Ein Fest des Lesens

An diesem Wochenende findet in Berkeley das Bay Area Book Festival statt. In Downtown, gleich neben dem Rathaus, sind Dutzende Stände von zumeist kleinen Verlagen und Buchläden und einige weitere, teils obskure, Angebote aufgebaut. Lesungen, Vorträge, ein Treffen rund ums Buch.

Das „Wunderbar Together“ Zelt.

Mit dabei in diesem Jahr auch ein über das Deutschlandjahr des Auswärtigen Amtes finanziertes „Wunderbar Together“ Projekt. Dabei stellt der Auslandssender Deutsche Welle gemeinsam mit dem Goethe-Institut eine Liste von 100 deutschsprachigen Büchern vor, die man gelesen haben sollte. Es ist keine Bestenliste, es gibt keine Rangordnung, es sind Bücher, die alle im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden und Lust aufs Lesen machen sollen. Eine der Bedingungen für die List war, dass das jeweilige Buch auch auf Englisch zu erhalten ist. Einiges auf dieser Liste kenne ich, vieles jedoch muss ich mir mal genauer ansehen. Umrahmt wird diese Buchpräsentation von Autorenlesungen aus Deutschland und der Schweiz. Dazu noch Konzerte im eigenen „Wunderbar Together“ Zelt.

Unter den zahlreichen Ständen im Martin Luther King Jr. Civic Center Park fand ich auch für mich ein paar Bücher. Passend zum deutschsprachigen Zelt, ein wunderschöner „used“ Bildband von Käthe Kollwitz, deren tiefe, dunkle und intensive Grafiken, Zeichnungen, Poster und Holzschnitte in den USA sehr geschätzt werden. Und dann erwarb ich auch noch zwei Bücher zum Thema Musik. „The Big Red Songbook“, 250 Liedtexte und die dazugehörigen Geschichten der „International Workers of the World“ und „The explosion of deferred dreams“, Musik in den stürmischen Zeiten San Franciscos zwischen 1965 – 1975. Der Samstagabend ist noch jung, also mache ich mich mal ans Schmökern.

Zum Tod von Peter Härtling

Seine Helden hießen Krücke, Hirbel und Alter John. Peter Härtling erzählte aus dem Leben für das Leben von Kindern und Jugendlichen. Und er fand dabei eine Sprache, die verständlich war. Ich selbst konnte das Ende der 80er Jahre erleben, als ich meinen Zivildienst in der Städtischen Kinderklinik Nürnberg ableistete. Eine meiner Aufgaben war es, eine mobile Kinderbibliothek aufzubauen und zu unterhalten. Zweimal in der Woche rollte ich mit meinem alten, bunt angestrichenen und von den Schreinern des Klinikums umfunktionierten Kinderleichenwagen über die Stationen der Klinik. Allein das war schon eine Geschichte wert.

Peter Härtling war ein stiller Begleiter für viele kranke Kinder. Foto: AFP.

Und die Bücher von Peter Härtling wurden gerne von den Kindern ausgeliehen. Seine Sprache war direkt, ansprechend, einfach und doch so voller Tiefe. Gerade jene Kleinen, die lange auf den Stationen waren, liebten die Bücher Härtlings. Bücher waren damals eine der wenigen Ruheplätze, Fluchtwege, Abschaltmöglichkeiten in einem Krankenhaus wie der Kinderklinik. Sein Kinderbuchverlag „Beltz & Gelberg“ schickte mir immer mal wieder ein paar neue Bücher von ihm, einiges konnte ich auch über die Krankenhausbücherei ordern. Dort freute man sich neben all den Fachbüchern über die etwas andere, leichtere Lektüre.

Damals schrieb ich Peter Härtling auch mal an, um ihm für seine vielen wunderbaren Geschichten zu danken, die in der Kinderklinik gerne gelesen wurden. Er antwortete selbst und schrieb, er freue sich sehr über diese Rückmeldung auf seine Bücher. Wo ist dieser Brief nur geblieben? Über seine Arbeit für Kinder lernte ich auch den Romanschriftsteller Peter Härtling kennen. „Das Windrad“ beeindruckte mich so, dass ich das Buch damals meinem Freund René in der DDR mitbrachte und ihm ans Herz legte. Er war sehr in den christlichen Öko-Kreisen in und um Freiberg in Sachsen aktiv. In diesen Vorwendejahren tauschten wir uns regelmäßig aus und beschenkten uns mit Büchern.

Nach dem Zivildienst arbeitete ich noch ein paar Jahre weiter in der Kinderbücherei, der Verein Klabautermann finanzierte diese erste Teilzeitstelle. Härtlings Bücher wurden zu einem festen Bestandteil der Bibliothek. Der grüne Bücherwagen mit seiner langen Geschichte ist selbst Geschichte geworden. Der große blaue Bücherschrank wohl auch. Ob es die Kinderbücherei heute noch im Südklinikum gibt, wohin die Kinderklinik nach meiner Zeit umgezogen ist, weiß ich gar nicht. Geblieben sind für mich die vielen Erinnerungen und viele, viele wunderschöne Kinderbücher, die ich mir nach dem Lesen dann noch selbst besorgt habe. Sie stehen heute alle hier in meinem Haus in Oakland. Die „Geschichten für Kinder“ – kleine und große – werde ich mir noch einmal heute Abend in meinem Sessel durchlesen. Danke Peter Härtling.

Amnestie für Buchwürmer

Die Stadtbücherei in San Francisco hat eine Amnestie für all jene ausgesprochen, die schon seit Ewigkeiten auf ausgeliehenen Büchern sitzen und sie einfach nicht zurück gebracht haben. Die Straffreiheit bedeutet zwar keine Gebühren, aber man muss erzählen, warum man das Buch nicht pünktlich zurück gebracht hat. Das ganze wurde zu einem kreativen Schreibwettbewerb umfunktioniert.

Und dabei sind einige ganz witzige Geschichen zusammen gekommen. Vom Hund, der das Buch angeknabbert hat, bis hin zu Schulkindern, die bei der Rettung von Meerestieren einfach das Abgabedatum vergessen haben. Auch eine Frau meldete sich, die einen Ratgeber für jüdische Partnersuche erst verspätet zurück brachte. Ihre Begründung, nach dem dritten Mann erkannte sie, dass das Buch nichts taugt. Ein Nutzer gab an, dass seine Schwester eine ausgeliehene DVD aus Wut in seine DVD Sammlung schob und er es erst kürzlich bemerkte.

Insgesamt wurden 29928 Bücher, Filme, CDs und Kassetten zurück gegeben. Ein absoluter Rekord. 2001 gab es schon mal eine ähnliche Amnestie der SF Stadtbücherei, damals wurden gerade mal 5000 Rückgaben gemacht. Die Bibliotheksleitung geht davon aus, dass die derzeitige Wirtschaftskrise für die hohe Zahl verantwortlich zu machen ist.

Vielleicht wäre dieser Amnestie-Schreibwettbewerb ja auch eine Idee für die Nürnberger Stadtbibliothek: