Der kleine Seelöwe am Strand

Point Reyes ist eines meiner Ziele in der Region, die ich gerne mal zum Auftanken, Abschalten und einfach Genießen aufsuche. Es ist der westlichste Teil von Marin County, eine Landzunge, vom Wind zerfurcht, der Pazifik zeigt hier seine ganze Gewalt. Und man kann in Point Reyes die Spuren des San Andreas Graben verfolgen, der direkt unter dieser Region vorbeiläuft.

Ein kleiner Seelöwe ganz allein am Strand.

Ein kleiner Seelöwe ganz allein am Strand.

Mein Ziel ist immer „North Beach“, ein einsamer, langer Strand, tiefer Sand, kaum Besucher, keine Touristen, viel Treibholz. Gestern war ich mal wieder mit einer Freundin dort. Unsere beiden Hunde genossen den Auslauf. Und dann sah ich einen Kopf aufblicken. Ich ging darauf zu und erkannte einen kleinen Seelöwen, etwas unterernährt, der da eigentlich alleine nicht sein sollte. Was tun?

Ihn einfach mitnehmen und zu einer Rettungsstation bringen geht nicht. Nicht nur, dass es ein ein „Federal Crime“ ist, einem wilden Tier zu nahe zu kommen. Ich habe auch ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man mit einem Seelöwen umgeht. Also riefen wir den „Marine Mammal Center“ in Sausalito an, was zu machen sei. Dieses Rettungszentrum leistet die kalifornische Küste rauf und runter hervorragende Arbeit. Zu finden sind sie in den Marin Headlands, gleich auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge (Tipp: ein Besuch lohnt sich immer).

Erst hieß es am Telefon, wir sollten Fotos schicken, aber man könne den Kleinen wohl heute nicht mehr abholen. Das war keine Antwort, die wir hören wollten. Kurz danach riefen wir noch einmal an, um sicherzugehen, dass die Bilder auch angekommen waren. Nun war eine andere Frau am Apparat und meinte, sie werde eine Mitarbeiterin benachrichtigen, die gereade nicht weit weg in Bolinas im Einsatz ist. Wir sollten doch am Parkplatz warten.

Kurz vor der Fahrt zum "Marine Mammal Center".

Kurz vor der Fahrt zum „Marine Mammal Center“.

Nach 20 Minuten kam dann Kris, eine Frau Mitte 30 in dicken Wanderstiefeln, Jeans und Sweatshirt. Sie hielt sich nicht lange auf, griff sich ein Fangnetz und wir trugen ein Brett und eine Hundetransportbox. Der Wind peitschte uns ins Gesicht und den Sand um die Ohren. Gemeinsam marschierten wir erneut die 500 Meter am Strand entlang. Der kleine Seelöwe sah uns schon kommen und beobachtete unsere Bewegungen. Kris schlich sich vom Meer kommend an ihn heran und schmiss das Netz über ihn, ich raste anschliessend mit der Box zu ihr und gemeinsam verfrachteten wir den Seelöwen darin. Er wollte erst nicht, versuchte sich aus dem Netz zu winden, ein kleiner „Fighter“, ein gutes Zeichen.

Und dann wieder zurück zum Wagen, zum vierten Mal die 500 Meter durch den tiefen Sand, diesmal eine Hundebox mit Seelöwen in den Armen. Doch alles ging gut, Kris verstaute den kleinen Patienten im Wagen und machte sich auf den Weg zum „Marine Mammal Center“ in Sausalito, wo man ihn nun untersuchen und aufpäppeln wird. Der junge Seelöwe ist keine Ausnahme in diesen Tagen. Viele Jungtiere werden an den Stränden gefunden. Das Wetterphänomen El Niño hat die Nahrungssuche der Eltern verändert. Sie müssen größere Strecken zurücklegen, die hungrigen Jungtiere gehen dann irgendwann selbst auf Futtersuche und werden, wenn sie Glück haben, noch rechtzeitig gefunden. Nächste Woche rufen wir mal an, um nach dem Zustand des kleinen Seelöwen zu fragen.

Hungernde Seelöwen an der Pazifikküste

Normalerweise sind zu dieser Jahreszeit gerade mal ein Dutzend Seelöwen in der Rettungsstation nördlich von San Francisco untergebracht. Doch derzeit werden mehr als 100 junge Seelöwen im „Marine Mammal Center“ in Sausalito betreut. Abgemagert, krank und ausgehungert wurden sie an den Stränden in Nordkalifornien gefunden. An der gesamten kalifornischen Küste wurden seit Anfang des Jahres rund 250 Robben aufgegriffen. Und es nicht das erste Jahr, bereits seit 2013 registriert man die erhöhte Zahl von aufgegriffenen und abgemagerten Jungtieren.

CSL_socal-rehab_malnourished_03-27-2013_Ingrid-overgard_web2Noch rätselt man hier, was zu dem Anstieg der verhungernden jungen Seelöwen führt. Normalerweise sind die jungen Tiere bis im Alter von fast einem Jahr mit ihrer Mutter zusammen. Sie leben auf den Farallon Islands vor der Küste San Franciscos, den Channel Islands vor Santa Barbara oder weiter südlich in den Gewässern Mexikos. Die Wissenschaftler des Marine Mammal Centers glauben, dass die Problematik mit den gestiegenen Wassertemperaturen im Pazifik zusammenhängen könnte. Die Muttertiere müssten oftmals weiter schwimmen, um Nahrung zu finden und ließen so ihre Kleinen länger alleine zurück. Die hungerten und würden irgendwann einfach ins Wasser springen auf der Suche nach Futter. Doch kraftlos und nicht schnell genug für die eigene Jagd würden sie dann an die Küste gespült, wo sie bis auf die Knochen abgemagert aufgelesen werden.

Es ist eine Theorie, der nun nachgegangen wird. Seit der Verabschiedung des „Marine Mammal Protection Act“ von 1972 ist die Seelöwenpopuluation auf rund 300.000 Tiere vor der amerikanischen Westküste angewachsen.

Das „Marine Mammal Center“ sammelt derzeit Spenden für die Rettungsaktionen, die Behandlung und die Betreuung der jungen Seelöwen.