Ruanda nimmt einem den Atem

murambiDie hügelige Landschaft so wunderschön, das Grün so intensiv. Wie ein Bildnis liegt alles vor einem. Die Stille nimmt den Besucher ein. Am Ende der staubigen Strasse dann ist dieses Gelände, Murambi. Man erreicht es, wenn man kurz vor Butare, dem heutigen Huye rechts abbiegt. 20 Kilometer weiter hat man das Ende erreicht. Es sollte eine Bildungseinrichtung mit Klassenzimmern sein. Übrig geblieben sind noch ein Hauptgebäude und mehrere halb verfallene Backsteinbauten. Der Wind pfeift durch die offenen Fensterhöhlen.

Ein Mitarbeiter erwartet die wenigen Besucher. Gestern waren zwei Besucher hier, am Tag zuvor niemand, davor einer. Murambi, erklärt er, war im April 1994 eine Zufluchtsstätte für tausende von Tutsi, insgesamt mehr als 40.000 Menschen flohen auf das Gelände. Männer, Frauen, Kinder. murambi3Hutu Milizen riegelten das Gelände ab und hungerten die Flüchtlinge zwei Wochen lang aus, bevor sie zuschlugen, auf die wehrlosen und geschwächten Menschen mit Macheten, Knüppeln, Hämmern und Speeren einschlugen. In mehreren Massengräbern wurden die Opfer verscharrt, eines davon sofort geschlossen, es versiegelte hunderte von Toten. Der Verwesungsprozess wurde damit gestoppt, die Toten später gefunden und ausgegraben.

In einigen der als Klassenzimmer geplanten Backsteingebäude liegen heute diese eingekalkten Toten. Männer, Frauen und Kinder. Mit abgetrennten Gliedmaßen, eingeschlagenen Schädeln, verstümmelt. Murambi ist heute eine Gedenkstätte für den Horror jener 100 Tage im Frühjahr 1994. Man geht als Besucher von einem Raum zum anderen. Die Leichen liegen auf Holzpritschen, teils aufeinander. Es wirkt surreal, wie ein Kunstwerk. Es könnte eine Skultpur von Käthe Kollwitz sein. Doch es ist der Tod, der hier haust. Der Geruch ist betäubend, der Atem stockt einem, man wird richtiggehend erdrückt von dem, was man hier sieht, riecht, empfindet. So geht man von Zimmer zu Zimmer…vorbei an hunderten von Ermordeten.

murambi2jpgGedenken ist allgegenwärtig in Ruanda, man kann ihm nicht entkommen. Doch wer gedenkt der Toten, wer erinnert sich, wer will die Lehren aus der Vergangenheit ziehen? Ruander sieht man hier nur selten, auch nicht an den anderen „Genocide Memorials“ in Ruanda, die es alle paar Kilometer gibt. Eine Schule, eine Kirche, ein offenes Feld. Einzig die zentrale Gedenkstätte in Kigali zieht Einheimische wie Touristen gleichermaßen an.

Die Hoffnung liegt auf den jungen Ruandern, jenen, die lernen sich zu erinnern. Die ohne blanken Hass sind, die unvoreingenommen dem Nachbarn in die Augen blicken können. Ruanda hat noch einen langen und schwierigen Weg vor sich.

Ruanda zwischen Himmel und Hölle

Ruanda das Land der tausend Hügel. Powerhouse in der Gegend der Großen Seen. Afrikanischer Hoffnungsträger. Die Wirtschaft boomt, das Land ist auf Kurs mit einem visionären Präsidenten Paul Kagame. Alles scheint nach Plan zu laufen, sogar die Wahlergebnisse von 93 Prozent für den Amtsinhaber deuten scheinbar darauf hin, dass die Ruander diesen eingeschlagenen Weg gehen wollen. Ob sie möchten oder nicht.

Die Kritik an Kagame und seinem Kurs kommt nur verhalten, und dann auch nur von außen. Die ausländischen Medien reden von unterdrückter Meinungs- und Pressefreiheit, sprechen von Unterdrückung der Opposition und politisch Andersdenkender. Doch die kritischen Worte werden noch nicht mal in den Hauptstädten von Berlin bis Washington wahrgenommen. Man schaut weg, übersieht, wie man das schon immer mit Ruanda getan hat.

Genozid Memorial an einer Kirche in KibuyeDoch in diesem Land und dieser Region kann man nicht einfach wegschauen. Zu gegenwärtig ist das, was vor 16 Jahren passierte. Der Massenmord an den Tutsis, die systematische Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Egal wohin man in Ruanda auch fährt, man stößt überall auf die Orte des Schreckens. Kirchen, Plätze, Schulhäuser, Krankenhäuser. An den wunderschönsten Orten wurden Menschen zu tausenden brutalst abgeschlachtet. In Ruanda entkommt man dem Grauen nicht, es sei denn man will ganz bewußt nicht das wahrhaben, was hier geschehen ist. Doch dann ist man in Ruanda fehl am Platz.

Das seltsame im Ruanda des Paul Kagame ist, dass seit gut eineinhalb Jahren nur noch vom Morden an den Tutsis gesprochen werden darf. Doch damals zwischen April und Juli 1994 wurden auch moderate Hutus von den Radikalen Hutu Milizen umgebracht, vernichtet, abgeschlachtet. Es gab viele, die den Wahnsinn verhindern, die einschreiten, die schützen wollten. Doch auch sie wurden Opfer der Macheten, Speere und Knüppel. Aber darüber darf im heutigen Ruanda nicht berichtet werden.

Auch nicht darüber, dass Paul Kagames Rebellenarmee RPF beim Vorrücken auf Kigali und der Vertreibung der Hutu Milizen aus Ruanda ebenfalls Massaker an Zivilisten begangen haben soll. Kaum wird hier über das Vorgehen der ruandischen Armee unter ihrem Präsidenten Kagame im Kongo gesprochen. Auch dort fielen viele Zivilisten den in den USA ausgebildeten und geschulten RPF Kämpfern zum Opfer.

In den westlichen Hauptstädten der EU, der USA und Kanadas geht man mit der (Erfolgs)geschichte Ruandas etwas einseitig um. Der Besuch des Genozid Memorials in Kigali gehört für westliche Politbesucher zum Pflichtprogramm. Durchaus drängende und offene Fragen werden danach leider nicht gestellt.

Almenblutrausch

bisesero1Zweieinhalb Stunden für 30 Kilometer. Von Kibuye am Lake Kivu geht es über eine Holperpiste in die hügelige Landschaft. Vorbei an Ansiedlungen, Feldern und spielenden Kindern. Im ersten, maximal im zweiten Gang geht es voran. Eigentlich ist das die Strasse, die Kibuye mit Cyangugu im Süden des Landes verbindet. Doch Landstrasse ist zu hoch gegriffen, eine steinige Staubpiste umschreibt es besser. Irgendwann geht es von der Hauptstrasse ab.

Hinweisschilder sind so gut wie keine zu finden. Doch es muss hier oben sein. Bisesero heisst das Dorf. Kurvenreich ist die Fahrt. Dann ist man oben, ein himmlischer Anblick. Reisende haben Ruanda einmal als die Schweiz Afrikas bezeichnet. An diesem Ort weiss man warum. Ein Blick wie in den Alpen. Berge und Täler, Felder und im Hintergrund der wunderschöne Lake Kivu. Und dahinter die Berge des Kongos.

Bisesero. Oberhalb dieses Dorfes liegt die nationale Gedenkstätte für den Widerstand gegen den Genozid. Für fast 100 Tage hatten sich im Frühjahr 1994 rund 60.000 Tutsis hier oben auf dem Berg verschanzt und gegen Angreifer verteidigt. Dem einzigen Ort, an dem es einen gezielten Widerstand gegen den Genozid gab. Mit Lanzen vertrieben sie die Hutu Milizen, die mit Macheten ein weiteres Blutbad anrichten wollten. Doch dann brach der Widerstand, als das ruandische Militär eingriff. Die Tutsis konnten sich mit ihren Speeren und ihrem Überlebenswillen nicht länger gegen Gewehre und Handgranaten wehren.

bisesero2Heute erinnert ein Massengrab an Zehntausende von Toten. Am Eingang des Mahnmals steht eine unscheinbare Lagerhalle, so wie sie auch auf jeder Alm stehen könnte. Man vermutet landwirtschaftliches Gerät oder Heuballen. Doch hier ist der Raum mit Schädeln und Knochen gefüllt. Man steht nur fassungslos da. Betroffen, irritiert, fehl am Platz. Man tritt hinaus und sieht diese friedliche Landschaft. Wie konnte das nur passieren?

Mit dem Bau der Gedenkstätte wurde vor zehn Jahren begonnen, doch sie wurde nie fertig gestellt. Der Regierung ging das Geld aus. So bröckelt mittlerweile der Putz ab, die Stufen und Mauern sind angeschlagen. Am Eingang erwartet den Besucher ein Wasserschaden. Besucher? Hierher kommt niemand. Delegationen ist der Weg zu beschwerlich, Kranzniederlegungen in dieser Gegend wären zu zeitaufwendig.

Die Tür ist verrammelt, erst nach wenigen Minuten kommt eine Frau angerannt, die das Auto durch das Dorf fahren sah. Im Gästebuch ist der letzte Besucher mit dem Datum September 2009 zu finden. Die heute 22jährige verdient sich mit den wenigen Führungen ein paar Ruandische Francs dazu. Mit sieben hat sie auf diesem Hügel ihre Eltern verloren. Im Dorf lebt man wieder zusammen, meint sie. Man schaue nicht zurück, man hat vergeben.

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

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