Sein Leben lieben lernen

Besuch im Ostkongo     

© Johanniter

Im Osten des Kongos herrscht seit 15 Jahren Krieg. Mehrere Rebellengruppen kämpfen gegen die nationale Armee und untereinander. Das Ergebnis sind Millionen Tote, Hunderttausende Menschen auf der Flucht, die zum Teil in notdürftigen Flüchtlingslagern untergebracht sind. Die Bevölkerung versinkt im Elend, in Armut, in der Not. Hoffnung auf ein Ende der Gewaltspirale ist nicht in Sicht. Der Staat selbst ist unfähig und unwillig dem ganzen Chaos ein Ende zu setzen. Korruption, Vergewaltigung, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Im Ostkongo herrscht Anarchie.

Auf meiner kürzlichen Reise in die Region traf ich Arne Schaudinn von der Johanniter Unfallhilfe und die deutsche Journalistin Simone Schlindwein und konnte beide für ein paar Tage in ihrem Leben dort begleiten.

Lunch mit dem Rebellenpräsidenten

Vier Stunden lang ging es über die Holperpiste in Richtung Osten. Die Straße war mal vor etlichen Jahren gut ausgebaut, es war eine wichtige Verbindungsstraße zwischen Goma und Uganda. Heute ist nicht mehr viel davon übrig. Man wird gut durchgeschüttelt im M23 Gebiet, auch wenn die Rebellen versuchen, einige der Löcher notdürftig zu flicken. Kein Wunder also, dass unser Geländewagen nach einiger Zeit einen platten Reifen hat.

Es ist eine Schüttelpartie auf dem Weg nach Bunagana, dem Sitz des M23 Präsidenten, direkt an der Grenze zu Uganda. Er hat ein internationales Reiseverbot, darf noch nicht einmal an den Friedensverhandlungen im ugandischen Kampala teilnehmen. Daher freut er sich über jeden Besucher, besonders wenn es Journalisten sind. Denen steht er gerne Rede und Antwort. Kurz nach dem Flughafen Goma beginnt der Machtbereich der M23. Eine Holzschranke markiert den Beginn. Entlang der Straße patroullieren schwerbewaffnete Soldaten der Gruppe.

Unser Kommen ist bekannt, als wir da sind, wird noch einmal hin und her telefoniert, dann werden wir in einen Raum geführt, dort sitzt Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero auf einer Couch, ein mittelgroßer Mann im Anzug. Vor der Tür schwerbewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer. Auf einem kleinen Fernseher drinnen läuft eine Game Show von RAI, dem italienischen Sender, hier per Satellit zu empfangen. Die heile Welt im Kriegsgebiet. Runiga Lugerero freut sich, schüttelt jedem die Hand und lädt uns erst einmal zum Mittagessen ein. Es gibt Fisch, Reis, Nfundi und Gemüse. Es wird etwas geplauscht, bevor es danach zum Interview geht.

Bischof Jean-Marie Runiga Lugerero will mit seiner M23 Bewegung den Kongo verändern. Er wettert gegen Korruption, die katastrophalen Verhältnisse im Land, erinnert an das Elend und die Not der Bevölkerung. Man habe in den Friedensverhandlungen in Kampala ernstzunehmende Vorschläge gemacht, doch die Antwort der Regierung in Kinshasa war fast immer gleich: M23 habe keine Berechtigung über gemeinsame Kommissionen, über Wahlen, über Untersuchungen, über Verträge zu verhandeln… Und M23 spreche nicht für die Bevölkerung. Runiga Lugerero hofft, dass die internationale Gemeinschaft endlich die Rebellenbewegung anders einschätze, denn die Sicherheit in diesem Teil des Landes sei wieder hergestellt. Man arbeite an der Infrastrukutur, und, so behauptet es der Präsident der M23, die Menschen in dieser Region stehen zu den neuen Machthabern.

Nach rund zwei Stunden in Bunagana ist es Zeit zum Aufbruch, um noch vor Einbruch der Dunkelheit in einer sicheren Herberge anzukommen. Runiga Lugerero verabschiedet sich mit Handschlag und lädt mich ein, doch mal wieder vorbei zu kommen. „You are welcome any time“. Der Pressesprecher fährt uns in einem schweren Geländewagen Marke Lexus zu unserem Wagen, ausserhalb des abgesperrten Bereiches und meint: „Den haben wir von Kabila bekommen“ und lacht. Gemeint ist die Übernahme Gomas im November, als die M23 neben Waffen, Munition, Lebensmittel, Gerätschaften, Fahrzeuge auch die Privatvilla des kongolesischen Präsidenten Josep Kabila plünderten und nun mit dessen Privatlimousinen im Osten des Landes herumfahren. Man erlebt schon seltsames in diesem Land.

Ein „Muzungu“ auf dem Moped

Am Tag als der Papst seinen Rücktritt erklärt, stehe ich vor einer Wandmalerei im Gefängnis von Goma. In diesem Raum waren rund 150 Häftlinge untergebracht. Ab und an wurde hier auch ein Gottesdienst gefeiert. Unchristlicher könnte kein Ort sein. Verdreckt, elendig, zerstört. Wer hier hauste, hier untergebracht war, der war vergessen. Im November wurden die Gefängnistore geöffnet, von wem ist unklar, den Regierungssoldaten oder den M23 Rebellen.

Heute ging es am Morgen zuerst mit dem Mopedtaxi in einen Randbezirk von Goma, dort werden ehemalige Kämpfer und Opfer von zumeist sexueller Gewalt geschult. Es ist wie eine Berufsschule, es gibt eine Schreinerei, eine Autowerkstatt, Näherei, Maurerei. Finanziert wird das ganze von norwegischen und finnischen Hilfsorganisationen. Hier arbeiten, und zum Teil leben, Täter und Opfer nahe beieinander. Ein einmaliger Versuch, der jedoch zu funktionieren scheint.

Wieder zurück in die Stadt, mit dem Moped Taxi. Der schwarze Lavastaub setzt sich in allen Poren fest, nach jeder Fahrt hat man ein schwarzes Gesicht, man sieht deutlich die Ränder der Sonnenbrille um die Augen. Wie die Mopedfahrer den Parcours auf Gomas Straßen bewältigen ist einzigartig. Geschickt wird um steinige Hügel aus Lavagestein auf den Strassen und tiefe Schlaglöcher herum manövriert. Und immer sind andere Mopeds um einen rum. Ein „Muzungu“, ein Weißer auf einem Mopedtaxi kommt nicht so oft vor. Da bleiben schon mal einige stehen, wie gestern, als meinem Fahrer der Sprit ausging. Er rief einen anderen herbei und versuchte mir auf Französisch klar zu machen, was ich zu zahlen habe. Und ich antwortete auf Englisch, dass das viel zu viel sei…währenddessen wurde die Gruppe um uns herum immer größer. Einige lachten über den Muzungu, andere hörten dem sicherlich bizarren hin und her einfach interessiert zu. Schließlich einigten wir uns, ein paar Scheine wechselten die Hand und weiter ging es.

Heute morgen ein ähnliches Schauspiel. Diesmal fuhr mein Mopedtaxi nach ein paar Hundert Metern mit plattem Hinterreifen. Der Fahrer hielt also an, rief einen anderen Fahrer herbei. Schaulustige machten sich über den etwas größeren und sicherlich auch schwergewichtigeren Muzungu im Vergleich zu den schmalen Kongolesen lustig. Der sei wohl schuld am platten Reifen, machten sie mir mit Gesten klar. Ich zeigte auf einen bäuchigen Kongolesen auf einem anderen Moped, also an mir konnte es wohl nicht gelegen haben. Einmal herzhaft gelacht und weiter ging es.

Goma ist eine seltsame Stadt. Am Ufer große Villen und Hotels, Motorboote der Reichen düsen vorbei, dahinter junge Frauen auf Wasserski. Und dann ist da der Rest von Goma, eine Stadt, die eigentlich nicht existent ist, also zumindest nicht so, wie wir uns eine Stadt vorstellen. Die Stromversorgung mangelhaft, kaum fliessend Wasser in den Häusern, Straßen nicht existent. Armut, Elend, Not. Und das hier, wo Goma der Umschlagplatz für Gold, Diamanten, Coltan, Wolfram und viele andere Erze ist. Jeden Tag werden hier Bodenschätze im zig stelligen Millionenbereich vertickt und über die Grenze geschafft. Einige leben sehr gut davon, die Rebellengruppen finanzieren ihre Kämpfe damit, doch in der Bevölkerung kommt vom Reichtum der Region und des Kongos nichts an.

Ich sitze hier auf dem Balkon meines Hotelzimmers, schaue auf den Kivu See, in der Ferne die Berge, der mächtige Vulkan Nyiragongo. Eine Traumlandschaft….gerade startet wieder lautstark ein UN Flugzeug vom Flughafen Goma. Eine Erinnerung daran, dass dies hier keine normale Stadt am beschaulichen Seeufer ist.