Die unendlichen Weiten von Brain

Es gibt diese visionären Plattenmacher und einzigartigen Labels, die einfach am Puls der Zeit sind. Auch wenn das erst viel später erkannt und wertgeschätzt wird. Günter Körber und Bruno Wendel waren solche Macher, Brain Records das Label dazu. Sie setzten Maßstäbe und veröffentlichten diesen weiten, offenen und international beachteten Sound, der als „Krautrock“ weltweit Erfolge feiern konnte. Was zwischen 1972 und 1979 auf Brain Records passierte, ist nun in einer umfassenden und beeindruckenden 8 CD Box zusammen gefasst worden: „Brain – Cerebral Sounds of Brain Records„. weiter lesen

Ein bisschen Deutsch auf NPR

Vor zwei Wochen kam die Mail aus dem Redaktionsraum von „Here and Now“, einer Sendung auf National Public Radio (NPR). Sie hätten Radio Goethe im Internet gefunden, mehrmals reingehört, für gut befunden und würden mich deshalb gerne für ihre DJ-Serie interviewen. Gerne doch, schrieb ich zurück. Letzte Woche fuhr ich rüber zum lokalen Sender KQED, vom dem eine Schaltung nach Boston gelegt wurde. Vorab hatte ich einige Songs an den Produzenten der Sendung überspielt, darunter auch ein Lied von den Nürnbergern Shiny Gnomes. „Heartmoon“, zwar schon etwas älter von der Platte „MC Creatrix“, aber für mich nach wie vor ein unglaublich gutes Stück, eines meiner Lieblingslieder.

Es entwickelte sich ein sehr angenehmes Gespräch mit Moderator Jeremy Hobson über die ausgewählten Lieder und über die deutsche Musikszene. Heute wurde der Beitrag, etwas gekürzt, aber mit den Einspielungen der Titel auf „Here and Now“ über NPR und NPR Berlin ausgestrahlt. Zu hören ist das ganze auch hier auf der Webseite von „Here and Now„.

Und Tanz den Mussolini

DAF, die Deutsch Amerikanische Freundschaft, war für mich wie gemacht. Als ich an jenem Samstagmorgen 1996 im kleinen Sendestudio von KUSF San Francisco on-air ging, war das mein Ansatz. „Der Mussolini“ lief, die Deutsch Amerikanische Freundschaft forderte San Francisco zum Tanzen auf. Die Platte war eine der paar wenigen deutschen Platten im Vinyl Archiv des Collegesenders. Daneben gab es noch Kraftwerk, Can, Faust, die Einstürzenden Neubauten. Und diese Liste allein drückt schon aus, welchen Stellenwert DAF gerade in den USA haben. Sie stehen für die Weiterentwicklung des geliebten Krautrock Sounds. Es kratzte etwas, aber egal, hier ging es um die Message. Der DAF-Beat setzte den Ton für das, was da für mich kommen sollte.

Nach 21 Jahren produziere ich noch immer Radio Goethe und das Duo Gabi Delgado-Lopez und Robert Görl ist nach wie vor mit dabei. Ihre Musik wird für mich nicht alt, ganz im Gegenteil, DAF sind zeitlos gut, diese ersten Scheiben werden für mich immer besser und wichtiger. Ihr minimalistischer Sound, ihr provokanter Beat, ihr Sprechgesang, ihre scheinbar banalen Texte sind einzigartig. Nun bringt Grönland Records die vier ersten DAF-Alben in einer Box heraus. Schlicht und einfach sieht sie aus: DAS IST DAF. Kein Gefrille, kein Extrakram, kein Gehudel. Hier wirkt nur die Musik, direkt und auf die 12.

Was DAF auf diesen vier Alben zwischen 1980 und 1982 aufgenommen haben war bahnbrechend. In Deutschland wurden sie durch die Neue Deutsche Welle bekannt, aber sie passten genausowenig zur Party- und Mitsingmucke einer Nena, Markus, Hubert Kah und Frl. Menke, wie die Einstürzenden Neubauten. Aber der NDW Hype ermöglichte DAF, dass sie auch außerhalb eines kleinen Fankreises wahrgenommen wurden. Heute, im Rückblick, finde ich immer wieder neue und leider lange Zeit übersehene und überhörte Perlen aus dieser Zeit. Und auch DAF lerne ich mit jedem mal ganz neu kennen und lieben. Diese vier Platten stehen für die Zeit, in der sie entstanden. Wild und doch so deutsch. Minimal und dennoch komplex. Scheinbar banal, aber eigentlich voller Tiefe. Ausbruch und Aufbruch im Geradeaus.

Die Deutsch Amerikanische Freundschaft war Provokation. Ihr Militär-Fetisch Auftreten, ihr Hit „Der Mussolini“, in dem neben dem Duce, auch Jesus Christus und Adolf Hitler getanzt wurden, waren kaum annehmbar in einer Zeit, in der Helmut Kohl seine Kanzlerschaft begann. Man wußte nie so genau, was man an diesem Duo hatte, wie man Görl und Delgado einordnen sollte. Aber das war gewollt. Undurchschaubar hämmerten sie sich durch diese deutschen Wechseljahre. Die Grönland Box ist eine Hommage an eine der bedeutendsten und wichtigsten deutschen Gruppen überhaupt. Ihr Einfluß weltweit wird beim Durchhören dieser vier Platten ganz deutlich. Anders gesagt – und das wird nun so manchen deutschen Kulturpolitiker und -experten zur Weißglut treiben – die Deutsch Amerikanische Freundschaft wurde mit ihrem besonderen Sound zu wichtigen Kulturbotschaftern Deutschlands. Das ist Völkerverständigung. Das ist DAF!

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Auch Goethe würde Radio hören

      Radio Goethe Station ID

rg_karteVor 20 Jahren fing das mit Radio Goethe an. Am 23. November 1996, einem Samstagmorgen, ging ich zum ersten Mal auf KUSF 90.3 fm „on air“. Das war nur ein paar Monate nach meinem Umzug von Nürnberg nach San Francisco. KUSF war damals der Collegesender der Stadt. Er gehörte der jesuitischen „University of San Francisco“. Doch das Uniradio war mehr als nur Unifunk. KUSF war ein wichtiger Communitysender in der Stadt, der offen war für viele Minderheiten, ethnische Gruppen und die etwas anderen Programme. Da gab es eine finnische Show, eine türkische, Radiotheater und Sendungen von Behinderten, die Show eines schwulen Pastors. Radio Goethe wurde zwischen die armenische und die persische Sendung gepackt. Hier auf der 90.3 fm hörte man die Welt. Und mein Freund Ramon Montana lieferte mir die Verpackungselemente und Station IDs, die auf KUSF sofort auffielen. Der Sender war eine der wichtigsten Collegestationen in den USA und hatte viele bekannte Musiker und Bands gefördert, darunter Metallica, Nirvana, Tom Waits, PJ Harvey uva.

      Radio Goethe Station ID

Anfangs sendete ich auf Deutsch, später dann zweisprachig und schließlich ganz auf Englisch. Radio Goethe heißt übrigens Radio Goethe, weil ich keinen besseren Namen wußte. Damals ging ich zum Goethe-Institut und fragte, ob sie die 40 Dollar Sendekosten pro Sendung übernehmen würden. Der damalige Direktor willigte ein, fragte mich, ob ich schon einen Namen für die Sendung hätte. Als ich verneinte, schlug er Radio Goethe vor. Dabei blieb es, auch wenn kaum ein Amerikaner Goethe kennt und erst recht nicht aussprechen kann. Station IDs von Sammy Hagar oder anderen Rockgrößen klangen dann mehr nach Gothic Radio oder Radio Gute.

      Sammy Hagar Station ID

rgm_button2Egal, ich sendete jeden Samstagmorgen live. Um halb elf gab es dann noch einen Nachrichtenblock, selbst gelesen oder wenn ich Praktikantinnen bei meinem Job mit der Neuen Presse hatte, übernahmen die die Rolle der Nachrichtensprecherin. Die News fielen dann irgendwann ganz weg, ich sendete fortan am Donnerstagabend. KUSF war einer der ersten Sender, die auch im Internet ausstrahlten. Und auf einmal bekam ich Rückmeldungen von Hörern außerhalb des eigentlichen Sendegebietes. Die Vorstellung begeisterte mich, dass diese Idee des Lokalfunks total aufgehoben wurde. Mit einer Projektidee wandte ich mich an das deutsche Generalkonsulat San Francisco. Ich wollte Radio Goethe ausbauen, anderen College- und Communitystationen in den USA und Kanada anbieten. Das GK stimmte nach Absprache mit der deutschen Botschaft in Washington zu und so begann die Ausbreitung von Radio Goethe mit einer extra produzierten Sendung. Das ist etwas, was wohl so nur in den USA möglich war. Collegesender, die die musikalische Welt in ihre Städte und Gemeinden holen wollten.

      T.C.Boyle Station ID

Heute, 20 Jahre später, ist die Sendung auf rund 40 Stationen zu hören. Sender kamen, Sender gingen. Über die Jahre war und ist Radio Goethe terrestrisch in den USA, Kanada, Neuseeland, Namibia, Irland, Polen, Tschechien, Slowenien, Dänemark, Österreich, Schweiz und Deutschland zu hören (gewesen). Hinzu kommen allwöchentlich Hörerinnen und Hörer, die sich online zuschalten, das Podcast abonniert haben. Die Live-Sendung gibt es nicht mehr. Die Jesuiten der „University of San Francisco“ haben vor ein paar  Jahren die Frequenz 90.3 fm für viel Geld verkauft und damit die wichtige Community Station KUSF zerschlagen.

      Oliver Stone Station ID

rgm_button1Radio Goethe war und ist eine „One Man Show“. Eine Einstundensendung, die Woche für Woche an die Stationen überspielt wird. Ich brauche meine Playlist mit niemandem abzustimmen, ich brauche keine Werbung schalten, ich verdiene keinen Cent mit der Show. Radio Goethe ist mein Ding, und ich weiß, mein Geschmack ist nicht der von vielen. Es ist Minderheitenradio, Radio für Musikinteressierte und -begeisterte, für all jene, die offen sind, mir einfach mal zuzuhören. Es macht Spaß, noch immer, deshalb mache ich weiter. Ich spiele, was mir gefällt. Natürlich habe ich musikalische Vorlieben, natürlich hat sich mein Geschmack über die Jahre verändert. Heute kann ich aus den vollen Regalen greifen, es hat sich viel angehäuft. Damals, an diesem ersten Samstag im November 1996, hatte ich nur ein paar CDs bei mir. Viel hatte ich damals nicht in meinen zwei Koffern mit in die USA bringen können. Aber es war ein Anfang, das Archiv von KUSF bot mir noch weitere deutsche Acts, darunter DAF, die Einstürzenden Neubauten, Faust, Kraftwerk und viele der eher abgefahreneren Bands der 70er und 80er Jahre.

      Herbert Grönemeyer Station ID

rgembassyIm Rückblick gibt es viele Highlights, von denen ich berichten kann. Viele schöne Interviews mit Musikern, Musikerinnen und Bands, Schauspielerinnen und Schauspieler, Politikerinnen und Politiker, einen Radiopreis für das auf Radio Goethe ausgestrahlte Feature über das Lied der Moorsoldaten, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für meine kulturelle Arbeit im Ausland, „Radio Goethe Magazine“ eine Zusammenarbeit mit deutschen Uniradios, Live-Präsentationen an Unis, High Schools, in der deutschen Botschaft in Washington und sogar im ruandischen Butare, die Vermittlung von Infamis an Wim Wenders…

      Extrabreit Station ID

rg_buttonDoch was für mich vor allem wichtig war und ist, sind die vielen Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Freundschaften mit Musikerinnen und Musikern, Promotion- und Labelvertretern…ihr wisst, wer ihr seid. Und dann auch mit Hörerinnen und Hörern, die im ganzen Land zu finden sind. Als ich noch die Live-Sendung auf KUSF hatte, diskutierte Woche für Woche am Donnerstagabend eine Gruppe von ihnen online über das, was ich da sendete. Oder beim Kraftwerk Konzert in Oakland. Ich hatte meine vom Höchstadt gedruckte Radio Goethe Jacke an (Danke Atze), stand da und wartete auf den Beginn des Konzerts. Auf einmal sprach mich jemand an und fragte, woher ich die Jacke habe, er höre regelmäßig Radio Goethe. Ich sagte „I am Radio Goethe“. Aus diesem Treffen wurde eine Freundschaft.

      Nena Station ID

Ich weiß, ich kann es nie allen recht machen. In einer Stunde kann man nur soviel Musik spielen, und ja, ich habe meine Lieblingsbands, die da immer wieder auftauchen. Bands, die mir gefallen, am Herzen liegen, die mir sehr viel bedeuten. Meine Verbindung zu Nürnberg und Franken kommt auch immer wieder durch. Zuletzt mit der Straßenkreuzer CD (Danke Martin) oder auch mit Fiddler’s Green, mit denen mich seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet (Danke Stefan).

20 Jahre Radio Goethe, ich hätte nie gedacht, dass das mal so lange läuft. Aber es ist für mich zu einem Selbstläufer geworden, Woche für Woche Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu präsentieren. Zum Schluß dieser Zeilen ein herzliches Dankeschön an alle, die „den da drüben in Kalifornien mit seinem Radio“ unterstützt haben. Mit Musik, mit dem Zuhören, mit den Rückmeldungen. Ohne Euch wäre schon längst die letzte Sendung gelaufen.

      Stendal Blast Station ID

Eine Stimme wie aus dem Jenseits

Es muß so Ende der 90er Jahre gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal Ralph Stanley. Das war damals beim Collegesender KUSF, ich half bei einer Spätabendsendung aus, kam ins Sendestudio und der DJ vor mir war schon gegangen, hatte aber eine CD zum Durchlaufen eingelegt. Und das war ein Album von Ralph Stanley. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viel im Bereich Country, Bluegrass, Gospel und Folk. KUSF war aber ein Sender, der offen für alle Genres war, der eine Playlist zusammenstellte, in der man diese Musik neben Indie-Rock, Noise, Industrial, Weltmusik und total abgefahrenen Sachen hören konnte. In vielerlei Hinsicht hat KUSF meinen musikalischen Horizont erweitert. Und mir eben auch den Zugang zu Ralph Stanley ermöglicht.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ich saß an diesem Abend im Studio, eigentlich hätte ich die CD ausfaden und meine Musikauswahl spielen können, die da zwischen Einstürzende Neubauten und Rammstein lag. Doch ich ließ das Album von Ralph Stanley weiterlaufen. Was mich gleich beeindruckte war sein Banjo-Spiel, seine Stimme, die von der anderen Seite des Jordan zu kommen schien. Die Schwere seiner Lieder, das Tragische in seinem Gesang. An manchen Stellen, diese unglaubliche Tiefe und Traurigkeit in den Songs, die mich berührte. Und dann diese Hoffnung, diese Helligkeit, dieser tiefe Glaube. Ralph Stanley war ein Meister des emotionalen Spiels.

Aus dieser ersten, sehr ungewöhnlichen Hörefahrung wurde eine große Verehrung für den Musiker aus Virginia. Immer mal wieder baute ich Lieder von Ralph Stanley in meine Country & Folk Sendung auf einer großen deutschen Airline ein. Und einige Rückmeldungen bestätigten mich in meiner Auswahl. Am Donnerstag nun ist Ralph Stanley, einer der größten Bluegrassmusiker aller Zeiten im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen reichen Schatz an Musik, Lieder, die zum kulturellen Erbe der USA geworden sind.

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Er schwebte so dahin

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Ich habe Dieter Moebius nie persönlich getroffen, doch gegenwärtig war er in den letzten fast 20 Jahren schon. Zu seinen Platten und seiner Musik fand ich erst, als ich schon in den USA war. In Deutschland spielte eigentlich niemand Dieter Moebius oder seine Bands Cluster und Harmonia. Zumindest nicht im Nürnberger Sendegebiet. Weder der Bayerische Rundfunk, AFN noch die Nürnberger Privatsender, die ich hörte, hatten Cluster oder Harmonia in ihren Playlisten. Klar, in ein paar Sendungen irgendwo in Deutschland, moderiert von weitsichtigen oder exzentrischen Musikjournalisten, lief auch das.

Dieter Moebius kreuzte immer mal wieder meinen Weg, seitdem ich Radio Goethe produziere. In Interviews tauchte sein Name auf, in Artikeln und Büchern wurde er erwähnt, als Gastmusiker war er beliebt. Und ja, auch in den guten, alten Tagen bei KUSF in San Francisco schätzte man diesen Ausnahmemusiker, diesen Visionär, diesen Pionier des deutschen 70er Jahre Sounds.

Er sah sich nicht als Krautrocker und doch repräsentierte Moebius diese bedeutende Ära in der deutschen Musikgeschichte. Gerade laufen die beiden im Januar auf bureau-b Records veröffentlichten Cluster Platten „Japan Live“ und „USA Live“. Empfehlenswert auch die beiden Solo Scheiben von Dieter Moebius „Ding“ und „Kram, die bei Klangbad erschienen sind. Es sind keine Hitscheiben, kein eingängiges Material. Mancher Top Ten geformte Hörer würde es vielleicht sogar als Katzenmusik bezeichnen. Cluster fanden gerade im Ausland ihre begeisterten Fans. In den USA, in Japan, in Großbritannien. In Deutschland waren sie und auch die vielen anderen experimentierfreudigen Gruppen ihrer Zeit Fremde im Land. Moebius und sein langjähriger musikalischer Partner Hans-Joachim Roedelius ließen Klänge zusammen fließen zu einem Strom, der bei genauem Hinhören elektrisierte. Fantastische Soundlandschaften, mit denen man sich beschäftigen mußte. Es war fast nie eingängig, als Hörer mußte man nach der Hintertür suchen, um überhaupt den Zugang zu diesen Klangkörpern zu finden.

Dieter Moebius ist nun im Alter von 71 Jahren verstorben. Sein reiches Musikarchiv wird noch Generationen von Musikbegeisterten faszinieren.

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Die Neue Deutsche Welle wird nicht alt

Wer bei NDW nur an Markus und Nena, Witzi-Spritzi-Heiterkeit und „Ich will Spass“ denkt, der kann gleich weiterklicken. Denn das war die Neue Deutsche Welle ganz und gar nicht. Das, was alles unter dem Begriff NDW zwischen 1977 – 1985 zusammengefasst wurde, gleicht im Rückblick einem musikalischen Erdbeben, das international spürbar wurde. Und es legte das Fundament für die sehr selbstbewusste und deutschsprachige Musikszene ab Mitte der 90er Jahre.

Burghard Rausch von Radio Bremen verwirklicht in diesem Jahr ein Riesenprojekt auf Bear Familiy Records. Vier mal 2 CDs werden mit umfangreichen Informationen über Bands, Musiker und Macher veröffentlicht. Vor mir liegt Teil 1, auf der neben der Nina Hagen Band, der Spider Murphy Gang, Spliff und Nena auch der KFC, Interzone, Morgenrot, Malaria und viele andere teils für mich total unbekannte Bands zu finden sind.

Die Neue Deutsche Welle war ein Phänomen, das nicht nur in Deutschland gefeiert wurde. Auch in England, den USA und Japan schaute und hörte man genau hin, was sich da im Teutonenland so tat. Deshalb auch an dieser Stelle diese Besprechung der NDW Compilation. Als ich 1996 beim Collegesender KUSF mit meiner Sendung anfing, nahm ich mir Zeit durch das umfangreiche Vinylarchiv des Senders zu kramen. Und ich wurde immer wieder fündig. Viele der mehr schrägen, ausgefallenen und experimentierfreudigen Bands von damals konnte ich finden. Da waren Der Plan, Palais Schaumburg, Wirtschaftswunder und zahlreiche andere. In vielen Gesprächen mit KUSF DJs wurde mir deutlich gemacht, dass durch diese Musik sich auch das Bild Deutschlands verändert hatte. Denn die NDW entstand aus dem Punk, aus dem New Wave, aus dem Elektrogefrickel und dem Industrial der 70er Jahre. Die Tschörmans kopierten nicht einfach, was da wellenartig aus dem Ausland auf sie zu kam, sie schufen etwas eigenständiges. Noch heute drehen sich diese Alben auf den Plattentellern in Amerika. Und auch in Japan kriegt man davon nicht genug. Suezan Records veröffentlicht immer wieder Liebhaberboxen mit 45er Singles der damaligen Bands.

bcd17371c5526627e7def8_285x255Lange Zeit fand diese Szene in Deutschland im Abseits statt, kaum beachtet von den grossen Plattenfirmen, der Bravo und den wenigen Musiksendungen auf den drei Fernsehprogrammen. Doch auch das geht auf die NDW zurück, dass sich Musiker und Macher selbst organisierten, eigene Labels und Vertriebe aufbauten, Fanzines produzierten, Auftrittsmöglichkeiten schufen. Und irgendwann merkten die Majors dann auch, dass da Geld zu machen ist und überfluteten den Markt mit allerhand Spritzi-Pop und Gute-Laune-Musik.

Burghard Rausch schafft mit seinen Compilations den großen Blick auf diese paar Jahre der musikalischen Aufbruchstimmung in Deutschland. Er fängt nicht mit den ersten Charterfolgen an, konzentriert sich nicht auf die von Bravo gehypten Starschnitte. Ganz im Gegenteil, Rausch blickt auf die Clubs, die Kassettenszene, die Musiker, die mal hier, mal dort spielten. Und er verfolgt ihre Wege bis heute. Es macht Spass all die Hintergrundinfos zu lesen, musikalisch in die eigene Jugendzeit einzutauchen und immer mal wieder zu merken „Mensch, stimmt, das war ja auch noch da“.

NDW – Aus grauer Städte Mauern. Die Neue Deutsche Welle 1977 – 85“ ist keine Partymischung, vielmehr ein umfangreiches Klangbild. Klar, da sind die Hits zum Mitsingen, doch da ist viel mehr zu entdecken. Diese Sammlung ist für all jene, die mehr wissen wollen, die Querverweise lieben, die sich gerne mit musikalischen Wurzeln beschäftigen. Und ja, ich singe hier gerade laut „Blaue Augen“ von Ideal mit, all die Hits, ich kann sie noch immer.

Der Ausverkauf von San Francisco

Seit 1987 kenne ich San Francisco. Anfangs für ein paar Jahre als regelmäßiger Tourist, dann als Jahrespraktikant in einer Einrichtung für mißhandelte und sexuell mißbrauchte Kinder am Alamo Square. Danach kam ein dreimonatiges Praktikum bei einer deutschsprachigen Zeitung und schließlich zog ich im Sommer 1996 ganz in die „City by the Bay“. In all den Jahren habe ich viele Stadtteile kennen und lieben gelernt, erlebt und durchlebt. Haight/Ashbury, die Mission, Outer Richmond, Sunset, Castro, Tenderloin, South of Market.

Anfang der 90er Jahre tauchte ich voll ins Bar und Clubleben der Mission ein. Das waren die Zeiten der irrwitzigen „Open Mic Poetry Readings“, als Mike Boner nur in Nylonstrumpfhose auf der kleinen Bühne der „Chameleon Lounge“ auf der Valencia stand und seltsame Sachen vortrug. Danach einer, der im Alkoholsuff ein Gedicht schrieb, doch dann seine eigene krakelige Handschrift nicht mehr lesen konnte. San Francisco war wild. Überall passierte etwas. Dann kam der DotCom Boom und viele Künstler, Musiker, Autoren zogen weg. Teils nach Oakland, teils in andere Teile der USA, teils sogar nach Berlin. Damals gab es eine enge Verbindung zwischen der nordkalifornischen Metropole und der deutschen Hauptstadt.

Das Lucky 13 auf der Market Street soll schon bald nicht mehr sein.

Das Lucky 13 auf der Market Street soll schon bald nicht mehr sein.

Ich wohnte Ende der 90er Jahre schon in Oakland, aber war wöchentlich mit Freunden unterwegs. Wir zogen durch die Dive Bars, die noch da waren. Ich weiß gar nicht, wie der Club in Chinatown hieß, doch dort spielte der „Extreme Elvis“ ein denkwürdiges Konzert. Oben eine chinesische Bar, hinten ging dann eine enge Treppe in den Keller runter. Die Decke war niedrig, von Brandschutz hatte hier noch niemand gehört. Und dann kam er, der „Extreme Elvis“. Ein sehr beleibter Elvis Imitator, der schon nach wenigen Minuten nackt auf der kleinen Bühne stand und dann seinen schwitzigen Körper durch die Menge schob, vor allem auf kreischende Frauen zu.

Ich fühle mich schon fast dazu hingerissen zu schreiben „waren das noch Zeiten“. Aber damit klingt man so altklug, und das will ich mit fast 47 ja nun wirklich noch nicht sein. Doch San Francisco hat sich verändert, erneut verändert. Mit dem Wirtschaftscrash vor ein paar Jahren erholte sich die Lage leicht, doch damit ist nun Schluß. Die Mieten und Grundstückspreise steigen ins Unvorstellbare. Für eine Einzimmerwohnung zahlt man mittlerweile 3600 Dollar Monatsmiete, so viel wie nirgends sonst in den USA. Für leere Grundstücke in einigermaßen guten Gegenden legen Investoren auch schon mal 1,3 Millionen Dollar auf den Tisch, um darauf sündhaft teure Luxus Condos zu bauen.

Der Wohnraum ist knapp in San Francisco, das Geld liegt auf der Straße, noch nie lebten hier so viele Millionäre wie heute. Es ist eine neue Goldgräberzeit angebrochen. Einige machen richtig fett Kohle mit Vermietungen, Hauskäufen, Renovierungen und Neubauten. Klar, dass da nach jeder Möglichkeit gesucht wird. Wer hier und heute seine Wohnung verliert, findet in San Francisco keine Bleibe mehr. Eine Bekannte von mir muß nach 25 Jahren in San Francisco wegziehen, da ihr Vermieter Eigennutzung angemeldet hat. Sie hat keine Chance eine neue Wohnung zu finden.

Der Trend macht auch vor alteingesessenen Kneipen nicht halt. In der Mission mussten vor kurzem gleich zwei Bars dichtmachen, der „Lexington Club“ und „Esta Noche“. Der Besitzer des Hauses, in dem der „Elbo Room“ an der Valencia Street untergebracht ist, hat beantragt, das Haus abreißen zu dürfen, um Luxuswohnungen bauen. Und nun die Nachricht, dass auch das „Lucky 13“ verschwinden soll. Der Grundstücksbesitzer will das Haus aus dem Jahr 1906 platt machen lassen, um hier neu zu bauen. Das „Lucky 13“ fällt jedem deutschsprachigen Touristen gleich auf, der mit einer der historischen Straßenbahnen die Market hoch zum Castro Viertel fährt. Draußen am Haus hängt das gelbe Umleitungsschild aus Deutschland.

Der „Elbo Room“ auf der Valencia ist ein bekannter Musikclub, unten eine Bar, oben Konzerte. Und „Lucky 13“ ist so eine Dive Bar, wie man sie sich vorstellt. Die Jukebox hat nur Punkplatten, eine lange Theke, gutes Bier, alles wirkt etwas schmudellig, aber so passend für San Francisco. Hier legten auch immer die KUSF DJs ihre schräge Mischung auf. Ob das „Lucky 13“ nun weichen wird ist noch nicht ganz klar, das Haus könnte unter Denkmalschutz stehen. Doch die Richtung ist klar, alles wird erneuert, anders gemacht, um möglichst viel Profit zu erzielen. San Francisco verliert sich derzeit im Geldsegen. Am Ende wird eine begradigte und beschönigte Glanz- und Glittermetropole bleiben, in der die wenigsten nur noch leben können, die diese Stadt ausmachte und noch ausmacht. Man wird wehmütig, wenn man an die vielen Geschichten aus längst vergangen Tagen denkt. Oh weh!

Düsseldorf ist überall

Rüdiger Esch beschreibt in Electri_City die Düsseldorfer Musikszene.

Rüdiger Esch über die Düsseldorfer Musikszene.

Wer von der deutschen Musikszene spricht, denkt vor allem an Berlin. Klar, in der Hauptstadt ist viel passiert. Doch viel wichtiger für die internationale Musikszene war Düsseldorf. Was dort in den 70er und Anfang der 80er Jahre im Bereich der elektronischen Musik passierte war einmalig. Keine lokale Musikszene war so prägend, wie diese. Von Los Angeles bis Tokio verneigen sich die Musikfans und -kritiker vor dieser Stadt.

Als ich im Herbst 1996 zum ersten Mal zu KUSF San Francisco ging, um dort meine Sendung anzubieten, schaute ich mir auch in aller Ruhe das riesige Platten und CD Archiv des legendären Collegesenders durch. Und dort fand ich etliches aus Deutschland, hochgeschätzt von den DJs der Freeform Radiostation. Im Rückblick waren es vor allem Düsseldorfer Bands. Ich muß zugeben, damals war mir selbst die Bedeutung Düsseldorfs nicht bewußt. Klar, ich kannte Bands wie Kraftwerk, DAF und auch Die Krupps, aber das große Bild vermochte ich (noch) nicht zu sehen.

Das hat sich über die Jahre geändert. Nach vielen Interviews und Gesprächen mit Musikern, dem Verbinden der Punkte auf der Soundkarte, das Nachlesen, wer wo mit wem gespielt hat führte dazu, dass ich immer neugieriger wurde. Und nun liegt da „Electri_City“ vor mir, das Buch vom Krupps Bassisten Rüdiger Esch geschrieben. Für mich eine Antwort auf viele der noch offenen Fragen. Es ist eine Collage aus Interviews mit Zeitzeugen. Musiker aus der Region erinnern sich, Wegbegleiter berichten, dabei entsteht ein Bild, dass die ganze Dimension dieser elektronischen Musikstadt vor einem entfaltet wird.

Kraftwerk sind sicherlich die wichtigsten Vertreter, sie sind international am bekanntesten. Doch da gibt es so viel mehr zu entdecken, auch heute noch. DAF, Neu!, Klaus Dinger, Michael Rother, La Düsseldorf, Wolfgang Flür…und von all jenen Bands gehen weitere Klangpfade ab: Fehlfarben, Rheingold, Wolfgang Riechmann, Harmonia… Und da ist natürlich auch die unschätzbare Arbeit und Weitsicht von Produzent Conny Plank. Was er damals produzierte war ein Gütesiegel auf der internationalen Bühne. Bands wie Heaven 17, OMD, Depeche Mode, Visage, doch auch David Bowie, Brian Eno und Iggy Pop wurden vom Düsseldorfer Sound inspiriert und beeinflusst. Nur wenige der Düsseldorfer Bands erzielten mit ihrer elektronischen Pionierarbeit große Erfolge. Die hatten andere, gerade jene Bands aus England.

Der Soundtrack zum Buch ist auf Grönland Records erschienen.

Der Soundtrack ist auf Grönland Records erschienen.

Rüdiger Esch „connects the dots“ in „Electri_City“. Ein spannend zu lesendes Buch, das einfach Lust auf eine ausgiebige Plattensuche macht. Einiges habe ich schon hier, anderes konnte ich schon finden, wieder anderes steht auf meiner Liste. Begleitend zum Buch erschien die Compilation beim Herbert Grönemeyer Label „Grönland“. Nicht verwunderlich warum gerade dort, veröffentlicht Grönemeyer doch schon seit Jahren solche musikalischen Perlen von Neu! bis Conny Plank auf seinem Label.

Was Esch hier hervorragend leistet, ist den roten Faden zu finden ohne zu kommentieren. Er läßt einfach die Zeitzeugen sprechen und es so stehen. Einige von ihnen, wie Chrislo Haas, Conny Plank oder auch Klaus Dinger sind schon verstorben. Man wundert sich anfangs, warum die Kraftwerk Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider nicht zu Wort kommen. Doch deren Geheimniskrämerei ist Verpflichtung, auch heute noch. Viele aus ihrem Umfeld reden und zeichnen so ein Bild der genialen Protagonisten und Soundtüftler, die doch auf ihrem Weg teils skrupellos vorangingen.

Die Stadt an der Düssel ist der Ursprung der elektronischen Musik. Was heute in New York, San Francisco, London, Tokio produziert wird, geht auf seltsame Weise auf die Klangtüfteleien einiger experimentierfreudiger Musiker in Düsseldorf zurück. „Electri_City“ ist ein Buch für Musikfans und Musikhistoriker. Für all jene, die mehr wissen, die Zusammenhänge erkennen und Musik auch ein stückweit verstehen wollen. Absolut empfehlenswert.

Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf

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Von Höchstadt nach San Francisco – „I love se Cable Car“

Der Höchstädter Atze Bauer auf Cable Car Tour durch San Francisco.

Der Höchstädter Atze Bauer auf Cable Car Tour durch San Francisco.

Was lange währt oder so. Vor 15 Jahren hatte ich Besuch aus Franken. Atze Bauer kam vorbei und war schlichtweg angetan von der Cable Car in San Francisco. Nach einer SF Stadttour fragte er mich, ob er sich mal mein Aufnahmegerät ausleihen dürfe, er wolle ein paar Töne auf einer Cable Car Fahrt aufzeichnen.

Ein halbes Jahr später schickte mir Atze eine CD, darauf das Lied „I love se Cable Car“. Ein Ohrwurm schlechthin. Und das sage nicht nur ich, das befanden auch die Hörer meiner Sendung in und außerhalb von San Francisco. In den letzten 15 Jahren war „I love se Cable Car“ das am meisten gewünschte Lied, und dass, obwohl es nur auf der ersten Radio Goethe Compilation erschienen ist. Ja, Atze stiftete den Song auch noch für einen guten Zweck, damals fiel der Transmitter von KUSF in San Francisco aus und einige deutsche Bands halfen mit einer Benefiz-CD. Neben Atze Bauer waren aus dem Nürnberger Großraum noch Fiddler’s Green, Fade und die Shiny Gnomes vertreten. Dazu noch In Extremo, Megaherz, Faust, Hiss und viele andere. Den Cable Car Song hatte ich damals auch ans Cable Car Museum geschickt, die ganz begeistert von diesem etwas anderen und ungewöhnlichen Liebeslied waren.

Aber es geht ja hier um „I love se Cable Car“ und den aktuellen Bezug zu diesem besonderen „Evergreen“. Vor ein paar Wochen war Atze erneut zu Besuch. Diesmal hatte er eine feine, kleine Videokamera dabei, mit der er einfach alles filmte, was ihm vor die Linse kam. Er machte Aufnahmen von seinen ersten (und wahrscheinlich letzten) Surfversuchen, vom „Bush-Man“ in Fisherman’s Wharf, vom Essen und Trinken und natürlich von einer Cable Car Fahrt. Und das Ergebnis dieser letzten Kalifornienreise ist nun nach 15 Jahren das passende Video zur Radio Goethe Hitsingle „I love se Cable Car“. Idee, Kameraführung, Schnitt, Technik, Mix usw. alles Atze Bauer. Ein Selfie-Video, wie es wohl besser nicht sein könnte. Und warum hat das 15 Jahre gedauert? Die knappe Antwort des selbsternannten Höchstädter Liederchaoten, er habe erst seit kurzer Zeit ein Videoschneideprogramm mit dem er einigermaßen umgehen könne. Und, „für einen Cable Car Clip wurde es ja mal Zeit.“ Stimmt Atze, deshalb nun hier und heute die Weltpremiere des Videos zu „I love se Cable Car“. Klicken, klicken, klicken, der Song verdient den Erfolg.

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