Durch das weite Land

Es muss hinter Idaho Falls an einer Tankstelle gewesen sein. Da meinte einer mit Blick auf mein kalifornisches Kennzeichen, ich sei ja weit weg von zu Hause. Wohin ich denn wolle, fragte er. In die UP, die Upper Peninsula von Michigan, antwortete ich. “Are you crazy? Why don’t you fly?”. Ich zeigte auf meine Begleiterin, Käthe, eine vierjährige Schäferhund-Huskie Hündin, die mir ganz interessiert beim Tanken zuschaute. Er lachte nur, “you crazy Californians”.

Geradeaus, immer geradeaus.

2305 Meilen, das sind 3709 Kilometer. Von Oakland nach Twin Lakes, in der Upper Peninsula von Michigan. Einmal quer durchs Land und doch erreiche ich nicht die andere Küste. 1999 bin ich diese Strecke zum ersten Mal gefahren, damals mit einem Isuzu Trooper. Danach mehrmals mit meinem VW Bus, einem Eurovan, den ich 2002 erwarb. Der hat mittlerweile rund 325.000 Kilometer auf dem Buckel, viele Schrammen, die dritte Windschutzscheibe, doch ich liebe diesen Wagen. Er hat sogar noch einen Kassettenrekorder, kein Gefiepe beim Ein- und Ausparken, keine Sitzheizung und nicht allzu viele Lämpchen, die aufleuchten. Er fährt und fährt und fährt.

Mit diesem VW Bus werde ich bald wieder auf die lange Reise gehen, vollgepackt, mein Fahrrad dabei und Käthe liegt auf der hinten umgeklappten Rückbank. Meist döst sie vor sich hin oder schaut aus dem Fenster, manchmal höre ich sie schnarchen. Und dann kommt sie die paar Schritte auch immer mal wieder nach vorne zu mir, so, als ob sie kontrollieren will, ob ich noch fit bin, denn ich fahre diese Strecke fast durch. Um die 40 Stunden brauche ich, darin einbezogen sind etliche “Power Naps”, 30-45 Minuten Schlafeinheiten, um die Augen ruhen zu lassen.

Ich freue mich jedesmal auf diese lange Fahrt. Sie ist anstrengend, doch auch irgendwie befreiend. Der Weg ist das Ziel, gerade wenn man die übervolle San Francisco Bay Area hinter sich lässt. Der Verkehr auf dem Interstate 80 wird hinter Sacramento weniger, rechts geht es ab nach Folsom, wo das berühmte kalifornische Gefängnis liegt und einst Johnny Cash sein berühmtes Konzert hinter den Knastmauern spielte. Vorbei an Auburn und Truckee, dem Lake Tahoe, über die Berge der Sierra Nevada. Dann kommt die Grenze zu Nevada, dahinter gleich Reno, das etwas stiefmütterliche Spielerparadies, bekannt auch durch seine Conventions, die es nicht nach Las Vegas schaffen.

Irgendwo in Nevada.

Etwa 40 Meilen hinter Reno kommt Fernley, hier geht es nach Norden, wenn man zum alljährlichen “Burning Man” Festival in die Black Rock Desert will. Danach wird es richtig ruhig auf dem 80er. Links und rechts des Freeways wird es karg, der Blick weit, Hundert Kilometer und mehr kann man sehen, keine Gebäude, keine Strommasten, es geht nur noch geradeaus. Nevada ist der siebtgrößte Bundesstaat mit gerade mal etwas über drei Millionen Einwohnern. Viel Land in diesem Bundesstaat ist als Militärsperrgebiet ausgeschrieben, darunter auch die berühmt-berüchtigte Area 51.

In Nevada beginnt für mich die eigentliche Fahrt. Den Gedanken nachhängen, Meile für Meile. Die Weite der Landschaft, der ferne Horizont, die stressfreie Fahrt lassen einen tief in sich versinken. Die Schönheit der kargen Landschaft, ja, das ist Amerika. Das ist auch Amerika. Washington, Donald Trump, Skandale, Politik, all das ist ganz weit weg. Irgendwie kommen mir auf dieser Strecke immer die alten Karl May Filme in Erinnerung, der wilde Westen. Ich denke daran, wie es wohl war, damals, in den Westen zu ziehen, in ein unbekanntes Land voller Gefahren. Nicht wissen, wohin es geht, was noch kommen wird. Durch diese öde Landschaft ziehen, immer weiter in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden.

Und doch, hier leben Menschen. Ich fahre gerne von der Interstate ab, um eine Pause zu machen. Manchmal sind es nur ein paar Häuser, die da neben einer Tankstelle stehen, staubig, Tumbleweeds rollen über die Straße. Was macht man hier, wie lebt man hier in der Mitte von Nirgendwo? Auf dieser Strecke quer durch das Land gibt es viele solcher Orte, die wie aus einer Episode der Twilight Zone Serie stammen könnten. Hier will man nicht stranden, nicht lange bleiben, nur weiter auf dem endlos scheinenden Teerband der Interstate. Vorbei an Winnemucca, an Battle Mountain, an Elko bis Wells. Dort fahre ich von der Interstate 80 ab, tanke voll, gehe mit Käthe ein paar Schritte spazieren, bevor es auf dem Highway 93 Richtung Norden, Richtung Idaho geht. Twin Falls erreiche ich meistens in der Nacht, dort geht es wieder etwas Richtung Westen.

Der weite Himmel über Montana.

Es gibt mehrere Möglichkeiten von Oakland in die UP zu fahren, ich wähle immer die nördlichste Route, die ist in den heißen Sommermonaten meist etwas kühler, durch das Farmland von Idaho Richtung Yellowstone National Park, den ich westlich auf einem kurvigen, engen Highway passiere, immer weiter nach Norden. Hier grenzen Idaho, Wyoming und Montana aneinander, hier ragen die Berge der Rocky Mountains auf. Hier ist das konservative “Heartland” Amerikas, hier ticken die Uhren ganz anders. Trump und NRA Aufkleber auf den Autos, “Gun Racks” Gewehrhalterungen, in den Pick-up Trucks. Die Landschaft ist wunderschön, man sieht im Vorbeifahren Bisons und Hirsche, Koyoten und Füchse, nachts haben schon ein paar Bären vor mir die Straße überquert.
Dort liegt Big Sky, eine Ortschaft, die diesen Namen wahrlich verdient. Der Nachthimmel zwischen den hoch aufragenden Bergen ist unbeschreiblich schön, spirituell in seiner ganzen Pracht. Es sind diese Augenblicke, die die Strapazen einer 40 Stunden Fahrt verschwinden lassen. Natürlich könnte ich irgendwo anhalten, mir ein Zimmer nehmen, übernachten, doch ich will ankommen und fahre weiter.

Bei Bozeman treffe ich auf die Interstate 90, die bei Billings in die 94 übergeht, es geht norwestlich weiter, die Grenze zu North Dakota liegt vor mir, hier habe ich schon 1400 Meilen hinter mich gebracht. Vor mir liegt die endlose Weite von North Dakota, der 94er zieht sich schnurgerade durch den Bundesstaat. Links und rechts nur Einöde. In der Mitte von North Dakota liegt Bismarck, die Hauptstadt des Staates. Hier existierte ein Internierungslager, in dem im Zweiten Weltkrieg viele Deutsche untergebracht waren, einer von ihnen war Max Ebel, der schon in den 30er Jahren vor den Nazis aus Deutschland floh, um dann in der Hysterie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor in die Fänge des FBIs zu geraten. Er verbrachte ein paar Jahre im Lager “Fort Lincoln”. Max Ebel lernte ich vor etlichen Jahren kennen, er erzähle mir seine Geschichte, an der er fast zerbrach. Immer wenn ich an Bismarck vorbei fahre, denke ich an ihn. Ich sollte “Fort Lincoln” mal besuchen, bislang, auf all den Fahrten gen Osten und gen Westen hat es noch nie geklappt. Vielleicht verbinde ich das mal mit meinem Traum, von Oakland in die UP nur auf Highways zu fahren, lokale Museen und Sehenswürdigkeiten zu besuchen und viel Zeit auf diesem Weg zu verbringen.

Wenn ich mich mal für eine halbe Stunde hinlege und die Augen schließe passt Käthe auf.

Von Fargo geht es ab von der Interstate auf den Highway 10, dann auf den Highway 210, quer durch Minnesota Richtung Duluth. Meist fahre ich nachts durch Minnesota. Einmal wurde ich gegen drei Uhr morgens von der Highway Patrol angehalten, weil ich einen mir entgegen kommenden Wagen mit meinem Fernlicht angeblinkt hatte, denn dieser blendete mich mit seinem Fernlicht. Es war die Highway Patrol, die ich da angeblinkt hatte. Er stoppte mich auf einer verlassenen Strecke des 210, stieg aus und kam langsam auf der Beifahrerseite zu meinem VW Bus. Im Seitenspiegel konnte ich beobachten, wie er den Verschluss seines Pistolenholsters löste. Das ist Routine, kein Polizist weiß, in welche Situation er in solch einem Augenblick kommt. In einem schwerbewaffenten Land wie den USA ist alles denkbar. Ich öffnete das Seitenfenster und fragte, warum er mich stoppe. Der Beamte sagte, ich hätte ihn angeblinkt, was nicht erlaubt sei. Ich antwortete, seine Scheinwerfer hätten mich geblendet. Er leuchtete mit einer Taschenlampe in meinen vollen Wagen, sah Käthe, die ihn einfach nur anschaute. Er wollte daraufhin meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere sehen und fragte, woher ich komme. Ich sagte, aus Kalifornien und sei auf dem Weg in die UP nach Michigan. Nach der Prüfung meiner Papiere wünschte er mir eine gute und sichere Weiterfahrt. Ich nahm das zum Anlass, mal wieder länger anzuhalten, die Augen ruhen zu lassen.

Die letzte Etappe von Duluth, entlang der Küste des Lake Superior in Wisconsin zur Staatsgrenze nach Michigan zieht sich besonders lang hin. An diesem Punkt bin ich übermüdet, das Ziel quasi schon vor Augen und die Meilen werden nicht weniger. Der Highway ist langsam, kurvenreich, vorbei an Iron River, Ashland, Ironwood. Dort geht es dann wieder nach Norden, endlich in die UP.

Die Upper Peninsula war einst das Ziel vieler Einwanderer aus Europa. Finnen, Italiener, Tschechen, Polen, Deutsche, sie alle kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, um in den Kupferminen zu arbeiten und in der boomenden Region dieser Halbinsel eine neue Heimat zu finden. Noch immer sind in der UP riesige Vorkommen an Kupfer zu finden, hier soll es das reinste Kupfer der Welt geben, doch die Gesteinsbrocken sind so gross, zu teuer, um sie abzubauen. Seit den 1920er Jahren wurde eine Mine nach der anderen geschlossen. Überall findet man hier Geisterstädte, überwucherte Ansiedlungen und Industrieanlagen, die Natur holt sich das zurück, was ihr genommen wurde. Die Region ist eine vergessene Region in den USA. Die Winter sind lang und hart. Im September kann es schon schneien, im Mai fällt der letzte Schnee.

Es ist einsam hier oben an dem kleinen See, der mein Ziel ist. Doch es ist wunderbar, idyllisch, unbeschreiblich. Ein innerer Friede, ein Abschalten, ein in sich gehen. Mit dem Kayak nachts um halb elf auf den See zu paddeln, das Abendrot im hohen Norden zu bewundern, die Ruhe wirken zu lassen. In solchen Momenten weiß ich, warum ich immer wieder hierher komme an den Lake Roland. Der Weg ist das Ziel. Und das Ziel hilft auf dem Weg, der da kommen mag.

„On the air“ in Amerika

Seit über 23 Jahren bin ich nun „on the air“ in den USA. Angefangen hat alles auf KUSF 90.3 fm, dem einstigen College Radio mit UKW Frequenz der University of San Francisco. Doch die Jesuiten Uni-Leitung brauchte Geld und verkaufte 2011 für mehrere Millionen Dollar die 90.3 Frequenz an ein nicht-kommerzielles Klassikradio-Network aus Südkalifornien. Schon damals deutete sich an, dass KUSF nicht der einzige Collegesender in den USA bleiben würde, dessen Frequenz verhökert werden oder der ganz verschwinden würde. Weitere folgten, Collegeradio, einst ein wichtiger Part und Trendsetter in der amerikanischen Rundfunklandschaft, wurde immer mehr beschnitten.

Heute las ich von KMSM, dem Uniradio in Butte, Montana, auf dem auch mehrere Jahre meine Sendung „Radio Goethe“ ausgestrahlt wurde. Nach 45 Jahren „on the air“ wird der Sender abgewickelt. Studierende der Montana Tech Hochschule erklärten in einer Umfrage, dass sie kein großes Interesse an der Station hätten. Die Uni-Leitung nahm das zum Anlass den Stecker zu ziehen. Doch sie hat schlichtweg übersehen, dass dieser Collegesender eine wichtige Community Station ist, dessen Hörerschaft weit über den Campus hinausreicht. So war es auch bei KUSF in San Francisco. Der Sender war über die Jahrzehnte eine gewachsene College Station, die auf der einen Seite Bands wie Metallica, Nirvana, Faust unterstützten und förderten und auf der anderen Seite Stimmen in der San Francisco Bay Ara on air brachte, die woanders nicht zu hören waren. Es gab 16 fremdsprachige Programme, von den Armeniern bis zu den Finnen, dazu Kultursendungen, die einzigartig waren. All das verschwand aus der Medienlandschaft San Franciscos als die Jesuitenführung der USF einen schnellen „Buck“ machen wollte.

Collegeradio ist sicherlich nicht mehr das, was es einmal war. Die Streaming Dienste, das Online Hören, der Zugang zu Musik, ja, die Wertschätzung der Musik, all das hat über die letzten Jahre die Hörgewohnheiten dramatisch verändert. Und dennoch, es gibt sie noch diese Oasen im Hörfunk. Das konnte ich am Mittwochmorgen wieder feststellen, als ich meine erste Nachtsendung auf KKUP in San Jose moderierte. Die Musikwahl war…sagen wir eklektisch. Etliche der Musiker und Bands veröffentlichen nur auf Vinyl und das in einer Auflage von 50+. Doch auch, wenn das keine Massenware, keine hitverdächtigen Charterfolge sind, so gibt es doch unzählige von Hörerinnen und Hörern, die genau diese Art von Musik entdecken wollen. Selbst ein Klaus Schulze, einer der wohl wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik, der weltweit seine Fans und Bewunderer hat, ist im „normalen“ Radio kaum zu hören.

In Sendungen, wie dieser, die ich nun monatlich auf KKUP moderieren werde, wird genau für solche Musikerinnen, Musiker und Gruppen Platz zur Verfügung gestellt. Ich weiss, damit erreiche ich nur jene wenigen, die entweder in der Bay Area nachts nicht schlafen können oder die morgens in Deutschland online keinen Dudelfunk mit den ewig gleichen Songs hören wollen. Aber gerade deshalb gibt es Sender wie KKUP, die „non-commercial“ sind, die Musik und Stimmen „on air“ haben, die man woanders nicht hören kann. Musik, die anders ist, den klanglichen Horizont erweitert, die herausfordernd sein kann, die herkömmliche Hörgrenzen versetzt. Das ist für mich eine Bereicherung, zu wissen, dass es da noch immer solche Stationen gibt, die diese Art von Sendungen möglich machen. Ja, die mir ermöglichen Musik zu teilen, die mich bewegt.

Klar, es gibt solche Stationen nicht nur in den USA. Auch in Deutschland sind zahlreiche offene Kanäle, Uniradios und auch Sender, wie max neo oder auch Radio Z in Nürnberg zu finden. Sie bereichern die Radiolandschaft durch eine andere Musikauswahl, durch andere Sichtweisen und Blickwinkel. Auch wenn manche das als Minderheitenradio abfällig abtun, das, was man da hören kann ist dennoch ein Ausdruck der Vielfalt einer Gesellschaft. Von daher gilt es, diese Radiooasen zu schützen und auch zu unterstützen.

Die Geschichte vom Wolf

Eines der faszinierendsten, spannendsten, und bewegendsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe ist “American Wolf” von Nate Blakeslee. Erzählt wird die Geschichte der Wölfe im Yellowstone Nationalpark seit ihrer Wiederansiedlung 1995. Blakeslee erhielt dafür Zugang zu den Aufzeichnungen etlicher Wolf-Beobachter, die Tag für Tag und das ganze Jahr über Wölfe beobachten, ihr Verhalten und ihr Leben dokumentieren.

“American Wolf” gibt einen Einblick in das Leben dieses Raubtieres, aber auch in die amerikanische Politik und das Denken von Jägern, die Wölfe als Trophäen erschießen. Politiker, die Wölfe abschlachten lassen, um ihre Wiederwahl zu sichern. Jäger, die dieses beeindruckende Tier in einem bescheuerten Egotrip zur Strecke bringen. Es ist nahegehendes Buch um Leben und Tod. Der Wolf wird hier nicht vermenschlicht und doch fühlt man mit den Rudeln, die ihren täglichen Kampf ums Überleben durchmachen. Viele der beschriebenenen Beobachtungen erinnerten mich an meinen Hund, einen Huskie-Schäferhund Mischling, spannend zu lesen und zu lernen, woher manches Verhalten kommt.

Nate Blakeslee schafft es in diesem Buch ohne Gefühlsduselei, Schönfärberei und Verharmlosung eine mitreißende Naturgeschichte zu erzählen, die sich im ältesten Nationalpark der Welt abspielt. Eine Schutzzone, in der sich seit 1995 der Canis Lupus wieder entwickeln darf und dadurch den Park und das Leben darin verändert hat. Es ist ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der solche Schutzzonen mehr denn je gebraucht werden und in der Politiker offen dem Natur- und Tierschutz den Kampf angesagt haben. „American Wolf“ macht nachdenklich und ist dennoch auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn es ist eine Geschichte die Mut macht, die vom Überleben und von der persönlichen Überzeugung erzählt.

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Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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America the beautiful

3500 Kilometer liegen hinter mir. Fast einmal quer durchs Land. Durch Nordkalifornien nach Nevada, den Bundesstaat von West nach Ost durchfahren, dann Richtung Norden durch Idaho, rüber nach Montana, entlang des Yellowstone National Parks. Montana durchkreuzt, den langen Freeway in North Dakota abgefahren, bei Fargo dann auf den Highway Richtung Minnesota eingeschwenkt. Bei Duluth nach Wisconsin rein, von dort noch weiter nördlich bis zur Upper Penninsula von Michigan. Das alles nur mit ein paar „Power Naps“ geschafft.

Eine Endlosfahrt durch Amerika.

Eine lange, endlos erscheinende Autofahrt durch ein Land, das mir auch noch nach 22 Jahren fremd und gleichzeitig neu ist und dennoch faszinierend bleibt. Amerika ist ein wunderschönes Land, in das es sich lohnt zu reisen. Nicht nur nach New York, Florida, Las Vegas und Kalifornien. Wer die USA verstehen lernen möchte, der muss ins Landesinnere fahren. Nach Elko, Bozeman, Bismarck, Duluth, Houghton und viele andere Kleinstädte auf dem Weg von West nach Ost.

Auf dieser Fahrt durch die unvereinigten Staaten von Amerika hörte ich B5 Aktuell, Deutschlandfunk, NPR, Al Jazeera, BBC, das Smartphone macht es möglich. Und alle berichteten von Donald Trump und seinem Treffen mit Vladimir Putin in Helsinki. Berichte, Analysen, Reaktionen. Donald Trump der seltsame, selbstverliebte, unkonventionelle, rüpelhafte Präsident der USA. Und dann diese Bilder von diesem weiten, offenen, wunderschönen Land. Menschen, an allen Tank- und „Dog Business“ Stopps, die freundlich, interessiert, humorvoll waren. Ich war überrascht, dass ich im Landesinneren nicht auf Unmegen an Trump Aufkleber und MAGA-Hüten stieß. Diese Fahrt durch Amerika führte mir auch wieder mal vor Augen, warum ich dieses Land auch nach 22 Jahren noch liebe.

Das ist auch Amerika

Ich schreibe in diesem Blog viel über die amerikanische Politik, die Gewalt in US Städten, seltsame Dinge, die sich hier zutragen. Es sind viele negative Beiträge über ein Land das gespalten, über eine Gesellschaft, die geteilt ist. Washington gleicht einem Tollhaus, die Diskussionen um Waffengewalt und Waffenbesitz grenzen an Hirnrissigkeit, der amerikanische Patriotismus ist für mich auch nach 19 Jahren nicht nachvollziehbar.

Ein Wolf im Yellowstone Nationalpark.

Ein Wolf im Yellowstone Nationalpark.

Und doch die USA sind auch ein wunderschönes Land, das man entdecken sollte. Allein hier am Golden Gate ist man oftmals überwältigt von der Natur. Einmalige Ausblicke, die einem fast den Atem rauben. Das erste Mal war ich 1987 in den USA, seitdem bin ich mehrmals kreuz und quer durch das Land gefahren. Habe Nationalparks und State Parks besucht, war in den Rocky Mountains und an den großen Seen, habe die Wüste unter den Füßen gespürt und meine Beine im Mississippi baumeln lassen. Amerika ist ein faszinierendes, ein wunderschönes und reiches Land.

Gestern habe ich dieses beeindruckende Video gesehen. Es zeigt den positiven Effekt auf den Yellowstone Nationalpark in Wyoming, Montana und Idaho nachdem Anfang der 90er Jahre sich dort wieder Wölfe ausbreiteten. Eine wunderschöne, einzigartige Landschaft, die man sehen sollte und die ich jedem USA Reisenden nur empfehlen kann. Die amerikanischen Nationalparks sind sowieso etwas ganz besonderes. Schon 1916 erkannte man die Notwendigkeit diese Gebiete unter Naturschutz zu stellen und ein einigermaßen akzeptables Gleichgewicht zwischen Natur und Tourismus zu schaffen.

Doch zurück zum Yellowstone Nationalpark und den Wölfen.

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Das sieht ja lecker aus

Ein Murmeltier ist derzeit der Hit. Greepeace hatte im Glacier National Park in Montana eine Kamera installiert, um über einen längeren Zeitraum die Veränderung der Natur durch den Kohleabbau zu dokumentieren. Die Kamera war auf eine wunderschöne Landschaft gerichtet. Und da kommt auf einmal das Murmeltier den Berg hoch gewackelt, sieht das fremde Ding da und fängt an, es zu beschnuppern und zu lecken. Zwar will bei so einem Video niemand etwas vom Kohleabbau wissen, doch Greenpeace selbst veröffentlichte das Filmchen mit dem Zusatz „Wer den Lebensraum des Kleinen hier retten will, bitte hier klicken“:

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Sommerhaus in Montana?

Nur knapp 70.000 Dollar kostet das Grundstück in den Wäldern von Montana. Schön abgelegen, ganz einsam, kein Wasser, kein Strom, so richtig tief im Wald. Es ist etwas teurer als vergleichbare Grundstücke in der Gegend, doch es kommt mit einem amtlichen Geschichtsstempel. Denn hier lebte der notorische „Unabomber“ Ted Kaczynski, der zwischen 1979 und 1995 drei Menschen mit Paketbomben tötete und 23 verletzte.

Ted Kaczynski GrundstückKaczynski wurde weltweit durch sein technikfeindliches Manifest bekannt. Seine Hütte, die man unten links auf dem Bild sieht, steht heute im Newseum in Washington DC. Es ist fraglich, ob das Grundstück, abgeschieden, ausserhalb von Lincoln, Montana, gelegen und ohne die Hütte darauf für diesen hohen Preis einen neuen Besitzer finden wird.

Kaczynski zog 1973 in diese einsame Gegend und wendete sich ganz bewußt von der Gesellschaft ab. Er baute sich die Hütte selbst und erlernte, wie er sich ohne viel Geld selbst versorgen konnte. In den Jahren der Isolation wandelte er sich vom Öko-Kauz zum Öko-Terroristen, der „Rache an der Gesellschaft“ für die Zerstörung der  Umwelt nehmen wollte. Sein vielbeachtetes Manifest beschreibt diesen Weg und seine Gedanken.

Die Bären sind los

Klare Worte der Wissenschaflter und Park Ranger. Wer im Herbst in den Yellowstone Nationalpark will, sollte auf Begegnungen mit Grizzly Bären vorbereitet sein. Der Grund ist ganz einfach, die Bären sind hungrig. Eine ihrer Lieblingsspeisen, Nüsse einer Kiefernart, sind kaum noch vorhanden in höheren Lagen. Die Temperaturen haben sich verändert, Käfer, die normalerweise in kalten Wintern dezimiert werden, überleben und fressen sich durch die Kieferbestände. Bis zu 70 Prozent der Bäume sind bereits zerstört.grizzly

Und die Bären gehen nun in den Gegenden von Montana und Wyoming auf Suche, um für die Wintermonate Speck anzufressen. Die Tiere verhungern nicht, nur kommt es auf den Wanderungen nun immer häufiger zu Konfrontationen mit Menschen. 22 Bären wurden bereits in diesem Jahr im Yellowstone Nationalpark erschossen oder umgesiedelt. Und man sollte bei einem solchen Bärentreffen vorbereitet und mehr als vorsichtig sein, denn ein ausgewachsener Bär kann über 1,80 Meter groß sein und bis zu 600 Pfund wiegen.