Der Funken zum großen Feuer

Vor mehr als 30 Jahren wurde Das Ich im oberfränkischen Bayreuth gegründet. Aus der Wagnerstadt zog das Duo hinaus in die Welt, um mit ihrem eigenwilligen Sound, ihrer schockierenden Bühnenpräsenz und ihren deutschen Texten zu ganz besonderen Kulturbotschaftern zu werden. „Das Ich besucht AmerikA“ heißt die aktuelle Tour, die Bruno Kramm und Stefan Ackermann durch 16 amerikanische Städte führt.

Man sei schon etwas geschockt gewesen, als man im Süden der USA die „Trump 2020“ Aufkleber auf den Pickups sah, meint Bruno Kramm im Gespräch. Viele seiner Musikerkollegen in Deutschland meiden mittlerweile die USA, sie wollen vielmehr abwarten, bis Donald Trump aus dem Amt ist. Doch davon hält Kramm gar nichts. Musik sei politisch, er finde es wichtig auch hier deutlich Stellung zu beziehen, an die Grundwerte Amerikas zu appelieren. Auf der Bühne findet der 51jährige durchaus deutliche Worte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ohne ihn beim Namen zu nennen: „Send him to space, he is a f…. illegal earthling“. Im Gespräch mit ihm und Stefan Ackermann klingt das ganz anders. Er sieht Das Ich als kleinen Funken, der vielleicht mithelfen könnte, den dringend notwendigen Flächenbrand in den USA zu entfachen.

Das Ich meldet sich mit dieser USA Tour brachial zurück. Neun Jahre lang herrschte nahezu Funkstille. Das lag an einer schweren Erkrankung von Sänger Stefan Ackermann und das lag auch an den politischen Ambitionen von Bruno Kramm, der von Bündnis90/Die Grünen zur Piratenpartei wechselte und sich in Berlin in die Landespolitik einmischte. Schließlich klagte er noch erfolgreich gegen die GEMA.

Doch nun steht wieder die Musik im Vordergrund. Erst die Tour, an einer neuen Platte wird gearbeitet, ganz im Sinne von „America First“ präsentierte Das Ich schon neue Songs in den Live-Konzerten. In der gutbesuchten DNA-Lounge auf der 11. Street in San Francisco kamen die alten und neuen Songs gut an. Auf der Bühne tobten die drei Gestalten (der Dritte im Live-Bund ist Damian Hrunka) wie Berserker. Bruno Kramm der Alptraum-Priester, Stefan Ackermann mit roter Haut wie ein Derwisch, Damian Hrunka als Schlächter im Vorhof zur Hölle. Es war ein schräg-schrill-schönes Konzert, mitreißend, lautstark, eine ganz besondere Dröhnung. Das Ich als Kultur- und Sprachbotschafter Deutschlands, nicht ganz offiziell, aber dafür umso einprägender. Wie sagte der eine am Ende dees Konzerts neben mir: „Those Germans, they’re crazy, but we need them“.

Die transatlantische Federzeichnung

Alexander Hacke sass im vergangenen Dezember in meiner Küche hier in Oakland und erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit David Eugene Edwards. Ich war von dieser Aussicht mehr als begeistert, denn Alexander Hacke ist nicht nur ein wichtiger Teil der Einstürzenden Neubauten, er hat darüberhinaus über die Jahrzehnte unglaubliche Klangkreationen als Solokünstler und gemeinsam mit seiner Frau Danielle de Picciotto entstehen lassen. Dazu hat er zahlreiche andere Bands und Musiker produziert und beeinflusst. Ich war gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen auf diese deutsch-amerikanische Kollaboration.

Nun liegt das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Musikerpartnerschaft mit David Eugene Edwards vor, einem Musiker, dem ich ebenfalls schon sehr lange musikalisch folge. Seine Americana-Veröffentlichungen mit 16 Horsepower, danach Wovenhand und mehrere Nebenprojekte ließen mich jedesmal aufhorchen. In den zehn Jahren, in denen ich die Country/Folk/Americana Sendung auf der Lufthansa produzieren und moderieren durfte, war David zig mal mit seiner Musik in meiner Playlist vertreten. Seine mystisch, philosophisch-religiösen Texte bereiteten meinem Redakteur in Berlin immer wieder Kopfschmerzen, denn er musste alles vor Abnahme durchhören, ob sich da nicht irgendeine geheime Botschaft versteckte, die einen Fluggast über den Wolken zum Ausrasten bringen könnte. 16 Horsepowers „American Wheeze“ ist noch immer für mich einer meiner Lieblingssongs.

Und nun kommen Alexander und David für „Risha“ (Arabisch für Feder) zusammen und es ist alles andere als ein federleichtes Unterfangen. Hier treffen musikalische Welten und Biographien aufeinander, die sich dennoch auf wundersame Weise vereinen. Hier die geschwungene Klangwelt zwischen Industrial und Ambient von Hacke, die auf diesen tiefdüsteren, teils kratzigen Gothic-Americana Sound von Edwards trifft. Und dazu jene Texte, für die der Mann aus Colorado bekannt ist. Seine besondere Mikrofonarbeit ergänzt sich perfekt mit dem Droneteppich des Berliner Tonkünstlers.

Die Zusammenarbeit erfolgte, so erzählte es mir Alexander Hacke, nicht einfach so an einem Ort, in einem Studio, zu einem Zeitpunkt. Seit langem sind die beiden befreundet und tauschten sich immer wieder aus. So auch diesmal, Files wurden hin und her geschickt. Alexander, der mit seiner privaten und künstlerischen Lebenspartnerin Danielle de Picciotto die Welt bereist – beide verstehen sich als „Gypsies“ – arbeitete von unterwegs. Bei David Eugene Edwards, der in Colorado lebt, aber in Europa mehr erfolgreich ist, war es nicht viel anders. „Risha“ ist ein Album unterwegs, „on the road“ geworden, irgendwie hört man das auch. Offen für Eindrücke, Erfahrungen, Einflüsse. Es ist diese Bewegung, dieser Fluss, dieses niemals Ankommen, der Weg ist das Ziel, was hier durchschlägt. In den zehn Songs überschreiten die beiden Musiker problemlos unzählige Genres, lassen sich nicht einengen, bieten den Hörern vielmehr eine grenzenlos-klangvolle Weltsicht.

„Risha“ ist genau das, was ich im Dezember in meiner Küche erhofft hatte. Eine wunderbare Zusammenarbeit und Ergänzung von zwei von mir sehr geschätzten Musikern, die mich immer wieder überraschen und tief berühren. „Risha“ ist auf Glitterhouse Records als Vinyl, CD und Download erschienen.

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Die Mauern werden höher

Die Tour von Uli Jon Roth musste aufgrund von nicht ausgestellter Visa abgesagt werden.

Ok, er hat ziemlich lange Haare, aber das sollte eigentlich kein Grund dafür sein, dass der legendäre Gitarrist Uli Jon Roth und seine Band keine Einreise- und Arbeitsvisa für die USA erhalten. Der frühere Scorpions Gitarrist und weltweit bekannte Musiker ist das jüngste Opfer eines undurchschaubaren amerikanischen Künstleraustausches. Präsident Donald Trump geht nach seinen Mauerplänen, seinen Rufen nach Tarifen und Einfuhrzöllen nun wohl an die Bereinigung des amerikanichen Kulturangebotes: „America First“ auch für die Musikclubs im ganzen Land.

Die Tour von Uli Jon Roth stand schon fest, die Termine waren angekündigt, die Fans freuten sich auf eine sagenhafte Jubiläumstour, doch daraus wird nun vorerst nichts. Auf der Webseite erklärte Roth, dass man alles richtig gemacht habe, sich rechtzeitig um die Visa gekümmert hat, die höheren Gebühren für eine schnellere Behandlung der Anträge gezahlt habe, auch einen erfahrenen Anwalt für Immigrationsrecht eingeschaltet hatte. Doch am Ende half alles nichts.

Und das scheint nun mittlerweile Programm in Washington zu sein. In den 22 Jahren, in denen ich hier in den USA lebe und mit Musikern zu tun habe, gab es immer wieder Bands, die aufgrund von nicht rechtzeitig ausgestellten Visa ihre Tourneen absagen mussten, darunter auch solche bekannten Bands wie die Einstürzenden Neubauten. Doch mit dem Maurermeister und Kulturfeind Donald Trump im Weißen Haus scheint alles zu eskalieren. Uli Jon Roth, der in der Vergangenheit regelmäßig durch die Vereinigten Staaten tourte, erklärt auf seiner Webseite, dass „seit Februar dieses Jahres die Anzahl von nichtgenehmigten Arbeitsvisa in den USA um 1400 % (!!!) gestiegen ist“. Das ist eine klare Kriegserklärung an die globale Kunst- und Kulturszene.

Die Trump Administration, die sich bereits mehrfach für eine ersatzlose Streichung der staatlichen Kulturförderung in den USA, den sogenannten „Endowments“, einsetzte, geht nun an den internationalen Künstleraustausch. Anders kann diese deutliche Blockierung von Arbeitsvisa für hier auftretende MusikerInnen und KünstlerInnen aus dem Ausland nicht verstanden werden. „America First“ erhält damit einen ganz neuen Dreh, der so nur abgelehnt werden kann und muss.

Happy Birthday Folkways

Vor 70 Jahren, am 1. Mai 1948, gründete Moses Asch Folkways Records. Seine Vision war „people’s music, spoken word, instruction, and sounds from around the world“ zu dokumentieren. Über all die Jahre ist ein Katalog von über 70.000 Tracks zusammen gekommen. Ich schreibe bewußt Tracks, denn es sind nicht nur Lieder, die noch immer alle veröffentlicht sind. Es sind oftmals Sounds, Tiergeräusche, Field Recordings und eben der unermessliche Schatz an Musik aus aller Herren Länder.

Nach dem Tod von Moses Asch 1987 wurde Folkways Teil des Smithsonian Institution Centers for Folklife and Cultural Heritage in Washington D.C. Die Zusage, die die Erben von Asch verlangten, war, dass alle Aufnahmen auch in Zukunft verfügbar waren, nicht nur die Perlen von Woody Guthrie oder Pete Seeger. Smithsonian stimmte zu und deshalb kann man auch noch heute die seltsamsten Aufnahmen aus dem reichen Schatz des Folkways Archivs erwerben, als Mp3 File oder als CD on demand. Auch andere Labels gingen so in das neue Smithsonian Folkways Recordings Label auf, darunter auch Arhoolie Records, gegründet von Chris Strachwitz, der 1947 aus Schlesien in die USA kam.

Vinyl, CDs, Mp3 Files. Folkways ist ein unglaublich reicher Klangschatz, ein tönendes Vermächtnis der Kulturen, das jedem offen steht. Eine hörbare Weltreise und ein Roadtrip durch die USA. Musik aus allen Teilen dieses Landes und von allen Einwanderern, die hier ihr neues Glück suchten. Hier wird die ganze Größe der Vereinigten Staaten von Amerika deutlich. Man kann dieses Label gar nicht genug loben, für mich gehört Folkways zu einer unglaublichen Bereicherung meines Musikverständnisses und meines Alltags. Oft sitze ich hier und höre mich durch die vielen Aufnahmen auf der Webseite des Labels, klicke von einer alten Platte zur nächsten und stoße dabei immer wieder auf faszinierende neue-alte Musik und ihre Geschichte.

Und dann pflegt Folkways nicht nur den geschichtlichen Schatz, sondern blickt auch nach vorne, veröffentlicht ganz neue Musik, immer aber unter dem Aspekt des kulturellen Wertes. Bestes Beispiel die Alben von Rahim Alhaj, einem Einwanderer aus dem Irak. Vor einigen Jahren besuchte ich das Label, um ein Interview mit Atesh Sonneborn zu führen. Er führte mich anschließend durch die Räumlichkeiten und in das Archiv von Folkways. Es war wie der Zugang in eine Schatzkammer. Die daraus resultierende Sendung, können Sie am Ende dieses Beitrags hören.

Smithsonian Folkways ist nun 70 Jahre alt und versucht seinen Platz in einer Musikwelt zu finden, in der sich die Hörgewohnheiten dramatisch verändert haben. Für vieles, was man auf Folkways veröffentlicht finden kann, braucht man Zeit, Ruhe und den Willen sich mit Musik und den kulturellen Wurzeln zu beschäftigen. Musik, das wird mir immer wieder klar, ist eine Sprache, die verbindend ist, wenn man sie denn wirklich hören will. Dieser globale Gedanke ist das wahre Vermächtnis von Moses Asch und seinen Folkways Records. Happy Birthday Smithsonian Folkways Recordings!

      Smithsonian Folkways 1

      Smithsonian Folkways 2

Am Ende wird alles zu Asche

      Das Burning Man Festival

Larry Harvey ist tot. Der Gründer und „Chief Philosophical Officer“ des alljährlichen Kreativfestivals „Burning Man“ in der Wüste von Nevada starb am Samstag in San Francisco. Am 4. April erlitt er einen massiven Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Harvey wurde 70 Jahre alt.

1986 hatte alles zur Sonnwendfeier an Baker Beach in San Francisco begonnen. Damals wurde der erste „Man“ aus Holz verbrannt, eine 2,70 Meter hohe Figur. Nach ein paar Jahren musste man umziehen, da Baker Beach zum Golden Gate Nationalpark gehört und die Park Ranger das Feuer und die immer größer werdende Menschenmenge nicht so toll fanden. In der Black Rock Desert von Nevada fand man eine neue Heimat, eine weitläufige, nicht endenwollende, raue Landschaft, offen und leer wie eine zu füllende Leinwand. Mir sagte mal jemand, Burning Man sei die größte Galeriefläche der Welt, und die zu füllen ist jedes Jahr eine neue Aufgabe, wenn die Zeit gekommen ist.

An Larry Harvey wird m diesjährigen Tempel gedacht werden.

Die Vision dafür hatte Larry Harvey, der aus einer Schnapsidee ein nichtkommerzielles 30 Millionen Dollar Unternehmen formte, eine Stiftung zur Unterstützung von öffentlicher Kunst gründete und die zumeist Native American Gemeinden um die Black Rock Desert herum unterstützte. „Burning Man“ ist ein einzigartiges Fest. Ja, es hat sich über die Jahre verändert. Viel wurde über die hohen Ticketpreise und die mittlerweile abgetrennten Superreichencamps mit klimatisierten Zelten, privaten Sterneköchen und Luxus im Wüstensand geschrieben. Und doch, „Burning Man“ hat dank der Gründungsriege um Larry Harvey immer auch den Grundgedanken, die Grundprinzipien beibehalten. Community und Kreativität standen und stehen an vorderster Stelle.

Mit Larry Harvey verliert „Burning Man“ den Über-Burner. In diesem Jahr wird es sicherlich am Festival einiges geben, was an ihn erinnern wird. Ganz sicher im Tempel. Dieser religiöse, dieser spirituelle Ort am Rande des riesigen Areals ist etwas ganz besonderes. Dort findet man einen Ruhepunkt, geniesst die Stille, leise Musik, Gebete, Gesänge, sieht die Fotos, liest die vielen, vielen Anekdoten, Berichte, Beschreibungen von Verstorbenden – Menschen und Tieren. Einer davon ist nun Larry Harvey. Am Ende der Woche wird auch der Tempel in einem gewaltigen Feuer aufgehen. In den Flammen, so hofft man, werden auch die Trauer und der Schmerz vergehen. Zurück bleiben sollen Erinnerungen. Auf dem Message Board der „Burning Man“ Seite schrieb heute eine Frau ein paar sehr passende Worte zum Abschied: Thank you Larry and safe journey…

„Cowboys of Peace“ im Wohnzimmer

Die Mata Hari Bar in der Nürnberger Weißgerbergasse kannte ich bislang nicht. Selbst wenn man die Straße entlang läuft, kann es durchaus sein, dass man diese Kneipe übersieht. Gerade mal 30 Leute passen in den kleinen Schankraum und dann ist die Bude richtig kuschelig voll. Und hier fand das jüngste – ausverkaufte – Konzert der Nürnberger Indie-Heroen Shiny Gnomes statt. Als „Wohnzimmerkonzert“ wurde es angekündigt und das traf es ganz gut.

Mit den Shiny Gnomes auf Tuchfühlung in der Mata Hari Bar. Schlagzeugerin Miss Dooright verschwand etwas hinter dem Pfosten und der Lavalampe.

Die paar Dutzend Freunde und Fans mussten zuerst in die Kneipe, dann kam die Band, schloss die Tür und los ging es. Bassist und Schlagzeugerin, Andreas Rösel und Miss Dooright, blockierten den Ein- und Ausgang, Gitarrist Limo stand daneben und Keyboarder Gazi legte sein unterarmlanges Tasteninstrument auf der Bar ab. Es war alles sehr familiär an diesem Abend. „Falls Ihr Getränke wollt, könnt ihr die auch bei mir bestellen“, meinte Limo.

Der eigenwillige Shiny Gnomes Sound zwischen 60er Beat Music, Country und Independent Rock wurde an diesem Abend gefeiert. Die aktuelle Platte „Searchin‘ for Capitola“ stand im Mittelpunkt, eine brillante, teils psychedelische Neuausrichtung der Band. Doch die vier wandelten auch gekonnt durch die Jahrzehnte der Bandgeschichte und endeten mit „Wild Spells“ von der ersten, 1986 veröffentlichten LP.

Dieses „Wohnzimmerkonzert“ der Shiny Gnomes zeigte, warum sie die wohl wichtigste Band aus dem Nürnberger Raum sind. Die Offenheit der Einflüsse, die internationale Weitsicht, die spielerische Freude machen die Shiny Gnomes auch nach 33 Jahren Bandbestehen zu einem Hörgenuss. Noch immer setzen sie neue Akzente, wie man das auch auf der jüngsten Platte hören kann. Die Gnome haben noch immer nichts von ihrem Glanz verloren. Für mich sowieso nicht, erst vorletzte Woche habe ich die Shiny Gnomes in meiner ersten Live-Sendung auf KKUP im Großraum San Jose gespielt. Sie gehören fest zum Klangbild meiner nun auch schon fast 22jährigen Radio Goethe Geschichte dazu.

„Before anything else, Hip-Hop was a party“

Wenn man sich die Weltkarte der lokalen Musikcharts an irgendeinem Tag des Jahres genauer ansieht, dann erkennt man gleich, dass Hip-Hop schon lange kein Randgenre mehr ist. Ganz im Gegenteil, was vor 45 Jahren begonnen hat ist zum Mainstream geworden. Und nun findet sogar eine Ausstellung in einem Museum im Geburtsort des Hip Hop statt.

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Am Rande von Downtown Oakland liegt das “Oakland Museum of California”. Ein Museum, das sich der Geschichte Kaliforniens verschrieben hat. Kein Wunder also, dass man hier offen für die Idee einer Ausstellung über eines der erfolgreichsten Kulturphänomene unserer Zeit war: Hip-Hop. Denn Oakland war neben New York City eine der Geburtsstätten des Hip-Hop in den USA. “Respect – Hip-Hop Style & Wisdom” – so der Titel der Ausstellung. Für Lori Fogerty, Direktorin des Oakland Museum of California ist sie ein Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Museum und der lokalen Hip-Hop Community: „Wenn wir solche Themen aufgreifen, dann wollen wir nicht die Autoritätsstimme eines Museums sein, sondern vielmehr die Stimmen aus der Community mit einbeziehen. Und bei diesem Thema war die Herausforderung die große Anzahl dieser Stimmen. Es gibt hier und im ganzen Land so viel Hip-Hop Persönlichkeiten.“

Nahezu 100 Hip-Hop Experten wurden für diese Ausstellung einbezogen. Gezeigt werden neben Fotos, Kunstobjekten, wie goldene Kopfhörer, Poster Art und Graffiti, auch Exponate wie ein grell rot-weiß gestreifter Bühnen-Anzug von LL Cool J, ein handgeschriebenes Essay von Tupac Shakur oder auch ein sündhaft teures Kleid von Moschino im Hip-Hop Style. Dazu kommen Informationstafeln und Fotos über die lokale Szene, deren Geschichte und Entwicklung. Das alles ist mit Hip Hop Musik unterlegt. Für den Kurator des Museums, René de Guzman, ist Hip-Hop in der Mitte der Gesellschaft angekommen: „In Amerika gibt es dieses sehr erfolgreiche Broadway Musical “Hamilton”. Ein seltsames Musical, denn es dreht sich um die Geschichte der amerikanischen Revolution, aber es wurde im Hip-Hop Stil erzählt. Was erstaunlich dabei war, viele, viele Besucher erkannten das als ein ganz natürliches Zusammenkommen einer Geschichte über ein radikales Experiment mit der radikalen Vorstellung von Hip Hop. Wir empfinden also, dass Hip-Hop einen Punkt des kulturellen Status erreicht hat.“

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Auch Susan Barrett, die als beratende Kuratorin tätig war, sieht Hip-Hop heute als Teil des Mainstream. „Hip-Hop ist Mainstream, man muss nur daran denken, dass sogar Cornflakes Werbung gerappt wird. Es geht nicht mehr Mainstream. Was fehlt ist nur, dass man das anerkennt, wie es die Kultur und die Kunst verändert hat. Es ist Mainstream und doch wird es total verkannt. Von daher denke ich, eine Plattform wie ein Museum ist ein perfekter Weg, um die Wahrheit von der Fiktion zu trennen.“

Einer der lokalen Experten, der an dieser Ausstellung mitarbeitete, ist der Musikjournalist Eric Arnold. Hip-Hop ist für ihn viel mehr als nur Musik: „Hip Hop ist Kultur, das muss man einfach und vor allem verstehen, dass es nicht nur Musik, Lifestyle ist, sondern eine Lebenseinstellung ist. Es ist eine Lebenspespektive. Hip-Hop ist viel: mulitkulturell, ein Ausdruck der Jugend, heute auch ein Ausdruck von Generationen, es ist die Entstehung und Weiterentwicklung von Kultur, es ist Kreativität und die Fähigkeit aus nichts etwas zu machen und es den Leuten zu zeigen, die meinten, man schaffe das nicht.“

Für Eric Arnold ist Hip-Hop nicht politisch und doch immer ganz nah dran am Zeitgeschehen. „Hip Hop war schon immer eine Stimme, die das ausdrückte, was die afro-amerikanischen Communities dachten und fühlten. Nimm den Song “The Message” von Grandmaster Flash aus den frühen 80ern, der dreht sich um die “Reaganomics”, die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik unter Ronald Reagan, als die Leute noch nicht mal wussten, wie schlimm die “Reaganomics” waren.“

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Hip-Hop als wichtiger Teil der amerikanischen Gesellschaft. Musik, Dance, Graffiti, Kultur, all das wird in dieser Ausstellung im Oakland Museum of California gezeigt. Dazu ein eigener Raum mit Videoleinwänden, Plattentellern und Lautsprechern, der in den kommenden Monaten als Treffpunkt der Community eingeplant ist. Adisa Banjoko, Autor, DJ und Hip-Hop Journalist, der schon in den frühen 90er Jahren in Stuttgart von der dortigen Hip-Hop Szene begeistert war, ist rundum zufrieden mit “Respect”. Und doch, ihm fehlt etwas bei dieser großen Retrospektive des Hip-Hop: „Wir sprechen hier nur über Hip-Hop in Amerika und an der Westküste, wir sagen nichts zum Hip-Hop in Kolumbien, nichts über den Hip-Hop in Südafrika oder den Hip-Hop in den Favelas von Brasilien. So groß ist der Hip-Hop heute und das müssen wir erkennen, ihm noch einmal diesen Platz einräumen, das dokumentieren und es in der Gesamtheit zeigen. So toll das hier auch ist, wir haben damit noch nicht mal die Oberfläche angekratzt.“

Wir werden alle alt

      Feature:
Zehn Jahre nach Nirvanas „Nevermind“

Anfang der 1990er Jahre war ich begeistert von dem Sound, der aus dem Nordwesten der USA nach Deutschland schwappte. Es klang so ganz anders, als die 80er „Hair Bands“ in ihren engen Röhrenhosen mit ihren teils schnulzigen Popballaden. Mudhhoney, Nirvana, TAD, Green River, Soundgarden, Pearl Jam, The Walkabouts, Alice in Chains, The Murder City Devils, Screaming Trees mischten mit einem dreckigen Sound eine Welt im Umbruch auf.

Viel neues entdeckte ich bei einem längeren Aufenthalt in San Francisco, damals spielten all diese Bands in den unzähligen kleinen Clubs der Stadt, oben auf der Haight Street, im Mission Distrikt oder South of Market. Zurück in Nürnberg machte ich meine ersten Radioschritte bei Radio Z. Und immer wieder griff ich zu den Platten, die auf SubPop Records aus Seattle erschienen. Das Label verkörperte den Sound, der als „Grunge“ bekannt wurde.

1988 wurde das Label offiziell von Bruce Pavitt und Jonathan Poneman gegründet, doch schon zuvor war Pavitt in der lokalen Musikszene aktiv und veröffentlichte das Fanzine „Subterranean Pop“. Immer wieder legte er diesem Kassetten von lokalen Bands bei und war auch DJ beim Sender KCMU, heute KEXP. Die Geschichte von SubPop ist eine Erfolgsgeschichte. Ein Independent Label, das es schaffte, viele große Acts aufzubauen, allen voran Nirvana, die mit ihrem „Bleach“ Album auch im Nürnberger „Trust“ vor zwei Dutzend Zuhörern spielten. Mit dem Folgealbum „Nevermind“ wurden Nirvana, Seattle und SubPop weltweit bekannt. Auf einmal blickten alle auf den verregneten Nordwesten der USA mit seinen Holzfällerhemdenbands.

Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Nevermind“ reiste ich 2004 nach Seattle, um über das was war und wie sich alles mit dem Erfolg des „Grunge“ veränderte zu berichten. Das Feature kann man oben hören. SubPop blieb nach dem zwischenzeitlich stürmischen Zeiten wie es angefangen hatte, konzentrierte sich auf lokale und regionale Bands, auf den Klang, der einfach so anders war und ist: rau, roh, mit Ecken und Kanten. In diesem Jahr nun feiert das Label sein 30jähriges Bestehen. Ich sitze hier, krame meine alten Platten raus, drehe die Musik auf, beschalle die Nachbarn, erinnere mich an viele geniale Konzerte in so manchen versifften Spelunken und denke mir mit einem Lächeln, „boah, ich bin alt geworden!“

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Heute hat die Welt Geburtstag

Rammstein sind ein weltweites Phänomen, und das schon seit fast 25 Jahren. Die Band aus Berlin spielt in gleicher Besetzung und das ist erstaunlich in diesem Geschäft. Nun gewährt Keyboarder Flake einen Einblick in das Innenleben der Band. Sein zweites Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ ist ein Abriss von einem Tag auf Tour, gespickt mit Anekdoten aus seinem und dem Leben der Band.

Es ist eine enge Gemeinschaft, die als Rammstein die musikalische Welt aufgerollt hat. Erklären kann es eigentlich niemand, dass die sechs Musiker mit ihrem Sound und ihren deutschen Texten rund um den Globus so erfolgreich sind. Lange Zeit wurden sie vom deutschen Feuilleton genauso belächelt wie von den staatlichen Kulturexperten. Ganz wichtige Musikjournalisten warfen ihnen sogar eine Nähe zur Nazi-Ideologie vor, weil Sänger Till Lindemann angeblich das „R“ rolle wie Adolf Hitler es getan haben soll. Das ist natürlich totaler Quatsch. Weder rollt Lindemann das „R“ wie der einstige Führrrrerrr des tausendjährigen Reiches, noch sind Rammstein auch nur in der Nähe der verblendeten Geschichtsverfälscher auszumachen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Flake hat bereits sein zweites Buch vorgelegt. Nach „Der Tastenficker“ feiert nun also die Welt Geburtstag. Und Flake erzählt witzig und voller Humor vom Alltag in der Band. Flake kommt dabei immer wieder als Schwachmat voller Ängste rüber, er beschreibt sich selbst als das schwache Glied in der Band, der eigentlich nur durch Zufall dabei ist. Aber wenn man zwischen den Zeilen liest, dann merkt man schnell, dass Rammstein eine eingeschworene Gruppe ist, die jeden der Mitglieder braucht, um den Erfolgsweg weiterzugehen. Die sechs Musiker ergänzen sich auf ihre Weise.

„Heute hat die Welt Geburtstag“ ist ein unterhaltsames Buch, bei dem man immer wieder lächeln und lachen muss. Flake ist ein genauer Beobachter, der gekonnt Situationen, auch peinliche oder nicht geplante, beschreiben kann. Das macht das Buch zu einem lebendigen und höchst lesenswerten Bericht. Klar, ich mag die Musik von Rammstein, habe Flake und die anderen schon mehrmals selbst interviewt, zum ersten Mal, als sie eine noch unbekannte Vorband von KMFDM in einem kleinen Club in Palo Alto waren.

Das ist lange her. Rammstein gingen danach konsequent ihren Weg. Sie haben es im Laufe der Jahre geschafft, ganz ungeplant Sprach- und Kulturbotschafter zu werden. Man muss sich nur mal die DVD „Völkerball“ von Rammstein ansehen, um das zu begreifen. Die Band spielt da in Frankreich, England, Japan und Russland und überall singen junge Leute lautstark die wohlgemerkt deutschen Texte der Berliner mit. Als jemand, der seit 22 Jahren in den USA lebt, hier Radio macht und viel mit Hörern in Kontakt ist, weiss ich das sehr zu schätzen, was Rammstein für die deutsche Kultur- und Sprachförderung erreicht haben. Zwar unbeabsichtigt und fernab jeglicher staatlicher Unterstützung, aber deshalb umso willkommener.

Flakes Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ zeigt die sehr menschliche Seite hinter der harten Fassade dieser Band. Erschienen ist das Buch für 20 Euro im S. Fischer Verlag, und ich kann es nur wärmstens empfehlen.

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Die Macht des Kulturbanausen

Der neue Haushaltsplan aus dem Hause Donald Trump liegt vor. Und wie zu erwarten, und wie schon gestern an dieser Stelle berichtet, will der Präsident mehr Dollars fürs Militär ausgeben und viel weniger für notleidende Menschen und Hilfsprogramme in den USA und in Übersee. Der Mann, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, der von sich selbst sagt, er sei „sehr, sehr reich“, spricht zwar gerne von den „vergessenen Amerikanern“, davon, dass Amerikaner auch „Dreamer“ seien, aber er hält nicht das, was er in seinen Reden und Tweets verspricht. Trump spaltet das Land weiter, politisch, kulturell und sozial.

Vielleicht hat er sein Buch gelesen, das von einem „Ghost Writer“ geschrieben wurde. Foto: Reuters.

Da ist es nicht überraschend, dass Donald Trump auch den Rotstift bei den Kulturausgaben des Staates ansetzt. Die „National Endowment for the Arts“ würde von 150 Millionen Dollar auf 29 Millionen Dollar zusammen gestrichen werden. Die „National Endowment for the Humanities“ erhielte statt 150 Millionen Dollar nur noch 42 Millionen Dollar. Und das „Institute for Museum and Library Services“ bekäme nur noch 23 Millionen Dollar anstelle der 208 Millionen Dollar. Trump ist auch kein Fan des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, er schaut lieber „Fox and Friends“ als Ernie, Bert und ihre Freunde in der Sesamstrasse. Die Ausgaben für die „Corporation for Public Broadcasting“ würde von 408 Millionen Dollar im Jahr auf 15 Millionen Dollar gekürzt werden. All das würde das Aus für diese wichtigen Kulturprogramme bedeuten.

Was das bedeutet ist klar. Donald Trump will die Kulturlandschaft in den USA verändern, wenn nicht sogar in ihrer jetzigen Form ganz abschaffen. Der güldene Donald mit seinen Goldpalästen hält nicht viel von der Kunst und schon gar nicht von der kritischen Kunst. Er versteht nicht, warum man im Twitter-Zeitalter noch Büchereien braucht, warum die Wissenschaft und die Forschung durch den Staat gefördert werden muss. Die Qualität einer Gesellschaft kann man auch daran erkennen, wie sehr sie die Freiheit der Kunst und Kultur, der Forschung, der Medien unterstützt. All das liegt im Trump-Zeitalter auf der Schlachtbank, Donald Trump wetzt bereits das Fleischermesser. Im vergangenen Jahr konnte der Kahlschlag im Kongress noch abgewendet werden. Ob das wieder so passiert muss abgewartet werden.

Es ist nicht nur so, dass wir in Amerika mit Donald Trump einen Präsidenten haben, der militärisch aufrüstet, der die Grenzen dicht macht, der die USA international isoliert, der tagtäglich Stimmung gegen Andersdenkende macht. Donald Trump, das zeigt sich mit seinen Budgetvorschlägen, scheint ein ungebildeter Mann zu sein, der nur seine Weltsicht kennt und zulässt. Und diese alternative Trump-Welt ist leider mehr als beschränkt.