„A needy, whiny baby“

„A needy whiny baby“, „A moral midget“, „I’m sad for America tonight“, das sind einige der Kommentare nach der Rede von Donald Trump. Trump reiste nach Pennsylvania, um sich am 100. Tag seiner Amtszeit feiern zu lassen. Er kam, sah und lieferte genau das, was seine Fans hören wollten. Ersteinmal ging es zehn Minuten gegen die Medien, die „Fake News“, wie der amerikanische Präsident sie nennt. Allein das ist ein Armutszeugnis für diesen Mann. CNN, MSNBC, die New York Times bekamen besonders ihr Fett ab. Trump hat damit gezeigt, dass er noch immer kein Interesse daran hat, sich vom Wahlkämpfer zum Präsidenten zu wandeln. Auch andere Präsidenten vor ihm hatten ihre Kämpfe und ihre Meinungsverschiedenheiten mit der Presse. Aber alle, egal ob Reagan, Bush, Clinton, Bush, Obama waren sich einig in dem, was Barack Obama am Ende seiner Amtszeit zu den Korrespondenten des Weißen Hauses sagte: „America needs you and democracy needs you“. Das ist eine unumstößliche Wertschätzung!

Die Rede tat weh, zeitweise tat sie sogar sehr weh. Nicht nur, weil da ein Mann im Weißen Haus sitzt, den ich bei meiner ersten US Präsidentenwahl nicht gewählt habe. Es tat vor allem weh, weil da jemand das Amt des Präsidenten innehat, der bislang keinen Versuch unternommen hat dieses Land zu einen. Es geht noch nicht einmal um den politischen Graben, der in keiner Amtszeit überwunden werden kann. Das war so unter Bill Clinton, unter George W. Bush, unter Barack Obama und nun auch unter Donald Trump. Politisch wird man nie überein stimmen. Doch der Ton, den Donald Trump befeuert, die Stimmung, die er anheizt ist alles andere als die eines präsidialen Staatsmannes. Ich habe George W. Bush nicht gemocht, ich habe auch Ronald Reagan nicht gemocht, aber keiner der beiden Republikaner hätte jemals solch ein Rede gehalten, wie sie Donald Trump heute Abend gehalten hat: hasserfüllt, nachtretend, anstachelnd und voller bewußter Falschausssagen.

Trump ist ein narzistischer Selbstdarsteller, der solche Auftritte liebt. So füttert er sein krankhaftes Ego, wenn ihm die ausgewählte Masse zujubelt. Egal was er sagt, Trump wird von seinen Fans als Heilsbringer angehimmelt. „Lock her up“ und „Build the wall“, Trump lächelt nur zu diesen bescheuerten Rufen. Seine Wähler stehen nach wie vor zu ihm, sie sehen ihn als Washington-Außenseiter, als jemanden mit provokanten Forderungen, als jemand, der ihnen aus der Seele spricht. Jobs, Ausländer, Terrorangst. Ein bißchen Rassismus darf ruhig sein, auch das liefert Trump.

Diese Rede zeigt den kritischen Punkt, den Amerika heute erreicht hat. 100 Tage Donald Trump sind nicht Anlass zum Rückblick, auf das, was Trump bislang schon alles gemacht, erreicht und angerichtet hat. Diese 100 Tage Marke ist für mich mehr ein Grund sorgenvoll nach vorne zu blicken. Denn was da noch auf uns zukommen wird – auf Amerikaner und die internationale Gemeinschaft – verspricht nach diesem Samstagabend nichts Gutes.

„Democracy dies in darkness“

Die renommierte Tageszeitung Washington Post hat unter ihrem Namen stehen: Democracy dies in darkness. Eine klare Ansage, die als Reaktion auf den Wahlsieg Donald Trumps kam.  Trump erklärte Medien, die ihn kritisierten und die nicht als Hofberichtstatter in der Trumpschen Welt fungieren wollen, zu „Fake News“. Was bedeutet, alles was Donald Trump sagt ist wahr, alles was Medienvertreter berichten ist unwahr. So die schwarz-weiß Logik des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nun wurden wieder die Pulitzer Preise vergeben, die angesehensten Auszeichnungen im amerikanischen Journalismus. Neben den großen Tageszeitungen, wie der Washington Post, der New York Times, des Wall Street Journals, sind gerade die vielen Auszeichnungen für lokale Zeitungen, wie die East Bay Times in Oakland, die Charleston Gazette Mail und auch die New York Daily News hervorzuheben. Denn die lokalen Tageszeitungen arbeiten mittlerweile unter erschwerten Bedingungen. In nur 15 Jahren sank die Mitarbeiterzahl zwischen 2001 und 2016 von 412,000 auf 174,000. Zahlreiche US Zeitungen machten im diesem Zeitraum ganz dicht. Es lohnte sich nicht mehr.

Die Pulitzer Preise machen immer wieder deutlich, wie wichtig eine breite, kritische und funktionierende Zeitungslandschaft ist. Ausgezeichnet werden eben nicht die Beiträge über die jüngste Pressekonferenz im Rathaus, der Neuzugang beim lokalen Profi-Team oder die Umfrage über „was halten sie vom vielen Regen?“ Nein, die Pulitzer Preise honorieren den kritischen Journalismus. Reporter werden geehrt fürs Hinsehen, Nachfragen, Recherchieren. Investigative Stories, die zeigen, welche Rolle Printmedien in unserer Gesellschaft einnehmen, einnehmen sollen, einnehmen müssen.

Was dabei und gerade in unserer Zeit hervor gehoben werden sollte, ist, dass kein Blog, dass keine Webseite, dass kein Social Media Star diese Arbeit übernehmen kann. Investigative Berichte brauchen Zeit, brauchen Geld, brauchen Reporter, die wissen, wie sie an eine Story herangehen, nicht aufgeben, sie auch unter erschwerten Bedingungen verfolgen. Und es braucht einen mutigen und weitsichtigen Herausgeber, der all das zu schätzen weiß. Der oder die es als Aufgabe von Medien sehen, in einer Demokratie eine mehr als wichtige Rolle zu übernehmen. Man muss nur in die Türkei blicken, um zu erkennen, was passieren kann, wenn die Meinungsvielfalt in den Medien aufgehoben, wenn die Presse quasi gleichgeschaltet wird. Democracy dies in darkness ist also nicht nur eine Standortbeschreibung für die Washington Post, es ist auch und vor allem eine Warnung an uns alle, wie leicht eine Demokratie gefährdet sein kann…hier, da und dort. Als passende Antwort auf Politiker wie Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan oder auch Vladimir Putin sollte man vielleicht überlegen, eine Tageszeitung, ein politisches Magazin, eine Wochenzeitung zu abonnieren. Es wäre zumindest ein Zeichen, das durchaus wahrgenommen wird, wie die Auflagensteigerungen der New York Times, der Washington Post, die steigenden Zuschauer- und Hörerzahlen von CNN, PBS und NPR seit der Amtsübernahme von Donald Trump belegen.

 

Radio mittendrin und zwischen den Welten

In diesen Tagen der kritischen Medienbeschauung tut es gut, wenn man mal in einem Sendestudio sitzt, das so ganz anders ist. KKUP 91.5 fm in Cupertino ist eine Community Station, die seit fast 45 Jahren ohne Werbung und ohne Sponsoren auskommt. Nur die Hörer unterstützen diesen einzigartigen Sender im Herzen des Silicon Valleys. Und das spricht für die Qualität und die vielen Sendungen auf dieser Station. Nicht umsonst nennt sich KKUP auch „People’s Radio“.

Don hatte mich in seine Sendung „No Pigeonholes“ eingeladen („The longest running program of home tapes and small studio productions in the world. Send us your home recordings for airplay!“). Don ist vor allem auf KOWS Radio in Sonoma County aktiv, doch noch immer sendet er auf seiner alten Station. Dafür fährt er alle zwei Wochen zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, quer durch den Alptraumverkehr der Bay Area. Auf KOWS wird auch allwöchentlich Radio Goethe ausgestrahlt.

Diese Art Community Radio ist eines der wichtigen Elemene der amerikanischen Medienlandschaft. Hier hört man Stimmen, Musik und Sichtweisen, die es sonst nirgends im streng formatierten Rundfunk (mehr) gibt. Es ist Handarbeit. Don kam mit einer Kiste CDs und Platten und Kassetten. Er spielt wahrlich Musik, die es sonst nirgends zu hören gibt. Musik aus Heimstudios, keine Coversachen, sondern eigene Songs. Und heute durfte ich das, mit einigen Sachen von mir anreichern, das reichte von Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten, über Faust und meine „Lieblinge“ Infamis bis hin zu Studio Shap Shap aus dem Niger. Wir ergänzten uns ganz gut und sowieso macht Live-Radio viel mehr Spaß, als eine vorproduzierte Sendung. Vor allem Live-Radio, bei dem man Zeit zum Atmen hat und die Musik selbst bestimmen kann, Geschichten dazu erzählt, Musik nicht nur als Gedudel im Hintergrund laufen läßt. Wetter, Verkehr und Pollenflug interessieren weder im Studio noch die Hörer vor dem Radio. KKUP hat eine starke Frenquenz in der South-Bay und kann auch übers Internet gehört. Einschalten lohnt sich garantiert!

Die lange Nase des Donald Trump

Donald Trump nennt sie „unehrlich“, „Schmierenpresse“, „Lügenpresse“, „Fake News“. Keine Veranstaltung vergeht, in der Trump nicht auf die amerikanischen Medien und ihre Vertreter einschlägt. Wer gegen ihn schreibt, hat es sich mit Donald Trump verspielt. Und seine Anhänger jubeln, denn die „Mainstream Media“ in den USA ist ihnen ebenfalls verhasst.

Doch die Gescholtenen haben nun die Faxen dicke und machen das, was sie tun sollten, sie berichten. Die Hoffnung, dass man mit Trump arbeiten kann, wurde von vielen aufgegeben. Trump der ein Präsident im Wahlkampf bleiben will, wird nun direkter angegangen. Trump will keine kritische Presse, er verlangt vielmehr Hofberichterstattung, Jubelberichte, Abdrucken und Senden ohne Nachfrage. Doch das wollen sich mehr und mehr Medien nicht mehr gefallen lassen.

Donald Trump regt sich an unpassender Stelle erneut über die Medien auf. Alles Lüge, sagt er. Foto: AFP.

Ganz deutlich wurde dies am Tag 1 der Regentschaft Donald Trumps. Der nutzte seinen Auftritt in der CIA Zentrale, um erneut gegen die Medien zu wettern. Er habe die größte „Inauguration“ aller Zeiten gehabt, er selbst habe ja die Menschenmassen gesehen. Trump tobte, denn zuvor wurden Zahlen und Bilder veröffentlicht, die belegen, die Amtseinführung des neuen Mannes im Weißen Haus hatte weit weniger als die Hälfte der Menschen angezogen, die 2009 zur „Inauguration“ von Barack Obama kamen. Nicht wahr, alles Lügen, Falschmeldungen. Trump schickte sogar seinen Pressesprecher vor die „White House Correspondents“ und ließ den Zahlen auflisten, die hinten und vorne nicht stimmten.

Auf CNN lächelten sie sich einen und sagten das, was schon lange in aller Deutlichkeit gesagt werden sollte: Trump lügt. Ja, sie sagten „he lies“. Die Washington Post, CNN und viele andere Medien zeigten einfach die Luftaufnahmen der Veranstaltungen, führten die Fahrgastzahlen des öffentlichen Verkehrsnetzes an. Trump wurde kalt erwischt, sein Versuch die Fakten erneut zu verdrehen wurde im Keim erstickt.

Die aktuelle Berichterstattung so einiger „Mainstream“ Medien macht Hoffnung in diesem Land, denn Journalisten haben eine mehr als wichtige Aufgabe, auch und vor allem im Königreich des Donald Trump. Trump ist es gewohnt sich mit Ja-Sagern und Jubelrufern zu umgeben. Doch es geht um die Kontrolle der Regierenden. Und die ist derzeit mehr als gefragt. Einige der Medien in den USA erkennen mehr und mehr ihre Verantwortung. Keine leichte Aufgabe, aber eine dringend benötigte in diesem Land.

 

Getötet im Einsatz

Steven Sotloff war einer von 60 Journalisten, die 2014 umgebracht wurden.

Steven Sotloff war einer von 60 ermordeten Journalisten.

Es ist eine traurige Bilanz. Mindestens 60 Journalisten wurden in diesem Jahr in Ausübung ihres Berufes oder weil sie Journalisten waren getötet. Es sind 10 weniger als noch ein Jahr zuvor, doch in den letzten drei Jahren sind so viele Reporter umgebracht worden, wie noch nie zuvor. Die grausamsten Morde waren die Enthauptungen der amerikanischen „Freelancer“ James Foley und Steven Sotloff, die von den IS Terroristen in Syrien umgebracht wurden.

Viele Reporter, Kameraleute, Fotografen starben, deren Namen meist unbekannt sind, die sich jedoch für eine Geschichte in Gefahr begaben. Sie waren in Kriegsgebieten unterwegs, berichteten über Korruption, recherchierten über das, was andere nicht veröffentlicht haben wollten. Es ist diese tägliche Arbeit, die beim Lesen eines Artikels, beim Hören eines Rundfunkfeatures, beim Sehen einer Fernsehdokumentation, kaum transportiert werden kann.

Auf meinen Reisen in Krisenregionen hatte ich immer größten Respekt vor denjenigen, die sich ganz selbstverständlich im Gefahrenalltag bewegten. Sie leben dort, sie arbeiten dort, sie sind ganz selbstverständlich dort. Und wer einmal diesen Job macht, kommt nur noch selten davon los. Es sind nicht nur die Geschichten, nicht nur der Nervenkitzel, der zur Sucht werden kann. Es ist auch das Unverständnis auf das man stößt, wenn man zurück kommt und nur schwer über das berichten kann, was man gesehen, erlebt, erfahren, gefühlt hat.

Die Arbeit von Journalisten, von Medienschaffenden wird oftmals kritisiert. Manchmal zurecht. Doch wie eine Berichterstattung entsteht, gerade unter solch erschwerten Bedingungen, wie sie Reporter in Kriegs- und Krisengebieten erleben, ist nur schwer vorstellbar und nachvollziehbar. Die Zahl von 60 getöteten Journalisten in diesem Jahr drückt das nur annähernd aus. Doch als Leser, Hörer, Zuschauer sollte man daran denken, wenn man mit Nachrichten und Informationen im täglichen Leben lebt. Daran, dass andere dafür ihr Leben riskiert haben.

Das gedruckte Wort ist Gold wert

Die Pulitzer Preis Gewinner 2014 wurden nun bekannt gegeben. Die Washington Post und der Guardian US, der Boston Globe, die Tampa Bay Times, die Gazette (Colorado Springs), Reuters, die Detroit Free Press, der Philadelphia Inquirer, der Oregonian, der Charlotte Observer, die New York Times und der Center for Public Integrity. Sie alle wurden mit dem wichtigsten Preis im Printjournalismus geehrt. Ganz verschiedene Themenbearbeitungen und Recherchen wurden ausgezeichnet. Zum Teil arbeiteten Journalisten mehrere Jahre an einem Thema, um diese besondere, ihre, Geschichte, diese News Story, zu veröffentlichen.

Nachrichten kosten viel Energie, Aufwand und auch Geld. Wer sich diese Liste von Gewinnern ansieht, der merkt, dass hier noch immer Zeitungen viel Geld investieren, um einem „Lead“, einer ersten Vermutung zu folgen. Gott sei Dank! Daraus entwickelt sich dann eine Geschichte, ein Artikel, ein wichtiger Teil einer lebendigen Demokratie. Wie die NSA Berichterstattung zeigt, ist das manchmal mit erheblichen Gefahren verbunden. Und doch, Journalisten berichten, Zeitungen, wie auch Radiostationen und Fernsehsender, veröffentlichen und senden, Politiker und Behörden müssen reagieren.

Nachrichten sind kostenlos, sie passieren einfach. Doch die Berichterstattung darüber kann nicht kostenfrei sein. Eine Webseite mit den News im Schnelldurchlauf, ein Blogger, der lediglich Ereignisse subjektiv kommentiert, youtube, twitter und facebook können das nicht leisten, was Journalisten in monatelanger Kleinstarbeit, wie in einem Puzzlespiel zusammensetzen. Wer glaubt, Zeitungen haben sich überlebt, der verkennt die Macht des gedruckten Wortes.

Die Zeitungsindustrie steckt hier und auf der anderen Seite des Atlantiks in einer tiefen Krise. Redaktionen werden zusammen gelegt, Reformen durchgeführt, Einsparungen radikal durchgesetzt. Manchmal gleicht das einem Kahlschlag, der nur noch ein Gerippe von dem übrig läßt, was eine Zeitung eigentlich ausmacht – zu berichten, was passiert. Zu analysieren, was passiert. Zu kommentieren, was passiert. Und eben auch, die Möglichkeit schaffen, investigativ Themen, Ereignisse, Personen zu betrachten. Dafür stehen Zeitungen und genau das wird jedes Jahr mit den Pulitzer Preisen in den USA ausgezeichnet. Leser, Hörer, Zuschauer sollten sich also entscheiden, ob ihnen auch in Zukunft eine lebendige, kritische, unabhängige Medienlandschaft eine paar Euro und Dollar wert ist. Irgendwie lässt sich alles ganz einfach mit den Worten von Joseph Pulitzer sagen:
“Our Republic and its press will rise or fall together.”

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Journalismus „fair and balanced“

Vor ein paar Wochen war ich als Gastredner ins Georg-Wilhelm-Steller Gymnasium in Bad Windsheim eingeladen. Meine Schwägerin ist dort Lehrerin. Ich sollte zu den Schülern der zehnten Klassen über meine Arbeit als Korrespondent und meine Reisen in Krisenregionen sprechen. Einfach mal aus dem Alltag plaudern, über einen Beruf, der als Traumberuf gilt und dennoch auch verrufen ist.

Also erzählte ich von Ruanda und Kongo, Ciudad Juarez und Afghanistan. Ein paar Bilder von diesen Reisen schmiss ich an die Wand, beantwortete Fragen. Und dann kam am Rande dieses Vormittags in Bad Windsheim eine Frage, über die ich noch immer nachdenke. „Glauben Sie, dass Journalismus objektiv ist“. Ich antwortete nein, denn sowohl die Themenwahl, als auch die Themenbearbeitung sind subjektiv. Man könne als Journalist versuchen ausgewogen und sorgsam zu arbeiten. Aber objektiv?

Gestern dann dachte ich wieder darüber nach. FOXNews in den USA, der Murdoch Nachrichtenkanal, bewirbt sich als „fair and balanced“ und ist dabei Welten von einer ausgewogenen, sorgsamen und objektiven Berichterstattung entfernt. Kann man als Journalist „objektiv“ sein? Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird für mich, dass das unmöglich ist.

„What bleeds leads“, eine alte Nachrichtenweisheit. Krisen, Kriege, Katastrophen verkaufen sich. Man denke nur an Afrika. Positive Berichterstattung von dort ist nur sehr schwer in den deutschen Medien unterzubringen. Natürlich wird die Berichterstattung in den Redaktionen bestimmt. Als ich noch als Hörfunkvolontär für einen Nürnberger Radiosender arbeitete, wurde ich eines Tages zu einem Brand in ein Asylantenheim geschickt. Das war Mitte der 90er Jahre, kurz nach den rechtsradikalen Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock. Als ich bei der Unterkunft ankam winkten die Feuerwehrleute bereits ab, es sei nur ein Kurzschluss in der Waschküche gewesen, kein großes Ding, keine Verletzten. Ich rief also meinen CvD, meinen Chef vom Dienst an und berichtete ihm, dass das keine Geschichte sei und dachte, damit ist gut, ich fahr zurück in den Sender. Doch er meinte, ich solle dennoch was machen, immerhin handele es sich um ein Asylantenheim. Meine Einwände, ob er das auch senden würde, wenn in einer Wäscherei ein Bügelbrett brennen würde, ließ er nicht gelten. Also machte ich meinen Aufsager, genau so, wie es war: Asylantenheim, Kurzschluß, Waschküche. Doch auch damit war mein CvD nicht zufrieden, wir hatten dann noch eine längere und heftige Diskussion im Sender, weil ich mich weigerte, etwas anderes zu berichten, als es die Fakten hergaben. Das ist ein extremes und auch ein sehr negatives Beispiel dafür, wie Nachrichten auch „gemacht“ werden.

Redaktionen sind von Auflagen und Einschaltquoten abhängig. Ganze Sender werden umgekrempelt, das Radio neu erfunden, wenn die Hörerzahlen veröffentlicht werden und eine Station bei den Umfragen in den Keller gerauscht ist. Als ich im privaten Hörfunk anfing, gab es noch Möglichkeiten zu berichten, zwei Minuten, drei Minuten lange Beiträge waren möglich. Am Ende meines Volontariats durfte ich sogar auf Radio F ein halbstündiges Feature senden, das sich um das Haus Jakobsplatz 21 drehte, in dem ich damals wohnte. Heutzutage ist das unvorstellbar. Jede Pause, jeder Schnaufer wird herausgeschnitten um wertvolle Sekunden zu gewinnen. Alles wird mit einem Musikbett unterlegt, ein Beitrag, die Nachrichten müssen zum Gesamthörbild des Senders passen.

Ich will hier nicht eine erneute Schelte der Medien beginnen, ganz im Gegenteil, ich will vielmehr eine Gegenfrage stellen: Gibt es den „objektiven“ Mediennutzer? Den objektiven Leser, Hörer, TV-Zuschauer? Und auch den gibt es nicht, so scheint mir. Würde man hinhören, wenn in den Nachrichten vom Kurzschluß im Asylantenheim berichtet wird? Hätten die Schüler am Georg-Wilhelm-Steller Gymnasium in Bad Windsheim mir zugehört, wenn ich anstelle von Mord in Juarez, Vergewaltigungen im Kongo, Krieg in Afghanisten über den Deutschprofessor an der UC Berkeley, den deutschen Winzer in Sonoma, die Radiosendung „Philosophy Talk“ gesprochen hätte, über die ich alle schon berichtet habe? „What bleeds leads“ gilt nicht nur für die Themenauswahl in den Medien, es gilt auch für das Lese- und Hörverhalten, fürs Zuschauen der Medienkonsumenten. Oder wer liest schon mit gleichem Interesse jeden Artikel in einer Zeitung? Warum haben die Kulturprogramme der ARD geringere Einschaltquoten als die Berieselsender? Warum werden hervorragende Dokumentationen zu später Nachtstunde in den dritten Programmen ausgestrahlt und nicht zeitgleich und zur besten Sendezeit wie DSDS? Die Medien können nur so „objektiv“ sein, wie sie der Mediennutzer haben will.