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Nice Ass RecordsSan Francisco ist eine Stadt mit vielen Subkulturen. Nicht viel größer als Nürnberg und dennoch hier steppt der Bär auf vielen Hochzeiten. Gestern war ich für ein Interview im Tenderloin Distrikt. Dort an der Ecke Turk und Leavenworth im fünften Stock leben Julia Mazawa und ihr Freund Daniel Hintz, aka Cactus. Beide sind DJs auf KUSF, dem wohl bekanntesten Collegesender westlich des Mississippi. Und beide lieben mehr den aussergewöhnlichen Sound. Cactus ist ganz begeistert von „Field Recordings“. Er hat ein kleines Kassettenaufnahmegerät und liebt es, die Aufnahmetaste zu drücken und das Gerät auf die Feuerleiter nach draußen zu stellen. Aufgenommen wird dann der Sound der Strasse. Verkehr, Sirenen, laut schwadronierende Passanten, streitende Crack Süchtige an der Ecke. Bei seinen „Recordings“ weiss man nie, was am Ende rauskommt. Cactus ging sogar mal so weit und produzierte eine Zweistunden Spotlight Sendung auf KUSF mit seinen „Field Recordings“. Das ganze klang dann wie, als ob man eben in der Tenderloin im fünften Stock sitzt und einfach das Fenster aufgemacht hat. Mit einem Lachen erzählt er, dass er damals so einige Hassanrufe im Studio erhielt, die ihn anschrien, er solle endlich Musik spielen.

Cactus ist bei KUSF als der Verfechter von Noise, Industrial und experimentelle Musik bekannt. Er kennt die Bands und die Macher und ist selbst sehr aktives Mitglied der lokalen Community. Die Bay Area gilt als eines der weltweiten Zentren dieser Musik. Nun hat er sein eigenes kleines Label ins Leben gerufen „Tenderloin Electric Tapes“, und ja, die Aufnahmen gibt es nur auf Kassette und „one of a kind“. Einzeln und speziell verpackt und es gibt nur eine Aufnahme. „Ich finde Kopien nicht gut, von daher, was man hört ist einzigartig“.

Seine Freundin Julia ist schon seit einiger Zeit mit einem Label am Start. „Nice Ass Records“ heisst es. Julia ist vor allem eine Verpackungskünstlerin und sieht das was tonlich geliefert wird als nicht ganz so wichtig an. Sie macht beides, Schallplatten und nun auch Kassetten. Doch ihre Platten sind nicht aus Vinyl, sie bastelt diese aus Plastiktellern, wie man sie auf Parties oder zum Picknick benutzt. Sie schneidet die flache Unterseite heraus und presst darauf die Tonrille. Das Ergebnis ist eine bunte, biegsame Platte. Der Sound nicht so irre klar, aber ein absolutes Unikat.  Und dazu eben wunderschön und künstlerisch eigenwillig verpackt.

In  San Francisco und dem benachbarten Oakland haben sich rund zwei Dutzend Kassetten Labels entwickelt. Die Tapes kommen in geringer Stückzahl heraus, werden weiter gegeben, billig verkauft oder in bekannten und beliebten Clubs und Szeneplattenläden ausgelegt. Es ist auf eine seltsame Weise ein Gegenstück zur nervigen und schnelllebigen mp3 Kultur…und doch, die Musik ist auch auf den Webseiten der Bands und Labels zu hören. Aber es gibt oftmals nur eine geringe Stückzahl der  „realen“ Veröffentlichung. Geld kann man damit nicht machen, es ist mehr der Kunstgedanke, der Ausdrucksversuch, das Community Gefühl einer musikalischen Randgruppe was zählt. Und das ist eben auch San Francisco.

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Von SF nach Ostafrika

SWP RecordsIch sitze mal wieder im Studio von KUSF San Francisco. Diesmal für eine Sendung über Rootsmusik aus Zentral- und Ostafrika. Etwas ungewöhnlich für jemanden, der sich eigentlich auf deutsche Musik spezialisiert hat. Aber das ganze kam so zustande: Als ich in Ruanda war, besuchte ich einen Buchladen und dort stand eine CD „At the Court of the Mwami Rwanda 1952“. Da ich solche alten Aufnahmen und „Field Recordings“ sammele griff ich zu. Später stellte sich dann heraus, dass diese CD nur eine in einer ganzen Serie war. Die Aufnahmen stammten von Hugh Tracey, ein Brite, der vor allem in den 50er Jahren durch Zentral- und Ostafrika reiste, um dort die Musik der Einheimischen aufzunehmen. Herausgekommen sind einmalige Aufnahmen, die in hervorragender Qualität vorliegen.

Michael Baird, in Sambia geboren, lebt heute in Holland. Er gründete SWP Records, ein kleines Label für seine Musik und die Musik aus der Region aus der er kommt. Nun stiess er durch Zufall auf die Aufnahmen von Hugh Tracey, die in einem Archiv in Südafrika vor sich hin rotteten. Baird hatte die Idee diesen Schatz zu heben und zu veröffentlichen.

Und darüber geht die heutige Sendung auf KUSF, das sogenannte „Spotlight“. Hier kann man die beiden Teile der Zweistundensendung hören.

SWP-Records 1     
SWP-Records 2     

Neujahrsnacht im Sendestudio

Sitze im KUSF Sendestudio mit meinem 2009er Mix. Alles duster, nur eine kleine Lampe brennt. Silvester in San Francisco mal anders erleben. Einige Parties sind in der Umgebung zu hören, aber die Knallerei fehlt. Ist nicht erlaubt, denn hier sind die Häuser aus Holz und das könnte ins Auge gehen. Also bleibt es weitgehend ruhig auf den Strassen.

2009 war gar nicht mal so ein schlechtes Jahr für die Musikszenen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Einige richtig tolle Alben wurden veröffentlicht, wie z.B. Sophie Hungers „Monday’s Ghost“ oder Soap & Skin mit „Lovetune for vacuum“ oder Eisheilig mit „Imperium“ oder Diary of Dreams mit „(if)“. Klar, in einer solchen Sendung über 2009er Veröffentlichungen muss ich auch Rammstein spielen. Aber auch einige Nürnberger Bands sind heute Abend on-air in San Francisco. Fiddler’s Green von ihrer sehr famosen Platte „Sports Day At Killaloe“ und Black Rust mit „medicine & metaphors“.

Na, es ist eine ganz bunte Mischung geworden aus ruhigeren, nachdenklichen Songs, bodenständigen Sachen, dann auch ein bißchen Elektromucke und eben ein paar brettharte Dinger. Auf kusfarchives.com kann man später reinhören faaaaaalllllsssss es jemanden interessieren sollte. Ich wünsche auf alle Fälle ein schönes Neues Jahr aus San Francisco.

Radio tut gut

KUSFWenn man von Metallica, Tom Waits, Nirvana oder R.E.M. spricht, muss man auch College Radio erwähnen. Denn ohne die Uniradios in den USA wären all diese Bands und Musiker niemals bekannt geworden. Eine der bekanntesten und auch wichtigsten Collegestationen in Nordamerika ist KUSF in San Francisco, der Sender, auf dem ich vor 13 Jahren mit Radio Goethe angefangen habe. KUSF ist die Alternative im Grossraum San Francisco. Die zahlreichen Gold Records im Büro der kleinen Station belegen das, Bands haben so dem Sender ihren Dank ausgesprochen, nachdem sie gross rausgekommen sind. Wer weg will vom Kommerzfunk und Einheitsbrei streng formatierter Sender schaltet in San Francisco die 90,3 UKW ein. Hier hört man alles, was es woanders nicht gibt und man entdeckt die ganze Bandbreite des musikalischen Angebots. Manchmal ist das stressig und nervig, aber Musik ist ohne Grenzen und so ist KUSF. Das ganze nennt sich Freeform Radio.

Auf einer Photowand sieht man sie alle im Studio C sitzen, bevor sie die Charts eroberten. Kurt Cobain und PJ Harvey, Nick Cave und die Melvins. Collegeradio in den USA ist anders als das Uniradio in Deutschland. Zumeist hat man starke UKW-Frequenzen, wie beim Beispiel KUSF eine potentielle Hörerreichweite von 1,5 Millionen Hörern. Und viele der Universitätsstationen haben die Aufgabe des Community Radios übernommen und binden die verschiedensten Gruppen mit ein. Bei KUSF sind es etliche Fremdsprachenprogramme, dazu Kulturprogramme und Spezialsendungen. Und das beste an allem ist, KUSF ist schon lange keine Lokalstation mehr nur für San Francisco. Per Mausklick schalten sich Hörer von überallher zu. Wie wäre es also mit einer transkontinentalen Radiobrücke zwischen Nürnberg und der Bay Area? Kommentare und Hörerwünsche zum Programm sind immer willkommen. Und wem der Sound nicht gleich gefällt, keine Sorge, einfach dranbleiben. Freeform Radio heisst auch, dass mehrere Genres und Sounds in einer Stunde gespielt werden.