Ich lass das mal mit dem Arzt

Ich habe da ein kleines Problem. Eigentlich wollte ich nach meiner Rückkehr hier in Oakland zum Arzt gehen, doch allein die Tatsache, dass ich in Afrika unterwegs war, birgt nun ein Problem. Denn es gibt da ja die einfache Rechnung: Afrika + Unpässlichkeit = Ebola.

Ebola ist das Topthema auf der CDC Webseite.

Ebola ist das Topthema auf der CDC Webseite.

Amerika „liebt“ Horrorszenarien. Al Qaida baut Terrorzellen in den USA auf. Saddam Hussein hat riesige Arsenale mit chemischen und biologischen Waffen. Die Terrorgruppe Islamischer Staat steht schon in Ciudad Juarez an der amerikanischen Grenze, um mit Unterstützung der Drogenkartelle Attentate zu planen. Die Flüchtlinge aus Guatemala, Honduras und El Salvador werden das amerikanische Sozialnetz vernichten. Ach ja, dann sind da noch Kuba, weiße Haie an Stränden, gelegentlich ein Berglöwe in einer Nachbarschaft, Pädophile hinter jedem Busch und Strauch. Und, und, und nun eben auch noch Ebola. Damit lassen sich 24 Stunden „Nachrichtenkanäle“ füllen.

Amerika reagiert panisch. Die Medien stürzen sich darauf, berichten über etwas, was fast nirgendwo im Land auch nur aktuell ist. Gestern Abend stand tatsächlich in den 23 Uhr Nachrichten ein Reporter eines lokalen Fernsehsenders für einen Live-Bericht (!) am Flughafen von San Francisco. „Wird SFO bald Ebola Testtechnologie bekommen?“, fragte er. Hallo!!! Es gibt keine direkten Flüge von Freetown in Sierra Leone oder Monrovia in Liberia nach San Francisco. Also, was soll das?

Die konservativen Meinungsmacher von FOXNews, wie Sean Hannity, die Radio Talkshow Brabbler, wie Michael Savage, die Online Kolumnisten, wie Ann Coulter, sie alle sehen die Ebola Krise als eine politische Krise im Land. Barack Obama verfolge das Weltbürgertum, nur so sei zu erklären, warum es keine Reisebeschränkungen nach Westafrika gebe. Zwischen den Zeilen kann man da die rassistischen Töne durchhören, er sei ja ein Schwarzer, da wolle er seine Brüder und Schwestern in Afrika nicht vor den Kopf stoßen. Erneut zeige sich jedoch die Führungsschwäche des „Commander in Chief“. Egal, was Obama auch macht, es ist für seine Berufskritiker nicht genug. Der zuständige Chef des „Center for Disease Control“ (CDC) müßte umgehend entlassen werden, die Grenzen dicht gemacht, Reisewarnungen und Reiseverbote ausgesprochen werden, kein Amerikaner dürfe mehr in die betroffenen Länder reisen. Man hat den Eindruck, das Ebola Virus lauert hinter jeder Ecke und wartet nur darauf einen Amerikaner, „a good patriot“ zu infizieren. Obama, der Weichling, lasse es zu, dass „god’s country“ verseucht wird, so die Meinung der vielbeachteten Meinungsmacher.

Und nun wieder zu meinem angedachten Arztbesuch. Ich glaube, es ist verständlich, dass ich erst einmal ein bisschen warte. Schmerzen hin, Schmerzen her. Unwohlsein hin, Unwohlsein her. Bevor ich mir das antue, erneut jemanden vor mir im Schutzanzug zu sehen, lasse ich lieber noch etwas Wasser die Pegnitz runterfließen. Die mit ihrer Panikmache gehen mir gerade ziemlich auf den Geist. Hier und da. Denn durch die Ebolakrise bekomme ich noch nicht mal meine Tschadthemen in den Medien unter. Die Afrikaberichterstattung drehe sich derzeit nur um Ebola, heißt es. So, als ob der Kontinent eh nur aus Krankheiten und Seuchen besteht.

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Amerika im Abhörwahn

Hier drehen sie nun total am Rad. Radio Talk Show König Rush Limbaugh redet von einem „Coup“, zitiert „Experten“ die behaupten, Obama sei ein gefährlicher Mann, den man nie direkt mit der Krise in Amerika in Verbindung bringen könne. Es gebe, so der „Experte“ weiter, auch keine direkte Verbindung zwischen Hitler und dem Holocaust (!). Der „Sozialist“ Obama ist also quasi politischer Nachfolger des Nationalsozialisten Hitlers. Limbaughs verhasster Kollege Michael Savage spricht gar vom größten Skandal in der amerikanischen Geschichte. Nun wird an allen Enden und Ecken, in jeder noch so verlassenen Gesellschaftsgasse nachgeforscht, was der Staat mithört, mitliest, weiss und an Daten sammelt. Ja, auch die US Post fotografiert jeden Brief von vorne und von hinten. Und was ist daran nun neu?

Doch nicht nur die Republikaner und Konservativen schießen sich auf Präsident Barack Obama ein, auch viele seiner Unterstützer fragen sich, haben wir wirklich diesen Präsidenten wiedergewählt? Obama hat ein Problem, nichts ist mehr geblieben vom smarten, kritischen, zukunftsorientierten, weltoffenen Präsidenten. Vielmehr sitzt da im Weißen Haus ein Politiker, der bei bestimmten Fragen nicht viel anders regiert als sein verhasster Vorgänger George W. Bush. Nur Obama wußte es bislang besser zu verpacken. Fakt ist, das Gefangenenlager Guantanamo ist noch immer offen, politische Gegner werden von der Steuerbehörde verschärft überprüft, Reporter abgehört. Dann sind da noch die offenen Fragen zum Anschlag auf das US Konsulat in Benghazi. Und nun eben das Eingeständnis der Totalüberwachung  der Amerikaner, im Zuge der „Terrorbekämpfung“. Was kommt als nächstes?

Doch eigentlich ist das alles doch nichts neues. George W. Bush hat es gemacht, dessen Vorgänger Bill Clinton auch, und auch die davorigen Präsidenten haben alle genau hingehört, was sich so im Volk tut. Egal ob Republikaner oder Demokraten. Nur wird jetzt eben allzu deutlich, dass Barack Obama eben nicht der Wunderheiler Amerikas ist, zu dem er noch vor seiner Wahl 2008  gemacht wurde. Obama hat Charisma, ohne Zweifel, doch das kann nun auch nicht mehr über die realen politischen Entscheidungen des 44. US Präsidenten hinwegtäuschen. Es ist an der Zeit, die Regierung Obama ganz neu zu bewerten.

 

Was fehlt ist der Mordaufruf

Die Rechte in den USA flippt aus. Barack Obama ist ein gutes Jahr im Amt, mit der Gesundheitsreform hat er endlich was vorzuweisen, nun kam der Abrüstungsbeschluss mit Russland. Darin wird festgelegt, dass beide Seiten ihre Nukleararsenale um 30 Prozent verringern. Etwas, was auch schon der von den Republikanern als Halbgott verehrte Ronald Reagan in den 80er Jahren anstrebte:

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Doch Obama wird die Forderung nach der Reduzierung der nuklearen Waffen als Schwäche ausgelegt, auch wenn das verbleibende Waffenarsenal die Welt um ein vielfaches zerstören könnte. 30 Prozent weniger, so die Quasselköpfe der rechten Talk Shows, machten Amerika zu einem Ziel von Terrorstaaten. Mit bewussten Falschmeldungen greifen konservative Medien, allen voran FOX News, den Präsidenten an. Sean Hannity beschimpft Barack Obama als „Sozialisten“. Der frühere Sprecher des  US Kongresses Newt Gingrich erklärt, Obama sei „der radikalste aller Präsidenten“. Der selbsternannte Moralapostel und heimliche Führer der Republikaner, Rush Limbaugh, predigt seiner Hörerschaft, Obama „fügt diesem grossartigem Land unsagbaren Schaden zu“. Die Hoffnungsträgerin der Grand Old Party, Sarah Palin, weiss ja eh immer alles besser. Jene Frau, die im Wahlkampf als Erfahrungen in der Aussenpolitik angab, von Alaska aus Russland sehen zu können, spricht dem Präsidenten schlichtweg seine Entscheidungsfähigkeit in Fragen der Nuklearabschreckung ab. Er habe die wohl als „Community Organzier“ gelernt. Die Tochter von Grummel-Grummel Dick Cheney, Liz Cheney, die derzeit hinter den Kulissen die republikanische Partei auf einen Rechtskurs bringen will, erklärte, Obama bringe Amerika auf einen „Weg des Verfalls“.

Getoppt wurden diese Äusserungen nur noch von den Hass-Predigern, den Talk Radio Moderatoren Mark Levin und Michael Savage. Der eine meinte in seiner Sendung, Barack Obama sei das „näheste an einem Diktator, was wir jemals hatten“. Der andere hetzte „Obama der Zerstörer“.

Das schlimme an allem ist, diese Leute erreichen über die Talk Sendungen im Fernsehen und Radio Millionen von Menschen. Die Situation in den USA ist aufgeheizt. Und die Moderatoren schüren mit ihren Falschmeldungen und ihren provokanten Sprüchen noch den Hass auf den ungeliebten demokratischen Präsidenten. Das einzige was fehlt ist die offene Aufforderung zum Abschuss.

Terrorlistenblödsinn

Schon beim Einchecken an amerikanischen Flughäfen wird jeder Name mit einer bestehenden „No-Fly Liste“ gegen gecheckt. Das ist eine Datei mit einer Unmenge an Passagiernamen, die in kein Flugzeug dürfen. Und wenn der Computer „bling bling“ macht, geht gar nichts mehr. So geschehen vor ein paar Jahren, als ich von einem befreundeten Korrespondenten angerufen wurde, ob ich nicht eine Notfallnummer beim Deutschen Generalkonsulat hätte. Dessen Kollegin durfte nämlich nicht mehr ausreisen. Sie war nun nicht nur eine Kollegin bei einem grossen deutschen Nachrichtenmagazin, sondern in der Vergangenheit auch Gründungsmitglied der RAF.

Nach ihrem Ausstieg und ihrer Haftzeit besuchte sie regelmässig problemlos San Francisco. Doch dann kam der 11. September 2001 und alles veränderte sich. Aus dringenden privaten Gründen musste sie nun wieder nach Kalifornien reisen, doch schon am Flughafen in Berlin gab es Probleme und der Flug wurde ihr verweigert. Ein bisschen hin und her hinter den Kulissen und sie durfte dann doch nach San Francisco fliegen. Zwei Wochen später war der Rückflug geplant, doch am SFO sagte man ihr, man könne sie nicht mitnehmen, denn ihr Name tauche auf der „No-Fly Liste“ auf. Offensichtlich hatte man sie einreisen lassen, doch dann wohl vergessen, ihren Namen auch von der Liste zu streichen.

Diese „No-Fly Liste“ ist eines der streng geheim gehaltenen Papiere in den USA. Keiner weiss, wer alles darauf steht. Keiner weiss, wie man darauf gelangen kann und keiner weiss, wie man seinen Namen wieder von der Liste bekommt. Und nein, dort sind nicht nur Terrorverdächtige aufgeführt, sondern auch Nonnen, die an Friedensdemonstrationen und -protesten teilnahmen und dafür verhaftet wurden und denen dann auch die Mitfliegerei verweigert wurde.

Doch wer glaubt, nur die USA hätten solche Namenslisten, der irrt. Das muss zur Zeit Michael Savage spüren, der in der letzten Woche auf die unerwünschte Besucherliste in England gesetzt wurde. Er würde „Hass“ und“ Aufruhr“ verbreiten, hiess es aus London. Doch Savage ist nicht einfach irgendjemand. Er ist ein Radiomoderator, der täglich auf rund 400 Stationen zu hören ist und rund 6-8 Millionen Hörer mit seiner Sendung erreicht. Ja, Michael Savage ist erzkonservativ, amerikanischer Patriot bis ins Mark, aufbrausend, wortgewaltig und klar in seinen Foderungen nach „Border, Language, Culture“. Aber eine Gefahr für die Öffentlichkeit? Na, das ist ein Witz. Auf alle Fälle, auch wenn man seine Wortergüsse nicht mag, hat er nichts auf dieser britischen Liste neben KKK-Mitgliedern, hasserfüllten Rassisten und Antisemiten zu suchen.

Seit rund einer Woche spricht er in seinen Sendungen nur noch über dieses Thema und auch andere Talk-Show Moderatoren eilen ihm zur Hilfe, denn sie könnten die nächsten sein. Auch welche, die ihm politisch gar nicht nahe stehen. Und nun fordert Michael Savage die amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton auf, sich für ihn einzusetzen. Jene Hillary, die er seit Jahren brutalst und teils beleidigend von der Seite angegangen hat. Aber Talk Radio ist Entertainment….und das eigentlich immer auf Kosten anderer. Clinton hat noch nicht auf den Vorschlag Savages reagiert, aber durchaus vorstellbar wäre es, dass das State Department in London mal nachfragt, was das ganze soll. Denn es geht hier um „Freedom of Speech“, einem Grundrecht in der amerikanischen Gesellschaft. Savage labert vielleicht hin und wieder den totalen Stuss, aber eine öffentliche Gefahr für die Sicherheit Englands ist er wahrlich nicht.