Eine himmlische Stimme

Nazy Kaviani, die Gründerin und Direktorin von „Diaspora Arts Connection“ in San Francisco steht um kurz nach 19 Uhr auf der Bühne und kündigt die kurdische Sängerin Aynur Dogan an. Als sie sagt, dass sie sich so den Himmel vorstelle, in dem eine Stimme wie die von Aynur singt, jubelt das Publikum begeistert. Vor allem Exil-Kurdinnen und Kurden und einige Türkinnen und Türken kamen an diesem Sonntagabend ins „Marine Mermorial Theatre“, einer Einrichtung für aktive und ehemalige US Militärangehörige in Downtown San Francisco.

Eine himmlische Stimme – Aynur Dogan live in San Francisco.

Ich fuhr direkt nach einem 11 Stunden Flug vom Flughafen SF zum Konzert. Schon mehrmals wollte ich Aynur live erleben, in Deutschland und Istanbul, jedesmal hatte es dann nicht geklappt. Doch nun steht die 43jährige vor mir in diesem ganz besonderen Konzertsaal auf der Bühne. Neben ihr Cemîl Qoçgîrî auf der Tenbûr und Salman Gambarov am Piano, zwei Ausnahmemusiker, die den Saal mit ihrer Spielkunst erfüllen.

Aynur hat Bühnepräsenz ohne groß eine Show hinzulegen. Sie rennt nicht über die Bühne, sie arbeitet nicht groß mit dem Publikum, sie sagt wenig zwischen den Liedern. Ganz im Gegenteil, meist steht sie nur da oder lehnt an ihrem Barstuhl, blickt nach unten, gestikuliert sparsam mit der linken Hand. Das ist alles, das ist genug. Ihre Stimme, ihr Gesang, ihre Ausdruckskraft ist, was zählt. Manchmal animiert sie das kurdische Publikum zum Mitsingen, zum Mitklatschen. Die Diaspora erlebte am Golden Gate ein Stück Heimat. Bärtige junge Männer haben Tränen in den Augen, singen mit, himmeln Aynur Dogan richtiggehend an, die mit ihren Liedern zur weltweit bekannten Stimme ihres Volkes ohne Staat geworden ist.

Ich weiß nicht viel, von was und über was sie singt, ich weiss nur, dass Aynur Dogan eine faszinierende Sängerin ist, die einen in eine unglaubliche Gefühlswelt eintauchen lässt. Es ist diese Mischung aus Tradition, Heimatklängen, Jazz und Chanson, die sie brillant vermischt. Und dazu die einzigartige Spielkunst von Cemîl Qoçgîrî, der zart und voller Perfektion über sein dreisaitiges Instrument streicht, zupft, spielt. Eine perfekt-feinfühlige Ergänzung für diese einzigartige Musikerin.

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Musik, die mehr als verbindet

Ich habe Istanbul lieben gelernt. Eine wunderbare Stadt, in der man so viele Seiten, Ecken und Winkel entdecken kann. Sie erinnert allein von der Lage her etwas an San Francisco. Es sind die Gegensätze, die mich in Istanbul anziehen, die mich faszinieren. Das Alte. Das Prachtvolle. Die Lage am Bosporus. Die Menschen. Die Kreativität. Die tiefe Verwurzelung in einer beeindruckenden Kulturlandschaft.

Dort fand ich in einem kleinen Plattenladen am Beginn der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi auch ein paar Alben türkischer Musiker. Alte Aufnahmen und dann auch Aynur, die kurdische Sängerin mit ihrer kraftvollen, zärtlichen, berührenden, leidvollen Stimme. Seitdem verfolge ich ihren Weg. Und nun stieß ich dabei auf das Album „Hawniyaz“, ein Album, das aus dem Morgenland Festival in Osnabrück entstanden ist. 2012 trafen sich dort am Rande ihrer Auftritte Aynur, Kayhan Kalhor, Cemil Qoçgiri und Salman Gambarov, vier Musiker, die für sich den „Orient“ erklingen lassen. In Osnabrück trafen sie sich, spielten zum ersten Mal zusammen und öffneten damit eine neue musikalische Welt.

2015 schließlich, wohl auch durch das sanfte Drängen von Festival Direktor Michael Dreyer, der dieses einmalige Zusammenspiel von Anfang an begleitete, entstand außerhalb von Osnabrück das Album „Hawniyaz“, was im Kurdischen etwa „Jeder braucht jeden, jeder ist für den anderen da“ bedeutet. Ein wunderbares Wort für diese Musikgruppe und für die Zeit, in der wir leben. „Hawniyaz“ ist nicht politisch und doch so deutlich und direkt. Musik verbindet, überschreitet problemlos Grenzen. Hier die Genregrenzen zwischen Jazz, Avantgarde, „Weltmusik“. Ein reichhaltiger Schatz, der da in der niedersächsischen Stadt entstanden ist. Nicht in Multikulti Metropolen Berlin, Hamburg oder Köln, sondern Osnabrück, einer Stadt, mit der viele wohl so gar nichts verbinden.

Michael Dreyer schreibt in seinem Begleittext für dieses Album, einem wahrhaftigen Liebesbrief an Aynur, Kayhan Kalhor, Cemil Qoçgiri und Salman Gambarov: „Jeder der Musiker dieses Quartetts ist einzigartig, aber in diesem Zusammenspiel und Zusammenklang erschaffen sie eine neue musikalische Welt, die kurdische Musik, persische Musik und Jazz zusammenbringt in einer Natürlichkeit, die uns daran erinnern mag, dass die Kulturen – nicht nur in dieser Region – immer fließend waren, sich beeinflusst haben, dass Kulturen immer in Bewegung waren und sind. Vielleicht ist dies, ganz nebenbei, ein Statement gegen die Angst des Westens, der um „seine“ Kultur fürchtet, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen hier Zuflucht und ein neues Zuhause suchen.“

Diesen Worten kann ich mich nur anschließen, sie treffen genau das, was diese Musik so wunderbar klangvoll, was sie so bedeutend macht. Sie öffnet Welten, wenn man denn will. Eine Bereicherung für jeden, der hinhören kann und hinhören will. Hawniyaz ist auf dem Label Harmonia Mundi erschienen.

„Erdogan ist ein Diktator“

Die Amerikaner sind geschockt. Das türkische Regime unter Recep Tayyip Erdogan zeigte sein wahres Gesicht am Rande des Erdogan Besuches in Washington DC. Kritik verträgt der Sultan vom Bosporus so gar nicht, auch nicht, wenn sich nur ein paar Dutzend Protestierende vor der türkischen Botschaft versammeln. Es waren Oppositionelle und Kurden, die riefen „Erdogan is a dictator!” “Ergodan is ISIS!” und “Mr. Trump, please stop him!” Das war genug, um Erdogans Schergen zum Angriff zu bringen. Mitten auf der „Embassy Row“, 2525 Massachusetts Ave, griffen die wutschnaubenden Türken an, schlugen und traten auf Männer und Frauen ein, die auf der anderen Straßenseite standen. Die Polizei von DC, wie man in dem Video sehen kann, war etwas überfordert mit der Situation. Verhaftungen gab es keine, denn der erdogansche Schlägertrupp reiste mit diplomatischen Pässen ein und hatte damit Immunität inne.

Politiker von Demokraten und Republikanern waren sich mal eins und verurteilten die Übergriffe aufs Schärfste. In den USA, so Senator John McCain, „gibt es für solch ein brutales Verhalten keine Entschuldigung“. Das State Department mischte sich ein, forderte von den Türken eine Erklärung. Und die kam in Form einer typisch-türkischen Opferantwort. Die Demonstration sei nicht angemeldet gewesen und ihre Teilnehmer seien alles Unterstützer der verbotenen terroristischen PKK gewesen. Allerdings musste der Protest gar nicht angemeldet werden, dafür war die Teilnehmerzahl zu gering. Das ist Gesetz in den USA, Mister Erdogan. Weiter hieß es in dem Schreiben der türkischen Botschaft: „Die Demonstranten begannen aggressiv türkisch-amerikanische Bürger zu provozieren“, die sich vor der Botschaft versammelt hatten, um Staatspräsident Erdogan zu begrüßen. „Die Türkisch-Amerikaner handelten in Notwehr“, hieß es in dem Schreiben der türkischen Botschaft.

So sieht das allerdings in dem Video nicht aus und so wurde das auch nicht im Polizeibericht dargestellt und so erschien es auch nicht in der Anfrage des Außenministeriums und so lassen sich auch nicht die zahlreichen Kommentare der geschockten Politiker lesen. Erdogan reist vielmehr mit einem Schlägertrupp durch die Welt und prügelt auf alle ein, die seine Unrechtspolitik daheim kritisieren. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind im osmanischen Reich der Verschwörungstheorien nicht mehr gewollt. Wer das dennoch verlangt, handelt sich Faustschläge, Tritte und Hiebe ein. Und das in den USA.

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So verheizt man „Partner“

Der gepanzerte Seitenschutz wurde nicht mitgeliefert. Foto: FOXNews.

Der gepanzerte Seitenschutz wurde nicht geliefert. Foto: FOXNews.

Da sitze ich am Tisch, löffle meine Suppe und schaue dabei FOXNews an. Und da berichten sie von der US Unterstützung für die kurdischen Kämpfer im Irak, die Washington gerne als „Boots on the ground“ umschreibt. 250 Mine-Resistant Ambush Protected Vehicles (MRAPs) wurden für den Kampf gegen die IS Terrormilizen geliefert. Ganz großzügig wollte man sein. Nur, die Seitenpanzerung wurde nicht mitgeliefert. Zwar sind die MRAPs mit einem Bodenschutz gegen IEDs und Minen gesichert, also auch wenn das Fahrzeug über eine Bombe fährt, bleibt es einigermassen heil. Nur von der Seite und von vorne ist der gepanzerte Wagen eine Zielscheibe für RPGs, also mobile Raketenwerfer.

FOXNews zeigte Fotos von rund 30 Fahrzeugen, die etwas abgespeckt in Erbil ankamen. Die Kurden dachten zuerst an einen schlechten Scherz und beschuldigten die Zentralregierung in Baghdad, die Platten abmontiert zu haben. Doch schnell kam die Klarstellung aus der irakischen Haupstadt. Militärexperten erklärten dazu, dass es „gefährlich“ und einer „Selbstmordmission“ gleich käme, wenn man darin fahren würde. Gerade vor dem Hintergrund, dass der IS bevorzugt mit RPGs kämpft und angreift.

Im State Department und im Pentagon erklärte man nach der Sicht der Fotos, dass der Deal zwischen den USA und dem Irak vorsah, die Fahrzeuge zu liefern, nicht jedoch die Panzerung, die als militärisches Geheimnis eingestuft wird. Washington gab unumwunden zu, dass man befürchte, dass diese zusätzliche Sicherung dem Iran in die Hände fallen könnte. Also läßt man die „verbündeten“ und „befreundeten“ kurdischen Kämpfer lieber in den sicheren Tod fahren. Auch das ist amerikanische Außenpolitik.