Der Blick in eine vergangene Welt

Gottfried Lindauer wurde 1839 im böhmischen Pilsen geboren. In Wien studierte er Kunst, aber fiel dort nicht weiter auf. 1874 machte er sich auf den langen Weg nach Neuseeland. Warum, das weiß keiner so richtig. Aber dort, auf der anderen Seite der Welt, erlangte Lindauer Berühmtheit für seine Portraits der Māori.

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Das besondere Oakland

Foodtrucks liefern die kulinarische Vielfalt.

San Francisco ist „The City“, Oakland „The Town“. Hier die glänzende Weltmetropole am Golden Gate, da die stiefschwesterliche Gemeinde auf der anderen Seite der Bay. Oakland wird gerne übersehen. Oakland, eine Stadt, die von Touristen meist gemieden wird. Und doch, es ist die Stadt in meinem Leben geworden, in der ich nun fast am längsten gelebt habe. Meine Wurzeln liegen in Nürnberg, so richtig erwachsen wurde ich in Oakland.

„The Town“ hat viel zu bieten. Kunst und Kultur, eine „Waterfront“, wunderbare Kneipen und Restaurants, kleine, heimelige Nachbarschaften, Redwood Trees und fantastische Ausblicke. Und da sind die vielen Angebote, die Oakland zu etwas ganz besonderem machen. Gestern Abend fand wie an jedem Freitag wieder „Friday Nights at the OMCA“ statt. Das „California Museum of Oakland“ ist dabei bis 22 Uhr geöffnet, Live-Musik, Bars und ein gutes Dutzend Foodtrucks laden die wunderbar vielfältige und vielgesichtige Community von Oakland ein. Das Museum wird so zu einem Treff- und Mittelpunkt der Stadt.

Partystimmung am Freitagabend im Museum.

Die Dorothea Lange Ausstellung „Politics of Seeing„, die derzeit noch im Museum zu finden ist, kann man sich mehrmals ansehen. Langes Fotos sind zeitlos, hochpolitisch, engagiert. Gerade in diesen Tagen der politischen Krise in den USA. Farbenfroh dagegen die Roy De Forest Bilder „Of dogs and other people„. Nicht ganz mein Geschmack, aber ein erhellender Gegensatz zu der Schwere im Nachbarraum. Dazu noch die vielen anderen Ausstellungsstücke des OMCA.

Und draussen tobte der Bär. Oben ein jüngerer Ukule Spieler mit einem älteren Trompeter. Unten eine Latinoband, die traditionelle Elemente mit Hip Hop vermischte. Am Strassenrand Foodtrucks, die alles servierten von mongolischem BBQ bis zu Sushi-Burritos. Was diese Abende im Museum ausmacht sind jedoch die Menschen, die zusammen kommen. Hier kann man diese multikulturelle Vielfalt Oaklands erkennen und wertschätzen. Jeder lächelt, unterhält sich, genießt diese gemeinsamen Stunden im Herzen von „The Town“.

Das fliegende Schwein im Konzert

Pink Floyd gehören zweifellos zu den besten, einflussreichsten und erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte. Ihre Alben sind Rockklassiker, die zeitlos sind. Der Kopf der Band, Roger Waters, fand immer die richtigen Worte, auf  „Dark side of the moon“, „Wish you were here“, „The Wall“ und „The Final Cut“. Aber auch auf Solopfaden begeisterte Waters mit seiner direkten Ausdrucksweise. Für mich eine der besten Platten ist „Amused to Death“, ein genialer Seitenhieb auf die moderne Mediengesellschaft.

Und nun meldet er sich mit „Is this the life we really want?“ zurück. Erneut eine brillante Platte, für die er sich sehr viel Zeit nahm. Doch die Lieder an sich erregen die Konservativen im Land nicht. Da scheinen sie nicht genau hinzuhören. Es ist vielmehr die dazugehörige Tour von Roger Waters, die die Trump-Fans auf die Palme bringen und sie nach einem Pink Floyd Boykott schreien lassen. Klar, verbrennt Eure Pink Floyd Platten! Rogers Waters bezieht in den Konzerten eine klare Stellung gegen Präsident Donald Trump, da fliegt das bekannte „Schwein“ aus der „Animals“ Ära mit Trumps Bild durch den Saal. Die ersten Rufe nach einem Einreiseverbot des Musikers wurden schon auf FOXNews laut. Roger Waters grinst sich einen, denn ein Boykott gegen seine Platten sind ein lächerlicher Versuch Kritik eines Ausnahmekünstlers zu unterdrücken.

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Auch eine deutsche Band ist unter den deutlichen Kritikern des derzeitigen US Präsidenten. KMFDM, die Industrial-Elektronik-Metal Formation des Hamburges Sascha Konietzko, veröffentlicht im August ein neues Album, eine US Tour ist für den Herbst geplant. KMFDM nahmen auf ihren Platten und in ihren Konzerten nie ein Blatt vor den Mund, sie sprechen das an, was da „oben“ schief läuft. Eine ihrer politischsten Alben kam zur Zeit von George W. Bush auf den Markt und hieß „WWIII“, ein brillantes Werk, das an Deutlichkeit kaum zu überbieten war. Darauf auch „Stars and Stripes“, alles andere als ein patriotisches Lied in der Bush-Ära. KMFDM haben begeisterte und engagierte Fans weltweit, einer davon hat nun genau diesen Song mit neuen Bildern unterlegt, die treffender, passender und vernichtender nicht sein könnten. Donald Trump wird diese bildliche Version von KMFDMs „Stars and Stripes“ wohl kaum mögen, es lohnt sich, den Text mitzulesen:

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Was aus Wein alles werden kann

Mit etwas Wein lässt sich manche Kunst einfacher erfahren, erkennen, erleuchten. Manchmal braucht es da auch etwas mehr vom göttlichen Tropfen. Aber Wein und Kunst passen gut zusammen. Das merkt man auch, wenn man durch die nordkalifornischen Weinanbaugebiete in Sonoma und Napa fährt. Zwischen all den Reben macht sich Kunst und Kultur breit. Von gewaltigen Burning Man Skulpturen bis zu kreativen Ideen, was man aus einem alten Weinfass machen kann.

Und dann sind da die Sammler von Kunst. Rene di Rosa war einer von ihnen. Er hat sein Geld mit dem Traubensaft gemacht und damit die Arbeit nordkalifornischer Künstler unterstützt. Zusammengekommen ist eine umfangreiche und einzigartige Sammlung. Zu sehen ist sie in der Carneros Region des Napa Valleys, eine gute Autostunde nördlich von San Francisco, also in Reichweite jedes Besuchers am Golden Gate. Und wer mal mehr sehen möchte als nur die Brücke, Chinatown und Fisherman’s Wharf, wer die kreative Seite dieser wunderbaren Gegend erfahren möchte, der sollte sich einen Wagen mieten und „5200 Carneros Highway, Napa, CA 94559“ in sein GPS eingeben.

Die Landschaft um das di Rosa Anwesen ist einmalig schön. Das Verweilen, das Einatmen dieses Augenblicks ist gewollt und erwünscht. Der Blick über den hauseigenen See, die leichten Wellen der Landschaft, ganz hinten befindet sich der Skulpturengarten der Sammlung, eingerahmt von den Reben. Das Gelände ist weitläufig und voll mit Kunstobjekten. Draußen wie auch in gleich mehreren Gebäuden kann man sich herausfordern lassen und hinterfragen, was Kunst ist, sein sollte und letztendlich sein muß. Eine Galerie am Eingang, alles ordentlich, offen, hell. Dann das Anwesen, ein vollgepferchtes Haus, die Kunst erschlägt einen fast. Wohin soll man blicken? Unzählige Bilder, eine Wanne voller Bowling Kugeln, eine Glocke, Skulpturen, Kunst-Stücke, die mir teils zumindest fragwürdig erschienen. Eine unterirdische Kapelle, in der das Lichtspiel des Tages nachgezeichnet wird. Ein alter VW Scirocco hängt von einem Baum, aufgeknüpft und dem Wetter ausgesetzt. Pfaue stolzieren über das Anwesen, von weitem schon hört man ihre lauten Rufe.

Die di Rosa Kunstsammlung im Napa Valley ist ein Erlebnis. Präsentiert wird die lange und vielseitige Kreativszene dieser Region, der weitläufigen San Francisco Bay Area. Ein Besuch auf dem Anwesen beruhigt, bewegt, begeistert und zeigt einem vor allem, wie beschränkt man durchs Leben wandelt. Denn Kunst ist der Spielball in einer Gesellschaft, den wir nur zu selten an die eigenen Erfahrungsgrenzen kicken. Und das wird hier vor Augen geführt, wenn man denn will. Grenzen werden erweitert oder ganz niedergerissen, das hängt allein vom jeweiligen Betrachter ab. Die weiche Landschaft und dazu diese fordernde Kunst, mit der man sich beschäftigen muss, in der jeder etwas (anderes) sehen kann. Manches ist einfach und direkt, anderes bleibt auch nach langem Verweilen davor verschlossen. Und wieder bei anderem denkt man sich, da hatte einer zu viel Zeit. Zumindest ging es mir so…vor manchen Bildern, Skulpturen, Kunststücken hätte mir dann vielleicht doch ein Gläschen Wein die Erleuchtung gebracht.

Hinsehen, Hinhören, Erkennen

„Portraits of Courage“ heißt das Buch von George W. Bush. Im Untertitel steht „A Commander in Chief’s tribute to America’s Warriors“. Darin präsentiert sich der frühere Präsident als durchaus talentierter Maler. Solch ein Buch würde es allerdings in Deutschland nie geben. Portraits von Soldatinnen und Soldaten, die in Afghanistan und Irak verwundet wurden, schwer verletzt und gezeichnet zurück kamen. Viele von ihnen verloren im Einsatz Arme, Beine, ihren Glauben. Noch Jahre danach kämpfen sie sich durch das tägliche Leben. Ihre Geschichte, ihr Kampf, ihr Neuanfang wird neben den Bildern beschrieben.

George W. Bush war ein Präsident, der seinerzeit mehr als umstritten war. Er eskalierte die Kriege in Afghanistan und im Irak, umgab sich mit Falken in Washington, wie Cheney, Rumsfeld, Ashcroft, er stand für einen christlich-fundamentalistischen Rechtsruck in den USA. Doch Bush im Rückblick, gerade in der jetzigen Zeit, erscheint als mitfühlender, gemäßigter, offener Staatsmann. Das wird in diesem Buch ganz deutlich. Hier spricht ein Mann, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Verantwortung gegenüber jenen, die ihr Leben gaben, die schwer verwundet und verstümmelt wurden, die für die USA in den Krieg, in seinen Krieg, zogen. Bush beschreibt seine Arbeit mit den Veteranen, seine Gespräche mit den Kriegsinvaliden, sein Hinsehen, sein Unterstützen, seine aufbauenden Worte. Und die sind nicht einfach so gesagt, George W. Bush und seine Frau Laura Bush hatten schon immer ein Ohr für die US Veteranen. Sie luden sie auf ihre Ranch ein, um gemeinsam mit ihnen mit dem Mountainbike unterwegs zu sein. Bush spielte Golf mit ihnen. Das mag klein und lächerlich klingen, doch es waren und sind wichtige Etappen auf dem Weg der Besserung, der Heilung, der Sinnfindung.

Dieses Buch „Portraits of Courage“ ist keine Entschuldigung für die historischen Fehler, die gemacht wurden. Es bietet keine Erklärungen, keine neuen Denkansätze, es zeigt vielmehr die ganze Brutalität der Kriege in Afghanistan und Irak auf. Hier werden Lebensgeschichten erzählt, die unglaublich sind. Es geht um persönliche Niederlagen, um Schicksalsschläge, um Schmerz, um Hoffnung, um ein Wiederaufstehen. Es geht auch um Patriotismus. „We support our troops“ ist eine Grundaussage in den USA, die man so in Deutschland nicht kennt. In diesem Buch wird sie verständlich gemacht, zumindest ansatzweise. George W. Bush zeigt in seinen gemalten Portraits die Gesichter der verwundeten Soldaten, berichtet von ihrer Verwundung, von ihrem anschliessenden Lebensweg, von ihrem schmerzvollen Weg zurück in den Alltag, von ihren Gesprächen. „Portraits of Courage“ ist ein bewegendes Buch, mehr als wichtig in dieser Zeit mit einem selbstverliebten Präsidenten im Weißen Haus. Bush schreibt unter dem Bild von Juan Carlos Hernandez, der in Afghanistan sein rechtes Bein verlor: „He became an American citizen in May 2009 – at Bagram Airfield in Afghanistan. Juan’s story is one example of the countless ways that immigrants make America great. And I am honored and humbled to call Juan Carlos Hernandez my fellow citizen.“

 

Der kulturlose Präsident

Der geplante Kahlschlag in der amerikanischen Gesellschaft kommt nicht aus dem Nichts. Donald Trump ist nicht gerade bekannt dafür ein Fan von Kunst und Kultur zu sein. Von daher kann es auch nicht verwundern, dass er Förderprogramme und staatliche finanzielle Unterstützung für Museen, Bibliotheken, Galerien, Auftrittsmöglichkeiten, für Künstler und Musiker wahllos streicht. Trump hat keinen Plan davon, was er da mit dem Rotstift vernichtet.

Auch die Museen und Einrichtunges des Smithsonian in Washington DC wären massiv von den Kürzungen der Trump-Administration betroffen.

Es sind nicht nur Tausende Jobs, die in Gefahr sind, vom „greatest job president in American history“ (Trump Eigenwerbung) gestrichen zu werden. „Es geht um Genuss, um Inspiration, um Jobs, aber es geht auch um Menschlichkeit. Es geht um Amerika und wer wir als Nation sind“, so beschrieb die demokratische Abgeordnete Nancy Pelosi die Trumpschen Vorschläge.

Um ein Zeichen zu setzen kamen in dieser Woche 700 Vertreter von Kultureinrichtungen nach Washington, um gemeinsam am „Arts Advocacy Day“ für die Kulturnation USA zu werben. In Gesprächen mit Abgeordenten beider Parteien wurde versucht, das drohende Unheil abzuwenden. Ob die warnenden Stimmen gehört werden ist noch nicht bekannt. Klar ist nur, dass die Kultur und Kunst in den USA ein wichtiger Teil der amerikanischen Gesellschaft ist. Ein Kahlschlag, wie er nun vom Weißen Haus ins Gespräch gebracht wurde, um Gelder für das Militär und das Ministerium für Heimatschutz freizumachen, ist ein fataler Irrweg, der langfristige Konsequenzen für das Leben in den USA haben wird.

Trump will Geld einsparen und gleichzeitig wurde nun bekannt, dass der Secret Service für die Extraausgaben zum Schutz von Donald Trump und seiner Familie in New York und Florida weitere 50 Millionen Dollar pro Jahr beantragt hat. Auch das zeigt, wie Trump denkt und handelt. Hier den Rotstift ansetzen, dort ohne Probleme Millionenbeträge zum Fenster rauswerfen. So, Mister President“ machen sie nicht „America great again“.

 

Donald Trump zeigt mir die Welt

Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass ich mal ein gutes Wörtchen für diesen Präsidenten finden werde. Aber der Nationalist und „America First“ Verfechter Donald Trump zeigt mir die Welt. Zumindest musikalisch. Mir fällt auf, dass ich seit Trumps amerikanischem Isolationismus verstärkt Musik aus den verschiedensten Ländern und Regionen anhöre. Aus Afrika und dem Nahen Osten, aus Vietnam, Afghanistan und Japan. Und da ist kaum Musik aus den USA dabei, und wenn, dann sind es alte Aufnahmen, die ich sehr schätze.

Gerade liegen die CDs der Box „Voices of forgotten worlds“ im CD-Spieler. Ja, ich höre noch CDs und auch Vinyl. Mit mp3 Files konnte ich mich nach all den Jahren noch immer nicht anfreunden. Ich brauche was in der Hand, will in einem Booklet blättern, Musik halten. Was ich bislang an Liedern als mp3 gekauft habe, kann ich wohl an einer Hand abzählen. Und wenn, waren es auch nur dringend benötigte Songs für eine Radioproduktion. „Voices of forgotten worlds“ präsentiert eine musikalische Welt, so ganz fernab von Pop und Glanz und Glimmer. Nix mit Grammy und MTV Awards, keine Stars und keine Sternchen.

Es sind zumeist Feldaufnahmen aus Regionen wie Grönland, Nepal, Papua-Neuguina, Zentralafrika, Eritrea oder den indianischen Nationen in den USA und Kanada. Ein „spin around the world“, Musik, die Sprachen, Kulturen und Länder präsentiert. Auch ein Lied der „Bad Dudes“ aus dem Iran ist auf dieser Box vertreten, die mit einem umfangreichen Begleitbuch erschienen ist. Es wird gesungen in allen möglichen Variationen, getrommelt und auf Instrumenten gespielt, die man in unseren Breitengraden nicht kennt. Doch diese Musik, wie fremd und anders sie auch klingen mag, verbindet, macht Lust auf mehr, auf den Blick jenseits der großen Wasser links und rechts der USA.

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Trumps sinnloses Einreiseverbot für Menschen aus dem Iran, Irak, Syrien, Libyen, dem Sudan, Jemen und Somalia hat mir auch schon schöne Arbeit gebracht. Als nächstes bespreche ich die neue Platte von Rahim Alhaj, einem Iraker, der seit 2002 in den USA lebt. „Letters from Iraq“ ist nun ganz unbeabsichtigt zu einer politischen Aufnahme geworden. Ein wunderschönes Album, das diesen Meister auf der Oud präsentiert, der musikalisch von seiner alten Heimat, einem geschundenen Land und seinen Menschen erzählt. Auch das schafft Trump, die Politisierung der Kunst, der Kultur. Nicht nur die Veröffentlichung von Musik aus diesen Ländern ist da eine klare Botschaft, sondern auch das bewußte Hin- und Zuhören. Musik kennt wahrlich keine Grenzen, keine Visa und keine Mauern.

 

 

In der Trauer die Hoffnung

Das "Ghostship" am Tag danach. Foto: Reuters.

Das „Ghostship“ am Tag danach. Foto: Reuters.

Die gedrückte Stimmung spürt man überall in Oakland. Das Feuer vom vergangenen Freitag in einer Lagerhalle im Fruitvale Distrikt brannte sich durch die gesamte Stadt. Gestern kamen Tausende am Lake Merritt in Downtown Oakland zusammen, um der Opfer zu gedenken. 36 Tote wurden bislang gefunden, noch nicht alle konnten identifiziert werden.

Die Katastrophe hat auch die Frage aufgeworfen, wie eine vitale, kreative und offene Kunst- und Kulturszene in einer Stadt wie Oakland leben und überleben kann, wenn die Mieten ständig steigen, kein Raum mehr für Kulturschaffende bleibt. Braucht das kulturelle Leben in einer Großstadt Schutz- und Freiräume? Das Feuer vom Freitag zeigte vielen auf, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht, was Künstler und Kunstbegeisterte machen und machen müssen, um das zu schaffen, was diese Stadt und diese Region auch ausmacht.

Die Bay Area mit ihren kreativen Zentren San Francisco, Oakland, Berkeley, Marin und Sonoma County zeichnet aus, das hier immer irgendetwas passiert. Viele der Kunstobjekte beim alljährlichen Burning Man Festival werden hier entworfen, erstellt, erbaut. Künstler leben dafür in Fabrikhallen, machen Abstriche. Auch bei der Sicherheit. 1305 31st Avenue, bekannt als „Ghostship“ war da keine Ausnahme.

Die aktuelle Diskussion geht nun auch darum, wie die Stadt Oakland, die Behörden reagieren werden. Ob sie mit harter Hand vorgehen, alle umgewandelten Fabrik- und Produktionsstätten durchforsten und darauf drängen, dass alles „up to code“ sein muß. Das würde das Ende der reichhaltigen und vielseitigen Kunst- und Kulturszene Oaklands bedeuten. Oder wird man mit den Kulturschaffenden der Stadt einen gemeinsamen Weg finden, um den kreativen Puls Oaklands am Schlagen zu erhalten und gleichzeitig die Sicherheit aller zu garantieren. Und wird man es schaffen Künstler und Musiker hier zu halten, ihnen Räume zum Arbeiten und zum Leben zu bieten? Oakland steht nach einer unvorstellbaren Katastrophe vor dieser Frage, vor dieser gewaltigen Aufgabe. Sie ist zu lösen, wenn man denn erkennt, welchen Wert Kunst, Kultur auch fernab der Museen, Galerien und geförderten Treffpunkte für eine weltoffene, interessante, lebenswerte und vielschichtige Stadt wie Oakland hat.

Wie konnte es zur Katastrophe kommen?

Das ist die Frage, die derzeit viele in Oakland beschäftigt. Wie konnte es zu dem katastrophalen Feuer in dem Gebäude 1305 31st Avenue kommen, mit wahrscheinlich Dutzenden von Toten? Es war keine Lagerhalle mehr, seit Jahren schon lebten und arbeiteten dort Künstler. Unter der Webadresse Ghostship kann man sich einen Eindruck machen. 1305 31st Avenue wurde zu einem beliebten Underground-Partytreffpunkt. Am Freitag fand dort mal wieder eine Party statt, die allmonatliche „OBSCURa MaCHINa“, im ersten Stock des Gebäudes.

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Gegen 23:30 brach am Freitagabend das Feuer aus. Der herbeigerufenen Feuerwehr bot sich ein Bild des Schreckens. Der untere Bereich war total mit Möbeln, Inventar, Musikinstrumente, Kunstobjekten zugestellt. Ein Sprecher des „Oakland Fire Departments“ sprach von „einem Labyrinth“, seine „Fire Fighters“ hätten das Gebäude nicht betreten können, alles stand in Flammen.

Das "Geisterschiff" vor dem Brand. Ein riesiges Kunstobjekt für sich. Foto: oaklandghostship.com

Das „Geisterschiff“ vor dem Brand. Ein riesiges Kunstobjekt für sich. Foto: oaklandghostship.com

Ein weiteres Problem war, dass nur eine selbstgebaute Treppe aus Paletten und Sofas in die obere Etage führte. Der Rück- und Fluchtweg für die Partygäste war in den Flammen schnell versperrt. Das „Ghostship“, wie sich dieser Künstlerraum nannte, verbrannte im Feuermeer.

Schon lange war bekannt, dass das Haus nicht so genutzt wurde, wie es die Auflagen vorgaben. Immer wieder wurde Behördenvertretern der Zugang zu 1305 31st Avenue verweigert. Nun geht die Suche nach Schuldigen los. Bürgermeisterin Libby Schaaf kündigte an, genau herausfinden zu wollen, was genau vorgefallen ist und wo die Fehler im System lagen und liegen. Unterdessen wird versucht den Opfern und ihren Angehörigen zu helfen. Eine großangelegte Spendenaktion hat begonnen. Auch das MLB Team der Oakland Athletics und das NBA Team der Golden State Warriors beteiligen sich an der Aktion.

Das Feuer in dem Künstlerkollektiv, in dem wohl mehrere Personen lebten, hat jedoch auch eine erneute Debatte über bezahlbaren Wohnraum in der Stadt und der Region entfacht. Oakland ist zu einem der teuersten Wohnmärkte im ganzen Land geworden. Künstler und Kulturschaffende zogen schon vor Jahren aus San Francisco über die Bay, hatten hier lange Zeit die Möglichkeiten billig zu wohnen, sich zu entfalten. Die vielen leerstehenden Industriebauten und Fabriken machten es möglich. Doch das ist längst vorbei. High Tech Firmen, wie google und facebook, kaufen ganze Straßenblöcke in „low income Communities“ in Oakland auf, um dort die Häuser zu sanieren und an ihre Mitarbeiter weiter zu geben. Oakland erlebt nun ein brutales Erwachen. Das Feuer vom Freitag ist eines der katastrophalsten in der Geschichte der Stadt.

 

Kultur ist unkatrumpbar

Die Woche 1 nach dem Wahlsieg von Donald Trump neigt sich dem Ende zu. Überall im Land gibt es Proteste, die Fragen sind groß, die Antworten bleiben aus. Trump wird das Land regieren, vielleicht, wenn er seinen Wahlkampfkurs fortsetzt, die USA in eine internationale Isolation schippern.

ALP live im Green Music Center an der California State University in Sonoma.

ALP live im Green Music Center an der California State University in Sonoma.

Und gerade in dieser Woche spielten ALP aus Berlin in Oregon und Kalifornien. Drei Konzerte – Corvallis, San Francisco, Rohnert Park – die zeigten, wie wichtig der kulturelle Austausch ist. „Die Sinfonie der Großstadt“, Walter Ruttmanns Klassiker aus dem Jahr 1927, wurde in Corvallis und an der California State University in Rohnert Park aufgeführt. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ am Goethe-Institut in San Francisco.

ALP kamen an der CAL State in den Green Music Center und dort in die Schroeder Hall, benannt nach der Peanuts Figur von Charles Schulz. Die Schulz Familie hat in Sonoma County viele Kunst- und Kulturprojekte finanziell gefördert und unterstützt, darunter auch diesen klangvollen und akustisch einmaligen Konzertsaal, der für „Die Sinfonie der Großstadt“ fast ausverkauft war.

Der zeitlose Film bekam durch die Live-Vertonung eine ganz neue Untermalung. Vor fast 90 Jahren wurde dieses filmische Meisterwerk veröffentlicht. Walter Ruttmann muß wohl in diesen Tagen vor 90 Jahren seine Aufnahmen gedreht haben, danach in mühevoller Kleinstarbeit an das Schneiden des Materials gegangen sein, um diesen rhythmischen Tagesablauf auf die Leinwand zu bringen. Wer die Sinfonie nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen. Es ist das Bild eines Tages in Berlin, die Menschen, das Leben, der Alltag, die Probleme, die Schönheiten, die Tiefe und die Nähe der deutschen Hauptstadt. Berlin in den 1920er Jahren war eine beeindruckende und faszinierende Stadt.

Und auf diese visuellen Eindrücke legt das Trio ALP aus Berlin einen Soundtrack, der so ganz anders ist. Leichte Loops aus dem Mac wechseln mit einem Gitarrenbrett ab. Leise Töne, ein Farbpinsel über die E-Gitarre gestrichen vor einem dramatischen Drumbeat. Ein tiefer Bass neben den friedvollen Klängen eines Kinder-Xylophons. Es ist eine vielschichtige Musiklandschaft, die hier entsteht. Der Soundtrack unserer Zeit für einen epochalen Film aus einer verlorenen Zeit, der wegbereitend für viele Filmemacher nach ihm waren. Es ist ein Brückenschlag zwischen dem längst Vergangenem und dem Hier und Jetzt.

Ja, man denkt bei den Bildern aus dem Berlin der späten 20er Jahre an die drohende Katastrophe, an die tiefreichenden Veränderungen, die diese Stadt schon bald ereilten. Und auch hier ist die Verbindung zwischen dem Gestern und dem Heute, denn mit Sicherheit haben viele an die Veränderungen gedacht, die nun auf uns zu kommen werden. Vor dem Konzert war der Wahlsieg des New Yorker Egomanen das Thema schlechthin. Es sind ungewisse Zeiten, im Film und vor dem Konzertsaal.