Ganz großes Kino in der Provinz

Lange Zeit kannte ich Hof nur als Grenzstadt. Auf dem Weg zu meinem Freund in der Nähe von Freiberg in Sachsen, war Hof immer der letzte Bahnhof im Westen. Kurz nach 23 Uhr ging es von Nürnberg los, in Hof war man dann nach Mitternacht. Aber das ist nun schon über 30 Jahre her. Ich werde alt.

Mit Hof kann ich nun aber ein ganz neues Bild verbinden. Etwa zehn Jahre nach dem Mauerfall lebte ich schon in Kalifornien, produzierte meine Radio Goethe Sendung und da schickte mir ein Label die CD einer Berliner Band zu, die ich nicht kannte. “Another last goodbye” war so ein Album, das mir zeigte, was es in der deutschen Musikszene so alles zu erkunden, zu entdecken und zu erfahren gibt. Bei einem folgenden Deutschlandbesuch sass ich dann bei Sänger Rene Schwettge in der Wohnung an der Friedrichstrasse, gleich gegenüber vom Tacheles, und führte eines meiner ersten Radio Goethe Interviews. Das ist nun schon lange her, Rene wohnt da nicht mehr, das Tacheles ist Geschichte, die Band singt nun auf Deutsch und auch auf dem Label Moloko+ kam danach nichts mehr von Infamis raus.

Im Westen der Himmel…Infamis live in Hof.

Doch zurück zu Hof, hier schließt sich mein etwas kompliziert gezeichneter Kreis. Infamis sind eine meiner Lieblingsbands geworden, die ich über die Jahre aus der Ferne beobachten und begleiten konnte. Wer meine Sendung regelmäßig hört – es soll solche Personen ja geben – die haben Infamis kennengelernt. Ihr Sound ist schwer auszumachen. Es ist ein Zusammenspiel der verschiedensten musikalischen Richtungen und Einflüsse. Großstadtcowboys zwischen Johnny Cash Melancholie und den grauen Bildern und Geschichten eines Film Noir Streifens. Dazu immer wieder diese Independent Rock Ausbrüche, bei denen es laut, heftig und kantig wird. Klangideen werden dabei auf kreative Art umgesetzt und sei es der Loop einer kratzenden Ernst Busch Platte aus dem Jahr 1930. Das Ergebnis ist ein ganz besonderer, bewegender und nahegehender Soundtrack, der mich auch nach all den Jahren immer wieder aufs Neue fasziniert.

In Hof standen die fünf auf der kleinen Bühne im KunstKaufHaus und spielten vor einem überschaubaren, doch hoch begeisterten Publikum. Höhepunkte für mich waren diese besondere Version von “Hofgang” und eben ihr Monumentalsong “Ganz großes Kino”, die beide die Infamis Klangwelt am besten zusammenfassen: Tiefe, Nähe, Nachdenklichkeit, doch eben auch diese Gewalt, die Rohheit, das Spiel mit der Lautstärke. Ende Februar soll ein neues Album erscheinen, ich bin gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen…und im kommenden Dezember, kurz vor Weihnachten, werde ich dann wieder nach Hof fahren. Warum spielt diese grandiose Band eigentlich nicht in Nürnberg?

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