Wir sind in der Endlosschleife

Gestern Abend fand in Oakland eine Veranstaltung zum Thema „21st Century Policing“ statt. Also, es ging darum, wie die Polizei heute und morgen arbeitet und arbeiten soll. „Community Policing“, die Beziehungen zu den Bürgern stand dabei im Mittelpunkt. Nach Ferguson, Baltimore und auch den Ereignissen der letzten Jahre in Oakland, ist das Verhältnis zwischen vielen Nachbarschaften und den Polizeieinheiten gestört. Von Vertrauen ist keine Spur mehr zu finden.

Doch die öffentliche Veranstaltung am gestrigen Abend, zu der Bürgermeisterin Libby Schaaf geladen hatte, war ganz anders, als man sie aus einer deutschen Perspektive erwarten würde. Es wurde vor allem über das Auftreten der Polizei, über Respekt, über die Militarisierung der „Police Forces“ im ganzen Land gesprochen und Fragen beantwortet. Auf der Bühne sassen Ron Davis, der Leiter der Task Force für Präsident Obama in Fragen der Polizeiarbeit. Neben ihm der Präsident des Oakland Police Departments, Sean Whent, und der Bürgerrechtsanwalt John Burris.

Die Fragen aus dem Publikum waren alle etwas einseitig, Polizei kritisch, um es mal vorsichtig auszudrücken. Klar, in den Polizeireihen gibt es „crazy Cops“, die ihre Macht in Uniform ausnützen. Auch hier in Oakland. Doch die andere Seite der Medaille wurde bei allem gar nicht beleuchtet. Die offene Ablehung und der Hass gegen die Beamten, die täglich schwierige Situation einer unterbesetzten Polizeidirektion. Ganz zu schweigen von bewaffneten Gangs und Einzeltätern, die ihre Knarren ohne mit der Wimper zu zucken auch geben Polizisten wenden. Kein „policeman“ in den USA weiß bei einem Notruf und einem Einsatz, was auf ihn wartet. Die Knarren sitzen locker, hier und da. Wo da der Anfang der Gewaltspirale liegt, gleicht der Frage, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei?

Eine Diskussion wie die gestrige in Oakland würde es in Deutschland nie geben. Denn kein Wort wurde dazu gesagt, dass Amerika ein schwerbewaffnetes Land ist. Die Gewaltprobleme in den Städten, die hohen Mordraten, die täglichen Schießereien in den USA, sie hängen eng mit den rund 350 Millionen Schußwaffen im Umlauf zusammen. Ja, die „homicide rate“  ist in den letzten Jahren gefallen, auch hier in Oakland. Anfang September lag die Mordrate in meiner neuen Heimatstadt bei nur noch 56, ein Erfolg (!). In einer Stadt mit noch nicht einmal 400.000 Einwohnern. Zum Vergleich die Zahl in Deutschland, 2014 wurden im gesamten Bundesgebiet 298 Menschen umgebracht.

Die Diskussion in den USA über Gewalt, ja, auch Polizeigewalt, läuft fehl. Wer die eigentlichen Gründe nicht anspricht, nicht ansprechen kann, weil in der Verfassung ein angebliches Grundrecht auf Waffenbesitz existiert und damit quasi der Persilschein zum Rumballern ausgestellt wird, der wird das Problem nicht lösen können. Amerika ist eine Gesellschaft, die gelernt hat, mit der Gewalt zu leben. Leider.

Bang, bang….Nummer 44!

Ich schreibe gerne über Oakland. Über die Stadt, in der ich wohne, in der ich mich sehr wohl fühle, in der ich immer wieder etwas neues entdecken kann. Letzte Woche war Oakland geflaggt, die Leute tanzten und feierten auf der Straße, die Sonne schien vom blauen Himmel, die Golden State Warriors waren gerade NBA Champion geworden. „Yeah, that’s Oakland, Baby“, meinte mein Nachbar. Die Bürgermeisterin Libby Schaaf freute sich, dass Oakland endlich einmal mit ganz anderen Bildern in den Nachrichtensendungen überall im Land gezeigt wird.

Und dann, heute früh, der 44. Mord in diesem Jahr. Ein 57jähriger steht kurz vor zwei Uhr morgens vor seiner Tür im 2300 Block der 27. Avenue. Zwei Männer gehen auf ihn zu und erschiessen ihn. Einfach so. Noch am Tatort verstirbt der Mann. Nummer 44 in einem nicht endenwollenden Kreislauf aus Gewalt, Sinnlosigkeit, Waffenwahnsinn.

Es gibt Ansätze in Oakland, die Hoffnung machen, dass sich etwas ändern könnte. Hier freut man sich schon, dass die Mordrate in diesem Jahr nicht höher liegt, als im vergangenen zum gleichen Zeitpunkt. Aber man weiß auch, dass das keine Lösung, keine Beruhigung und kein Ziel sein kann. Libby Schaaf wurde gewählt, um Dinge anders zu machen. Sie will sie anders machen. Sie redet von „wir müssen etwas verändern“, und sagt nicht mehr, wie ihre Vorgängerin, „ich mache das schon“. Schaafs Vorgehensweise fällt auf in den USA, man schaut derzeit genau hin, was in Oakland passiert, ob die viel zu hohe Mordrate unter Kontrolle gebracht und vielleicht sogar drastisch gesenkt werden kann. Doch die Mühlen mahlen langsam. Alles braucht seine Zeit. Der 44. Mord in diesem Jahr führt das erneut vor Augen. Der 45., der 46., der 47. wird kommen. Das steht fest. Vielleicht schon morgen, vielleicht nächste Woche, vielleicht noch in diesem Monat. Der Gewaltprävention auf den Straßen Oaklands geht eine blutige Spur voraus.

Eine Frau mit Vision

Gestern hatte ich für ein längeres Feature ein Interview mit der Bürgermeisterin von Oakland, Libby Schaaf. Sie ist ein Kind der Stadt, wurde hier geboren, wuchs hier auf, engagierte sich schon früh für ihre Heimatstadt. Nach verschiedenen administrativen Aufgaben wurde sie „Council Member“, eine Art Stadtrat. Und dann kandidierte sie im vergangenen Jahr für das Amt der Bürgermeisterin. „Made in Oakland“ war ihr Wahlkampfslogan, der nicht nur ausdrückte, dass sie hier geboren wurde, sondern auch ihren Stolz eine Oakländerin zu sein. Sie wurde für viele überraschend im ersten Wahlgang gewählt.

Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf.

Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf.

Libby Schaaf betont im Gespräch immer wieder, was für eine schöne Stadt Oakland ist. Eine Stadt, die sich nicht verstecken muß, schon gar nicht hinter der nordkalifornischen Metropole San Francisco. Oakland ist eine der ethnisch interessantesten Städte Amerikas. Es ist keine Megacity with LA oder New York, und doch trifft man hier Menschen aus aller Herren Länder mit den verschiedensten kulturellen Wurzeln. Die Kunst- und Kulturszene boomt, neue Restaurants werden fast wöchentlich eröffnet, Oakland verändert sich im Sauseschritt. Dazu kommt, wie Libby Schaaf gerne betont, die Schönheit der Stadt. 20 Meilen Ufer, ein See mitten in Downtown, Redwood Bäume in den Hills, das bessere Wetter als die Stadt hinter der Bay Bridge und dazu noch fantastische Ausblicke auf das Golden Gate.

In dem Interview ging es um die Gentrifizierung in San Francisco. Viele ziehen von der einen Seite der Brücke auf die andere Seite nach Oakland. Gerade Künstler und Kulturschaffende kommen, die in der East-Bay noch bezahlbaren Wohnraum und Studios finden, zum Teil in den alten leerstehenden Industrieanlagen. Hinzu kommen Restaurants, die in San Francisco ihre Türen schlossen, um in Oakland etwas neues zu eröffnen.

Libby Schaaf sieht die Chance, die sich durch diese Bereicherung bietet, durchaus realistisch. Denn auch in Oakland steigen dadurch die Miet- und Grundstückspreise. Doch es gibt Ansätze und Maßnahmen, um die Gentrifizierung in Oakland unter Kontrolle zu bekommen. Die 49jährige Schaaf ist dennoch eine Visionärin, die mitreißen kann. Sie glaubt an die Stadt, an die kreative Energie, die hier existiert, an die Zukunft Oaklands. Die 100 Tage Schonzeit als Bürgermeisterin hat sie schon hinter sich. Auch wenn sie keine Wunderheilerin für die tiefen Wunden und zahlreichen Narben der Stadt ist, die Stimmung ist nach wie vor positiv in Oakland. Ihre offene, ehrliche und angenehme Art hat ein ganz neues Klima geschaffen. Es ist ein lokales „Yes, we can“ Gefühl, das sich breit macht und das Oakland richtig gut tut.

Mit vier Pfoten durchs „Oaklandish“ Leben

Oakland ist eine hundefreundliche Stadt. Klar, Katzen sind auch beliebt. Aber ich bin eben nun mal mehr der Hundefreund. Es gibt mit den „East Bay Regional Parks“ eine einzigartige stadtnahe und weit offene Fläche, die man mit seinem Vierbeiner durchwandern kann. Eigentlich bin ich da jeden Tag auf verschlungenen Trampelpfaden unterwegs, zwischen Redwoods und kleinen Bächen. Es ist ein Auftanken der besonderen Art. Und dann diese teils Wahnsinnsausblicke auf die Bay Area mit Oakland, San Francisco und dem Golden Gate. Ich habe nie verstanden, warum all die SF Touristen immer nur in die Marin Headlands fahren und diese einzigartige Parklandschaft in der East Bay verschmähen. Kleiner Geheimtipp für alle Leserinnen und Leser dieses Blogs, falls Sie mal in die SF Bay Area kommen, Oakland ist einen oder auch mehrere Ausflüge wert. Davon berichte ich hier ja auch immer mal wieder, ich denke, mittlerweile ist schon bekannt, dass ich mich in dieser Stadt ganz wohl fühle.

Oakland ist also eine hundefreundliche Stadt, Wassernäpfe findet man überall. Viele Restaurants und Kneipen am Wasser laden richtiggehend dazu ein, mit seinem Hund einfach den Tag zu genießen. Ich empfehle da nach einem Spaziergang in den Oakland Hills (East Bay Regional Parks) Stop zu machen im „Heinold’s First and Last Chance Saloon„. Das wohl älteste Gebäude der Stadt, eine schiefe Bar, die einfach Kult ist. Dort kann man mit seinem Vierbeiner auch draußen sitzen, Leute kucken, lokales Bier genießen, die Oakland Atmosphäre in vollen Zügen einatmen. Und das an einer durchaus historischen Stelle, denn diese Bar war für viele Seeleute und Soldaten seit den 1880er Jahren der erste und letzte Anlaufpunkt. Auch Jack London ging hier ein und aus und schrieb an den abgegriffenen Tischen in der Kneipe. Heute ist Heinold’s ein beliebter Treffpunkt der Oakländer.

Wie sehr Oakland seine Hunde mag kann man auch am neuen Video der SPCA, dem städtischen Tierheim, sehen. Professionell produziert wird für Adoptionen geworben, und mal ehrlich, wenn sogar Bürgermeisterin Libby Schaaf darin mit Schäferhundwelpen auftritt, dann weiß man, „Oakland is a dog town“!

YouTube Preview Image

 

Oakland blickt nach vorn

35 neue Polizeibeamte wurden am Freitag in Oakland vereidigt. Damit steigt die Zahl der Polizisten auf 725, so hoch wie seit 2008 nicht mehr. Doch noch immer ist die Anzahl zu gering für einen Stadt wie Oakland und deren Probleme. Auch sind nicht alle 725 Polizisten im Außeneinsatz, darunter fallen alle Bediensten des „Oakland Police Departments“.

Die OPD Reihen füllen sich wieder.

Dennoch ist die erste Abschlußklasse der Police Academy in der Amtszeit der neuen Bürgermeisterin Libby Schaaf ein Hoffnungsschimmer. Sie setzt sich für eine Aufstockung der Polizeireihen ein und gleichzeitig für einen umfassenden Gewaltpräventionsplan in der Stadt. Schon in den nächsten Wochen sollen Vertreter der verschiedensten Organisationen und Behörden gemeinsam an der Ausarbeitung beteiligt werden. Ein neuer und offener Ansatz, der hoffen läßt.

Oakland kämpft seit Jahren gegen eine hohe Mordrate. Hinzu kommt, dass die Gewaltkriminalität deutlich höher als in anderen kalifornischen Städten liegt. Amtsvorgängerin Jean Quan wurde im vergangenen Herbst abgewählt, da sie in ihrem Alleingang keine Lösungen für die drängenden Probleme der Stadt finden konnte. Schaaf setzt auf einen neuen Ton in der Stadt, der durchaus vielversprechend ist. Man kann nur hoffen, dass Oakland, meine neue Heimatstadt, den Sprung aus der Gewaltspirale schafft. Die Stadt gleich auf der anderen Seite der Bay Bridge sollte endlich aus dem Schatten von San Francisco herauskommen….auch für Touristen, die in die Region reisen.

„Another bloody murder, another senseless killing“

Chyemil Pierce, Mutter von drei Kindern, ist das 19. Mordopfer in Oakland.

Chyemil Pierce, Mutter von drei Kindern, ist bereits das 19. Mordopfer in Oakland in diesem Jahr.

Chyemil Pierce war 30 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, 9, 7 und 1 Jahr alt. Am Montagnachmittag starb sie im 2800er Block der Chestnut Street in Oakland. Sie hatte nichts mit der Schießerei zu tun, die gerade dort zwischen zwei rivalisierenden Gruppen ausbrach. Als die ersten Kugeln flogen, schrie Chyemil Pierce ihren zwei älteren Kindern zu, sie sollten zum Haus rennen. Die Mutter hatte sie gerade von der Schule abgeholt, den Wagen geparkt. Die Kinder rannten los, um das Haus herum, versteckten sich. Chyemil Pierce wurde von einem Querschläger erwischt und tödlich getroffen. Ein Mann und ein Jugendlicher, die ebenfalls zur falschen Zeit am falschen Ort waren, erlitten Schußverletzungen.

Chyemil Pierce war kein Gang-Mitglied, kümmerte sich um ihre Kinder, schickte sie auf eine „Charter School“, damit sie von Anfang an eine gute Chance im Leben erhalten. Der Einjährige war tagsüber in einer Krippe untergebracht. Pierce arbeitete bei Kaiser Permanente, einem der größten „Health Care Provider“ (Versicherung und Versorgung) im Land.

Der Tatort in Oakland, eine ganz gewöhnliche Wohngegend.

Der Tatort in Oakland, eine ganz gewöhnliche Wohngegend.

Der Tatort ist in West-Oakland, einem jener Stadtviertel, in dem es immer wieder zu bewaffneten Gang Auseinandersetzungen kommt. In jüngster Zeit eskaliert die Gewalt. Waren zuvor noch gezielte Morde gegen andere Gangmitglieder zu beobachten, kommt es nun immer öfters zu offenen Schießereien rivalisierender Banden, bei denen unbeteiligte Dritte verletzt und getötet werden.

Die Schießerei in West-Oakland dauerte an, bis die ersten Sirenen der Polizei zu hören waren. Nur wenige Stunden später kam es vor dem Highland Hospital in Oakland zu einem Schußwechsel. Die Polizei geht davon aus, dass beide Auseinandersetzungen miteinander zusammen hängen und rechnet mit weiterer Gewalt.

Bürgermeisterin Libby Schaaf, die seit Januar im Amt ist, erklärte: „Jedes Leben, das durch sinnlose Waffengewalt genommen wird ist eine Tragödie. Ohne Zweifel leiden die betroffenen Familien, die jemanden verloren haben, unglaubliches Leid. Aber auch unsere Stadt leidet. Wir können nicht voran kommen, wenn unsere Stadt im Belagerungszustand ist. Wir müssen zusammen kommen, um die Gewalt zu beenden.“

Der Mord an Chyemil Pierce ist der 19. in Oakland in diesem Jahr.

 

Die gefährlichen Straßen von Oakland, California

Es ist Anfang März. In Oakland, meiner neuen Heimatstadt, zählt man bereits 18 Morde in diesen ersten paar Wochen des Jahres 2015. Es sieht fast so aus, als ob sich nicht viel zum Vorjahr geändert hat. Die Gewalt eskalierte erneut seit September, als sich zwei rivalisierende Gangs offen bekriegten, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und unschuldige Dritte, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Doch damit soll nun Schluß sein. In Einzelgesprächen drohte die Polizei Gangmitgliedern ganz offen, dass diese Gangfehde umgehend beendet werden muß, oder man werde hart durchgreifen. Die Gangs fühlten sich unantastbar und eskalierten sogar noch die Gewaltspirale. Gestern nun verhaftete OPD 17 Gangmitglieder in Oakland, Berkeley, San Leandro und Stockton. 20 weitere werden mit Haftbefehl gesucht. Mehrere Schußwaffen wurden sicher gestellt, darunter auch Maschinenpistolen.

Oakland ist eine richtig schöne Stadt.

Oakland ist eine richtig schöne Stadt.

Damit sind zwei berüchtigte Straßenbanden in Oakland erst einmal deutlich geschwächt worden. Die Mitglieder waren nicht nur für Morde verantwortlich, sondern auch für bewaffnete Überfälle, Einbrüche und Autodiebstähle. Bürgermeisterin Libby Schaaf erklärte auf der Pressekonferenz: „Es bereitet uns keine Freude, junge Menschen ins Gefängnis zu schicken. Aber es ist ein notwendiger Teil unserer absoluten Entschlossenheit der bewaffneten Gewalt in Oakland ein Ende zu setzzen.“

Die gestrige Aktion war nur ein erster Teilerfolg der neuen Administration im Rathaus. Ein umfassendes Gewaltpräventionsprogramm ist in Arbeit und soll umgesetzt werden. Und das ist auch bitter nötig. Oakland ist zu einer beliebten Stadt in der San Francisco Bay Area geworden. Die Mieten sind deutlich niedriger als in San Francisco, das Wetter ist deutlich besser als in der Nebelstadt auf der anderen Seite der Bay, und überhaupt Oakland hat sich in den jüngsten Jahren zur Boomtown der Region mit neuen Restaurants, Galerien, Kneipen und den verschiedensten Projekten entwickelt. Die hohe Mord- und Kriminalitätsrate war da und ist noch immer der dicke Klotz am Bein. Es kann also nur besser werden.

 

 

“It’s hella time for Oakland”

Amtseinführungsfeier in Oakland.Eine neue Bürgermeisterin in Oakland und mit ihr kommt die Hoffnung auf eine Zeitenwende für die gebeutelte Stadt. Irgendwie steht meine zweite Heimatstadt schon immer im Schatten von San Francisco. Auf der anderen Seite der Bay ist anscheinend alles mehr „glitzy“, schillernder und weltbewegender. Und dabei ist Oakland eine tolle Stadt, die sich nicht verstecken muß, die man einfach kennenlernen sollte.

Das wurde heute wieder klar. Am Montag wurde Libby Schaaf als Bürgermeisterin vereidigt und die ganze Woche über wurde Oakland gefeiert. Gegipfelt hat das heute in einer Riesenparty in der ehemaligen Produktionshalle von „American Steel“.

Künstler in den "American Steel" Studios.

Künstler in den „American Steel“ Studios.

Dort sind nun Künstlerstudios untergebracht, viele von ihnen hämmern und sägen, löten und schweißen, schrauben und bohren hier an den gewaltigen Kunstexponaten für das einmalige Burning Man Festival in der Wüste von Nevada. Und genau das wollte Libby Schaaf am heutigen Tag auch zeigen. Zum einen die Diversität der Stadt, zum anderen die Energie, die man hier finden kann.

Lokale Künstler, Musiker, Geschäftsleute kamen zusammen, um zu feiern, um diesen neuen Beginn für Oakland anzugehen. Das reichte von lokalen Bands zu Modedesignern, zu Schokoladenherstellern, zu Malern und unheimlich kreativen Leuten, die in meiner Nachbarschaft leben.

Als dann Libby Schaaf endlich auf die Bühne trat, standen neben ihr noch andere frisch gewählte Stadträte und die Kongressabgeordnete für Oakland, Barbara Lee. Auch Gouverneur Jerry Brown war anwesend, der selbst in Oakland lebt. Schaaf sprach nur kurz, forderte die Gekommenen alle zum Mittanzen auf.

Partystimmung bei der Amtseinführung.

Partystimmung bei der Amtseinführung.

Es war diese Aufbruchstimmung, die mitreißend war. Jeder im vollbesetzten Saal kannte die Probleme der Stadt. Die hohe Mordrate, die hohe Kriminalitätsrate, die sozialen Spannungen, die Arbeitslosigkeit. Doch all das wurde an diesem Tag verdrängt, man ließ sich vielmehr begeistert mitreißen von dem, was dieser Wechsel im Rathaus bedeuten könnte. Hier konnte man die ganze Vielfalt, Schönheit, den Reichtum einer mulitkulerellen und kreativen Stadt erleben. Und man kann nur wiederholen, was Libby Schaaf im Wahlkampf immer und immer wieder predigte: “It’s hella time for Oakland”.

So eine Amtseinführung fände ich durchaus auch passend für Nürnberg, vielleicht beim nächsten Mal. Eine Feier, die die Schönheit und die Vielfalt der Noris zeigt. Kultur, Kunst, Musik, Kreativität. Da könnte Nürnberg durchaus etwas vom „Oakland way of life“ lernen.

 

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Ok, Barack Obama hat nun zwei Jahre lang Zeit, seine Koffer und Kisten zu packen. Aus und vorbei mit dem Regieren. Ein paar Dinge wird er noch im Alleingang durchboxen, sich damit noch unbeliebter bei den Republikanern machen. Aber im Großen und Ganzen war es das dann mit der Ära Obama. Es gab viele Vorschußlorbeeren, es wurde viel von „Hope“ und „Change“ gefaselt und dann bekam er auch noch den Friedensnobelpreis. Und ich glaube, das ließ die Republikaner dann vollends austicken. Sie blockierten, unterminierten und höhlten so alles aus, was Obama machte, anfing oder auch nur andachte.

Wahlparty der Bürgermeisterkandidatin Libby Schaaf.Also, damit ist nun Schluß, am heutigen Wahlabend haben die Wähler in ein paar Bundesstaaten klare Verhältnisse geschaffen. Die einen gingen erst gar nicht zur Wahl, die anderen stimmten gegen Obama. Und dann stellten sich die republikanischen Gewinner hin und erklärten, „wir“ werden das Land wieder auf Kurs bringen. Schluß mit Sozialismus, offenen Grenzen, Einheitsversicherungen, Russen und Terroristen, die „uns“ auf der Nase rumtanzen. Ach ja, und Ebola, dafür ist Obama auch verantwortlich. Hurra, wir leben noch!

Im Abgeordnetenhaus wurden wahllos Demokraten abgefeuert, es scheint Jagdsaison zu sein. Nun also sind beide Kammern wieder in republikanischer Hand. Angekündigt wurde schon vor dem Wahltag, dass nun die Uhren zurück gedreht werden. Politisch zumindest, abends wird es dennoch früh dunkel. In den vielen Berichterstattungen, auch die aus Deutschland, wurde immer betont, Obama sei so unpopulär, deshalb auch die Wahlklatsche. Das stimmt, doch was dabei vergessen wird ist, dass bislang eigentlich jeder Präsident in seiner zweiten „Midterm-Election“ durchfiel. Sogar der ach-so-beliebte Ronald Reagan erlebte das. Nun ist die Wahl rum und die nächste beginnt. Der Präsidentenwahlkampf 2016 ist eröffnet. Beide Parteien müssen einen Kandidaten oder eine Kandidatin finden, es wird der teuerste Wahlkampf aller Zeiten.

Doch in Amerika wurde am Abend noch viel mehr gewählt, darüber hatte ich ja schon geschrieben. Heute Abend war ich auf der Wahlparty von Libby Schaaf in Oakland. Sie kandidierte für das Bürgermeisteramt. Ein klares Ergebnis wird es wohl heute Nacht nicht mehr geben, wahrscheinlich auch nicht morgen und übermorgen. Erst am Freitag kann mit einem Ergebnis gerechnet werden. Das liegt an dem hirnrissigen „Rank Choice Voting“, ein absoluter Blödsinn, der obendrein noch undemokratisch ist. Egal, ich habe mich schon oft genug über diesen Firlefanz aufgeregt. Das wars aus der Wahlnacht. Gute Nacht.

Demokratie „overboard“

Wahlplakat für die Bürgermeisterkandidatin Libby Schaaf in Oakland.

Wahlplakat für die Kandidatin Libby Schaaf in Oakland.

Für was man hier alles wählt! Am Dienstag ist zwar erst Wahltag, aber am Abend habe ich mich schon mal mit meinem offiziellen Wahlerklärbuch und den drei beidseitigen Stimmzetteln hingesetzt und versucht die richtigen Entscheidungen zu treffen. Neben dem Gouverneur, seinem Stellvertreter, dem kalifornischen Außenminister, dem Generalstaatsanwalt, dem Controller (?), dem kalifornischen Finanzminister und dem Versicherungsaufseher, dem „Member, State Board of Equalization“ (?), dem lokalen US Kongressabgeordneten, dem kalifornischen Abgeordneten, zwölf (!) Richtern, dem „State Superintendent of public instruction“ (?), dem Bezirks Oberschulaufseher, dem Bürgermeister von Oakland, dem für meinen Distrikt zuständigen Stadtrat von Oakland, dem Finanzaufseher von Oakland, dem Schuldirektor für Distrikt 4, dem Verkehrsvorstand, dem Abwasservorstand, musste ich auch noch über die Verringerung des Strafmaßes bei Kleindelikten, über Indianerkasinos, über einen 30jährigen Bezirksverkehrsplan, über Programme für Schulabgänger, über einen Gewaltpräventionsplan und über vier Veränderungen in der Charta von Oakland abstimmen.

Puh! Ich fass es nicht. Das sind Hausaufgaben. Da sind Kandidaten dabei, da sind Politikfelder dabei, da sind Entscheidungen dabei, von denen ich keinen blassen Schimmer habe und eigentlich auch nicht haben möchte. Warum bitteschön muß ich über einen Abwasservorstand abstimmen? Oder warum über einen Verkehrsplan, wenn ich hier doch Leute wähle, die eigentlich einen Plan haben sollten? Ist das wirklich die Demokratie, die weltweit als leuchtendes Beispiel hochgehalten wird? Und zu allem Überfluss gibt es hier auch noch das sogenannte „Rank Choice Voting“, mit dem man Stichwahlen verhindern will. Also in Oakland gibt man für lokale Kandidaten eine Erst-, eine Zweit- und eine Drittstimme ab. Wer den Quatsch erfunden hat, sollte die Pappnase des Jahres bekommen. Also ehrlich…

Ich finde das irre, für was und wen man hier seine Stimme abgeben soll. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist niemand, der mir die Aufgaben aller der zur Wahl stehenden Kandidaten oder die politischen Abstimmungen erklären kann. Ich glaub wirklich, da stimmt was nicht. Das ist ein Overkill, das schafft Politikverdrossenheit.