedhof bestattet.

Colma ist eine friedliche Gemeinde. Probleme scheint es hier kaum zu geben. Darauf angesprochen meint Bürgermeisterin Gonzalez, Parken sei das Hauptproblem, denn Besucher wüssten oft nicht, dass man eine Parkerlaubnis haben müsse. Mit 17 Friedhöfen und eineinhalb Millionen Toten, ist denn der Tod hier ein gutes Geschäft für die Kommune? Mayor Rae Gonzalez lacht und meint, „nein, leider nicht für uns. Der Bezirk bekommt alles. Das wurde schon vor vielen Jahren beschlossen, ich weiss nicht, wie es dazu kam, dass das so ist, denn wir beherbergen ja die Ruhenden. Aber das Geschäft ist gut für die Grabstein Händler, die Floristen. Es ist ja andauernd, jeden Tag. Sie sind beschäftigt, sollte ich wohl besser sagen.“

 

Eine himmlische Stimme

Nazy Kaviani, die Gründerin und Direktorin von „Diaspora Arts Connection“ in San Francisco steht um kurz nach 19 Uhr auf der Bühne und kündigt die kurdische Sängerin Aynur Dogan an. Als sie sagt, dass sie sich so den Himmel vorstelle, in dem eine Stimme wie die von Aynur singt, jubelt das Publikum begeistert. Vor allem Exil-Kurdinnen und Kurden und einige Türkinnen und Türken kamen an diesem Sonntagabend ins „Marine Mermorial Theatre“, einer Einrichtung für aktive und ehemalige US Militärangehörige in Downtown San Francisco.

Eine himmlische Stimme – Aynur Dogan live in San Francisco.

Ich fuhr direkt nach einem 11 Stunden Flug vom Flughafen SF zum Konzert. Schon mehrmals wollte ich Aynur live erleben, in Deutschland und Istanbul, jedesmal hatte es dann nicht geklappt. Doch nun steht die 43jährige vor mir in diesem ganz besonderen Konzertsaal auf der Bühne. Neben ihr Cemîl Qoçgîrî auf der Tenbûr und Salman Gambarov am Piano, zwei Ausnahmemusiker, die den Saal mit ihrer Spielkunst erfüllen.

Aynur hat Bühnepräsenz ohne groß eine Show hinzulegen. Sie rennt nicht über die Bühne, sie arbeitet nicht groß mit dem Publikum, sie sagt wenig zwischen den Liedern. Ganz im Gegenteil, meist steht sie nur da oder lehnt an ihrem Barstuhl, blickt nach unten, gestikuliert sparsam mit der linken Hand. Das ist alles, das ist genug. Ihre Stimme, ihr Gesang, ihre Ausdruckskraft ist, was zählt. Manchmal animiert sie das kurdische Publikum zum Mitsingen, zum Mitklatschen. Die Diaspora erlebte am Golden Gate ein Stück Heimat. Bärtige junge Männer haben Tränen in den Augen, singen mit, himmeln Aynur Dogan richtiggehend an, die mit ihren Liedern zur weltweit bekannten Stimme ihres Volkes ohne Staat geworden ist.

Ich weiß nicht viel, von was und über was sie singt, ich weiss nur, dass Aynur Dogan eine faszinierende Sängerin ist, die einen in eine unglaubliche Gefühlswelt eintauchen lässt. Es ist diese Mischung aus Tradition, Heimatklängen, Jazz und Chanson, die sie brillant vermischt. Und dazu die einzigartige Spielkunst von Cemîl Qoçgîrî, der zart und voller Perfektion über sein dreisaitiges Instrument streicht, zupft, spielt. Eine perfekt-feinfühlige Ergänzung für diese einzigartige Musikerin.

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Der Multikulti-Klang Khartums

In Zeiten von Fake News, Onlinebullying, anti-muslimischer Hetze erscheinen die Platten eines kleinen Indie-Labels aus New York wie das berühmte gallische Dorf im römischen Reich. Die Musikveröffentlichungen von Ostinato Records sind zwar ein Kampf gegen die übermächtigen Windmühlen, aber sie sind dennoch ein wunderbar kraftvoller Ausdruck dafür, dass noch nicht alles verloren ist.

Nach „Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes from the Horn of Africa“ erscheint nun „Two Niles to Sing a Melody – the violins & synths of Sudan“. Ein Album mit Musik aus einem Land, dass man seit Jahrzehnten nur mit Krieg, Hunger, Menschenrechtsverletzungen und einem Präsidenten in Verbindung bringt, der mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wird. Ostinato Records hat auf dieser jüngsten Platte Musik zwischen den 70er und den 90er Jahren zusammen getragen, die gleich drei Episoden der sudanesischen Musikszene umfassen. Zum einen die Hochzeit Khartums in den 70ern, als der Ruf der sudanesischen Musiker vom Roten Meer bis an den Atlantik reichte. Man sprach vom sudanesischen Gürtel, der von Somalia und Dschibuti bis in den Senegal und Kamerun langte.

Der zweite Teil von „Two Niles to Sing a Melody“ dreht sich um die Musik nach der Einführung der Scharia 1983, als man als Musiker in Khartum vorsichtiger vorgehen und schließlich ganz das Land verlassen musste. Unter ihnen auch der legendäre muslimisch nubisch-sudanesische Sänger und Songwriter Mohammed Wadi. Der dritte Part dieser Dreifach-LP und Doppel-CD ist Musik aus dem Exil, denn die Stimmen wurden zwar außer Landes gezwungen, doch verstummten nie.

Die Lieder erzählen für sich die Geschichte einer vielschichtigen, offenen und selbstbewußten sudanesischen Musiklandschaft, die ohne Einflüsse aus anderen Kulturkreisen auskommt. Der Sudan als ein reiches Kulturland.

Ostinato Records ist erneut ein wichtiger Blick hinter die Schlagzeilen, die Nachrichten, das tagtägliche Getöse geglückt. Khartum wird durch die Musik ein Stück näher gebracht, so, wie es das Label mit Mogadischu auf „Sweet as broken dates“ schaffte. Hinter all dem Krieg und dem Horror blühte einst eine klangvolle und vielseitige Kulturlandschaft. Und wieder wird dabei deutlich, dass Musik die wohl einzige internationale Sprache ist, die uns alle verbindet. Auch wenn man die Worte nicht versteht, man wird auf eine besondere Reise entführt, die neugierig macht auf ein für mich bislang unbekanntes Land.

Weblink: Ostinato Records

Der Funken zum großen Feuer

Vor mehr als 30 Jahren wurde Das Ich im oberfränkischen Bayreuth gegründet. Aus der Wagnerstadt zog das Duo hinaus in die Welt, um mit ihrem eigenwilligen Sound, ihrer schockierenden Bühnenpräsenz und ihren deutschen Texten zu ganz besonderen Kulturbotschaftern zu werden. „Das Ich besucht AmerikA“ heißt die aktuelle Tour, die Bruno Kramm und Stefan Ackermann durch 16 amerikanische Städte führt.

Man sei schon etwas geschockt gewesen, als man im Süden der USA die „Trump 2020“ Aufkleber auf den Pickups sah, meint Bruno Kramm im Gespräch. Viele seiner Musikerkollegen in Deutschland meiden mittlerweile die USA, sie wollen vielmehr abwarten, bis Donald Trump aus dem Amt ist. Doch davon hält Kramm gar nichts. Musik sei politisch, er finde es wichtig auch hier deutlich Stellung zu beziehen, an die Grundwerte Amerikas zu appelieren. Auf der Bühne findet der 51jährige durchaus deutliche Worte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ohne ihn beim Namen zu nennen: „Send him to space, he is a f…. illegal earthling“. Im Gespräch mit ihm und Stefan Ackermann klingt das ganz anders. Er sieht Das Ich als kleinen Funken, der vielleicht mithelfen könnte, den dringend notwendigen Flächenbrand in den USA zu entfachen.

Das Ich meldet sich mit dieser USA Tour brachial zurück. Neun Jahre lang herrschte nahezu Funkstille. Das lag an einer schweren Erkrankung von Sänger Stefan Ackermann und das lag auch an den politischen Ambitionen von Bruno Kramm, der von Bündnis90/Die Grünen zur Piratenpartei wechselte und sich in Berlin in die Landespolitik einmischte. Schließlich klagte er noch erfolgreich gegen die GEMA.

Doch nun steht wieder die Musik im Vordergrund. Erst die Tour, an einer neuen Platte wird gearbeitet, ganz im Sinne von „America First“ präsentierte Das Ich schon neue Songs in den Live-Konzerten. In der gutbesuchten DNA-Lounge auf der 11. Street in San Francisco kamen die alten und neuen Songs gut an. Auf der Bühne tobten die drei Gestalten (der Dritte im Live-Bund ist Damian Hrunka) wie Berserker. Bruno Kramm der Alptraum-Priester, Stefan Ackermann mit roter Haut wie ein Derwisch, Damian Hrunka als Schlächter im Vorhof zur Hölle. Es war ein schräg-schrill-schönes Konzert, mitreißend, lautstark, eine ganz besondere Dröhnung. Das Ich als Kultur- und Sprachbotschafter Deutschlands, nicht ganz offiziell, aber dafür umso einprägender. Wie sagte der eine am Ende dees Konzerts neben mir: „Those Germans, they’re crazy, but we need them“.

Die transatlantische Federzeichnung

Alexander Hacke sass im vergangenen Dezember in meiner Küche hier in Oakland und erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit David Eugene Edwards. Ich war von dieser Aussicht mehr als begeistert, denn Alexander Hacke ist nicht nur ein wichtiger Teil der Einstürzenden Neubauten, er hat darüberhinaus über die Jahrzehnte unglaubliche Klangkreationen als Solokünstler und gemeinsam mit seiner Frau Danielle de Picciotto entstehen lassen. Dazu hat er zahlreiche andere Bands und Musiker produziert und beeinflusst. Ich war gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen auf diese deutsch-amerikanische Kollaboration.

Nun liegt das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Musikerpartnerschaft mit David Eugene Edwards vor, einem Musiker, dem ich ebenfalls schon sehr lange musikalisch folge. Seine Americana-Veröffentlichungen mit 16 Horsepower, danach Wovenhand und mehrere Nebenprojekte ließen mich jedesmal aufhorchen. In den zehn Jahren, in denen ich die Country/Folk/Americana Sendung auf der Lufthansa produzieren und moderieren durfte, war David zig mal mit seiner Musik in meiner Playlist vertreten. Seine mystisch, philosophisch-religiösen Texte bereiteten meinem Redakteur in Berlin immer wieder Kopfschmerzen, denn er musste alles vor Abnahme durchhören, ob sich da nicht irgendeine geheime Botschaft versteckte, die einen Fluggast über den Wolken zum Ausrasten bringen könnte. 16 Horsepowers „American Wheeze“ ist noch immer für mich einer meiner Lieblingssongs.

Und nun kommen Alexander und David für „Risha“ (Arabisch für Feder) zusammen und es ist alles andere als ein federleichtes Unterfangen. Hier treffen musikalische Welten und Biographien aufeinander, die sich dennoch auf wundersame Weise vereinen. Hier die geschwungene Klangwelt zwischen Industrial und Ambient von Hacke, die auf diesen tiefdüsteren, teils kratzigen Gothic-Americana Sound von Edwards trifft. Und dazu jene Texte, für die der Mann aus Colorado bekannt ist. Seine besondere Mikrofonarbeit ergänzt sich perfekt mit dem Droneteppich des Berliner Tonkünstlers.

Die Zusammenarbeit erfolgte, so erzählte es mir Alexander Hacke, nicht einfach so an einem Ort, in einem Studio, zu einem Zeitpunkt. Seit langem sind die beiden befreundet und tauschten sich immer wieder aus. So auch diesmal, Files wurden hin und her geschickt. Alexander, der mit seiner privaten und künstlerischen Lebenspartnerin Danielle de Picciotto die Welt bereist – beide verstehen sich als „Gypsies“ – arbeitete von unterwegs. Bei David Eugene Edwards, der in Colorado lebt, aber in Europa mehr erfolgreich ist, war es nicht viel anders. „Risha“ ist ein Album unterwegs, „on the road“ geworden, irgendwie hört man das auch. Offen für Eindrücke, Erfahrungen, Einflüsse. Es ist diese Bewegung, dieser Fluss, dieses niemals Ankommen, der Weg ist das Ziel, was hier durchschlägt. In den zehn Songs überschreiten die beiden Musiker problemlos unzählige Genres, lassen sich nicht einengen, bieten den Hörern vielmehr eine grenzenlos-klangvolle Weltsicht.

„Risha“ ist genau das, was ich im Dezember in meiner Küche erhofft hatte. Eine wunderbare Zusammenarbeit und Ergänzung von zwei von mir sehr geschätzten Musikern, die mich immer wieder überraschen und tief berühren. „Risha“ ist auf Glitterhouse Records als Vinyl, CD und Download erschienen.

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Die Mauern werden höher

Die Tour von Uli Jon Roth musste aufgrund von nicht ausgestellter Visa abgesagt werden.

Ok, er hat ziemlich lange Haare, aber das sollte eigentlich kein Grund dafür sein, dass der legendäre Gitarrist Uli Jon Roth und seine Band keine Einreise- und Arbeitsvisa für die USA erhalten. Der frühere Scorpions Gitarrist und weltweit bekannte Musiker ist das jüngste Opfer eines undurchschaubaren amerikanischen Künstleraustausches. Präsident Donald Trump geht nach seinen Mauerplänen, seinen Rufen nach Tarifen und Einfuhrzöllen nun wohl an die Bereinigung des amerikanichen Kulturangebotes: „America First“ auch für die Musikclubs im ganzen Land.

Die Tour von Uli Jon Roth stand schon fest, die Termine waren angekündigt, die Fans freuten sich auf eine sagenhafte Jubiläumstour, doch daraus wird nun vorerst nichts. Auf der Webseite erklärte Roth, dass man alles richtig gemacht habe, sich rechtzeitig um die Visa gekümmert hat, die höheren Gebühren für eine schnellere Behandlung der Anträge gezahlt habe, auch einen erfahrenen Anwalt für Immigrationsrecht eingeschaltet hatte. Doch am Ende half alles nichts.

Und das scheint nun mittlerweile Programm in Washington zu sein. In den 22 Jahren, in denen ich hier in den USA lebe und mit Musikern zu tun habe, gab es immer wieder Bands, die aufgrund von nicht rechtzeitig ausgestellten Visa ihre Tourneen absagen mussten, darunter auch solche bekannten Bands wie die Einstürzenden Neubauten. Doch mit dem Maurermeister und Kulturfeind Donald Trump im Weißen Haus scheint alles zu eskalieren. Uli Jon Roth, der in der Vergangenheit regelmäßig durch die Vereinigten Staaten tourte, erklärt auf seiner Webseite, dass „seit Februar dieses Jahres die Anzahl von nichtgenehmigten Arbeitsvisa in den USA um 1400 % (!!!) gestiegen ist“. Das ist eine klare Kriegserklärung an die globale Kunst- und Kulturszene.

Die Trump Administration, die sich bereits mehrfach für eine ersatzlose Streichung der staatlichen Kulturförderung in den USA, den sogenannten „Endowments“, einsetzte, geht nun an den internationalen Künstleraustausch. Anders kann diese deutliche Blockierung von Arbeitsvisa für hier auftretende MusikerInnen und KünstlerInnen aus dem Ausland nicht verstanden werden. „America First“ erhält damit einen ganz neuen Dreh, der so nur abgelehnt werden kann und muss.

Happy Birthday Folkways

Vor 70 Jahren, am 1. Mai 1948, gründete Moses Asch Folkways Records. Seine Vision war „people’s music, spoken word, instruction, and sounds from around the world“ zu dokumentieren. Über all die Jahre ist ein Katalog von über 70.000 Tracks zusammen gekommen. Ich schreibe bewußt Tracks, denn es sind nicht nur Lieder, die noch immer alle veröffentlicht sind. Es sind oftmals Sounds, Tiergeräusche, Field Recordings und eben der unermessliche Schatz an Musik aus aller Herren Länder.

Nach dem Tod von Moses Asch 1987 wurde Folkways Teil des Smithsonian Institution Centers for Folklife and Cultural Heritage in Washington D.C. Die Zusage, die die Erben von Asch verlangten, war, dass alle Aufnahmen auch in Zukunft verfügbar waren, nicht nur die Perlen von Woody Guthrie oder Pete Seeger. Smithsonian stimmte zu und deshalb kann man auch noch heute die seltsamsten Aufnahmen aus dem reichen Schatz des Folkways Archivs erwerben, als Mp3 File oder als CD on demand. Auch andere Labels gingen so in das neue Smithsonian Folkways Recordings Label auf, darunter auch Arhoolie Records, gegründet von Chris Strachwitz, der 1947 aus Schlesien in die USA kam.

Vinyl, CDs, Mp3 Files. Folkways ist ein unglaublich reicher Klangschatz, ein tönendes Vermächtnis der Kulturen, das jedem offen steht. Eine hörbare Weltreise und ein Roadtrip durch die USA. Musik aus allen Teilen dieses Landes und von allen Einwanderern, die hier ihr neues Glück suchten. Hier wird die ganze Größe der Vereinigten Staaten von Amerika deutlich. Man kann dieses Label gar nicht genug loben, für mich gehört Folkways zu einer unglaublichen Bereicherung meines Musikverständnisses und meines Alltags. Oft sitze ich hier und höre mich durch die vielen Aufnahmen auf der Webseite des Labels, klicke von einer alten Platte zur nächsten und stoße dabei immer wieder auf faszinierende neue-alte Musik und ihre Geschichte.

Und dann pflegt Folkways nicht nur den geschichtlichen Schatz, sondern blickt auch nach vorne, veröffentlicht ganz neue Musik, immer aber unter dem Aspekt des kulturellen Wertes. Bestes Beispiel die Alben von Rahim Alhaj, einem Einwanderer aus dem Irak. Vor einigen Jahren besuchte ich das Label, um ein Interview mit Atesh Sonneborn zu führen. Er führte mich anschließend durch die Räumlichkeiten und in das Archiv von Folkways. Es war wie der Zugang in eine Schatzkammer. Die daraus resultierende Sendung, können Sie am Ende dieses Beitrags hören.

Smithsonian Folkways ist nun 70 Jahre alt und versucht seinen Platz in einer Musikwelt zu finden, in der sich die Hörgewohnheiten dramatisch verändert haben. Für vieles, was man auf Folkways veröffentlicht finden kann, braucht man Zeit, Ruhe und den Willen sich mit Musik und den kulturellen Wurzeln zu beschäftigen. Musik, das wird mir immer wieder klar, ist eine Sprache, die verbindend ist, wenn man sie denn wirklich hören will. Dieser globale Gedanke ist das wahre Vermächtnis von Moses Asch und seinen Folkways Records. Happy Birthday Smithsonian Folkways Recordings!

      Smithsonian Folkways 1

      Smithsonian Folkways 2