Als mich Leni Riefenstahl anspuckte

Die Bühne gibt es eigentlich nicht. Ein paar Stuhlreihen links und rechts und dazwischen wird gespielt. Als Zuschauer sitzt man mittendrin, muss auch mal die Beine einziehen, wenn die Schauspielerinnen Stacy Ross und Martha Brigham an einem vorbeilaufen, Beleuchtungslampen durch die Gegend schieben. Und eben auch direkt vor einem sprechen. Theater zum Anfassen.

Stacy Ross in der Rolle der Leni Riefenstahl.

Der Zuschauer wird Teil dieser Produktion, wird Teil der Geschichte. Denn das Publikum ist gefragt, über Schuld, Nichtschuld, Teilschuld, Unschuld der wohl bekanntesten deutschen Filmemacherin zu urteilen. Alles dreht sich um ihre berühmt-berüchtigten Meisterwerke „Triumph des Willens“ und „Olympia“. Ist es „nur“ Kunst oder waren diese Filme aktive Unterstützung des nationalsozialistischen Weltbilds und damit ein wichtiger Teil des brutalen Unrechtsregimes?

Auf zwei Leinwänden werden Ausschnitte eingespielt. Szenen aus der Altstadt Nürnbergs in dem kleinen Aurora Theater in Downtown Berkeley. Adolf Hitler im offenen Wagen, Nürnberginnen und Nürnberger, die dem Führer begeistert zujubeln. Es ist etwas surreal und doch auch so aktuell. Denn in den USA findet in diesen Tagen, Wochen und Monaten, eigentlich schon seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001, eine Diskussion statt, in der die Rolle der Kunst und Kultur in einer modernen Gesellschaft hinterfragt wird. Einer Gesellschaft, die von Terroristen angegriffen wird, in der von manchen Patriotismus, Familienwerte und Moral eingefordert werden. Welche Verantwortung hat die Kunst?

Leni Riefenstahl (Stacy Ross) sagt auf der Bühne, ihre Arbeit werde heute überall kopiert, die Bilder des letzten US Wahlkampfes fallen einem gleich ein. Wo sei also ihre Schuld, wenn sie nur hinter der Kamera stand, am Schneidetisch viele Stunden Aufnahmen kommentarlos zusammen schnitt? Sie habe sich nie positioniert, war nie politisch aktiv. Auf die Frage aus ihrem Nachkriegsverhör, ob sie eine Liebes- und sexuelle Beziehung zu Hitler und Goebbels hatte, antwortet Leni entrüstet. Hier wird sie zum Opfer, denn diese sexistische Frage impliziert, dass sie als Frau niemals diesen Zugang zum Führer gehabt hätte, wenn sie nicht willig gewesen wäre.

„Leni“ von Sarah Greenman ist ein beeindruckendes Theaterstück, voller offener Fragen und wenigen Antworten. Es beschreibt eine Frau, eine Künstlerin, deren Namen wir alle kennen, doch die wir alle kaum kennen. „Leni“ wäre ein Schauspiel für Nürnberg, vielleicht sogar eines, das im Dokumentationszentrum am Dutzendteich aufgeführt werden sollte, dort, wo Leni Riefenstahl ihren „Triumph des Willens“, Fluch und Segen der Künstlerin, einst drehte.

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Wie einst Leni Riefenstahl

Ich habe sowohl Riefenstahls Nürnberger Parteitagsfilm und ihren 36er Olympiastreifen gesehen, wie auch schon etliche Rammsteinkonzerte live miterlebt. Aber irgendwie will das für mich nicht zusammen passen. Anders allerdings für amerikanische und kanadische Kritiker, die sich bei der aktuellen Tour der Berliner Combo an Hitlers Lieblings-Leni erinnern. Muß man wohl so stehen lassen, ich denke ja beim Pommesessen bei McDonald’s auch immer an die Lynchjustiz in den amerikanischen Südstaaten. Ist klar, oder?

Rammstein tourten letztes Jahr durch die USA. Die Nachfrage war so groß, dass man gleich nochmal kommen wollte. Es geht wieder quer durchs Land und die Fans sind begeistert. Vom „besten Tag meines Lebens“ bis „phänomenal“ und „einzigartig“ werden die Konzerte in den Blogs und auf facebook beschrieben. Rammstein rocken sich durch den Wilden Westen und zeigen ganz ungeniert, dass man durchaus auch mit deutschen Texten Amerika aufrollen kann.

Die explosive Pyroshow der Berliner ist einzigartig, man kann ohne zu übertreiben sagen, dass Rammstein derzeit die beste Live-Performance im Rockzirkus bieten. Die Tickets für ein Konzert sind nicht gerade billig, doch die Tour ist ausverkauft. Solch einen Hype erlebt man selten. Rammstein sind da, wo sie immer sein wollten. Mit einer bewundernswerten Ausdauer und Disziplin verfolgten sie ihren Masterplan. Als ich 1997 mit Paul Landers im kleinen Club „The Edge“ in Palo Alto hinter der Bühne saß, meinte er, sie begreifen selbst nicht, was da gerade abläuft. Das Ziel sei allerdings, so Landers lachend, auch in den USA die ganz großen Konzertsäle zu füllen. Doch dann auf der Bühne war klar, Rammstein sind ein Phänomen. Die paar Dutzend Amerikaner im Publikum waren geschockt, fasziniert, überrascht, geplättet. Sänger Till Lindemann setzte sich gleich beim ersten Song „Rammstein“ in Flammen. Die Band spielte ihr Programm auf dieser kleinen Bühne.

Seit dieser ersten Tour im Vorprogramm von KMFDM sind Rammstein Kult in den USA. Man hört sie selten im Radio und dennoch verkaufen sich ihre Platten, die größten Konzerthallen sind schon lange ausverkauft, nichts scheint sie stoppen zu können. Lange Zeit drückten sich die offiziellen deutschen Stellen in den USA, Botschaft, Konsulate und Goethe-Institute, darum, auch nur irgendwie in die Nähe der Berliner gebracht zu werden. Und das, obwohl Rammstein wohl mehr für die Verbreitung der deutschen Sprache und der deutschen Kultur getan haben, als viele der „offiziellen“ Kultur- und Sprachangebote. Man muß sich nur ein Konzert der Band ansehen, man sollte nur mal auf die Fanseiten blicken, dann sieht man, Deutsch ist „in“. Und wenn ein 15jähriger über „Du hast“ zum Deutschlernen kommt, soll mir das recht sein.

Rammstein Songs werden in den Deutschstunden der High Schools behandelt. In den Klassenzimmern kommt man über die Berliner auf die deutsche Musikszene, die Berliner Mauer, die DDR, Geschichte, Politik und Kultur.

Und nun touren sie wieder, die Fans jubeln, die Kritiker wissen so gar nicht, was sie davon halten sollen, dass tausende von Kids lautstark auf Deutsch mitsingen. Klar, holen wir mal wieder die olle Leni aus der Mottenkiste. Muß ja sein, jemand, der so schön das „R“ rollt wie Till Lindemann, hat  sicherlich was mit dem bekloppten, kleinen Österrrrrreicher zu tun. Und Explosionen, Feuer und Flammenshow, na, wenn das nicht an den Blitzkrieg über England erinnert.

Das Gute an allem ist, dass die Fans sich von solch bescheuerten Kritiken nicht beeinflussen lassen. Rammstein haben Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache geweckt. Dafür sollte man ihnen dankbar sein.