„Cowboys of Peace“ im Wohnzimmer

Die Mata Hari Bar in der Nürnberger Weißgerbergasse kannte ich bislang nicht. Selbst wenn man die Straße entlang läuft, kann es durchaus sein, dass man diese Kneipe übersieht. Gerade mal 30 Leute passen in den kleinen Schankraum und dann ist die Bude richtig kuschelig voll. Und hier fand das jüngste – ausverkaufte – Konzert der Nürnberger Indie-Heroen Shiny Gnomes statt. Als „Wohnzimmerkonzert“ wurde es angekündigt und das traf es ganz gut.

Mit den Shiny Gnomes auf Tuchfühlung in der Mata Hari Bar. Schlagzeugerin Miss Dooright verschwand etwas hinter dem Pfosten und der Lavalampe.

Die paar Dutzend Freunde und Fans mussten zuerst in die Kneipe, dann kam die Band, schloss die Tür und los ging es. Bassist und Schlagzeugerin, Andreas Rösel und Miss Dooright, blockierten den Ein- und Ausgang, Gitarrist Limo stand daneben und Keyboarder Gazi legte sein unterarmlanges Tasteninstrument auf der Bar ab. Es war alles sehr familiär an diesem Abend. „Falls Ihr Getränke wollt, könnt ihr die auch bei mir bestellen“, meinte Limo.

Der eigenwillige Shiny Gnomes Sound zwischen 60er Beat Music, Country und Independent Rock wurde an diesem Abend gefeiert. Die aktuelle Platte „Searchin‘ for Capitola“ stand im Mittelpunkt, eine brillante, teils psychedelische Neuausrichtung der Band. Doch die vier wandelten auch gekonnt durch die Jahrzehnte der Bandgeschichte und endeten mit „Wild Spells“ von der ersten, 1986 veröffentlichten LP.

Dieses „Wohnzimmerkonzert“ der Shiny Gnomes zeigte, warum sie die wohl wichtigste Band aus dem Nürnberger Raum sind. Die Offenheit der Einflüsse, die internationale Weitsicht, die spielerische Freude machen die Shiny Gnomes auch nach 33 Jahren Bandbestehen zu einem Hörgenuss. Noch immer setzen sie neue Akzente, wie man das auch auf der jüngsten Platte hören kann. Die Gnome haben noch immer nichts von ihrem Glanz verloren. Für mich sowieso nicht, erst vorletzte Woche habe ich die Shiny Gnomes in meiner ersten Live-Sendung auf KKUP im Großraum San Jose gespielt. Sie gehören fest zum Klangbild meiner nun auch schon fast 22jährigen Radio Goethe Geschichte dazu.

„Before anything else, Hip-Hop was a party“

Wenn man sich die Weltkarte der lokalen Musikcharts an irgendeinem Tag des Jahres genauer ansieht, dann erkennt man gleich, dass Hip-Hop schon lange kein Randgenre mehr ist. Ganz im Gegenteil, was vor 45 Jahren begonnen hat ist zum Mainstream geworden. Und nun findet sogar eine Ausstellung in einem Museum im Geburtsort des Hip Hop statt.

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Am Rande von Downtown Oakland liegt das “Oakland Museum of California”. Ein Museum, das sich der Geschichte Kaliforniens verschrieben hat. Kein Wunder also, dass man hier offen für die Idee einer Ausstellung über eines der erfolgreichsten Kulturphänomene unserer Zeit war: Hip-Hop. Denn Oakland war neben New York City eine der Geburtsstätten des Hip-Hop in den USA. “Respect – Hip-Hop Style & Wisdom” – so der Titel der Ausstellung. Für Lori Fogerty, Direktorin des Oakland Museum of California ist sie ein Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Museum und der lokalen Hip-Hop Community: „Wenn wir solche Themen aufgreifen, dann wollen wir nicht die Autoritätsstimme eines Museums sein, sondern vielmehr die Stimmen aus der Community mit einbeziehen. Und bei diesem Thema war die Herausforderung die große Anzahl dieser Stimmen. Es gibt hier und im ganzen Land so viel Hip-Hop Persönlichkeiten.“

Nahezu 100 Hip-Hop Experten wurden für diese Ausstellung einbezogen. Gezeigt werden neben Fotos, Kunstobjekten, wie goldene Kopfhörer, Poster Art und Graffiti, auch Exponate wie ein grell rot-weiß gestreifter Bühnen-Anzug von LL Cool J, ein handgeschriebenes Essay von Tupac Shakur oder auch ein sündhaft teures Kleid von Moschino im Hip-Hop Style. Dazu kommen Informationstafeln und Fotos über die lokale Szene, deren Geschichte und Entwicklung. Das alles ist mit Hip Hop Musik unterlegt. Für den Kurator des Museums, René de Guzman, ist Hip-Hop in der Mitte der Gesellschaft angekommen: „In Amerika gibt es dieses sehr erfolgreiche Broadway Musical “Hamilton”. Ein seltsames Musical, denn es dreht sich um die Geschichte der amerikanischen Revolution, aber es wurde im Hip-Hop Stil erzählt. Was erstaunlich dabei war, viele, viele Besucher erkannten das als ein ganz natürliches Zusammenkommen einer Geschichte über ein radikales Experiment mit der radikalen Vorstellung von Hip Hop. Wir empfinden also, dass Hip-Hop einen Punkt des kulturellen Status erreicht hat.“

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Auch Susan Barrett, die als beratende Kuratorin tätig war, sieht Hip-Hop heute als Teil des Mainstream. „Hip-Hop ist Mainstream, man muss nur daran denken, dass sogar Cornflakes Werbung gerappt wird. Es geht nicht mehr Mainstream. Was fehlt ist nur, dass man das anerkennt, wie es die Kultur und die Kunst verändert hat. Es ist Mainstream und doch wird es total verkannt. Von daher denke ich, eine Plattform wie ein Museum ist ein perfekter Weg, um die Wahrheit von der Fiktion zu trennen.“

Einer der lokalen Experten, der an dieser Ausstellung mitarbeitete, ist der Musikjournalist Eric Arnold. Hip-Hop ist für ihn viel mehr als nur Musik: „Hip Hop ist Kultur, das muss man einfach und vor allem verstehen, dass es nicht nur Musik, Lifestyle ist, sondern eine Lebenseinstellung ist. Es ist eine Lebenspespektive. Hip-Hop ist viel: mulitkulturell, ein Ausdruck der Jugend, heute auch ein Ausdruck von Generationen, es ist die Entstehung und Weiterentwicklung von Kultur, es ist Kreativität und die Fähigkeit aus nichts etwas zu machen und es den Leuten zu zeigen, die meinten, man schaffe das nicht.“

Für Eric Arnold ist Hip-Hop nicht politisch und doch immer ganz nah dran am Zeitgeschehen. „Hip Hop war schon immer eine Stimme, die das ausdrückte, was die afro-amerikanischen Communities dachten und fühlten. Nimm den Song “The Message” von Grandmaster Flash aus den frühen 80ern, der dreht sich um die “Reaganomics”, die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik unter Ronald Reagan, als die Leute noch nicht mal wussten, wie schlimm die “Reaganomics” waren.“

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Hip-Hop als wichtiger Teil der amerikanischen Gesellschaft. Musik, Dance, Graffiti, Kultur, all das wird in dieser Ausstellung im Oakland Museum of California gezeigt. Dazu ein eigener Raum mit Videoleinwänden, Plattentellern und Lautsprechern, der in den kommenden Monaten als Treffpunkt der Community eingeplant ist. Adisa Banjoko, Autor, DJ und Hip-Hop Journalist, der schon in den frühen 90er Jahren in Stuttgart von der dortigen Hip-Hop Szene begeistert war, ist rundum zufrieden mit “Respect”. Und doch, ihm fehlt etwas bei dieser großen Retrospektive des Hip-Hop: „Wir sprechen hier nur über Hip-Hop in Amerika und an der Westküste, wir sagen nichts zum Hip-Hop in Kolumbien, nichts über den Hip-Hop in Südafrika oder den Hip-Hop in den Favelas von Brasilien. So groß ist der Hip-Hop heute und das müssen wir erkennen, ihm noch einmal diesen Platz einräumen, das dokumentieren und es in der Gesamtheit zeigen. So toll das hier auch ist, wir haben damit noch nicht mal die Oberfläche angekratzt.“

Wir werden alle alt

      Feature:
Zehn Jahre nach Nirvanas „Nevermind“

Anfang der 1990er Jahre war ich begeistert von dem Sound, der aus dem Nordwesten der USA nach Deutschland schwappte. Es klang so ganz anders, als die 80er „Hair Bands“ in ihren engen Röhrenhosen mit ihren teils schnulzigen Popballaden. Mudhhoney, Nirvana, TAD, Green River, Soundgarden, Pearl Jam, The Walkabouts, Alice in Chains, The Murder City Devils, Screaming Trees mischten mit einem dreckigen Sound eine Welt im Umbruch auf.

Viel neues entdeckte ich bei einem längeren Aufenthalt in San Francisco, damals spielten all diese Bands in den unzähligen kleinen Clubs der Stadt, oben auf der Haight Street, im Mission Distrikt oder South of Market. Zurück in Nürnberg machte ich meine ersten Radioschritte bei Radio Z. Und immer wieder griff ich zu den Platten, die auf SubPop Records aus Seattle erschienen. Das Label verkörperte den Sound, der als „Grunge“ bekannt wurde.

1988 wurde das Label offiziell von Bruce Pavitt und Jonathan Poneman gegründet, doch schon zuvor war Pavitt in der lokalen Musikszene aktiv und veröffentlichte das Fanzine „Subterranean Pop“. Immer wieder legte er diesem Kassetten von lokalen Bands bei und war auch DJ beim Sender KCMU, heute KEXP. Die Geschichte von SubPop ist eine Erfolgsgeschichte. Ein Independent Label, das es schaffte, viele große Acts aufzubauen, allen voran Nirvana, die mit ihrem „Bleach“ Album auch im Nürnberger „Trust“ vor zwei Dutzend Zuhörern spielten. Mit dem Folgealbum „Nevermind“ wurden Nirvana, Seattle und SubPop weltweit bekannt. Auf einmal blickten alle auf den verregneten Nordwesten der USA mit seinen Holzfällerhemdenbands.

Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Nevermind“ reiste ich 2004 nach Seattle, um über das was war und wie sich alles mit dem Erfolg des „Grunge“ veränderte zu berichten. Das Feature kann man oben hören. SubPop blieb nach dem zwischenzeitlich stürmischen Zeiten wie es angefangen hatte, konzentrierte sich auf lokale und regionale Bands, auf den Klang, der einfach so anders war und ist: rau, roh, mit Ecken und Kanten. In diesem Jahr nun feiert das Label sein 30jähriges Bestehen. Ich sitze hier, krame meine alten Platten raus, drehe die Musik auf, beschalle die Nachbarn, erinnere mich an viele geniale Konzerte in so manchen versifften Spelunken und denke mir mit einem Lächeln, „boah, ich bin alt geworden!“

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Heute hat die Welt Geburtstag

Rammstein sind ein weltweites Phänomen, und das schon seit fast 25 Jahren. Die Band aus Berlin spielt in gleicher Besetzung und das ist erstaunlich in diesem Geschäft. Nun gewährt Keyboarder Flake einen Einblick in das Innenleben der Band. Sein zweites Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ ist ein Abriss von einem Tag auf Tour, gespickt mit Anekdoten aus seinem und dem Leben der Band.

Es ist eine enge Gemeinschaft, die als Rammstein die musikalische Welt aufgerollt hat. Erklären kann es eigentlich niemand, dass die sechs Musiker mit ihrem Sound und ihren deutschen Texten rund um den Globus so erfolgreich sind. Lange Zeit wurden sie vom deutschen Feuilleton genauso belächelt wie von den staatlichen Kulturexperten. Ganz wichtige Musikjournalisten warfen ihnen sogar eine Nähe zur Nazi-Ideologie vor, weil Sänger Till Lindemann angeblich das „R“ rolle wie Adolf Hitler es getan haben soll. Das ist natürlich totaler Quatsch. Weder rollt Lindemann das „R“ wie der einstige Führrrrerrr des tausendjährigen Reiches, noch sind Rammstein auch nur in der Nähe der verblendeten Geschichtsverfälscher auszumachen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Flake hat bereits sein zweites Buch vorgelegt. Nach „Der Tastenficker“ feiert nun also die Welt Geburtstag. Und Flake erzählt witzig und voller Humor vom Alltag in der Band. Flake kommt dabei immer wieder als Schwachmat voller Ängste rüber, er beschreibt sich selbst als das schwache Glied in der Band, der eigentlich nur durch Zufall dabei ist. Aber wenn man zwischen den Zeilen liest, dann merkt man schnell, dass Rammstein eine eingeschworene Gruppe ist, die jeden der Mitglieder braucht, um den Erfolgsweg weiterzugehen. Die sechs Musiker ergänzen sich auf ihre Weise.

„Heute hat die Welt Geburtstag“ ist ein unterhaltsames Buch, bei dem man immer wieder lächeln und lachen muss. Flake ist ein genauer Beobachter, der gekonnt Situationen, auch peinliche oder nicht geplante, beschreiben kann. Das macht das Buch zu einem lebendigen und höchst lesenswerten Bericht. Klar, ich mag die Musik von Rammstein, habe Flake und die anderen schon mehrmals selbst interviewt, zum ersten Mal, als sie eine noch unbekannte Vorband von KMFDM in einem kleinen Club in Palo Alto waren.

Das ist lange her. Rammstein gingen danach konsequent ihren Weg. Sie haben es im Laufe der Jahre geschafft, ganz ungeplant Sprach- und Kulturbotschafter zu werden. Man muss sich nur mal die DVD „Völkerball“ von Rammstein ansehen, um das zu begreifen. Die Band spielt da in Frankreich, England, Japan und Russland und überall singen junge Leute lautstark die wohlgemerkt deutschen Texte der Berliner mit. Als jemand, der seit 22 Jahren in den USA lebt, hier Radio macht und viel mit Hörern in Kontakt ist, weiss ich das sehr zu schätzen, was Rammstein für die deutsche Kultur- und Sprachförderung erreicht haben. Zwar unbeabsichtigt und fernab jeglicher staatlicher Unterstützung, aber deshalb umso willkommener.

Flakes Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ zeigt die sehr menschliche Seite hinter der harten Fassade dieser Band. Erschienen ist das Buch für 20 Euro im S. Fischer Verlag, und ich kann es nur wärmstens empfehlen.

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Die Macht des Kulturbanausen

Der neue Haushaltsplan aus dem Hause Donald Trump liegt vor. Und wie zu erwarten, und wie schon gestern an dieser Stelle berichtet, will der Präsident mehr Dollars fürs Militär ausgeben und viel weniger für notleidende Menschen und Hilfsprogramme in den USA und in Übersee. Der Mann, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, der von sich selbst sagt, er sei „sehr, sehr reich“, spricht zwar gerne von den „vergessenen Amerikanern“, davon, dass Amerikaner auch „Dreamer“ seien, aber er hält nicht das, was er in seinen Reden und Tweets verspricht. Trump spaltet das Land weiter, politisch, kulturell und sozial.

Vielleicht hat er sein Buch gelesen, das von einem „Ghost Writer“ geschrieben wurde. Foto: Reuters.

Da ist es nicht überraschend, dass Donald Trump auch den Rotstift bei den Kulturausgaben des Staates ansetzt. Die „National Endowment for the Arts“ würde von 150 Millionen Dollar auf 29 Millionen Dollar zusammen gestrichen werden. Die „National Endowment for the Humanities“ erhielte statt 150 Millionen Dollar nur noch 42 Millionen Dollar. Und das „Institute for Museum and Library Services“ bekäme nur noch 23 Millionen Dollar anstelle der 208 Millionen Dollar. Trump ist auch kein Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, er schaut lieber „Fox and Friends“ als Ernie, Bert und ihre Freunde in der Sesamstrasse. Die Ausgaben für die „Corporation for Public Broadcasting“ würde von 408 Millionen Dollar im Jahr auf 15 Millionen Dollar gekürzt werden. All das würde das Aus für diese wichtigen Kulturprogramme bedeuten.

Was das bedeutet ist klar. Donald Trump will die Kulturlandschaft in den USA verändern, wenn nicht sogar in ihrer jetzigen Form ganz abschaffen. Der güldene Donald mit seinen Goldpalästen hält nicht viel von der Kunst und schon gar nicht von der kritischen Kunst. Er versteht nicht, warum man im Twitter-Zeitalter noch Büchereien braucht, warum die Wissenschaft und die Forschung durch den Staat gefördert werden muss. Die Qualität einer Gesellschaft kann man auch daran erkennen, wie sehr sie die Freiheit der Kunst und Kultur, der Forschung, der Medien unterstützt. All das liegt im Trump-Zeitalter auf der Schlachtbank, Donald Trump wetzt bereits das Fleischermesser. Im vergangenen Jahr konnte der Kahlschlag im Kongress noch abgewendet werden. Ob das wieder so passiert muss abgewartet werden.

Es ist nicht nur so, dass wir in Amerika mit Donald Trump einen Präsidenten haben, der militärisch aufrüstet, der die Grenzen dicht macht, der die USA international isoliert, der tagtäglich Stimmung gegen Andersdenkende macht. Donald Trump, das zeigt sich mit seinen Budgetvorschlägen, scheint ein ungebildeter Mann zu sein, der nur seine Weltsicht kennt und zulässt. Und diese alternative Trump-Welt ist leider mehr als beschränkt.

So klingt Amerika

Es ist schon seltsam in diesen Tagen. Eine fünf Cds umfassende Musikbox mit Songs aufgenommen in den späten 20er Jahren wird zu einem politischen Statement. Sicherlich war das nicht so gemeint, denn die Zusammenstellung dieser Sammlung hatte schon vor Jahren begonnen. Und dennoch, „American Epic“ ist genau das geworden, ein musikalisches Spiegelbild Amerikas, jenes Landes, das zu einem „Melting Pot“ wurde, das Menschen aus aller Welt, aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen anzog.

Im Begleitbuch heißt es: „Das musikalische Vermischen von Amerikas großartiger und vielfältiger Bevölkerung, hat die Grundlage für die populäre Musik gelegt, die wir heute genießen. Es war der Beginn einer neuen Ära: zum ersten Mal hörte sich Amerika selbst.“ Allein dieser Satz klingt wie eine Wohltat im polarisierten und immigrationsfeindlichen US Alltag dieser Tage. Die 1920er Jahre waren wie ein Aufbruch. Die Plattenindustrie boomte, das Radio begann seine unaufhaltsame Erfolgsgeschichte und brachte den Sound Amerikas in die Stuben zwischen New York und Los Angeles und gerade auch in die ländlichen Gegenden, die zuvor von der „Recording Industry“ vernachlässigt wurden.

Die Labels zogen in den späten 20er Jahren aus, um Musiker auch noch in den kleinsten Dörfern zu finden und sie aufzunehmen. Neue, mobile Technik machte es möglich, auch außerhalb von den Unterhaltungszentren New York, Chicago oder Atlanta einzelne Musiker oder Gruppen aufzuzeichnen. Beachtet wurden eben nicht nur all jene, die den Sound jener Tage spielten, sondern vor allem jene, die anders klangen, als in den Tanzhallen der Metropolen. Auf „American Epic“ wird das präsentiert. Entstanden ist ein umfangreiches Klangportrait des Reichtums Amerikas, der kulturellen Vielfalt dieses Landes. Es ist keine Genre-Box, es ist vielmehr eine Reise zurück in eine Zeit, die problembeladen war. Und dennoch, hier hört man ein Land zwischen Aufbruch, Hoffnung, Zuversicht.

Auf den 5 Cds ist eine unglaubliche Vielfalt an Musik zu hören. Das in einer Soundqualität, die mehr als beeindruckend ist. Dafür taten sich die Produzenten mit einem Techniker zusammen, der eine Originalabspielmöglichkeit für die alten Aufnahmen zusammenbaute, um so den ursprünglichen Sound zu kopieren. „Es ist nicht nur ein „Remastering“ im bekannten Sinne, es ist vielmehr wie die Restaurierung eines teuren Gemäldes, der sorgfältige Prozess die Fäden einer alten Leinwand zu weben und die chemische Zusammensetzung verblassender Farbe zu analysieren, um so alles wieder in seiner ursprünglichen Brillanz zu restaurieren.“

Die Cd-Box „American Epic“ ist der Soundtrack einer PBS Fernsehserie, dazu gibt es noch ein umfangreiches Begleitbuch. So spannend, unterhaltsam und mitreißend kann Geschichte klingen.

Let’s Make American Radio Great Again

Bear Family Records, das Independent Plattenlabel aus Holste-Oldendorf, hat es mal wieder geschafft. Ich sitze da und grinse wie ein Honigkuchenpferd vor mich hin. Beschwingliche Musik klingt aus dem CD Player, mein rechter Fuss wippt im Takt mit. „At the Louisiana Hayride tonight“ heißt diese 20 Cds umfassende Box, die nicht nur ein wunderbares Kapitel der amerikanischen Radiogeschichte dokumentiert, sondern auch fantastische Musik präsentiert.

Von 1948 bis in 1960er Jahre sendete KWKH aus Shreveport, Louisiana, eine wöchentliche Live-Radiosendung am Samstagabend. Es waren nicht die Topentertainer ihrer Zeit, wie sie die „Grand Old Opry“ in Nashville anzog. Der „Louisiana Hayride“ brachte vielmehr die kommenden Stars, darunter Johnny Cash, Hank Williams, The Stanley Brothers, Johnny Horton, Carl Perkins, Hank Snow, Jim Reeves, George Jones und nicht zu vergessen Elvis Presley und viele, viele mehr. Die Musik wurde als „Folk“ und „Hillbilly“ bezeichnet, das Genre „Country“ war noch nicht bekannt.

Die Aufnahmen auf diesen 20 Cds sind mitreißend, unterhaltsam, voller Energie. Sie stammen aus der Hochzeit des Live-Radios, als aus einem Auditorium in Shreveport die „United States of America“ via CBS beschallt wurden. Samstagabend für Samstagabend wurde der klassische amerikanische Sound vor einem Live-Publikum über den Äther geschickt. Moderationen, kleine Showeinlagen und Witze, kurze Interviews mit neuen Musikern (darunter auch Elvis Presley) beleben diese „Recordings“. Viele der Songs sind bekannt, manche werden wiederentdeckt, viele hört man zum ersten Mal.

Amerika präsentiert sich hier als heile Welt, Shreveport war damals eine boomende Metropole. Es ist auch eine weiße Welt. In dem umfangreichen Begleitbuch zur Geschichte des „Louisiana Hayride“ findet man kein schwarzes Gesicht. Nicht auf der Bühne und nicht im Publikum. Es waren andere Zeiten. Und doch klingt hier das weite Land Amerikas durch, der kulturelle „Melting Pot“, denn viele der musikalischen Einflüsse, gerade aus dem schwarzen Gospel und dem „Rhythm & Blues“, hielten Einzug in den Folk und Country und in die Musik von Elvis Presley.

Seit Stunden sitze ich nun hier und höre die Aufnahmen von „At the Louisiana Hayride tonight“. Ich kann nicht sagen, welcher Song, welcher Künstler mir am besten gefällt. Es ist das Gesamtbild, was hier wirkt. Musiker wie Johnny Cash und Elvis Presley neben für mich ganz unbekannten Künstlern. Das Live, ungefiltert, ungeschönt. Der Sound manchmal dünn und doch ist es so ein breites, klangvolles Hörereignis. Geschichte trifft auf Kultur, Old Time Country auf die Fragen von heute. Und beim Abspielen all dieser Cds denke ich mir, wie schade es ist, dass es diese Art des Live-Radios nicht mehr gibt. Diese Offenheit und Direktheit ging schon lange verloren. Viel zu viel ist heute streng formatiert, kommt aus der Konserve, ist geglättet und begradigt und mit Effekten überzogen worden. Bear Family Records hat hier erneut eine wunderbare Box vorgelegt, die einfach nur begeistert. Die deutlich macht, wie schön das Zuhören sein kann.

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Auf dem Geisterschiff durch die Nacht

Am 2. Dezember 2016 brach in einem Lagerhaus in Oakland ein Feuer aus. 36 Menschen starben in dem verheerenden „Ghost Ship Fire“. Das „Geisterschiff“ war nicht einfach nur eine leere Halle, es war ein Künstlerkollektiv, in dem gelebt, gearbeitet und gefeiert wurde. Wie an jenem Freitag, als der als sicher geglaubte Kunstfreiraum zur tödlichen Falle wurde. Die Katastrophe hatte ihre Folgen. Vielen in Oakland wurde auf einmal vor Augen geführt, welchen Balanceakt Künstler und Kulturschaffende in der Stadt und der gesamten Bay Area unternehmen müssen, um solche Freiräume zu finden und zu schaffen. Wenn es sie denn gibt, findet das, was eine Gesellschaft gerade ausmacht und auch auszeichnet – die Kreativität – oftmals in einem gefährlichen Raum statt. weiter lesen

Die Grammys kündigen sich an

84 Kategorien gibt es, um die „besten der Besten“ im Musikbusiness und die bedeutendsten Veröffentlichungen des Jahres auszuzeichnen. Wie immer tummeln sich da die gleichen Verdächtigen, das gehört sich einfach so bei den Grammys. Und klar, der Trumpsche Wahlspruch „America First“ gilt auch hier. Nur selten blicken die Juroren über den amerikanischen Tellerrand. Und keiner soll mir sagen, Amerikaner hören nur US-Mucke. Das ist kurzhörig, denn Amerika ist voller College- und Community Sender, die alle ein Ohr für das haben, was rund um den Globus klingt. Da das allerdings nicht von der Grammy-Jury beachtet wird, hake ich diese Bauchbepinselungsveranstaltung zur besten Sendezeit einfach mal ab.

Unter den Nominierten findet man aber doch ein paar Veröffentlichungen, die man durchaus beachten sollte. Doch die liegen auf der langen Listen auf den hinteren, fast nicht beachteten Bereichen, die in der Glanz- und Glitter-Grammy-Show ganz bestimmt nicht erwähnt werden. Dieses Jahr wurden in der Kategorie 66 „Best Boxed Or Special Limited Edition Package„: Bobo Yeye: Belle Epoque In Upper Volta und in der Kategorie 68 „Best Historical Album“ gleich zwei beeindrucke „Releases“: Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes From The Horn Of Africa und Washington Phillips And His Manzarene Dreams nominiert. Musik aus Obervolta (dem heutigen Burkina Faso), aus Somalia und aus dem tiefen amerikanischen Süden.

Musik, die begeistert und fasziniert, mit der man sich beschäftigen muss, die unglaublich reich an Geschichten ist. Umfassende Begleitbooklets laden in diesen kühleren Tagen richtiggehend zum Mitlesen und Mithören ein. Und es öffnet sich eine ganz neue und weite und endlose Klangwelt hinter dem eigenen Horizont – wenn man denn will. Obervolta gibt es nicht mehr und wurde 1984 in Burkina Faso umbenannt, das Somalia der 1970er Jahre mit seinem Kulturzentrum Mogadischu – vielbeachtet, energiegeladen und offen für viele Einflüsse –  ist zerbombt worden und der Gospelsänger Washington Phillips hat gerade mal 16 Songs für das Columbia Label zwischen 1928-29 aufgenommen. Diese wurden nun mit viel Liebe zum Detail von Dust to Digital neu aufbearbeitet und veröffentlicht. Alle drei Veröffentlichungen, so unterschiedlich sie musikalisch und auch inhaltlich sind, verdienen geehrt zu werden. Alle drei sind ein wahrer, tiefer, bewegender Hörgenuss!

Eine musikalische Spurensuche

      Kulturelle Spurensuche

Amerika, der „Melting Pot“ der Kulturen und Sprachen. Ich muss mir nur die Nachbarn auf meiner Straße ansehen, Menschen aus aller Welt und mit verschiedenster Herkunft. Das macht dieses Land auch aus, denn jeder, der hierher kam, hat etwas mitgebracht, es eingebracht in eine Gesellschaft, die zwar von einigen heute gerne als „weiß“ gesehen wird, aber eigentlich ein farbenfrohes Bildnis des Miteinanders ist.

Immigranten haben immer ein stückweit ihrer Kultur mit in die neue Heimat gebracht, es eingefügt in dieses gesellschaftliche, lebendige und vielschichtige Puzzle und damit die Vereinigten Staaten von Amerika zu dem gemacht, was sie heute sind. Daran wird auch ein Präsident Donald Trump und sein rückwärts gewandter Ruf „Make America Great Again“ nichts ändern. Amerika heute ist ein reiches, ein großartiges Land, auch und vor allem Dank der Immigranten, die aus aller Welt hierher kamen und die USA auf ihre Weise mitprägten.

Dieses Feature zeigt die Bedeutung der Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern auf. Sie kamen aus Deutschland, aus Österreich, aus der Schweiz, um hier ganz neu anzufangen und dennoch haben sie in der „Neuen Welt“ ihre alte Heimat nicht vergessen. In Vereinen, Liederkränzen und auf Festen feierten sie ihre Wurzeln. Die Musik der Immigranten und die Lebensfreude, für die sie stand, wurde in den USA nur zu gerne angenommen und auf ihre Weise von anderen Bevöllkerungsgruppen aufgegriffen. Dieses Feature geht auf die Suche nach den musikalischen Spuren der deutschsprachigen Einwanderer.