Happy Birthday Folkways

Vor 70 Jahren, am 1. Mai 1948, gründete Moses Asch Folkways Records. Seine Vision war „people’s music, spoken word, instruction, and sounds from around the world“ zu dokumentieren. Über all die Jahre ist ein Katalog von über 70.000 Tracks zusammen gekommen. Ich schreibe bewußt Tracks, denn es sind nicht nur Lieder, die noch immer alle veröffentlicht sind. Es sind oftmals Sounds, Tiergeräusche, Field Recordings und eben der unermessliche Schatz an Musik aus aller Herren Länder.

Nach dem Tod von Moses Asch 1987 wurde Folkways Teil des Smithsonian Institution Centers for Folklife and Cultural Heritage in Washington D.C. Die Zusage, die die Erben von Asch verlangten, war, dass alle Aufnahmen auch in Zukunft verfügbar waren, nicht nur die Perlen von Woody Guthrie oder Pete Seeger. Smithsonian stimmte zu und deshalb kann man auch noch heute die seltsamsten Aufnahmen aus dem reichen Schatz des Folkways Archivs erwerben, als Mp3 File oder als CD on demand. Auch andere Labels gingen so in das neue Smithsonian Folkways Recordings Label auf, darunter auch Arhoolie Records, gegründet von Chris Strachwitz, der 1947 aus Schlesien in die USA kam.

Vinyl, CDs, Mp3 Files. Folkways ist ein unglaublich reicher Klangschatz, ein tönendes Vermächtnis der Kulturen, das jedem offen steht. Eine hörbare Weltreise und ein Roadtrip durch die USA. Musik aus allen Teilen dieses Landes und von allen Einwanderern, die hier ihr neues Glück suchten. Hier wird die ganze Größe der Vereinigten Staaten von Amerika deutlich. Man kann dieses Label gar nicht genug loben, für mich gehört Folkways zu einer unglaublichen Bereicherung meines Musikverständnisses und meines Alltags. Oft sitze ich hier und höre mich durch die vielen Aufnahmen auf der Webseite des Labels, klicke von einer alten Platte zur nächsten und stoße dabei immer wieder auf faszinierende neue-alte Musik und ihre Geschichte.

Und dann pflegt Folkways nicht nur den geschichtlichen Schatz, sondern blickt auch nach vorne, veröffentlicht ganz neue Musik, immer aber unter dem Aspekt des kulturellen Wertes. Bestes Beispiel die Alben von Rahim Alhaj, einem Einwanderer aus dem Irak. Vor einigen Jahren besuchte ich das Label, um ein Interview mit Atesh Sonneborn zu führen. Er führte mich anschließend durch die Räumlichkeiten und in das Archiv von Folkways. Es war wie der Zugang in eine Schatzkammer. Die daraus resultierende Sendung, können Sie am Ende dieses Beitrags hören.

Smithsonian Folkways ist nun 70 Jahre alt und versucht seinen Platz in einer Musikwelt zu finden, in der sich die Hörgewohnheiten dramatisch verändert haben. Für vieles, was man auf Folkways veröffentlicht finden kann, braucht man Zeit, Ruhe und den Willen sich mit Musik und den kulturellen Wurzeln zu beschäftigen. Musik, das wird mir immer wieder klar, ist eine Sprache, die verbindend ist, wenn man sie denn wirklich hören will. Dieser globale Gedanke ist das wahre Vermächtnis von Moses Asch und seinen Folkways Records. Happy Birthday Smithsonian Folkways Recordings!

Smithsonian Folkways 1     

Smithsonian Folkways 2     

Zum JahresausKLANG

Diese Jahresenden sind schon seltsam. Man friert oft, man mummelt sich ein, genießt die wenigen Sonnenstrahlen, die es gibt, beginnt über das nachzudenken, was im vergangenen Jahr war, passiert ist. Ein Gefühlsgemenge zwischen „high and low“. Manche freuen sich auf die kommenden Feiertage, für andere ist die stille Zeit nur ein Graus.

Und dann liegt da dieses Klangbuch vor mir. Touch Records, ein experimentelles Label mit Sitz in England und den USA, legt nun zum Jahresende „Touch Movements“ vor, ein Bilderbuch mit Soundtrack. Das klingt zu einfach. Es ist vielmehr ein audio-visuelles Erlebnis, das man in aller Ruhe und mit viel Zeit genießen sollte. Ein Eintauchen in Fotos, die ihre eigenen Geschichten erzählen und dazu einladen, weitergesponnen zu werden. Augenblicke, die das Leben um uns herum liefert. Blicke, die der Betrachter selbst kennt. Erinnerungen, die in einem wach werden.

Dazu „Musik“, die ganz anders ist. Die immer wieder die Frage aufwirft, was Musik eigentlich ist, sein kann, sein sollte. Ein Soundtrack des Alltags. Mal „Field Recordings“, mal Drone Music, mal Orgelmusik, mal Klanglandschaften, mal verspielte Sequencerfolgen. Mal direkt, mal ganz sanft, mal monumental, mal leicht vorbei gestrichen. Touch ist kein Label für die Popkultur. Das wird auf „Movements“ ganz deutlich. Es ist vielmehr ein Klangspiegel der Gesellschaft. Hier hört man hin, was man zu hören glaubt und daraus entsteht Musik. Der Alltag als Orchester, bearbeitet von Soundtüftlern, die hier künstlerisch vorgehen, dort unverfälscht die Welt erklingen lassen. Entstanden ist ein Soundtrack für dieses Fotobuch und viel mehr. Es ist nicht die „Music for the Masses“. Es ist vielmehr diese ganze persönliche Musikerfahrung. Voller Herausforderungen, voller Erinnerungen, voller Gedankengänge. Ein tief bewegendes Klangbild zwischen den Jahren.

Sound of Africa

Einkaufen in Ruanda ist so eine Sache. Man schaut sich um und hofft, irgendwas typisch ruandisches zu finden. Aber viel mehr als geflochtene Körbe iss nich… Und das verwundert, denn die Geschichte der Menschen in Ruanda geht weit zurück. Aber irgendwie ist vieles auf dem Weg in die Gegenwart verloren gegangen. Was man hier kaufen kann, kommt zumeist aus dem Kongo, aus Uganda oder Tansania. Ruanda, so scheint es, hat nur wenig zu bieten. In einigen Läden stößt man auf mehr, auf Bilder aus Kuhdung, auf Holzarbeiten, auf Tragetaschen. Produziert wurden die von Frauenkooperativen, die sogar schon in die USA exportieren. Ein neues Modell der Entwicklungshilfe.

Sound AfricaUm so mehr habe ich mich gefreut, den einzigen CD Laden in Kigali zu finden. „Sound Africa“ heißt er und ist in der Nähe der Busstation im Herzen der Stadt. Ein kleiner Laden, doch hier findet man afrikanische Musik aus allen Ländern. Und eben auch aus Ruanda. Von hier leider nur die neueren Sachen, also aktuelles Pop und Hip Hop Gedudel in der Landessprache Kinywarwanda, was alles ein bißchen an ruandische Modern Talking erinnert.

Die  traditionelle Musik ist leider verloren gegangen, oder zumindest im heutigen Ruanda nicht mehr auf CD erhältlich. Wer diese alte ruandische Musik sucht, wer zurück zu den klanglichen „Roots“ Afrikas will, der sollte sich mal das Label SWP Records ansehen. Dort gibt es u.a. ein Album mit „Field Recordings“ von Hugh Tracey „At the Court of the Mwami“.

Moses Ng'ang'aDoch zurück zu „Sound Africa“. Was dieser Laden zu bieten hat ist ein umfassender Überblick auf die Musikszene des Kontinents. Von Südafrika über Ost-, Zentral und Westafrika bis hoch in den Norden nach Tunesien und Marokko. Und der Ladenmanager Moses Ng’ang’a hat eine Ahnung von was er spricht und berät gerne. Man sucht, er findet. In dem kleinen Shop steht eine Stereoanlage, die auch zum Probehören genutzt werden kann. Moses kommt eigentlich aus Kenia, wo auch der Sitz von „Sound Africa“ ist. Seine einladende, freundliche und hilfsbereite Art ist wohltuend, im oftmals stoischen Einkaufsalltag Ruandas, in dem man sich als Kunde fast dafür entschuldigen muß etwas kaufen zu wollen.

Geschichte Hören!

BOOKCARLINGerade bin ich mal wieder im KUSF Studio. Heute für eine Zweistundensondersendung, ein „Spotlight“ über „Smithsonian Folkways“. Gegründet 1948 von Moses Asch hat sich Folkways zu einem der bedeutendsten Plattenlabels der Welt entwickelt. Der Ansatz war von jeher „die Welt des Sounds zu dokumentieren“. Hier findet man alles, von amerikanischer Roots Musik über angolanische Freiheits- und deutsche Bierzeltlieder. Daneben technische Anleitungen und historische Aufnahmen, wie Anti-Vietnam Demonstrationen in Berkeley, Kalifornien oder die Anhörungen von Bertolt Brecht 1947 vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ oder Mitschnitte von Radio Moskau für die US Bevölkerung.

Über die Jahre sind rund 2500 Veröffentlichungen zusammen gekommen, manche verkauften sich gerade ein Dutzend mal. Doch Folkways war nie ein Label mit Blick auf Charts und Verkaufszahlen. Moses Asch und seine Mitstreiter wollten dokumentieren, festhalten, bewahren. Und das ist ihnen mit diesem Plattenlabel gelungen. Alle Veröffentlichungen von 1948 bis heute sind noch immer zu erwerben. Bei einem Blick auf die Webseite von Smithsonian Folkways wird es nicht bleiben, es ist eine klangliche Oase, die Geschichte durch unzählige Soundbeispiele lebendig werden lässt.

Hier die beiden Teile dieses Spotlights über „Smithsonian Folkways“.

Smithsonian Folkways Part 1     
Smithsonian Folkways Part 2     

San Francisco Underground – Audio Report

Vor ein paar Tagen habe ich bereits über die San Francisco Kassetten Szene berichtet, hier nun ein Audio Bericht dazu, um einen kleinen Höreindruck zu liefern…und nicht vergessen, Kunst und Musik kennen keine Grenzen:

Tape Labels     

SanFranciscoKassettenUnderground

Nice Ass RecordsSan Francisco ist eine Stadt mit vielen Subkulturen. Nicht viel größer als Nürnberg und dennoch hier steppt der Bär auf vielen Hochzeiten. Gestern war ich für ein Interview im Tenderloin Distrikt. Dort an der Ecke Turk und Leavenworth im fünften Stock leben Julia Mazawa und ihr Freund Daniel Hintz, aka Cactus. Beide sind DJs auf KUSF, dem wohl bekanntesten Collegesender westlich des Mississippi. Und beide lieben mehr den aussergewöhnlichen Sound. Cactus ist ganz begeistert von „Field Recordings“. Er hat ein kleines Kassettenaufnahmegerät und liebt es, die Aufnahmetaste zu drücken und das Gerät auf die Feuerleiter nach draußen zu stellen. Aufgenommen wird dann der Sound der Strasse. Verkehr, Sirenen, laut schwadronierende Passanten, streitende Crack Süchtige an der Ecke. Bei seinen „Recordings“ weiss man nie, was am Ende rauskommt. Cactus ging sogar mal so weit und produzierte eine Zweistunden Spotlight Sendung auf KUSF mit seinen „Field Recordings“. Das ganze klang dann wie, als ob man eben in der Tenderloin im fünften Stock sitzt und einfach das Fenster aufgemacht hat. Mit einem Lachen erzählt er, dass er damals so einige Hassanrufe im Studio erhielt, die ihn anschrien, er solle endlich Musik spielen.

Cactus ist bei KUSF als der Verfechter von Noise, Industrial und experimentelle Musik bekannt. Er kennt die Bands und die Macher und ist selbst sehr aktives Mitglied der lokalen Community. Die Bay Area gilt als eines der weltweiten Zentren dieser Musik. Nun hat er sein eigenes kleines Label ins Leben gerufen „Tenderloin Electric Tapes“, und ja, die Aufnahmen gibt es nur auf Kassette und „one of a kind“. Einzeln und speziell verpackt und es gibt nur eine Aufnahme. „Ich finde Kopien nicht gut, von daher, was man hört ist einzigartig“.

Seine Freundin Julia ist schon seit einiger Zeit mit einem Label am Start. „Nice Ass Records“ heisst es. Julia ist vor allem eine Verpackungskünstlerin und sieht das was tonlich geliefert wird als nicht ganz so wichtig an. Sie macht beides, Schallplatten und nun auch Kassetten. Doch ihre Platten sind nicht aus Vinyl, sie bastelt diese aus Plastiktellern, wie man sie auf Parties oder zum Picknick benutzt. Sie schneidet die flache Unterseite heraus und presst darauf die Tonrille. Das Ergebnis ist eine bunte, biegsame Platte. Der Sound nicht so irre klar, aber ein absolutes Unikat.  Und dazu eben wunderschön und künstlerisch eigenwillig verpackt.

In  San Francisco und dem benachbarten Oakland haben sich rund zwei Dutzend Kassetten Labels entwickelt. Die Tapes kommen in geringer Stückzahl heraus, werden weiter gegeben, billig verkauft oder in bekannten und beliebten Clubs und Szeneplattenläden ausgelegt. Es ist auf eine seltsame Weise ein Gegenstück zur nervigen und schnelllebigen mp3 Kultur…und doch, die Musik ist auch auf den Webseiten der Bands und Labels zu hören. Aber es gibt oftmals nur eine geringe Stückzahl der  „realen“ Veröffentlichung. Geld kann man damit nicht machen, es ist mehr der Kunstgedanke, der Ausdrucksversuch, das Community Gefühl einer musikalischen Randgruppe was zählt. Und das ist eben auch San Francisco.

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