Ein unwillkommener Nationalschatz

Im Herbst 2016 erhielt Ramin Alhaj einen Brief von Präsident Obama. Darin wurde der Oud Spieler mit einem Preis der „National Endowment for the Arts“ ausgezeichnet. „Ich wurde in dem Brief als „living treasure“ beschrieben…zwei Monate später war ich hier nicht mehr willkommen“. Ramin Alhaj lachte im Gespräch darüber, als ich mit ihm im vergangenen Jahr über seine Platte „Letters from Iraq“ sprach. „Der erste Präsident sagt, danke Dir Rahim für Dein wunderbares Geschenk, Du bereicherst unser Land hier. Und zwei Monate später bin ich hier nicht mehr willkommen.“

„Good Times“ von Immigrant zu Immigrant. Ich musste den unwillkommenen lebenden Schatz Rahim Alhaj einfach in San Francisco treffen.

Rahim Alhaj stammt aus dem Irak und lebt schon seit vielen Jahren in New Mexcio. Er ist einer der besten Oud Spieler, jenes traditionelle Instrument aus dem vorderen Orient, auch bekannt als Kurzhalslaute. Alhaj ist ein Zauberer auf diesen Saiten, das hat er am Samstag in gleich zwei Konzerten im Jazz Center von San Francisco bewiesen. Lieder zwischen „Fun“ und „Tragedy“, wie er es beschrieb. Gefühlvoll, ergreifend, nahegehend. Rahim Alhaj öffnet mit seiner Oud eine ganz andere Klangwelt, lässt die Zeit stillstehen, lädt die Hörer auf eine Reise ein.

Seine Lieder drehen sich um das, was er gesehen, erlebt und berichtet bekommen hat. „Letters from Iraq“ ist das Album, auf dem er Briefe aus seiner alten Heimat vertonte, Lieder aus dem Leben in einem tief erschütterten Land. Zwischen Spass und Tragödie, Geschichten, die das Leben erzählt. Und Rahim Alhaj berichtet mit den Saiten seiner Oud, schafft Nähe und Zugang zu einer Kultur, die trotz all der Schlagzeilen der letzten 17 Jahre so unbekannt ist. Ein wundervolles, tragendes und dennoch unterhaltsames Konzert eines Ausnahmemusikers. Im Herbst wird Alhaj auch nach Deutschland und Europa kommen, man sollte ihn nicht verpassen. Es ist ein außergewöhnliches Ereignis, ihn auf der Bühne zu sehen, zu hören, zu erleben.

Donald Trump zeigt mir die Welt

Ich hätte ja auch nicht gedacht, dass ich mal ein gutes Wörtchen für diesen Präsidenten finden werde. Aber der Nationalist und „America First“ Verfechter Donald Trump zeigt mir die Welt. Zumindest musikalisch. Mir fällt auf, dass ich seit Trumps amerikanischem Isolationismus verstärkt Musik aus den verschiedensten Ländern und Regionen anhöre. Aus Afrika und dem Nahen Osten, aus Vietnam, Afghanistan und Japan. Und da ist kaum Musik aus den USA dabei, und wenn, dann sind es alte Aufnahmen, die ich sehr schätze.

Gerade liegen die CDs der Box „Voices of forgotten worlds“ im CD-Spieler. Ja, ich höre noch CDs und auch Vinyl. Mit mp3 Files konnte ich mich nach all den Jahren noch immer nicht anfreunden. Ich brauche was in der Hand, will in einem Booklet blättern, Musik halten. Was ich bislang an Liedern als mp3 gekauft habe, kann ich wohl an einer Hand abzählen. Und wenn, waren es auch nur dringend benötigte Songs für eine Radioproduktion. „Voices of forgotten worlds“ präsentiert eine musikalische Welt, so ganz fernab von Pop und Glanz und Glimmer. Nix mit Grammy und MTV Awards, keine Stars und keine Sternchen.

Es sind zumeist Feldaufnahmen aus Regionen wie Grönland, Nepal, Papua-Neuguina, Zentralafrika, Eritrea oder den indianischen Nationen in den USA und Kanada. Ein „spin around the world“, Musik, die Sprachen, Kulturen und Länder präsentiert. Auch ein Lied der „Bad Dudes“ aus dem Iran ist auf dieser Box vertreten, die mit einem umfangreichen Begleitbuch erschienen ist. Es wird gesungen in allen möglichen Variationen, getrommelt und auf Instrumenten gespielt, die man in unseren Breitengraden nicht kennt. Doch diese Musik, wie fremd und anders sie auch klingen mag, verbindet, macht Lust auf mehr, auf den Blick jenseits der großen Wasser links und rechts der USA.

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Trumps sinnloses Einreiseverbot für Menschen aus dem Iran, Irak, Syrien, Libyen, dem Sudan, Jemen und Somalia hat mir auch schon schöne Arbeit gebracht. Als nächstes bespreche ich die neue Platte von Rahim Alhaj, einem Iraker, der seit 2002 in den USA lebt. „Letters from Iraq“ ist nun ganz unbeabsichtigt zu einer politischen Aufnahme geworden. Ein wunderschönes Album, das diesen Meister auf der Oud präsentiert, der musikalisch von seiner alten Heimat, einem geschundenen Land und seinen Menschen erzählt. Auch das schafft Trump, die Politisierung der Kunst, der Kultur. Nicht nur die Veröffentlichung von Musik aus diesen Ländern ist da eine klare Botschaft, sondern auch das bewußte Hin- und Zuhören. Musik kennt wahrlich keine Grenzen, keine Visa und keine Mauern.