Zum Tod von Klaus Kinkel

Ort des Grauens mit Ausblick.

Es geht nicht um Nachtreten. Das will ich gleich am Anfang betonen. Das sagte ich auch on-air im Juni 2004, also Ronald Reagan starb, als die USA in eine kollektive Trauer verfielen und Reagan als den größten amerikanischen Präsidenen aller Zeiten feierten. Niemand wollte sich daran erinnern, dass Reagan in den 80er Jahren massgeblich für die politischen Eskalationen in Mittelamerika verantwortlich war.

Und nun ist der frühere Außenminister Klaus Kinkel gestorben. Kinkel war zwischen 1992 und 1998 deutscher Außenminister. Er machte seinen Job sicherlich gut, war eine politische Größe in der deutschen und auch in der internationalen Politik. Doch dann war da auch 1994, als in Ruanda Hunderttausende von Menschen abgeschlachtet wurden, und das Auswärtige Amt unter Klaus Kinkel total versagte.

Wer meinen Blog seit einigen Jahren verfolgt, der weiß, dass ich viel über die Rolle der Bundesrepublik Deutschland vor und während des Genozids in Ruanda recherchiert habe. Für ein längeres Radiofeature beschäftigte ich mich fast eineinhalb Jahre mit diesem Thema, sprach mit etlichen Zeitzeugen in Deutschland und Ruanda, darunter auch dem damaligen deutschen Botschafter in Ruanda, konnte bis dahin nicht veröffentlichte Berichte und Unterlagen einsehen. All das ergab ein eindeutiges Bild, eines, das kein gutes Licht auf das Auswärtige Amt unter der Leitung von Klaus Kinkel warf.

Deutschland in Ruanda     

Ruanda, die ehemalige deutsche Kolonie, war ein wichtiger Partner in Afrika für Deutschland. Mit Rheinland-Pfalz gab es seit Mitte der 80er Jahre ein Bundesland, das enge politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Brücken zwischen Mainz und Kigali baute und pflegte. Die Rheinland-Pfälzer unterstützten im ganzen Land unzählige Projekte. Die „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“ (GTZ), der „Deutsche Entwicklungsdienst“ (DED), die „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ (KfW) und auch eine Beratergruppe der Bundeswehr waren vor Ort in Ruanda. Dazu kamen viele deutsche Pfarrer und Nonnen, die im Land lebten, sich auskannten, die Landessprache Kinyarwanda sprachen. Und sie alle kontaktierten die deutsche Botschaft unter deren Leiter Dieter Hölscher, sendeten warnende Berichte zurück an ihre Zentralen in Deutschland. Die allgemeine Reaktion aus der Botschaft, dem Auswärtigen Amt, den Zentralen der staatlichen deutschen Institutionen: Stillschweigen oder die Aussage „Panikmache“.

Zu behaupten, das Auswärtige Amt, damals noch in Bonn, habe von der drohenden Krise, der Eskalation der Gewalt, den deutlischen Anzeichen für einen kommenden Massenmord nichts mitbekommen, ist schlichtweg gelogen. Das belegen die Berichte der Zeugen, das unterstreichen die zahlreichen Dokumente und Protokolle der verschiedenen vor Ort tätigen Organisationen und Einrichtungen. Deutschland, vor allem das Auswärtige Amt unter Klaus Kinkel, hat in Ruanda versagt. Zu erklären, die Bundesrepublik hätte nichts gegen den drohenden Genozid unternehmen können, wie es immer wieder von Seiten des AA hieß, gleicht einem Armutszeugnis der deutschen Diplomaten.

Mein Feature wurde 2013 ausgestrahlt, 19 Jahre nach den 100 Tagen Hölle in Ruanda. Doch es ist aktuell geblieben, denn eine Aufarbeitung der Rolle Deutschlands vor und während des Genozids in Ruanda hat bislang nicht stattgefunden. Die Akten im Auswärtigen Amt sind weiterhin unter Verschluss, die Unterlagen der Bundeswehr und der „Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ sind nicht mehr auffindbar. Klaus Kinkel war sicherlich ein großer Europär, ein guter und beliebter Außenminister. Doch wenn man an ihn denkt, sollte man sich auch daran erinnern, dass er nicht nur erfolgreich auf der internationalen Bühne war. Aus den Fehlern lernen, darum geht es.

Ruanda zwischen Himmel und Hölle

Ruanda das Land der tausend Hügel. Powerhouse in der Gegend der Großen Seen. Afrikanischer Hoffnungsträger. Die Wirtschaft boomt, das Land ist auf Kurs mit einem visionären Präsidenten Paul Kagame. Alles scheint nach Plan zu laufen, sogar die Wahlergebnisse von 93 Prozent für den Amtsinhaber deuten scheinbar darauf hin, dass die Ruander diesen eingeschlagenen Weg gehen wollen. Ob sie möchten oder nicht.

Die Kritik an Kagame und seinem Kurs kommt nur verhalten, und dann auch nur von außen. Die ausländischen Medien reden von unterdrückter Meinungs- und Pressefreiheit, sprechen von Unterdrückung der Opposition und politisch Andersdenkender. Doch die kritischen Worte werden noch nicht mal in den Hauptstädten von Berlin bis Washington wahrgenommen. Man schaut weg, übersieht, wie man das schon immer mit Ruanda getan hat.

Genozid Memorial an einer Kirche in KibuyeDoch in diesem Land und dieser Region kann man nicht einfach wegschauen. Zu gegenwärtig ist das, was vor 16 Jahren passierte. Der Massenmord an den Tutsis, die systematische Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Egal wohin man in Ruanda auch fährt, man stößt überall auf die Orte des Schreckens. Kirchen, Plätze, Schulhäuser, Krankenhäuser. An den wunderschönsten Orten wurden Menschen zu tausenden brutalst abgeschlachtet. In Ruanda entkommt man dem Grauen nicht, es sei denn man will ganz bewußt nicht das wahrhaben, was hier geschehen ist. Doch dann ist man in Ruanda fehl am Platz.

Das seltsame im Ruanda des Paul Kagame ist, dass seit gut eineinhalb Jahren nur noch vom Morden an den Tutsis gesprochen werden darf. Doch damals zwischen April und Juli 1994 wurden auch moderate Hutus von den Radikalen Hutu Milizen umgebracht, vernichtet, abgeschlachtet. Es gab viele, die den Wahnsinn verhindern, die einschreiten, die schützen wollten. Doch auch sie wurden Opfer der Macheten, Speere und Knüppel. Aber darüber darf im heutigen Ruanda nicht berichtet werden.

Auch nicht darüber, dass Paul Kagames Rebellenarmee RPF beim Vorrücken auf Kigali und der Vertreibung der Hutu Milizen aus Ruanda ebenfalls Massaker an Zivilisten begangen haben soll. Kaum wird hier über das Vorgehen der ruandischen Armee unter ihrem Präsidenten Kagame im Kongo gesprochen. Auch dort fielen viele Zivilisten den in den USA ausgebildeten und geschulten RPF Kämpfern zum Opfer.

In den westlichen Hauptstädten der EU, der USA und Kanadas geht man mit der (Erfolgs)geschichte Ruandas etwas einseitig um. Der Besuch des Genozid Memorials in Kigali gehört für westliche Politbesucher zum Pflichtprogramm. Durchaus drängende und offene Fragen werden danach leider nicht gestellt.

Almenblutrausch

bisesero1Zweieinhalb Stunden für 30 Kilometer. Von Kibuye am Lake Kivu geht es über eine Holperpiste in die hügelige Landschaft. Vorbei an Ansiedlungen, Feldern und spielenden Kindern. Im ersten, maximal im zweiten Gang geht es voran. Eigentlich ist das die Strasse, die Kibuye mit Cyangugu im Süden des Landes verbindet. Doch Landstrasse ist zu hoch gegriffen, eine steinige Staubpiste umschreibt es besser. Irgendwann geht es von der Hauptstrasse ab.

Hinweisschilder sind so gut wie keine zu finden. Doch es muss hier oben sein. Bisesero heisst das Dorf. Kurvenreich ist die Fahrt. Dann ist man oben, ein himmlischer Anblick. Reisende haben Ruanda einmal als die Schweiz Afrikas bezeichnet. An diesem Ort weiss man warum. Ein Blick wie in den Alpen. Berge und Täler, Felder und im Hintergrund der wunderschöne Lake Kivu. Und dahinter die Berge des Kongos.

Bisesero. Oberhalb dieses Dorfes liegt die nationale Gedenkstätte für den Widerstand gegen den Genozid. Für fast 100 Tage hatten sich im Frühjahr 1994 rund 60.000 Tutsis hier oben auf dem Berg verschanzt und gegen Angreifer verteidigt. Dem einzigen Ort, an dem es einen gezielten Widerstand gegen den Genozid gab. Mit Lanzen vertrieben sie die Hutu Milizen, die mit Macheten ein weiteres Blutbad anrichten wollten. Doch dann brach der Widerstand, als das ruandische Militär eingriff. Die Tutsis konnten sich mit ihren Speeren und ihrem Überlebenswillen nicht länger gegen Gewehre und Handgranaten wehren.

bisesero2Heute erinnert ein Massengrab an Zehntausende von Toten. Am Eingang des Mahnmals steht eine unscheinbare Lagerhalle, so wie sie auch auf jeder Alm stehen könnte. Man vermutet landwirtschaftliches Gerät oder Heuballen. Doch hier ist der Raum mit Schädeln und Knochen gefüllt. Man steht nur fassungslos da. Betroffen, irritiert, fehl am Platz. Man tritt hinaus und sieht diese friedliche Landschaft. Wie konnte das nur passieren?

Mit dem Bau der Gedenkstätte wurde vor zehn Jahren begonnen, doch sie wurde nie fertig gestellt. Der Regierung ging das Geld aus. So bröckelt mittlerweile der Putz ab, die Stufen und Mauern sind angeschlagen. Am Eingang erwartet den Besucher ein Wasserschaden. Besucher? Hierher kommt niemand. Delegationen ist der Weg zu beschwerlich, Kranzniederlegungen in dieser Gegend wären zu zeitaufwendig.

Die Tür ist verrammelt, erst nach wenigen Minuten kommt eine Frau angerannt, die das Auto durch das Dorf fahren sah. Im Gästebuch ist der letzte Besucher mit dem Datum September 2009 zu finden. Die heute 22jährige verdient sich mit den wenigen Führungen ein paar Ruandische Francs dazu. Mit sieben hat sie auf diesem Hügel ihre Eltern verloren. Im Dorf lebt man wieder zusammen, meint sie. Man schaue nicht zurück, man hat vergeben.

Im ruandischen Gefängnis

Ruanda ist ein Land im Um- und Aufbruch. Der Genozid ist überall, egal wohin man sich wendet, man wird damit in Kontakt kommen. Heute war ich mit Eugenie Musayidire, die 2007 mit dem Nürnberger Menschrechtspreis ausgezeichnet wurde, im Gefängnis von Gitarama. Mehr als 8000 Häftlinge sitzen dort ein, der Grossteil von ihnen wegen Straftaten während des Genozids 1994.

Dort sind auch rund 400 Frauen in einer engen Baracke untergebracht. Holzstockbetten über drei Etagen, eng aneinander liegen die Frauen. Handtücher und Kleidungsstücke hängen an Leinen, Taschen, in denen private Dinge untergebracht sind. Eine davon mit dem Konterfei von Barack Obama „Yes we can“. Im kleinen Innenhof stehen viel aneinander gedrängt, reden, singen, lesen in der Bibel.ruanda2

Eugenie Musayidire hat hier ihr neues Projekt gefunden. Sie betreut die 74 Kinder im Alter bis zu sechs Jahren, die mit ihren Müttern hinter den Gefängnismauern leben. Mit Hilfe einiger Gefangener geht sie mit den Kleinen spazieren, singt und spielt mit ihnen, geht zum Gefängniszaun und blickt nach draussen, wo an einer Strasse Passanten vorbeilaufen und Autos vorbeifahren. Für die Kinder eine spannende Abwechslung von der Enge des Gefängnistraktes.

Eugenie Musayidire hat grosse Pläne, sie will hier ein Kinderzentrum aufbauen, eine Art Kindergarten, um den Kleinen eine Kindheit in einer einigermassen normalen Umgebung zu bieten. Es wäre ein richtiger Schritt für die Kleinen, vielleicht auch ein Stück Hoffnung für die Mütter, die ihren Kindern so gut wie gar nichts bieten können.

Auch dieses Erlebnis am heutigen Tag war erschütternd, die Enge des Traktes erdrückend. Dazwischen kleine Kinder, die den Spaziergang im staubigen Gefängnishof geniessen.

ruanda3Später sass ich noch mit Eugenie und ihren Helferinnen zusammen. Sie stellten sich vor, ihren Namen, warum sie hier waren und wie lange sie noch hier sein werden. Die meisten von ihnen meinten „Genocide“. 14, 22, 27 Jahre, lebenslänglich. Unvorstellbar in diesen Zuständen, in dieser Umgebung. Wie halten sie das aus? Sie wüssten, warum sie hier seien. Schuld, Sühne, hoffen auf Vergebung.