Weg sein – hier sein

Ich bin nur eine Generation von einem Flüchtling entfernt. Auch der Vater meines besten Freundes war ein Flüchtling. Sie kamen aus Schlesien und aus dem Sudentenland. Sie waren Deutsche, aber sie waren auch Flüchtlinge und das prägte ihr Leben, das prägte unser Leben. Und noch heute ist das, was da vor über 70 Jahren passierte, in vielen Familien, auch in meiner, gegenwärtig.

„Weg sein – hier sein“ heißt ein Buch aus dem Secession Verlag, in dem Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die aus Syrien, aus dem Jemen, aus dem Iran gekommen sind. Kommen mußten, auch sie sind Flüchtlinge. Sie schreiben über ihre Heimat, über das, was sie zurück gelassen haben, über das, was sie erlebt und gesehen haben. Über das Ankommen und Leben in einem neuen Land, einer neuen Kultur, einer neuen Sprache, im deutschen Exil.

Kalifornien war in den 30er und 40er Jahren so ein Exil für viele deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie fanden hier in der Fremde einen sicheren Ort. Keine neue Heimat. Weg sein – hier sein am Pazifik. Sie wurden nie ein Teil der amerikanischen Literatur, doch wer über die Literatur Amerikas schreibt, kommt an diesen Autorinnen im Exil nicht vorbei. An diesen deutschen und anderen aus aller Welt, denn die USA waren bis vor kurzem noch ein sicherer Hafen für viele Menschen auf der Flucht. Auch für Autoren aus Syrien, dem Jemen, dem Iran. Damit ist seit Freitag Schluß.

Deutschland ist so ein Exil geblieben, ein sicherer Hafen geworden. Das zeigt „Weg sein – hier sein“. Hier schreiben Autorinnen und Autoren, die fliehen mußten und nach Deutschland kamen. Texte aus Deutschland, die nicht immer leicht zugänglich sind, die jedoch andere, neue Bilder zeichnen. Es ist ein Blick in andere Länder, Kulturen, Sprachen, Gepflogenheiten, Denkweisen, Gefühlszustände. Es ist ein ehrliches Buch in einer Zeit, die von „Fake News“, Mauerbau und „Denkmal der Schande“ bestimmt wird. „Weg sein – hier sein“ ist ein mutiges Buch, von dem neben dem Verlag viele überzeugt waren, es unterstützt haben. Vor allem jene Frauen und Männer, die hier in Wort und Bild vorgestellt werden.

Joachim Zepelin vom Secession Verlag schreibt am Anfang des Buches, warum „Weg sein – hier sein“ veröffentlicht werden mußte. Und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen:

„Literatur erforscht Identitäten und formt und verstärkt sie dadurch gleichzeitig. Seit jeher erzählen wir Geschichten, um uns zu verstehen, um Grundlagen für ein gemeinsames Leben zu schaffen. Und je verschiedener der Nachhall der Begriffe ist, umso mehr Geschichten müssen wir uns voneinander erzählen…Diese Autoren sind die Geschichtenerzähler, die erklären können, wer da kommt und woher und mit welcher Geschichtee. Nicht etwa, um Fremdheit einzuebnen, sondern um Fremdheit festzustellen – und eben auch Gemeinsamkeiten.“

 

Von einem der auszog, das Leben zu beschreiben

“Das Schicksal, das ist ja auch eine Hure und gezahlt hat der Reinhard schon im Voraus”.
Der Schlußsatz der Hurenballade, die Titelgeschichte der 13 Stories des Münchner Autors Roland Krause, die nun im Balaena Verlag erschienen sind. Krause lebte und studierte lange Jahre in Nürnberg, schreibt neben seinem Job als Sozialarbeiter Romane und Kurzgeschichten. Und vielleicht ist dieser Beruf an den Brandstellen der Gesellschaft auch der Grund dafür, dass der Autor ein begnadeter Hinseher und Hinhörer ist.

Seine beschriebenen Lebensgeschichten hinterlassen immer einen faden Geschmack. Man wünscht sich als Leser manchmal einen anderen Ausgang, doch weiß genau, so spielt das Leben, das eben kein Ponyhof ist. Roland Krause blickt nicht in die Villengegenden, schaut nicht auf die Schickeria. Vielmehr könnte der eine oder die andere seiner Darsteller der Nachbar von oben, die Frau aus dem Nebenhaus sein. Jemand, dessen Gesicht man kennt, an dem man tagtäglich vorbei läuft, vielleicht mal grüßt und dann sagt “da schau her”, wenn man die Todesanzeige in der Zeitung liest.

Roland Krause hat zuvor drei Krimis um den Münchner Hauptkommissar Josef Sandner für den Piper Verlag geschrieben. Schon da fielen mir seine scharf formulierten Umschreibungen der Handelnden auf. Auf diese Blickweise der Mitmenschen baut er auch seine Kurzgeschichten auf. Auf den wenigen Seiten einer Story lässt er einen Alltag entstehen, in dem “Menschen” leben. Es sind keine Kunstgestalten, keine Superhelden, keine geschniegelten und gestriegelten Zeitgenossen, keine “In-People”. Krause ist der stille Beobachter in einer Großstadt, in der das Leben nicht perfekt ist, auch wenn wir das gerne so hätten. Menschen um uns herum leben und leiden, trinken und weinen. Sind depressiv, traurig, einsam. All das beschreibt Roland Krause in seinen Geschichten. Stellenweise süffisant, mit Humor, der durchaus auch manchmal schmerzt. Ja, auch das ist das Leben, man labt sich an dem Schicksal der anderen.

Und da ist doch auch immer ein kleiner Lichtstrahl, der durch den dunklen Vorhang des mürbe machenden Alltags kommt. Ein bißchen körperliche Wärme, Hilfe für Hilfesuchende, Mitgefühl, Empathie, Nachbarschaftssinn, Freunde, die man nicht glaubte zu haben, Hoffnung am scheinbaren Ende eines Lebens.

In den 13 Stories der “Hurenballade” bekommt der Leser einen Eindruck auf das Leben zwischen Hochglanzmagazinen und “Reality TV”. Die Handlungen spielen in München, doch es könnte jede andere deutsche Stadt sein. Die Sprache die Krause wählt ist überlegt und treffend, mal knapp, dann wieder fulminant in der Wortwahl. Immer wieder durchmischt er seine Sprache mit Dialekt, doch das gibt seinen Beobachtungen eine besondere Art der Nähe. Auch als Nicht-Bayer versteht man die Worte.

Wenn man an die bayerische Landeshauptstadt denkt, kommt einem der FC Bayern, das Oktoberfest, die CSU und die Kulturmetropole München in den Sinn. Genau vor diesem Hintergrund, doch ohne ihn anzusprechen, läßt Roland Krause seine Handelnden leben. Er zeichnet ein ganz anderes Bild, eines, das wir die Normalsterblichen, die 99 Prozent, alle kennen. Und er als Sozialarbeiter an den Wunden und Narben der Gesellschaft erst recht. Doch hier schreibt niemand mit erhobenem Finger, kein selbsternannter Besserwisser mit mahnenden Worten und schon gar nicht ein Weltverbesserer mit politischen Lösungsvorschlägen.

All das ist dem Autoren fremd. Krause ist vielmehr derjenige, der in der Eckkneipe an seinem Bier nippt und still den Gesprächen der Umstehenden zuhört, der im Café sitzt und sich Notizen macht. Er läßt das Leben sacken. Er sieht die Leute um sich herum. Nicht nur die junge, gutaussehende Frau, die auf ihren High Heels in der Innenstadt vorbei stöckelt oder den erfolgreichen, gegelten Geschäftsmann an der Ampel, der in seinem neuen Porsche ins iPhone brüllt. Das ist München, das ist eine Metropole, wie wir sie oftmals wahrnehmen. Glanz, Glitter, Gloria. Doch das ist nicht das Leben, wie es uns Roland Krause beschreibt, wie wir es kennen. Er zeigt uns den Alltag, blickt hinter die Türen des Nachbarn im Hochhaus, in der Sozialbausiedlung, er erzählt die Geschichten der Menschen in der Stehkneipe, an der wir morgens und abends vorbeilaufen. Ohne zu werten, öffnet Krause nur die Tür für uns, damit wir, der Leser, einen Blick hineinwerfen können.
“Hurenballade” ist eine beeindruckende Sammlung von 13 lebensnahen Kurzgeschichten, die einen am Schluß berühren. Doch genau das sollen Short Stories auch erreichen.

Roland Krauses Buch “Hurenballade” ist im Balaena Verlag für 17,90 Euro erschienen. Den Autoren findt man online unter “ KrimiKrause „.

Eine wundersame Reise

Mehr durch Zufall bin ich auf den Autoren Adam Johnson gestoßen. Irgendwie, irgendwo hörte ich ein Interview mit ihm, war von seiner ruhigen Art beeindruckt und googelte ihn. Für seinen 2012 erschienenen Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ erhielt er 2013 den Pulitzer-Preis, das Buch schoss auf die New York Times Bestseller Liste.

Gestern traf ich ihn für ein Interview im Goethe-Institut in San Francisco. Das liegt zentral, für uns beide gut zu erreichen. Im Raum Hamburg sitzen wir uns schließlich gegenüber. Eigentlich wollten wir uns schon vor Wochen treffen, doch Adam wurde krank, die Stimme versagte. Und das ist natürlich für ein Radiointerview alles andere als ideal. Adam Johnson lebt in San Francisco, ist 48 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, ist Englischprofessor in Stanford. Er habe ein langweiliges, normales Leben, sagt er von sich selbst. In seinen Büchern jedoch erlebt er die große weite Welt.

42500Vor kurzem erschien bei Suhrkamp seine Short Story Sammlung „Nirvana„, im englischen Original „Fortune Smiles“. Sechs Geschichten, die eine wundersame Lesereise sind. An einem Samstagnachmittag machte ich mich auf die Reise und war begeistert von Adams Sprache, seiner Nähe zu den Geschichten, in die er mich mit hineinzog, seinen Bildern, die er entstehen läßt, seine Liebe zu den kleinen Details. Im Interview beschreibt er sich als jemanden, der gerne recherchiert, der neugierig ist, der beobachtet. Als Kind begleitete er über mehrere Jahre seinen Vater nachts in den Zoo, der dort Nachtwächter war. Er erlebte die wunderbare Tierwelt von einer ganz anderen, nicht öffentlichen Seite. Später als seine Eltern sich scheiden ließen, ging seine Mutter arbeiten, er war tagsüber viel alleine. Adam erzählt im Interview, er ist damals viel durch die Nachbarschaft gelaufen, habe in Mülltonnen nachgesehen, was die Menschen so wegschmeißen und versucht sich davon ein Bild über die Personen und Familien zu machen.

Dieses Hinschauen, diese Neugier, die Dinge und das Leben an sich von einer ganz anderen Seite betrachten zu wollen, machen Adam Johnsons Erzählungen aus. Es geht um Grenzen und Grenzerfahrungen. Nicht direkt und plakativ, sondern ganz leicht und auch mal hintenrum, wie in der Geschichte „Mein Freund George Orwell und ich“, die sich um einen ehemaligen Leiter eines Stasi-Gefängnisses in Berlin dreht. Ich werde beim Lesen gerne mitgenommen, möchte danach in meinem Sessel sitzen, zufrieden sein und doch auch nachdenklich über das, was ich da gerade „erlebt“ habe. Adam Johnson schafft das auf eine sehr nahegehende und für mich perfekte Weise.

Die vergessene amerikanische Literatur

Other Witnesses – An Anthology of literature of the German-Americans 1850 – 1914 von Cora Lee Kluge.

„Other Witnesses – An Anthology of literature of the German-Americans 1850 – 1914“ von Cora Lee Kluge.

Oft sucht der deutsche Jüngling
In weiter Welt sein Glück,
Doch treibt es ihn im Alter
In’s Vaterland zurück.
 
Ob er sein Glück am Hudson,
Ob er’s am Congo fand,
Es zieht ihn nach der Scholle,
Wo seine Wiege stand.
 
Ihn halt kein Land der Erde,
Er flieht der Tropen Pracht,
Wenn Sehnen nach der Heimath
In seiner Brust erwacht.
 
Noch einmal will er weilen,
Am trauten Heimathsort,
Eh’ ihn der Todesengel
Ruft von der Erde fort…..

Ein Auszug aus dem Gedicht “In der Heimath” von Johann W. Dietz, erschienen 1892 in der Anthologie “Deutsch in Amerika: Beiträge zur Geschichte der Deutsch-amerikanischen Literatur”.

Wer heute von der amerikanischen Literatur spricht, denkt eigentlich nur an die englischsprachigen Poems, Short Stories, Novels. Doch Amerika war schon immer ein Einwanderungsland. Aus aller Herren Länder zog es Menschen in die Neue Welt. Im 19. Jahrhundert erlebten die USA eine Einwanderungswelle aus Europa, vor allem auch aus Deutschland und den deutschsprachigen Ländern. Es waren nicht nur Bauern und Bergleute, Handwerker und Arbeiter, es kamen auch Journalisten, Schriftsteller, Dichter, Politiker. Sie alle brachten eines mit; ihre Liebe zur deutschen Sprache. Und sie schrieben weiter in der “neuen” Heimat. Gedichte, Artikel, Romane, Theaterstücke, Reisebeschreibungen.

Noch einmal will er weilen,
Wo er als Kind gespielt,
Wo ihn der Arm der Mutter
Dereinst umfangen hielt.

Noch einmal will ergreifen
Der Greis den Wanderstab,
Und Kindesthränen weinen
Auf seiner Eltern Grab.

Ein alter Freund, den lange
Das Heimweh schon gequält,
Hat mir von seiner Reise
Das folgende erzählt:…

Cora Lee Kluge ist Deutsch Professorin an der University of Wisconsin in Madison und sie ist die Co-Direktorin des Max Kade Instituts, das sich mit Fragen der deutschen Einwanderung in den USA beschäftigt. Kluge hat das Buch “Other Witnesses – An Anthology of literature of the German Americans 1850 – 1914” veröffentlicht. „Es gibt sehr, sehr viele Sprachen, in denen die amerikanische Literatur geschrieben wurde. Genau wie in Europa, europäische Literatur wurde nicht in einer Sprache geschrieben“, beschreibt sie ihren ursprünglichen Ansatz, dieses Buch herauszubringen.

“Als wir den deutschen Hafen
Nach langer Fahrt erreicht,
Vergoß ich Freudenthränen,
Ward es um’s Herz mir leicht.
Und alle meine Pulse
Durchglühte Seligkeit,
Als ich die Bahn nach Hause
Zur Abfahrt fand bereit.

Mir war’s, als müßt’ erreichen
Das Städtchen ich im Flug,
Als ich den Thurm gewahrte
Am fernen Höhenzug.

Cora Lee Kluge konzentrierte sich in ihrer Anthologie auf Wisconsin. Texte, die sie im “deutschesten aller amerikanischen Bundesstaaten”, wie sie Wisconsin bezeichnet, finden konnte. Und dabei hatte die Professorin durchaus auch Glück. Vor rund zehn Jahren machte sie sich in Milwaukee auf die Suche nach dem Text für das Schauspiel “Die Brücke” von Fernande Richter. Richter wurde in Hannover geboren und kam mit ihrer Familie 1881 in die USA. Unter dem Pseudonym Edna Fern veröffentlichte sie einige Erzählungen und Theaterstücke.“Ich bin nach Milwaukee gefahren und fragte nach, warum  man den Text für dieses Bühnenstück nicht finden kann, obwohl es in Milwaukee aufgeführt wurde. Und ein Bibliothekar wollte wissen, was ich suche. Er meinte; “Haben sie vielleicht in der “Trostel Kollektion” gesucht?” Und ich sagte, “in der was?” Ich wußte nichts davon. Er führte mich hinunter in den Keller und da sind jetzt, wo wir das sortiert haben, 172 Archivkasten voller Texte. Wir haben eine Bibliographie gemacht, 3000 Texte, zum Teil ganz unbekannt in Deutschland und unbekannt in Amerika. Wir wissen nicht, welche von ihnen aufgeführt worden sind, aber das sind Schätze, die diesem Theater gehört haben.“

„Und als das Dampfroß keuchte
Den Schienenweg entlang,
Da war es mir, als hörte
Ich fernen Glockenklang.

„Da war es mir, als klängen
Die Lieder an mein Ohr,
Die ich dereinst im Kirchlein
Mit Andern sang im Chor.

„Es tauchten die Gestalten
Der Jugend vor mir auf,
Und Traumgebilde jagten
Vorbei im raschen Lauf.

Kluge merkte schnell, dass sie sowohl in den Archiven in Milwaukee, wie auch in Madison Texte und Artikel, Romane, Schauspiele und Gedichte von deutschen Einwanderern finden kann. „Wisconsin wurde 1848 zum Bundesstaat und das war genau zu der Zeit, als eine große Gruppe von Deutschen in dieses Land einwanderten. Also, Wisconsin wurde zu einem deutschen Staat. Und diese Texte sind in Wisconsin zu finden. Meine Perspektive war immer vom Mittleren Westen aus und von Wisconsin aus. Ich würde wahrscheinlich meine Anthologie anders gemacht haben, wenn ich zum Beispiel in Pennsylvania gewesen wäre. Die haben ältere Texte, die haben die koloniale Periode eher da vorhanden.

„Wird mich auch noch erkennen,
Dacht‘ ich, mein Mütterlein;
Wird sie, die mich verschmähte,
Mit ihm wohl glücklich sein?

„Die letzten Hügel schwanden,
Der Zug bog in das Thal,
Und vor mir lag das Städtchen
Im hellen Sonnenstrahl.

In ihrer Anthologie hat sie sich ganz bewußt nur die Zeit von 1850 bis 1914 beachtet. Für sie die produktivste Zeit der Deutschen in den USA. Denn damals flohen unzählige von Autoren, Gelehrten, Politikern, ja, Teilnehmern der Märzrevolution nach Übersee. Sie fanden hier ein neues Zuhause, halfen mit die amerikanischen Arbeiter zu organisieren, setzten sich für demokratische Veränderungen und für das Frauenwahlrecht ein. Doch verloren nie ihre alte Heimat und ihre Muttersprache aus den Augen. Es wurden deutsche Theater und Zeitungen gegründet, gerade im Mittleren Westen. Halb Milwaukee war in deutscher Hand. „Es brach ungefähr ab mit dem ersten Weltkrieg“, erzählt sie. „Die meisten Menschen meinen, das hätte den deutschsprachigen Zeitungen  und der deutschen Sprache hier ein Ende gesetzt,. Und das stimmt nicht ganz. Es war schon ziemlich zurück gegangen vor diesem Jahr. Aber nach dem ersten Weltkrieg verschwand die deutsche Sprache in Amerika mehr und mehr. Und eben auch die deutschsprachige Literatur in Amerika.“

„Doch wie verändert sahen
Die Straßen all mir aus;
Und fremden Leute wohnten
Im elterlichen Haus.

„Die Mutter war gestorben,
Ein Bruder in die Welt,
Der andre lag gebettet
Auf Frankreichs blut’gem Feld!

„Am Ziele meiner Sehnsucht
Fand ich kein liebend Herz,
Und nur an Gräbern klagt‘ ich
Allein in meinem Schmerz!“

In ihrer Anthologie hat sie Texte zusammen getragen, die aus heutiger Sicht noch immer beeindruckend zu lesen sind. So z.B. die Reisebeschreibung von Theodor Kirchhoff “Die Wunder des Yosemite-Thales in Californien”. Die Schilderung eines Besuches, als der heute weltberühmte Nationalpark Yosemite noch nahezu unbekannt war. Detailreich und farbig beschreibt der 1828 in Uetersen, Holstein, geborene und 1851 in die USA übergesiedelte Kirchhoff seine Reise. Ein anderer Autor in Cora Lee Kluges Buch ist Udo Brachvogel, der 1878 nach New York kam. Neben eigenen Artikeln, Erzählungen und Gedichten, übersetze Brachvogel auch Texte von Bret Harte und Mark Twain und stellte sie so einer breiten deutschsprachigen Leserschaft in den USA und auch in Deutschland selbst vor. Auch Brachvogel beschrieb das, was er in Amerika erlebte für Leser hier, als auch in Übersee:

Dieser Strom ist der Niagara. Breit und majestätisch wälzt er die ungeheuren Fluthen der größten Inland-Seeen des Erdballs dahin. Nur wenige Meilen noch, und seine Fälle sind erreicht. Aber wie kann eine so schmucklose Gegend, wie diese, wirklich die Fassung, wirklich der Rahmen sein, mit welchem die Natur ihre kolossalste Schaustellung umgeben? Es will und will dem erwartungsvollen Reisenden nicht glaublich werden.

Cora Lee Kluges Anthologie ist eine kleine Sammlung, ein Ausschnitt auf das, was die amerikanische Literatur auch ist; ein “Melting Pot” der Einwanderer, unbeachtet und fast vergessen. Doch nicht ganz verloren. Denn der Blick zurück und die Suche nach dem, was die Immigranten niedergeschrieben haben, bereichert am Ende nur die amerikanische und durchaus auch die deutschsprachige Literatur.

Erschienen ist “Other Witnesses – An Anthology of literature of the German-Americans 1850 – 1914” im Eigenverlag des Max Kade Instituts der University of Wisconin.