Amerika und der 1. Mai

Schon komisch, überall feiert man den 1. Mai als „Tag der Arbeit“, nur in den USA nicht. Und das, obwohl er eigentlich von hier kommt. Erinnert wird an das „Haymarket Massaker“ vom 4. Mai 1886. Vorausgegangen waren Demonstrationen und Proteste, zu denen Gewerkschafter, Anarchisten und Sozialisten aufgerufen hatten. Seit Ende April kamen Zehntausende von Menschen in Chicago zusammen und forderten lautstark den Achtstunden Arbeitstag. Am 1. Mai streikten dann 35.000 Arbeiter in Chicago. Auf einer weiteren Protestveranstaltung wurden Demonstranten von der Polizei erschossen. Die Situation schaukelte sich hoch. Für den 4. Mai wurde deshalb zu einer weiteren, noch größeren Zusammenkunft auf den Haymarket in Chicago gerufen.

Doch dann zündete jemand eine Bombe an diesem denkwürdigen Tag, mehrere Polizisten und Demonstranten starben, sofort wurden mehrere Anarchisten für die Tat verhaftet und ohne großes Gerichtsverfahren umgehend gehängt. Ein späterer Gouverneur von Illinois nannte diese Maßnahme eine der schlimmsten Rechtsvergehen in der Geschichte Amerikas.

Schon kurz darauf wurden die Rufe in den USA und in Europa immer lauter, den 1. Mai als internatinalen Tag der Arbeit festzulegen. Beim Gründungstreffen der Zweiten Internationale 1889 in Paris rief Raymond Lavigne für das Folgejahr zu internationalen Demonstrationen am Jahrestag der Proteste von Chicago auf. 1891 wurde der 1. Mai ganz offiziell von der Zweiten Internationale als Festtag bestimmt.

Nur in den USA gingen die Uhren anders. Präsident Grover Cleveland fürchtete, dass mit dem Feiertag am 1. Mai die Erinnerung an das Massaker von Chicago erhalten werde. Das wollte er verhindern und willigte deshalb ein, einen Feiertag für Arbeiter im September einzurichten. Noch heute gibt es den Labor Day, der alljährlich am ersten Montag im September begangen wird. Mit der Revolution in Russland, der Gründung der Sowjetunion und der Kommunistenjagd in den USA war der 1. Mai im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sowieso als „Kommunistentag“ verschrien. Da half auch nichts, dass sogar die katholische Kirche 1955 den 1. Mai zum Festtag erklärte. An diesem Tag wird an „Josef den Arbeiter“ gedacht, der Schutzpatron der Arbeiter, vor allem der Handwerker.

Der amerikanische Tag der Arbeit

Heute ist Feiertag in den USA, „Labor Day“. So etwas wie die 1. Mai Demonstrationen in Deutschland sind hier unvorstellbar. Zwar wird auf der Webseite des Weißen Hauses an die Bedeutung der amerikanischen Arbeiterbewegung erinnert, aber groß gefeiert wird der Tag nicht.

Zum amerikanischen Tag der Arbeit hat „The Nation“, das Flaggschiff der linken Presse und die älteste Wochenzeitung in den USA eine Liste mit den Top Ten der „Labor Songs“ auf ihre Webseite gestellt. Das reicht von Pete Seeger bis zu Dolly Parton. Ob das nun wirklich die besten sind, das sei mal dahin gestellt, wahrscheinlich hat man nur die auf youtube gefunden, aber es ist eine interessante Mischung an Videos zum Thema „Arbeit“ heraus gekommen. Top Ten Labor Day Songs

Interessensgemeinschaft Oakland Style

Am Mittwoch wurde es ganz deutlich, als tausende von Demonstranten von Downtown Oakland zum Hafen marschierten und diesen lahm legten. Die Gewerkschaft der „Longshoremen“ weigerte sich die Streiklinien zu durchbrechen, um zum Schichtwechsel die Arbeit aufzunehmen. Die gewaltigen Kräne standen für Stunden still. Und auch die Truckerschlange wurde länger und länger. Kein LKW kam mehr rein und keiner mehr raus aus dem Hafengelände. Viele Brummifahrer ließen aus Unterstützung mit den Demonstranten ihre Hupen ertönen.

Der Schulterschluß zwischen der Occupy Bewegung und den Gewerkschaften wird immer deutlicher, auch wenn er nur ganz vorsichtig im ganzen Land voran getrieben wird. Die Protestler haben ein Problem mit Führung und Strukturen und genau das bräuchten aber die Gewerkschaften, um gemeinsam und verbindlich die Themen anzugehen, die beiden Lagern wichtig sind: Der Kampf gegen die Macht der Unternehmen, Banken und Manager. Für mehr Mitbestimmung im politischen Prozess, für eine faire Bezahlung, für Arbeit, die sich lohnt.

Inwieweit die Annäherung und gegenseitige Unterstützung weitergeführt werden kann ist derzeit noch fraglich. Einige Sprecher in der Occupy Bewegung hoffen auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit „Labor“. Und auch die Arbeitnehmervertreter erwarten sich von den Campern in den amerikanischen Innenstädten einen neuen „Push“. Die Mitgliedszahlen der Gewerkschaften sinken seit Jahren, jüngste Bestrebungen von republikanischen Gouverneuren sollen noch weiter den Einfluß der „Unions“ schwächen. Von daher wäre frisches Blut und ein neuer Aktionismus für die Gewerkschaften in den USA, gerade im wichtigen Wahljahr 2012, ein wichtiger Schritt.

Amerika könnte damit vor der Gründung einer neuen außerparlamentarischen Opposition stehen, denn eines ist klar, es wird keine Gründung einer neuen Partei geben. Mit einer starken und erstarkten Occupy/Gewerkschaftsbewegung erhofft man sich vor allem mehr Einfluß auf den politischen Prozess in Washington und den einzelnen Bundesstaaten nehmen zu können.