Auf „La Bestia“ ins gelobte Land

Poster der US Kampagne

Poster der US Kampagne zum Schutz von Minderjährigen.

Zehntausende von Kindern und Jugendlichen aus Guatemala, El Salvador und Honduras sind in den letzten Monaten illegal in die USA gekommen. Ihre Familien haben bis zu 7000 Dollar an Schlepper gezahlt, die die Minderjährigen ins gelobte Land bringen sollen.

Der Weg ist lang, beschwerlich und gefährlich. Gangs kontrollieren die Routen, rauben die Migranten aus, vergewaltigen Mädchen, rekrutieren auf dem Weg neue Gangmitglieder. Die Kinder reisen auf Güterzügen durch Mexiko, auf „La Bestia“, Richtung Norden.

Hungrig, halb verdustet und ausgemergelt kommen sie meist in den USA an, um dort von der Grenzpolizei aufgegriffen zu werden. Die versprochene Aufenthaltsgenehmigung erhalten sie nicht. Die USA haben nun eine Kampagne gestartet, Radio- und Fernsehspots und ein Ohrwurm, mit denen man die Familien in Mittelamerika erreichen will. Die Botschaft ist eindeutig: Schickt nicht Eure Kinder.

Dazu der aktuelle Audiobeitrag.

Das Lied von „La Bestia“

Werbekampagne der USA südlich der Grenze.

Werbekampagne der USA südlich der Grenze.

Sie kommen aus Guatemala, Honduras, El Salvador und Mexiko. Illegal kommen sie über die Grenze, in der Hoffnung in den USA das gelobte Land zu finden. Arbeit, Sicherheit, eine Zukunft. Zehntausende sind es schon und Tag für Tag werden es mehr. Irgendwie hat sich in diesen Ländern die Nachricht verbreitet, wer kommt darf bleiben. Vor allem Minderjährige würden nicht zurück geschickt werden, heißt es. Die Menschen fliehen aus wirtschaftlichen Gründen und vor der eskalierenden Gewalt in den mittelamerikanischen Ländern.

Die Konservativen in den USA haben die Grenzfrage zum Wahlkampfthema gemacht, so, als ob Barack Obama alleine für die Situation an der „Border“ verantwortlich ist. Doch die Krise hat schon lange vor der Amtsübernahme Obamas begonnen. Doch nun demonstrieren bewaffnete Milizen und „aufgebrachte“ Bürger entlang der Grenze gegen die Aufnahme der Flüchtlinge, schreien ihnen lauthalts entgegen: „Geht zurück, woher ihr kommt“. Obama besteche durch Abwarten, Passivität, durch politisches Kalkül, heißt es. Er wolle durch sein Nichtstun erreichen, dass die Latinos im Land in Zukunft die Demokraten wählen, so der Vorwurf der Schreihälse.

Schon seit Wochen wird allerdings gehandelt. Eine umfassende Einwanderungsreform wird im republikanisch dominierten Kongress zwar ausgebremst. Lieber schimpft man, als zu handeln. Doch die USA sind in den betroffenen Ländern aktiv. Es gibt Gespräche auf politischer Ebene, Angebote des FBI, im Gangkrieg zu helfen, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Und man fährt eine massive in Washington produzierte Werbekampagne, die besagt, kommt nicht in die USA. Es gibt weder eine Amnestie für Illegale, noch eine Aussicht auf Asyl und auch Kinder und Jugendliche würden zurück in ihre Heimatländer geschickt werden. Darüberhinaus ist der Weg Richtung Norden viel zu gefährlich, vor allem für unbegleitete Minderjährige, wird in der Kampagne immer wieder betont. Dafür wurden Anzeigen in Zeitungen geschaltet, Werbespots und Lieder produziert. Der Song „La Bestia“, der Güterzug auf dem die Flüchtlinge gegen Norden fahren, wurde sogar zu einem Hit. Doch all das hat die Zahlen der Illegalen nicht nach unten gedrückt. Sie hören die Message der Amerikaner, doch hören auf die Geschichten und Berichte derjenigen, die es in die USA geschafft haben. Der Menschenstrom Richtung Norden geht unvermindert weiter.

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Ein hausgemachtes Problem des US Kapitalismus

Irgendwas stimmt nicht in den USA. Seit ein paar Jahren war es eigentlich das Thema schlechthin: Obamacare. Die Gesundheitsreform des Präsidenten ließ das Blut der Republikaner zum Kochen bringen. Das Thema vereinte sie, darauf schossen sie sich ein. Und manchmal hatte man das Gefühl, Obamacare ist an allen Mißständen im Land und in der Welt schuld. Vorher war ja alles so gut, doch dann kam der Sozialistenpräsident und verstaatlichte das Gesundheitswesen. Wenn man FOXNews, konservativen Kommentatoren und Bloggern folgte, dann hatte man das Gefühl, Amerika war vor Obama die gesündeste Nation der Welt. Patienten hatten die Wahl, von welchem Arzt sie sich behandeln lassen, in welchem Krankenhaus sie sich operieren lassen wollten. Auch die Prävention stand ganz oben auf dem Ausgabenplan der Versicherungen.

Das dem natürlich nicht so war und ist sollte klar sein. Eine Gesundheitsreform mußte kommen, was dann kam und als Obamacare bekannt wurde, war nicht ausgereift und wurde an allen Ecken und Enden von den Repbublikanern unterminiert. Es war ein Kompromiss auf niedrigstem Niveau. Natürlich haben sich die Republikaner auch geschworen, die Reform rückgängig zu machen, wenn sie wieder die Macht im Land in ihren Händen halten. Wie gesagt, unter George W. Bush war ja alles besser.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. "La Bestia" wird der Zug, genannt.

Immigranten auf dem Weg nach Norden. „La Bestia“ wird der Zug, genannt.

Doch Obamacare ist aus den Schlagzeilen gekegelt worden. Nun haben die Konservativen ein paar neue Themen im Wahljahr 2014 gefunden. Die illegale Einwanderung ist das Hauptthema geworden. Amerika wird überrannt. Und wieder werden Ängste geschürt. Die Immigranten seien nur hier, um das Sozialsystem zu berauben, Amerikanern die Arbeit wegzunehmen, bla bla bla…diese Diskussion kennt man ja zu genüge aus Deutschland. Was in dieser Debatte gerne übersehen wird ist, dass amerikanische Firmen ihre Produktionsstätten aus den USA nach Mexiko und anderen mittelamerikanischen Ländern verlagert haben. Aus dem einfachen Grund, weil man dort billiger produzieren kann. In der texanischen Grenzstadt El Paso liegt der Mindeststundenlohn derzeit bei $ 7,25. Zu wenig zum Leben, aber das ist eine andere Debatte. Gleich auf der anderen Seite der Brücke im mexikanischen Ciudad Juarez liegt der Tagesverdienst eines Fabrikarbeiters in einem US Unternehmen bei 5-6 Dollar. Und das ist noch viel für Mexiko. Wenn man südlicher geht sinkt auch der Lohn.

Amerika hat sich also ein Problem im eigenen Vorgarten geschaffen. Die Aktionäre verlangen mehr Gewinn, die Unternehmen machen ihre Tore in den USA dicht, Hunderttausende verlieren hier ihre Arbeit, weil die Jobs südlich der Grenze angesiedelt werden. Und dort fahren die Firmen riesige Gewinne ein, weil sie die leidlichen Lohnkosten erheblich drücken können. Doch diese Löhne sind nicht genug zum Leben, das hatten wir ja schon oben. Profitgier hat also weitreichende Folgen, und die bekommt Amerika nun zu spüren. Die „Globalisierung“ der amerikanischen Wirtschaft ist sicherlich nicht der einzige Grund für die illegale Einwanderung in die USA, doch es ist ein Grund, ich denke, ein wichtiger Grund sogar.

In diesem Jahr wird wieder gewählt in den USA. Die Kongresswahlen stehen an. Vor der Stimmenabgabe wird es keine Reform des Einwanderungsgesetzes geben, auch wenn die seit langem mehr als überfällig ist. Es wird ein Wahlkampf der Angst werden. Angst vor der Immigrantenflut. Angst vor Terrorangriffen. Angst vor dem übermächtigen Staat. Angst vor einem neuen Wirtschaftscrash. Kein Wunder, dass man sich hier bewaffnet, irgendein vermeintliches Gefühl der Sicherheit muß man ja im Leben haben.