Ein „Muzungu“ auf dem Moped

Am Tag als der Papst seinen Rücktritt erklärt, stehe ich vor einer Wandmalerei im Gefängnis von Goma. In diesem Raum waren rund 150 Häftlinge untergebracht. Ab und an wurde hier auch ein Gottesdienst gefeiert. Unchristlicher könnte kein Ort sein. Verdreckt, elendig, zerstört. Wer hier hauste, hier untergebracht war, der war vergessen. Im November wurden die Gefängnistore geöffnet, von wem ist unklar, den Regierungssoldaten oder den M23 Rebellen.

Heute ging es am Morgen zuerst mit dem Mopedtaxi in einen Randbezirk von Goma, dort werden ehemalige Kämpfer und Opfer von zumeist sexueller Gewalt geschult. Es ist wie eine Berufsschule, es gibt eine Schreinerei, eine Autowerkstatt, Näherei, Maurerei. Finanziert wird das ganze von norwegischen und finnischen Hilfsorganisationen. Hier arbeiten, und zum Teil leben, Täter und Opfer nahe beieinander. Ein einmaliger Versuch, der jedoch zu funktionieren scheint.

Wieder zurück in die Stadt, mit dem Moped Taxi. Der schwarze Lavastaub setzt sich in allen Poren fest, nach jeder Fahrt hat man ein schwarzes Gesicht, man sieht deutlich die Ränder der Sonnenbrille um die Augen. Wie die Mopedfahrer den Parcours auf Gomas Straßen bewältigen ist einzigartig. Geschickt wird um steinige Hügel aus Lavagestein auf den Strassen und tiefe Schlaglöcher herum manövriert. Und immer sind andere Mopeds um einen rum. Ein „Muzungu“, ein Weißer auf einem Mopedtaxi kommt nicht so oft vor. Da bleiben schon mal einige stehen, wie gestern, als meinem Fahrer der Sprit ausging. Er rief einen anderen herbei und versuchte mir auf Französisch klar zu machen, was ich zu zahlen habe. Und ich antwortete auf Englisch, dass das viel zu viel sei…währenddessen wurde die Gruppe um uns herum immer größer. Einige lachten über den Muzungu, andere hörten dem sicherlich bizarren hin und her einfach interessiert zu. Schließlich einigten wir uns, ein paar Scheine wechselten die Hand und weiter ging es.

Heute morgen ein ähnliches Schauspiel. Diesmal fuhr mein Mopedtaxi nach ein paar Hundert Metern mit plattem Hinterreifen. Der Fahrer hielt also an, rief einen anderen Fahrer herbei. Schaulustige machten sich über den etwas größeren und sicherlich auch schwergewichtigeren Muzungu im Vergleich zu den schmalen Kongolesen lustig. Der sei wohl schuld am platten Reifen, machten sie mir mit Gesten klar. Ich zeigte auf einen bäuchigen Kongolesen auf einem anderen Moped, also an mir konnte es wohl nicht gelegen haben. Einmal herzhaft gelacht und weiter ging es.

Goma ist eine seltsame Stadt. Am Ufer große Villen und Hotels, Motorboote der Reichen düsen vorbei, dahinter junge Frauen auf Wasserski. Und dann ist da der Rest von Goma, eine Stadt, die eigentlich nicht existent ist, also zumindest nicht so, wie wir uns eine Stadt vorstellen. Die Stromversorgung mangelhaft, kaum fliessend Wasser in den Häusern, Straßen nicht existent. Armut, Elend, Not. Und das hier, wo Goma der Umschlagplatz für Gold, Diamanten, Coltan, Wolfram und viele andere Erze ist. Jeden Tag werden hier Bodenschätze im zig stelligen Millionenbereich vertickt und über die Grenze geschafft. Einige leben sehr gut davon, die Rebellengruppen finanzieren ihre Kämpfe damit, doch in der Bevölkerung kommt vom Reichtum der Region und des Kongos nichts an.

Ich sitze hier auf dem Balkon meines Hotelzimmers, schaue auf den Kivu See, in der Ferne die Berge, der mächtige Vulkan Nyiragongo. Eine Traumlandschaft….gerade startet wieder lautstark ein UN Flugzeug vom Flughafen Goma. Eine Erinnerung daran, dass dies hier keine normale Stadt am beschaulichen Seeufer ist.

Modern Talking im Kongo

Ja, muß das denn wirklich auch noch sein? Modern Talking plärrte auf der nächtlichen Taxifahrt durch Goma aus dem Radio. Von einem Ende der Stadt ans andere. Die Millionenstadt war wie ausgestorben, kaum eine Menschenseele auf den Straßen. Überall war es dunkel. Der Taxifahrer hielt an einer Ecke. Kein Sprit mehr, meinte er, doch hier war keine Tankstelle. Er stieg aus, lief zu einem jungen Kongolesen hinüber. Der schüttete erstmal aus einem gelben Kanister Benzin in zwei Plastikwasserflaschen und leerte diese anschließend in den Tank. Weiter ging die nächtliche Fahrt über das holprige Lavagestein, hier auch Straße genannt. Und dazu „Cherie, Cherie Lady“….und danach „You’re my heart, you’re my soul“. Modern Talking im Doppelpack geht gar nicht, erst recht nicht in einem nächtlichen Goma, das für jeden Horrorstreifen als Kulisse herhalten könnte. Mir gruselte es!

Zwei Ecken weiter zieht ein Bewaffneter eine Holzlatte mit Nägeln über die Fahrbahn. Straßenkontrolle. Aussteigen, Rucksack öffnen. Das Auto wird durchsucht. Nichts zu finden. Ein weiterer Soldat kommt von hinten und meint „Muzungu, give me money“. Ich bin schon eingestiegen, weiter geht die Fahrt zum Gästehaus der Caritas, direkt am Lake Kivu.

Der Tag hatte schon früh begonnen. Die Nacht in Gisenyi auf ruandischer Seite verbracht, dann morgens zu Fuß über die Grenze, kurz einchecken im Hotel und weiter zu CARE International. Die Hilfsorganisation hatte angeboten mich in einige Flüchtlingslager mitzunehmen, mir ihre Projekte zu zeigen. Quer durch die Stadt ging es, eine einzige Holperpiste aus Lavagestein und tiefen Schlaglöchern. Links und rechts Barracken, Wohnhütten, kleine Geschäfte und überall Kleinkinder. Im ersten Lager sassen wir mehrere Stunden in einem Bretterschuppen, der das Büro des Lagerpräsidenten war. In der Nebenhütte surrte eine Nähmaschine, immer mal wieder wehte der Geruch der nahen Behelfstoiletten herüber. Der Präsident berichtete von den täglichen Schwierigkeiten, den Übergriffen, dem Versagen der kongolesischen Regierung. Danach saßen an dem kleinen Tisch zwei junge Frauen, die von sexueller Gewalt sprachen. Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gehören zum Alltag der Frauen im Kongo.

Auf dem Weg zum Auto begleiteten uns Dutzende von Kindern. Einige waren mutig und kamen ganz nahe, um dem Muzungu über die Haare an den Armen zu streichen. Sie lachten dabei. In dem Moment konnte man sogar das ganze Elend um einen herum vergessen.

„In Za, in Zaire“

„Goma ist ein Dreckloch“, meinte einer zu mir. Am Ende der Promenade von Ginsenyi liegt ein Grenzübergang. Villa neben Villa und dann der Grenzposten. Formular ausfüllen auf ruandischer Seite, Pass zeigen, dann rüber laufen. DRC Grenzposten, 30 Dollar zahlen, ein paar dämliche Fragen beantworten und man bekommt ein Din A 4 Visum ausgestellt. Ganz toll! Darf man das nun falten? Egal, muss in die Tasche rein.goma2

Ein Fahrer von UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, holt mich ab. Mit dem Jeep geht es durch die Stadt. Nur wenige Minuten später ein kleiner Zwischenfall an einer Strassenecke, ein aufgebrachter Pulk von Menschen, Sicherheitsleute dazwischen. Der UN Fahrer haut die Linkskurve rein, fährt auf der anderen Strassenseite schnell vorbei. Warum, wieso, weshalb…kein Kommentar. Hundert Meter weiter meint er, dass hier 2002 der Lavastrom entlang floss, als der Vulkan Nyiragongo ausbrach. Die frühere Strasse liegt zwei Meter unter der jetzigen Asphaltdecke, der einzigen geteerten Strasse in Goma.

Die UN ist seit den 60er Jahren in Goma präsent, versucht hier unmögliches zu leisten. Ein Ende ist nicht in Sicht. Flüchtlingsströme haben sich verschoben. Nach dem Genozid in Ruanda begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen, die noch immer in Teilen von Nord-Kivu anhalten. Erst der erste Kongo Krieg, dann der zweite. Hutu Milizen versuchen sich erneut zu formen, ihr Ziel ist die gewaltsame Rückkehr nach Ruanda. goma3Der Osten des Kongos gleicht in weiten Teilen einem Chaos. Die Hauptstadt Kinshasa im Westen ist weit weg, und was dort beschlossen wird, kommt nicht unbedingt in dieser Region im Osten an.

Rund 40 Hilfsorganisationen sind vor Ort, darunter auch die GTZ, die deutsche „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“. Wenn man durch die Strassen von Goma läuft fragt man sich ernsthaft, wie man hier technisch zusammen arbeiten kann. Alles scheint ein reiner Moloch zu sein. Es ist dreckig, Abfall überall. Gebäude, Strassen in einem desaströsen Zustand. Doch die Leiterin des UNHCR Büros in Goma zeigt sich optimistisch. Sie meint, es sei nicht einfach, aber man müsse mit den Gegebenheiten hier arbeiten. Was sie damit sagen will ist klar. Es gibt in Goma und der Nord-Kivu Region verschiedene Machtzentren, die teils gegeneinander arbeiten, verschiedene Interessen haben und nicht leicht zu durchschauen sind. Aber man mache Fortschritte, meint sie. Die Flüchtlingslager seien fast vollständig aufgelöst worden, nun versuche man mehr mit lokalen Führungen am Wiederaufbau zu arbeiten. In Goma braucht man Optimismus, ansonsten versinkt man in Hoffnungslosigkeit.

Ruandas Norden

ruhengeriVon Kigali ging es nördlich nach Ruhengeri, die Stadt am Fusse der Vulkane. Dort sind auch die Gorillas zu finden. Schlappe 500 Dollar kostet die Besuchsgenehmigung für Touristen. Im Lande lebende Ausländer zahlen „nur“ 250 Dollar. Nicht gerade ein billiger Spass, aber eine wunderschöne Gegend.

Von dort geht die Fahrt weiter nach Gisenyi, die Stadt in der nordöstlichen Ecke von Ruanda, direkt an der Grenze zu Goma, Demokratische Republik Kongo. Traumhaft gelegen am Lake Kivu, ein gewaltiger See, der Ruanda vom Kongo trennt. gisenyi1Dies ist der einzige See in dem man baden kann. In anderen Binnengewässern ist so einiges am Kreuchen und Fleuchen, was man lieber nicht zu nah an die Haut kommen lassen will. Gisenyi war früher ein Erholungsort für Leute aus dem Kongo und aus Kigali. Und heute versucht man wieder an diese alten Zeiten anzuknüpfen. Neue Hotels, schöner Strand, eine Promenade wird hergerichtet….nur man darf nicht in die Seitenstrassen schauen. gisenyi2Arme Verhältnisse, ungeteerte Strassen, Häuser ohne Wasser, Strom, Kanalisation. Welten trennen die Wohngegenden der „normalen“ Leute vom wenige hundert Meter entfernten Seeufer. In manchen Strassen trennt gerade mal ein Draht die zwei Länder, die sich noch bis vor kurzem bekämpft haben. Goma liegt gleich neben Gisenyi, so wie Nürnberg neben Fürth liegt.

Zurück am Strand, direkt vor dem Serena Hotel erinnert heute nichts an die Tage und Wochen, als Zehntausende von Flüchtlingen zwischen Ruanda und dem Kongo hin und her zogen. Man liegt dort, trinkt ein kühles „Mützig“ Bier, blickt auf den See, geht Schwimmen, lässt sich die Sonne auf den Buckel scheinen. Es ist ein traumhafter Ort…welche Träume man hier hat, liegt ganz an einem selbst. Es hängt alles davon ab, wie sehr man sich für die Geschichte dieses Landstriches interessiert und wie weit der Blick rechts rüber Richtung Norden geht. Denn unweit des Serena Hotels liegt die Grenze zu Goma.