Die Bedeutung von Weltmusik in „America First“ Zeiten

Der Ruf nach “America First” ist überlaut, eine “hohe, schöne Mauer” will Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und Flüchtlinge aus Krisen- und Konfliktgegenden haben kaum noch eine Chance legal in die USA zu kommen. Das Einwanderungsland Amerika macht die Schotten dicht. Die eigene Bauchnabelschau steht im Wahljahr 2020 scheinbar an vorderster Stelle.

Da ist es erfrischend, dass das Plattenlabel Smithsonian Folkways mit Sitz in Washington DC einen ganz anderen Weg geht und in diesen aufgeheizten Zeiten die Vielfalt der Kulturen feiert. In einer neuen Wiederveröffentlichungsserie auf Vinyl wird nun Musik aus Gambia, Trinidad und den Gebieten der südlichen Sahara präsentiert.

Folkways Recordings ist eine musikalische Schatztruhe. Tausende von Aufnahmen aus aller Welt sind hier über die Jahrzehnte zusammengetragen worden, und das aus den verschiedensten und noch so entlegendsten Kulturen, in Sprachen, die es teilweise gar nicht mehr gibt. Oftmals ist es Musik, die alles andere als hitverdächtig ist. Aber Folkways, das bis in die 1940er Jahre zurückreicht, ist zu einem einmaligen Archiv der Weltmusik geworden. Das Label hat mit einer Wiederveröffentlichungsserie von alten Aufnahmen auf Vinyl begonnen, aktuell sind es – Calypso Travels, Gambian Griot Kora Duets und Tuareg Music of the Southern Sahara. Und das durchaus mit einem Hintergedanken, wie Huib Schippers, der Direktor von Folkways erklärt: „Wir leben in einer sehr polarisierten Welt. Wir als Label glauben, wir können das etwas abschwächen, in dem wir den Blick auf Menschen in anderen Teilen der Welt legen und zeigen, was sie antreibt.“

Huib Schippers erklärt auf die Frage, wie man denn bei solch einem gewaltigen Archiv mit tausenden von Aufnahmen eine Auswahl treffen könne, dass man als Team zusammenkomme, jeder bringe ein paar Vorschläge mit. Gemeinsam höre man sich die Aufnahmen an und entscheide dann gemeinsam darüber. Die drei aktuell veröffentlichten Platten verbinde musikalisch dabei wenig, sagt er, es sei einfach „unglaubliche Musik“.

Die Musik der Tuareg bringt den Hörer ganz nah dran, die Mikrofone haben dabei nicht nur die Musiker aufgenommen, sondern fingen auch die gesamte Atmosphäre im Freien ein. Die Kora Duette aus Gambia und Senegal hingegen stellen die feinfühligen und durchaus auch hypnotischen Klänge dieser westafrikanischen Harfe dar. Die Originalplatte erschien 1979. Calypso Travels von Lord Invader war dessen letzte Platte, die von Folkways Gründer Moses Asch 1960 in New York produziert wurde. Es ist zeitlose Musik, die auf diesen drei Veröffentlichungen präsentiert wird. Was sie verbindet ist der grenzenlose Blick auf diese universelle Sprache der Musik.

In diesen “America First” Zeiten wird genau diese Sprache zu einem wichtigen Gegenpart einer engstirnigen und beschränkten Politik. Folkways sieht sich dennoch nicht als politisches Label, man sei zwar Teils des Smithsonian Netzwerkes, aber finanziell nicht davon abhängig. Eine staatliche Kontrolle über die Veröffentlichungen und Themen des Labels gebe es also nicht, meint Huib Scheppers. „Wir glauben, die Menschen auf dieser Erde sollten in Frieden miteinander leben, versuchen, sich zu verstehen und Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu feiern. Vieles, was wir veröffentlichen drückt das aus. Es geht darum, neugierig zu sein, was für mich einer der besten Wege ist Vorurteilen vorzubeugen.“

Huib Schippers beschreibt das, was Folkways tut als eine Art GPS, ein globales Navigationssystem. Und das ist es wahrlich. Die Welt hören kann Grenzen verschieben. Geplant sind schon jetzt etliche weitere Wiederveröffentlichungen auf Vinyl. All die Musik gibt es auch als CD on Demand und natürlich als Download.

Mit Worten und Bildern die Mauern öffnen

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

Reno ist einer von vielen. Seit 1980 nennt er eine 1 Meter 40 mal 2 Meter 20 große Zelle sein “Haus”. Manchmal verlässt er sie für Wochen nicht und wenn doch, dann wird er in Handschellen, die an einer Bauchkette angebracht sind, aus seiner Zelle geführt. Reno ist einer von nahezu 750 Todeskandidaten im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin. Mit 33 Jahren wurde er verhaftet, im Mai dieses Jahres wird er 75 Jahre alt.

Reno hatte lange Zeit einen Weg gefunden, um die brutale Wirklichkeit um ihn herum auszublenden. Er malte. Portraits, doch vor allem Landschaften. Farbenfrohe Bilder in einem grauen Alltag, Fenster in eine Welt, die er nie wieder selbst sehen wird. Seine Matratze legte er auf den Boden und nutzte das Bettgestell als Schreibtisch. So blendete er sich aus, so überlebte er die langen Jahre hinter Gittern. San Quentin liegt direkt an der San Francicso Bay, die Aussicht traumhaft schön. Gegenüber der “Correctional Facilty” liegt die Halbinsel Tiburon, eine Reichengegend, wo einst Steffi Graf und Andre Agassi lebten und wo sich Robin Williams in seinem Haus umbrachte. Dahinter Angel Island, einst ein Internierungslager, heute ein Nationalpark. In der Ferne kann man die Bay Bridge, Oakland und ein paar der Skyscraper von San Francisco sehen. Doch davon sehen die meisten Gefangenen nichts. Nur wenige von ihnen, meist zu lebenslanger Haft Verurteilte mit guter Führung, können außerhalb der Mauern, aber noch im Innenbereich des Gefängnisses arbeiten und einen Blick auf die Bay werfen.

Im Todestrakt, der Death Row, sind die Gefangenen alleine in ihren Zellen untergebracht. Im allgemeinen Strafvollzug, den es auch in San Quentin gibt, sind jeweils zwei Häftlinge auf diesen etwas mehr als drei Quadratmetern untergebracht. Im Todestrakt hofft man deshalb, dass nach dem verkündeten Hinrichtungsstopp von Gouverneur Gavin Newsom, keiner der zum Tode Verurteilten in Zukunft seine Zelle teilen muss. Er lebe seit 40 Jahren alleine, meint Reno. Er könne nicht mehr mit jemandem auf so engem Raum leben, erklärte er vor ein paar Tagen im Besuchsraum von San Quentin.

Mittlerweile malt er nicht mehr. Seine Gelenke, sagt er, Arthrose, die mangelnde Gesundheitsversorgung im Gefängnis, es würde im Winter nie richtig warm werden, im Sommer sei es brütend heiß in den alten Gemäuern von San Quentin. Der Trakt, in dem er untergebracht ist, stammt noch aus den Gründerjahren Mitte des 19. Jahrhunderts. In den “Visiting Room” mit seinen Besucherkäfigen wird er im Rollstuhl gefahren. An den Handgelenken trägt er Bandagen. Um die Handschellen an der Bauchkette gelöst zu bekommen, muss er aus seinem Rollstuhl mühsam aufstehen, durch eine kleine Öffnung im Gitter werden die Schlösser geöffnet, die Kette von einem Wärter herausgezogen.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht.

Eine kurze Umarmung, “good to see you”, danach gibt es ein Sandwich zu Coca Cola, Popcorn und einen Schokoriegel, die der Besucher vor dem Einschluß aus Automaten kaufen und in einer Mikrowelle aufwärmen kann. Auch diese Besuche sind ein Fenster nach draußen. Anderes Essen, ein anderes Gesicht, ein paar Erzählungen aus der Welt hinter den Mauern. Die meisten auf Death Row und im allgemeinen Strafvollzug von San Quentin erhalten kaum noch Besuch. Sie wurden über die Jahre einfach vergessen. Reno hat früher gerne über seine Bilder gesprochen. Zahlreiche seiner teils farbenfrohen, detailreichen Gemälde wurden sogar in Ausstellungen in den USA, Deutschland und Schweden ausgestellt. Das Malen war für ihn wie das Schaffen eines Fensters in der fensterlosen Zelle. Die fühlbare Enge wurde so einfach erweitert.

In San Quentin findet man hochbegabte und talentierte Gefangene. Das war schon immer so. 1936 wurde der amerikanische Komponist Henry Cowell aufgrund einer “moralischen” Straftat zu 15 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre lang saß er in San Quentin, bevor er eine Begnadigung bekam. Cowell komponierte weiter in San Quentin, die Musik dieser Zeit drückt die Schwere und die Eintönigkeit des Gefängnislebens aus. Er sagte einmal, die Musik habe ihn in San Quentin überleben lassen.

In San Quentin trafen sich in den 40er und 50er Jahren auch die Jazzgrößen Kaliforniens, Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon, Dupree Bolton, Earl Anderza, Jimmy Bunn und andere. Meist waren sie, wie auch der Jazzsänger Ed Reed, wegen Drogenkonsums hier gelandet und formten hinter Gittern eine der besten Jazz Combos ihrer Zeit, die gelegentlich bei Feiern und Anlässen des Direktors aufspielten. Sie nutzten diese Freiheit, um in den Klangweiten des Jazz im damals gefährlichsten Gefängnis westlich des Mississippi zu überleben. “Es waren immer großartige Musiker in der Band”, erinnert sich der heute 91jährige Reed. “Der Übungsraum war unter der Turnhalle in diesem alten Backsteingebäude ohne Fundament. Gefängnisdirektor Duffy hatte Instrumente gespendet bekommen und schaffte es, dass eine Instrumentenfirma sie pflegte.” Nur hier San Quentin existierte diese Superband, draußen, nach ihrer Entlassung kamen die Musiker nie wieder zusammen. Es sollen bislang unveröffentlichte Aufnahmen von dieser sagenhaften Band existieren. Tonbänder, die im alten Schulhaus auf dem Gelände von San Quentin in einer Kiste liegen sollen. Gefunden wurden sie bislang nicht, danach gesucht hat wohl bislang auch noch niemand.

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Im Speisesaal des Gefängnisses sieht man auch eines der beeindruckendsten, doch unbekanntesten Wandbilder der USA. 1953 begann der Häftling Alfredo Santos an seinem Monumentalwerk zu malen, nachdem er einen Wettbewerb hinter Mauern gewonnen hatte. Zwei Jahre lang arbeitete er Tag für Tag an der Geschichte Kaliforniens, detailreich versuchte er sie wiederzugeben, von Indianern bis zum Wirtschaftsboom in den Nachkriegsjahren der frühen 1950er. Auf sechs Wänden, jeweils 30 mal 4 Meter, schuf er ein einzigartiges Wandgemälde, dessen Stil an den mexikanischen Künstler Diego Rivera und die Plakatkunst der 30er und 40er Jahre erinnert. Ein Wandbild aus vielen kleinen Szenen, teils filmisch genau, teils expressionistisch, und alles ist in Brauntönen gehalten. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entlassung konnte Alfredo Santos sein Bild wiedersehen. 2003 durfte er als Besucher das Gefängnis und den normalerweise nicht zugänglichen Speisesaal betreten. In einem Nebensaal spielte auch Johnny Cash am 24. Februar 1969 sein berühmtes Konzert. “San Quentin, you’ve been living hell to me” sang er, und der Jubel der Häftlinge echote von den kahlen Wänden zurück.

San Quentin wird auch die “Bastille by the Bay” genannt, ein Gebäude, dass wie eine alte Festung wirkt. Es ist das älteste Staatsgefängnis im Bundesstaat und dennoch, trotz der alten Gemäuer wollen die Gefangenen hier sein, denn San Quentin ist eines der wenigen Gefängnisse inmitten einer Metropolregion. Mehr als 700 Freiwillige unterhalten Sozial-, Freizeit-, Beschäftigungs- und Bildungsprogramme. Das reicht von einer Uni mit College Abschluss über ein Shakespeare Theater zu einer preisgekrönten Häftlingszeitung, einem Radioprogramm und Yoga Kursen. Insgesamt werden mehr als 70 solcher Programme angeboten, nur wenige allerdings für die “Condemned Inmates”, die zum Tode Verurteilten. Die nutzen das Malprogramm und eine Schreibwerkstatt, um das verarbeiten, was sie erlebt haben und erleben. Und sie nutzen Papier, Stift und Pinsel um den trostlosen Alltag, der sich täglich wiederholt, zu entfliehen. Kurt Michaels ist ebenfalls im “East-Block”, dem Todestrakt untergebracht. “Ich nenne diese Zelle hier lieber meine Betoneigentumswohnung, also mehr wie man sein Zuhause sieht und weniger wie eine Gefängniszelle. Im Laufe der Jahre lernt man, die Gitterstäbe nicht mehr zu sehen, man sieht einfach durch sie hindurch, wenn man nach draussen blickt.”

Der 53jährige ist seit 1990 in San Quentin. Er wirkt im Gespräch wie unter Strom, immer darauf wartend, dass etwas passieren könnte. Kurt Michaels begann in seiner Endstation San Quentin mit dem Schreiben. Gedichte und vor allem Briefe an Freunde, in denen er seine Welt und seine Gedanken anschaulich schildert. Er bittet seine Brieffreunde, ihre Welt genauestens darzustellen, denn diese Briefe werden für ihn zum Fenster in die Freiheit: “Ich korrespondiere mit einigen Leuten in aller Welt. Wenn ihre Briefe hier ankommen, von Australien und anderen Ländern, dann sortiere ich sie nach Gegenden, in die ich dann in diesem Moment reisen möchte. Manchmal sage ich meinen Zellennachbarn, stört mich jetzt nicht, laßt mich in Ruhe. Und dann nehme ich ihre Briefe, öffne sie, einen nach dem anderen, oftmals sind Fotos dabei und sie beschreiben verschiedene Dinge in ihrem Leben, damit ich daran Teil haben kann. Das ist meine mentale Flucht, das ist alles, was wir hier haben.”

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Ben Aronoff arbeitete über mehrere Jahre als “Corrections Officer”, als Justizbeamter, im Todestrakt von San Quentin. Er beobachtete und bewunderte fasziniert die Kreativität der Häftlinge. “Da erinnere mich an einen Häftling, der durfte aufgrund seines Verhaltens nicht am offiziellen Kunstprogramm teilnehmen. Das störte ihn nicht, er machte sich einen Pinsel aus seinen Haaren. Und er bekam den staatlich zuerkannten Tabak. Heute dürfen sie ja noch nicht mal mehr in ihren Zellen rauchen, aber damals bekamen sie noch Tabak. Und er mischte den Tabak mit Wasser, nutzte seine Haare als Pinsel und malte die wunderbarsten Bilder auf seine Zellenwand. Die waren einfach unvorstellbar schön. Und alle paar Wochen wurde er auf den Hof geschickt und die Gefängnisleitung ließ die Wand wieder weiß übertünchen. Aber das war ok für ihn, denn dann hatte er wieder Platz zum Malen.”

In San Quentin, dem ältesten kalifornischen Staatsgefängnis, sind derzeit fast 4000 Gefangene untergebracht. Wer hierher kommt arrangiert sich mit dem brutalen und tristen Alltag, mit Gangs, oftmals mit der Aussicht nie wieder nach draußen zu kommen. Doch viele finden auf kreative Weise einen Weg, zumindest ein Fenster nach draußen, in die weite Welt zu öffnen.

Ein Grammy für Pete Seeger

Ich bin kein großer Fan der Grammys, irgendwie wird immer das gleiche und die gleichen ausgezeichnet. Interessant finde ich nur jene Awards, die auf den hinteren Rängen zu finden sind, wie „Best boxed or special limited-edition package“, „Best album notes“ und „Best historical album“. Da sind immer mal wieder außergewöhnliche Veröffentlichungen dabei, wie in diesem Jahr der Grammy für eine Pete Seeger Box.

Pete Seeger, die Stimme der amerikanischen Folk-Bewegung. Vor sechs Jahren, am 27. Januar 2014 verstarb er im Alter von 94 Jahren. Seeger wurde schon zu Lebzeiten als “American Treasure”, als lebender Kulturschatz Amerikas bezeichnet. Meist nur mit seinem Banjo in der Hand, begeisterte er seine Zuhörer, und das weltweit. Pete Seeger war Sänger, Rebell und die Stimme einer ganzen Nation. Er sang von einer besseren Welt und war der Meinung, diese könne nicht überleben, solange das Privateigentum „Gott aller Götter“ sei. Seine Lieder sollten Hoffnung geben. Zu Pete Seeger‘s 100. Geburtstag am 3. Mai 2019 hatte sein langjähriges Label “Smithsonian Folkways” eine umfangreiche 6 CD Box herausgebracht, darunter auch 20 bislang unveröffentlichte Songs. Dazu ein 200seitiges Buch. Und diese opulente Box wurde mit einem Grammy für „Best historical album“ ausgezeichnet.

An Pete Seeger kommt man in den USA nicht vorbei. Bob Dylan und Joan Baez und selbst Musiker von Rage Against the Machine sehen ihn als großen Einfluss auf ihre Musik. Seine Lieder wurden zu einem Soundtrack dieses Landes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine bekannten Songs sind genauso auf „The Smithsonian Folkways Collection” zu finden, wie Lieder, die ihn einfach am besten beschreiben. Zusammengestellt wurde diese Werkschau von Jeff Place, Kurator und Leiter des Folkways Archivs. „Ich habe einfach versucht, die größte mögliche Retrospektive zusammenzustellen. Von seinen ersten Veröffentlichungen überhaupt bis hin zu den letzten in seinem Leben. Und dann wollte ich auch noch all die Orte aufnehmen, die Pete Seeger mit seiner Musik besuchte. Die Leute sprechen von ihm wie von Woody Guthrie, Woody’s Kinder sind auch Pete’s Kinder…Joan Baez erzählte mal, dass sie als 13jährige ein Konzert von Pete Seeger an ihrer Schule erlebte, und das veränderte ihr Leben.“

Jeff Place berichtet davon, dass Pete Seeger in den 50 Jahren aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei und seinem politischen Einsatz für soziale und gesellschaftliche Initiativen unter politischen Druck geriet. Seeger war auch ein Teil der legendären und sehr erfolgreichen „Weavers“, einem Folk Quartett aus Greenwich Village, das neben traditionellen Folk Songs auch Arbeiter- und Protestlieder sang. Damit machten sie sich in der politisch aufgeheizten McCarthy Ära verdächtig. Seeger und auch andere Mitglieder der „Weavers“ wurden „blacklisted“. Kein Club ließ ihn mehr auftreten, kein Radiosender spielte ihn mehr. Doch das hielt ihn nicht auf, so Jeff Place: „Er lebte also ein Leben im Untergrund, wo er einfach an Colleges und Universitäten auftauchte und ohne große Ankündigung spielte, so konnte man ihn nicht davon abhalten. Es wurde versucht, seine Ideen aufzuhalten, aber er fand einen Weg, um die jüngere Generation zu erreichen, in dem er an Schulen spielte und Platten aufnahm. Darunter auch Platten für Kinder. Er hat all diese Menschen in den Vereinigten Staaten beeinflusst, diese jungen Leute, diese Kinder, die schließlich Teil der großen Folk Bewegung in den späten 50er und 60er Jahren wurden, wie Peter, Paul & Mary und Dylan und all die anderen.“

Pete Seeger wurde durch seine Schul- und Uniauftritte erneut bekannt, erreichte so eine neue, junge Generation. In den 60er Jahren setzten Lehrer in den Schulklassen seine Musik im Unterricht ein. Die Saat, die er mit seinen Konzerten säte, ging auf. Seeger veröffentlichte über 70 Platten auf Folkways Records, darunter “Spoken Word” Alben, Musik für Kinder, Protestlieder, Songs aus anderen Ländern und Kulturen. Überall wohin Pete Seeger reiste, brachte er nicht nur seine amerikanischen Lieder mit, sondern nahm auch Songs von dort mit zurück in die USA. Er war ein musikalischer Grenzgänger und Brückenbauer, der Menschen mit seinen Songs zusammenbrachte. Auf dieser Box ist auch eines der bedeutendsten antifaschistischen Protestlieder überhaupt enthalten, das 1933 im norddeutschen Konzentrationslager Börgermoor geschrieben und mit dem Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt geweht wurde. Pete Seeger liebte dieses kraftvolle Lied und spielte es immer wieder auf seinen Konzerten.

Mit der großen Pete Seeger Werkschau schließt sich für Folkways Records auch der Kreis der wichtigen „Drei“ der amerikanischen Folk-Musik, denn zuvor schon hatte das Label Boxsets von Woody Guthrie und Lead Belly veröffentlicht. „Man muss auch erwähnen, dass Pete Seeger ein enger Freund von Woody Guthry und Lead Belly und einigen anderen war“, meint Jeff Place. „Und er war derjenige, der weitermachte…sie starben leider viel zu jung, doch Pete hielt ihre Musik und ihre Ideen über die Jahre am Leben. Er ist dafür verantwortlich, dass wir Woody Guthrie heute so kennen oder ihn so schätzen.“

„Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ ist nicht nur eine bedeutende Werkschau einer der wohl wichtigsten Jahrhundertmusiker Amerikas, die nun mit einem Grammy geehrt wurde. Beim Durchhören all der Lieder spürt man vielmehr, dass Pete Seeger mit seinem Banjo und seiner warmen Stimme Kraft und Hoffnung in teils schwierigen Zeiten geben wollte und auch konnte. Amerika könnte heute mehr denn je wieder einen Pete Seeger gebrauchen.

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Megalomaniac, Deutschland, Redukt….und dann noch Cheri Cheri Lady

2020 wird ein Konzertjahrt. Da freut man sich als langjähriger Moderator einer Radiosendung, in der nur Musik aus deutsch(sprachig)en Ländern gespielt wird. Die Schweiz kam ursprünglich wegen den Elektroklängen von Yello und Österreich wegen dem abstrusen Rocktheater von Drahdiwaberl mit dazu. In 24 Jahren konnte ich hier einige Bands aus meinen Playlisten live rleben.

Im Jahr 2020 geben sich gleich drei große Namen aus der deutschen Musikszene die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Und das sind nicht irgendwelche Bands, das sind die Großen ihres Genres, die in den USA eine riesige Fangemeinschaft hinter sich haben. Im Juli werden KMFDM aufpielen, sie touren mit Ministry und Front Line Assembly einmal quer durchs Land. Wer die Band nicht kennt, hat etwas verpasst, denn KMFDM ballern seit 35 Jahren ihren ultimativen und kompromisslosen Beat unter die Fans. Live sind sie grandios. Sie gelten als Pioniere des harten Metal-Industrial Sounds. Ein absolutes Muss.

Kurz darauf dann sind Rammstein an der Reihe. Sie haben zum ersten Mal eine Stadiontour ausgerufen, die sie in acht US Städte, nach Montreal und Mexiko City bringen wird. Und zwischen den Terminen sind noch weitere offene Tage, die zu Folgekonzerten führen könnten. Der Hype online ist riesig für die „German Boygroup“, wie sie mir mal von einem weiblichen Fan beschrieben wurden. Und Rammstein live, ein wahres Freudenfest. Was sie auf ihrer Europatournee gezeigt haben, läßt Spannung auf dieser Seite des Atlantiks aufkommen.

Im Oktober dann treten die Einstürzenden Neubauten mit einer neuen Platte im Gepäck die Reise nach Übersee an. Sie haben „The Year Of The Cat“ ausgerufen und zehn Konzerte einmal quer durchs Land gebucht. Es beginnt in Los Angeles und endet in Philadelphia. Die Neubauten sind zweifellos eine der wichtigsten deutschen Bands, denn sie haben mit Klangexperimenten und Klangideen durchaus die Grenzen der Hörgewohnheiten verschoben.

Neben diesen drei kommen noch einige weitere deutsche Gruppen in die USA. Da ist vor allem die SXSW in Austin Texas, alljährlich fördert da die Initiative Musik Auftritte von deutschen Bands, Musikern und Musikerinnen. Das ganze ist als Einstieg in den US Markt gedacht. Etliche der Teilnehmer zieht es nach den Auftritten in Austin noch für weitere Konzerte in den Westen der USA.

Und dann gibt es da auch so seltsame Auftritte, die eigentlich kein Mensch braucht. Denke ich mir zumindest, aber ja, Geschmack ist immer so eine Sache. Ich glaube, wenn David Hasselhoff in Deutschland Erfolg haben kann, dann sollte das auch für Thomas Anders in den USA möglich sein. Zumindest kann ich von mir behaupten, dass in fast 24 Jahren mit Radio Goethe kein einziges Mal Modern Talking in meiner Sendung lief. Das ist doch schon mal was. Aber noch besser, ich bekam auch kein einziges Mal einen Hörerwunsch dahingehend. Da lobe ich mir meine Hörerinnen und Hörer. Na, Modern Talking kommen ja nicht ganz, nur Thomas Anders, der damals mit seiner riesigen Nora Kette um den Hals „Cheri Cheri Lady“ trällerte. Und als Unterstützung bringt er Sandra mit. Gleich sieben Konzerte sind geplant: San Jose, 2x Burbank, Chicago, Elizabeth, NJ, New York und Boston.

Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal in einen Beitrag KMFDM, Rammstein, Einstürzende Neubauten, Modern Talking und Sandra unterbringen kann. Wahrlich verrückte Zeiten. Es steht einiges an Konzerten in diesem Jahr an. Das nächste kommt schon in dieser Woche für mich. Laurie Anderson spielt mit Mike Patton (Faith No More) im SF Jazz Center. Und dieses Zusammenspiel kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Kulturbanause oder Kulturfeind?

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran scheint sich zu deeskalieren. Und doch, viele Fragen bleiben weiterhin offen. Als der amerikanische Präsident Donald Trump den Iranern per Twitter drohte, gezielt Kulturstätten im Iran zu beschießen und zu zerstören, war der Aufschrei groß, zumindest außerhalb der republikanischen Reihen. Eine rote Linie sei dabei vom US Präsidenten überschritten worden, hieß es. Wie konnte Trump nur öffentlich zu einem Kriegsverbrechen aufrufen, denn das wäre die Zerstörung von Kulturstätten in kriegerischen Auseinandersetzungen, fragten sich etliche.

Allerdings kommt diese Androhung nicht überraschend. Trump war noch nie ein Freund der Kultur und ich rede jetzt noch nicht einmal darüber, dass er im Weißen Haus bei Empfängen Big Macs servierte oder seine „Trump Tempel“ in kitschigem Gold und Glanz dekorieren läßt oder seinen Golf Club Mar-a-Lago als „Winter White House“ bezeichnet. Donald Trump hatte im Wahlkampf bereits angekündigt, dass er die staatlichen Förderungen für Kunst, Kultur und Museen aussetzen möchte. Als gewählter Präsident verfolgte er seitdem regelmäßig in Haushaltsentwürfen diesen Ansatz. Gelder für die Kunst- und Kulturförderung sollten ersatzlos gestrichen werden.

Bislang gab es noch genug Gegenwind aus dem Kongress und das überparteilich. Die Fördergelder für die „Humanities“ blieben erhalten. Doch das ist keine langfristige Absicherung, gerade nicht unter diesem Präsidenten, der nicht viel von Kultur hält und gleichzeitig behauptet, er habe mehr Ahnung von Kultur als all jene, die sich damit berufsmäßig beschäftigen. Die Androhung wertvolle, historische Kulturstätten im Iran bombardieren zu lassen, war also kein verbaler Ausrutscher von Donald Trump, vielmehr drückt sie seine Haltung gegenüber Hochkultur, anderen Kulturkreisen und auch Geschichte als solche aus. Die USA haben derzeit jemanden als „Commander in Chief“ der einfach nicht über den eigenen Tellerrand blicken kann und blicken will.

Nach dem Rückblick der Ausblick

2020 steht vor der Tür. Übermorgen ist es so weit und ich habe keine Ahnung, was das kommende Jahr bringen wird. Viel Donald Trump, das zumindest weiss ich. Denn es ist Wahljahr und es geht ums Weiße Haus. Aber was da in den kommenden Monaten auf uns alle zukommen wird, ist noch völlig unklar. Wobei man schon jetzt vermuten kann, dass der Wahlkampf alles andere als „Friede, Freude, Eierkuchen“ werden wird.

Natürlich werde und, ja, muss ich auch darüber berichten. Viel Wahlkampf, wer setzt sich bei den Demokraten durch, wie stellt sich die Partei damit auf, wie reagiert Donald Trump, was wird er tun, um an der Macht zu bleiben? Viele offene Fragen, auf die noch niemand eine Antwort weiß. Aber ich hoffe, ich kann auch im kommenden Jahr einiges fernab des Politalltags und des Trumpschen Wahnsinns berichten.

Anfangen wird das Jahr für mich mit einer neuen Sendung. Auf KKUP, einer Community Station in San Jose mit einer starken UKW Frequenz, werde ich eine monatliche Nachtsendung moderieren. Angedacht ist Mittwoch von 00:00 bis 3 Uhr (in Deutschland 9 bis 12 Uhr). Ich habe Lust darauf wieder live zu senden. Spielen will ich experimentelle, ausgefallene und elektronische Musik. Manches wird ein wahres Klangbad zu früher Stunde sein, anderes eine Herausforderung für die Hörer. Ich freue mich darauf.

Eine Sendung über die Area 51, Ufos und Außerirdische kommt noch.

Gleich mehrere Features sind in der „Pipeline“, darunter die Ausarbeitung des Themas „Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden“ für das ich im Niger und in Somaliland war. Daneben kommt eine Sendung über UFOs und Außerirdische in den USA. Dann arbeite ich mit einer Kollegin in Afrika an einem international brisanten Politikthema. Sie dort, ich hier, und ja, es geht dabei auch um Trump. Ich will etwas zu Flüchtlingen und „undocumented immigrants“ machen, auch mal ganz, ganz hoch hinaus, wenn ich dafür einen Abnehmer finden kann. Ich hoffe, ich werde etwas mehr in den USA unterwegs sein, aus Gegenden berichten, die oftmals außen vor gelassen werden. Dann plane ich ein oder zwei weitere Reisen nach Afrika, sowohl in Somaliland wie auch im Sudan warten sehr interessante und spannende Geschichten.

Natürlich werde ich auch wieder Musik- und Religionsgeschichten suchen und finden und für Radio Goethe im Jahr 24 will ich ein paar thematische Sendungen produzieren. Ein Hörspiel über San Quentin und die Death Row schwebt mir vor, in dem ich all die Aufnahmen, Briefe, Kontakte, Erfahrungen, Besuche und auch Emotionen und Eindrücke aus den letzten 25 Jahren einbauen könnte. Mal sehen, ob ich dafür die Zeit und die Ruhe finde. Ach ja, dann arbeite ich auch noch mit an einer größeren Ausstellung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und in die Bay Area. Dafür werde ich Audio Files für Hörstationen und eine Webseite produzieren.

Hier stapeln sich die Bücher, die gelesen werden wollen. Daneben viel neue und alte Musik, die gehört, entdeckt und wiederentdeckt werden will. 2020 ist sicherlich ein Jahr, in dem es als USA Korrespondent nicht langweilig werden wird. Doch für mich ist es wichtig, dass ich dabei genau wie in diesem Jahr auch anderes bearbeiten kann, eben nicht nur den Wahlkampf, Trumps Tweets und langweilige Debatten. Das wird schon. Allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und gutes neues Jahr…Happy New Year aus Kalifornien.

Musik in Zeiten der Krise

Wir trafen uns in einem Garten in Niamey.

Musik spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Da ist meine eigene Radiosendung, Radio Goethe, mit der ich seit 23 Jahren die Zuhörer vor allem in Nordamerika mit Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschalle. Zehn Jahre lang produzierte ich daneben eine Country- und Folksendung für eine Airline über den Wolken.

Da ist aber vor allem auch die Musik, die ich fast bei allen Themen, die ich behandele finde. Sei es in San Quentin, wo mir ein Todeskandidat auf der Death Row per Telefon ein selbstgeschriebenes Lied vorsingt. Oder die Geschichte der deutschen Einwanderer in die USA mit alten Originalaufnahmen aus den 1920er Jahren unterlegt wird.

Seit 1996, habe ich mich intensiv mit der Folkmusik und ihrer Geschichte beschäftigt. Man muss nur an Musiker wie Woody Guthrie oder Pete Seeger denken, um Musik als Sprache und kraftvolle Ausdrucksform zu erkennen. Gerade Pete Seeger öffnete für mich mit seiner Musik den internationalen Blickwinkel. Er war eng mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs und den internationalen Brigaden verbunden. In einem Interview sagte er einmal, dass das Lied der Moorsoldaten, geschrieben im KZ Börgermoor 1933, eines der wichtigsten und bedeutendsten anti-faschistischen Songs überhaupt sei. Dieses Lied wurde durch die internationalen Brigaden in alle Welt, alle Kulturen und alle Sprachen verbreitet. Die Kraft dieses Liedes war nicht nur für die internierten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder im KZ Börgermoor bedeutend, sondern wurde auch eine Stütze, eine Hoffnung für gepeinigte, unterdrückte und benachteiligte Menschen in den verschiedensten Ländern:

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!

Das Lied der Moorsoldaten     

Auf einem leeren Grundstück, vor ein paar Zelten, unter einem Stoffdach.

Und dann ist da die Musik, die ich auf so einigen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden kennerlernen durfte. Mit einem Recherchestipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und der Robert Bosch Stiftung konnte ich vor kurzem nach Somaliland und in den Niger reisen, in zwei Länder, in denen die Musik ganz wichtige Rollen spielte und noch immer spielt.

Es gab auf diesen Reisen diese Momente, an denen ich mich glücklich schätzte, das tun zu können, was ich mache. Orte zu sehen, Menschen zu sprechen, Geschichten zu hören, wunderbare Musik zu finden. In einem Garten in Niamey verschwand im Klang der Musik der ganze Lärm, der Stress, die Anstrengungen, der Alltag. Und dann liegt man an einem warmen Freitagabend auf einer Sandbank eines Zuflusses des Nigers. Eine Gruppe junger Tuareg entfacht ein Lagerfeuer, backt Brot, grillt Fleisch. Einige greifen zur Gitarre, zu einer Kalabasse als Rhythmusinstrument und sie fangen an unter einem sternenklaren Himmel zu spielen, zu singen….und dabei ist ein 51jähriger Deutsch-Amerikaner, der sich (nach dem Aufnehmen) und nach zwei Wochen unterwegs entspannt, zufrieden und dankbar zurücklehnt, den Nachthimmel betrachtet und in diesem Moment mal wieder spürt, warum er Journalist geworden ist.

No Spectators: The Art of Burning Man

Ich war mehr als gespannt auf diese Ausstellung – „No Spectators: The Art of Burning Man„. Burning Man kommt also ins Museum, ins Oakland Museum of California. Und da war für mich gleich die Frage, wie man das machen, wie man das schaffen kann. Denn das alljährliche Treffen, dieser ungewöhnlichen und kreativen Community in der Wüste von Nord-Nevada wurde mir einmal von einem Künstler als „die größte Galerie der Welt“ beschrieben. Wie also kann man das auf so einen beschränkten Raum bringen?

Ein Kostüm aus Leder und Nieten.

Nun also sind einige Kunstobjekte, gereinigt und entstaubt, in den Museumsräumen in Oakland zu sehen. Dazu Videofilme, Fotos, Gegenstände und die Geschichte dieses Festivals zum Nachlesen. Ich könnte nun ausholen und hier schreiben, was alles fehlt. Da ist zuallerst diese Weite auf dem ausgetrockneten Seebett, da ist der feine Staub, der in alle Poren reinkriecht, die Hitze. Doch vor allem sind da die Menschen, die man auf Playa in Black Rock City trifft.

Das alles kann eine Ausstellung gar nicht einfangen, umfassen, darstellen. Und der Versuch wurde auch gar nicht erst unternommen. Ein Museum ist kein Spiegel, diese Ausstellung bietet vielmehr den Versuch Burning Man zu verstehen, einen Blick hinter all den „Dust“ zu werfen. Und der gelingt. Gezeigt wird die Kreativität im Kleinen, wie angefertigte Kostüme für die Playa. Ein paar größere Objekte sind auch Teil von „No Spectators“, sogar ein Tempel im Kleinformat wurde im Außenbereich des Museums nachgebaut.

Burning Man war bei meinen Besuchen immer die faszinierende Kunst, die Kreativität der Teilnehmer, das Eintauchen in diese ganz andere Welt, wo Grenzen verschoben, wo Dinge einfach machbar gemacht wurden. Wenn auch nur für ein paar Tage, Burning Man ist ein besonderes Erlebnis, eine tiefe Erfahrung mit diesen ganz speziellen, eigenen und sehr persönlichen Burning Man Momenten. Am Eingang zur Black Rock City wird man mit „Welcome home“ begrüßt. Auch in der Ausstellung im Oakland Museum of California hängt solch ein Schild. Die Faszination von Burning Man ist nicht einfach zu beschreiben. Irgendwie muss man dort gewesen sein, das alles mal selbst erlebt haben, um diese ganze Dimension zu erfahren. Morgens mit dem Fahrrad über die Playa fahren und erstaunt sein, wie über Nacht neue Kunstobjekte aus dem sandigen Seebett aufgetaucht sind. Oder nachts ganz weit draußen auf der Playa stehen und tief bewegt auf das Lichter- und Feuerspektakel vor einem zu blicken. Hier, wo vor ein paar Wochen nichts war und wenige Tage später nichts mehr sein wird.

Das alles kann in einer Ausstellung nicht nachempfunden werden, doch „No Spectators“ unterstreicht zum einen den Einfluss und die Bedeutung dieser besonderen Kunstcommunity. Zum anderen macht sie neugierig darauf, wie das wirklich ist in Black Rock City. Diese Museumsshow ist daher auch wie eine Einladung zu verstehen, in diese andere, zeitlich begrenzte amerikanische Kleinstadt – für eine Woche die drittgrößte Kommune in Nevada – zu reisen, dort zu leben und Teil dieser eigenwilligen Gemeinschaft zu werden. „No Specators“, kein Zuschauer eben zu sein.

Foto: Reuters.

Das Klangbild eines unbekannten Landes

Das Weltmusiklabel Smithsonian Folkways ist für teils ungewöhnliche Veröffentlichungen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen bekannt. Nun erscheint mit “Sound Portraits from Bulgaria” eine zwei CDs umfassende Box, die sich der bulgarischen Musik der 60er und 70er Jahre widmet. Begleitet wird sie von einem umfassenden Bildband, der Musiker und Aufnahmesituationen von damals portraitiert. Es ist wie ein tiefer Einblick in eine scheinbar längst verschwundene Zeit.

Am Anfang dieser Box steht die Melodie des Schäfers, einer gefühlvollen und durchaus nahegenden Musik- und Fotosammlung, die den Hörer behutsam in die Klangwelt Bulgariens führt. Aufgenommen und gesammelt wurde diese Musik in allen Teilen Bulgariens von dem Musikethnologen Martin Koenig, der in den 60er und 70er Jahren dorthin reiste, in einer Zeit, in der Bulgarien ein eher abgeschottetes, verarmtes Land im damaligen Ost-Block war. Koenig kam, um sich vor Ort über die Tänze zu informieren und, um die Musik aufzunehmen.

Martin Koenig reiste damals mehrmals durch das Land, einem Land, das von den verschiedensten Einflüssen geprägt wurde. Gleich fünf Länder grenzen an Bulgarien, dazu noch das Schwarze Meer. Bulgarien sei wie eine Kreuzung, meint Koenig. „Jede Armee aus dem Osten kam durch Bulgarien, jede aus dem Westen auf dem Weg in den Nahen Osten kam durch das Land. Und jede Armee, jede Volksgruppe, die durchkam, denn es gab auch diesen konstanten Migrationsfluss, jeder brachte seine Musik mit, seine eigenen Klänge. Und das alles beeinflusste das, was schon da war.“

Die CD-Box “Sound Portraits from Bulgaria” gibt dem Hörer einen tiefgehenden Eindruck von der Vielfalt und der Ausdruckskraft der bulgarischen Kultur. Die vielen Bilder in dem 143 Seiten umfassenden Begleitbuch lassen die Musik auf diesen CDs lebendiger werden, denn man erfährt, wie sie aufgenommen wurde. Martin Koenig hat damals mit seinen tragbaren Aufnahmegeräten wahre Klangwunder erschaffen. „Als ich damals in diese bulgarischen Dörfer kam, gab es überall mehrere Leute, die diese Lieder singen konnten. Es ist, wie ein Fenster auf einen verschwundenen Lebensweg zu öffnen, der so reich an Darbietung und kulturellen Traditionen war, und den es nicht mehr gibt. In diesen 50 Jahren ist das alles verloren gegangen.“

Seit den 60er Jahren hat Bulgarien ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Mit ihr verschwand vieles von dem, was in dieser CD-Box zu sehen und zu hören ist. Der kulturelle Verlust ist immens, um so wertvoller ist diese Sammlung einzuordnen. Das konnte Martin Koenig auch erfahren, als er vom Label beauftragt wurde, vor einer Veröffentlichung noch einmal nach Bulgarien zu reisen, um die Rechte von den Musikern und ihren Nachfahren einzuholen, wenn sie überhaupt gefunden werden konnten. Bei den Besuchen in den verschiedensten Dörfern stieß er vor allem auf Dankbarkeit, dass die Musik und diese Fotos aus einer längst vergangenen Zeit bewahrt wurden.

Einen Klangeindruck von “Sound Portraits from Bulgaria” kann man hier bekommen.

Momente wie diese

Zweifel habe ich oft. Ob ich die Geschichte, über die ich berichten will, auch wirklich erzählen kann, ob ich die Interviews, die Töne, die Musik bekomme, die ich für ein klangvolles Feature brauche. Manchmal geht es einfach nicht voran, manchmal sehe ich den roten Faden nicht, der sich durch die Story ziehen soll, manchmal klappt hinten und vorne einfach nichts. Bei dieser Geschichte über die Bedeutung von Musik in Konfliktgegenden und Zeiten der Krise, an der ich gerade arbeite, ist das nicht anders. Ich musste meinen Flug nach Somaliland für 700 Euro umbuchen, weil derjenige, mit dem ich vor Ort unbedingt reden musste, der mir viele Interviewpartner vor Ort vermitteln wollte, mir wenige Tage vor dem Abflug in einer Mail schrieb, ich solle doch einen Tag vorher fliegen, da er an meinem eigentlichen Anreisetag nach London fliege. Es war kein Notfall und er wusste seit Mai, dass ich an diesem Tag im September ankomme.

Vieles was sein sollte, ergab sich dann nicht und ich begann innerlich etwas zu rotieren. Wie sollte ich die Geschichte nun erzählen? Ich suchte nach anderen Interviewpartnern in Somalia. Einer, der von sich behauptet, er setze sich sehr für die somalische Kultur ein, dafür, dass die Menschen in den westlichen Nationen Somalia und Somaliland verstehen lernen, ließ mir über seinen Manager in London mitteilen, dass er nur für einen Vorabbetrag von $400 mit mir sprechen würde. Soviel zum Kulturaustausch.

Ein musikaliscer Bilderbuchmorgen in Niamey.

Die Zweifel an dieser Story waren da, auch wenn ich wunderbare Menschen treffen und mit ihnen sprechen konnte, aber diese rote Linie fehlte noch für mich. Dann ging es weiter nach Niamey. Interviews und Eindrücke, die mir die Größe, diese Übergröße dieses Themas vor Augen führen, auch, dass ich das Thema nur ankratzen werde. Musik ist eine wunderbare Sprache, komplex, tief, vielseitig und vielleicht auch unbeschreibbar.

Gestern erlebte ich diese Augenblicke, die dann ganz anders waren. Am Morgen wurde ich quer durch die Stadt zu einem Grundstück gefahren, hohe Mauern, eine gewaltige Metalltür. Dahinter ein offener Platz, ein paar Zelte, Behausungen, ein Schaf blöckte laut, ein paar Ziegen liefen herum, Kinder spielten im Sand. Vom Nebenhaus war Gehämmere zu hören. Es war schon sehr heiß an diesem Morgen, mir lief der Schweiß runter. Eine Frau winkte uns heran, breitete unter einem niedrigen Dach aus Stroh zwei Matten aus, darauf legte sie eine Decke. Moussa, mein Begleiter, und ich setzten uns auf ein paar niedrige Stühle und warteten. Nacheinander kamen drei Tuareg Musiker, die mir Fragen beantworten und ein paar Lieder spielen wollten. Ich sass schließlich da und merkte mal wieder, dass ich einen wunderbaren Job habe, der mich in andere Länder bringt, der mir neue Kulturen zeigt, der mich zu Menschen führt, denen ich Fragen stellen kann, die oftmals beantwortet werden, dass ich Eindrücke erhalte, Augenblicke erlebe, die einzigartig, die bereichernd sind. So auch dieser auf diesem offenen Gelände unter dem Strohdach. Am Schluss noch ein Liedgeschenk, ein traditionelles altes Tuareglied.

Musik, Lagerfeuer, Wetterleuchten und frisch aufgebrühter Tee.

Am späten Nachmittag brachte mich Moussa dann zu seiner Band. Junge Leute sassen in einem Hof zusammen und spielten, sangen, jammten. Unglaublich, welche Kraft Musik ausdrücken kann. Danach fuhren alle raus aus der Stadt zu einem Seitenarm des Niger, unterwegs hielten wir noch an, um Mehl, Wasser und Holz einzukaufen. Auf einer Sandbank dann wurden kleinere Lagerfeuer entfacht, eins zum Tee kochen, eins zum Brot backen, eins für eine Fleischsoße. Während alles zubereitet wurde, griffen zwei zu Gitarren und begannen zu spielen, einer nutzte eine Kalebasse als Percussioninstrument, es wurde gesungen, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Am Himmel braute sich ein Unwetter zusammen, ein gewaltiges Wetterleuchten erhellte die sich auftürmenden Wolken, doch es blieb trocken, der aufkommende Wind war angenehm bei dieser drückenden Hitze. Ich legte mich zurück und ließ die Musik einfach wirken. Irgendwo im Niger lag da ein zufrieden lächelnder Berufszweifler, der in diesem Moment erkannte „life’s good“.