Die Geschichte vom Wolf

Eines der faszinierendsten, spannendsten, und bewegendsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe ist “American Wolf” von Nate Blakeslee. Erzählt wird die Geschichte der Wölfe im Yellowstone Nationalpark seit ihrer Wiederansiedlung 1995. Blakeslee erhielt dafür Zugang zu den Aufzeichnungen etlicher Wolf-Beobachter, die Tag für Tag und das ganze Jahr über Wölfe beobachten, ihr Verhalten und ihr Leben dokumentieren.

“American Wolf” gibt einen Einblick in das Leben dieses Raubtieres, aber auch in die amerikanische Politik und das Denken von Jägern, die Wölfe als Trophäen erschießen. Politiker, die Wölfe abschlachten lassen, um ihre Wiederwahl zu sichern. Jäger, die dieses beeindruckende Tier in einem bescheuerten Egotrip zur Strecke bringen. Es ist nahegehendes Buch um Leben und Tod. Der Wolf wird hier nicht vermenschlicht und doch fühlt man mit den Rudeln, die ihren täglichen Kampf ums Überleben durchmachen. Viele der beschriebenenen Beobachtungen erinnerten mich an meinen Hund, einen Huskie-Schäferhund Mischling, spannend zu lesen und zu lernen, woher manches Verhalten kommt.

Nate Blakeslee schafft es in diesem Buch ohne Gefühlsduselei, Schönfärberei und Verharmlosung eine mitreißende Naturgeschichte zu erzählen, die sich im ältesten Nationalpark der Welt abspielt. Eine Schutzzone, in der sich seit 1995 der Canis Lupus wieder entwickeln darf und dadurch den Park und das Leben darin verändert hat. Es ist ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der solche Schutzzonen mehr denn je gebraucht werden und in der Politiker offen dem Natur- und Tierschutz den Kampf angesagt haben. „American Wolf“ macht nachdenklich und ist dennoch auch ein hoffnungsvolles Buch. Denn es ist eine Geschichte die Mut macht, die vom Überleben und von der persönlichen Überzeugung erzählt.

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Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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America the beautiful

3500 Kilometer liegen hinter mir. Fast einmal quer durchs Land. Durch Nordkalifornien nach Nevada, den Bundesstaat von West nach Ost durchfahren, dann Richtung Norden durch Idaho, rüber nach Montana, entlang des Yellowstone National Parks. Montana durchkreuzt, den langen Freeway in North Dakota abgefahren, bei Fargo dann auf den Highway Richtung Minnesota eingeschwenkt. Bei Duluth nach Wisconsin rein, von dort noch weiter nördlich bis zur Upper Penninsula von Michigan. Das alles nur mit ein paar „Power Naps“ geschafft.

Eine Endlosfahrt durch Amerika.

Eine lange, endlos erscheinende Autofahrt durch ein Land, das mir auch noch nach 22 Jahren fremd und gleichzeitig neu ist und dennoch faszinierend bleibt. Amerika ist ein wunderschönes Land, in das es sich lohnt zu reisen. Nicht nur nach New York, Florida, Las Vegas und Kalifornien. Wer die USA verstehen lernen möchte, der muss ins Landesinnere fahren. Nach Elko, Bozeman, Bismarck, Duluth, Houghton und viele andere Kleinstädte auf dem Weg von West nach Ost.

Auf dieser Fahrt durch die unvereinigten Staaten von Amerika hörte ich B5 Aktuell, Deutschlandfunk, NPR, Al Jazeera, BBC, das Smartphone macht es möglich. Und alle berichteten von Donald Trump und seinem Treffen mit Vladimir Putin in Helsinki. Berichte, Analysen, Reaktionen. Donald Trump der seltsame, selbstverliebte, unkonventionelle, rüpelhafte Präsident der USA. Und dann diese Bilder von diesem weiten, offenen, wunderschönen Land. Menschen, an allen Tank- und „Dog Business“ Stopps, die freundlich, interessiert, humorvoll waren. Ich war überrascht, dass ich im Landesinneren nicht auf Unmegen an Trump Aufkleber und MAGA-Hüten stieß. Diese Fahrt durch Amerika führte mir auch wieder mal vor Augen, warum ich dieses Land auch nach 22 Jahren noch liebe.

Das ist auch Amerika

Ich schreibe in diesem Blog viel über die amerikanische Politik, die Gewalt in US Städten, seltsame Dinge, die sich hier zutragen. Es sind viele negative Beiträge über ein Land das gespalten, über eine Gesellschaft, die geteilt ist. Washington gleicht einem Tollhaus, die Diskussionen um Waffengewalt und Waffenbesitz grenzen an Hirnrissigkeit, der amerikanische Patriotismus ist für mich auch nach 19 Jahren nicht nachvollziehbar.

Ein Wolf im Yellowstone Nationalpark.

Ein Wolf im Yellowstone Nationalpark.

Und doch die USA sind auch ein wunderschönes Land, das man entdecken sollte. Allein hier am Golden Gate ist man oftmals überwältigt von der Natur. Einmalige Ausblicke, die einem fast den Atem rauben. Das erste Mal war ich 1987 in den USA, seitdem bin ich mehrmals kreuz und quer durch das Land gefahren. Habe Nationalparks und State Parks besucht, war in den Rocky Mountains und an den großen Seen, habe die Wüste unter den Füßen gespürt und meine Beine im Mississippi baumeln lassen. Amerika ist ein faszinierendes, ein wunderschönes und reiches Land.

Gestern habe ich dieses beeindruckende Video gesehen. Es zeigt den positiven Effekt auf den Yellowstone Nationalpark in Wyoming, Montana und Idaho nachdem Anfang der 90er Jahre sich dort wieder Wölfe ausbreiteten. Eine wunderschöne, einzigartige Landschaft, die man sehen sollte und die ich jedem USA Reisenden nur empfehlen kann. Die amerikanischen Nationalparks sind sowieso etwas ganz besonderes. Schon 1916 erkannte man die Notwendigkeit diese Gebiete unter Naturschutz zu stellen und ein einigermaßen akzeptables Gleichgewicht zwischen Natur und Tourismus zu schaffen.

Doch zurück zum Yellowstone Nationalpark und den Wölfen.

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Das sieht ja lecker aus

Ein Murmeltier ist derzeit der Hit. Greepeace hatte im Glacier National Park in Montana eine Kamera installiert, um über einen längeren Zeitraum die Veränderung der Natur durch den Kohleabbau zu dokumentieren. Die Kamera war auf eine wunderschöne Landschaft gerichtet. Und da kommt auf einmal das Murmeltier den Berg hoch gewackelt, sieht das fremde Ding da und fängt an, es zu beschnuppern und zu lecken. Zwar will bei so einem Video niemand etwas vom Kohleabbau wissen, doch Greenpeace selbst veröffentlichte das Filmchen mit dem Zusatz „Wer den Lebensraum des Kleinen hier retten will, bitte hier klicken“:

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Sommerhaus in Montana?

Nur knapp 70.000 Dollar kostet das Grundstück in den Wäldern von Montana. Schön abgelegen, ganz einsam, kein Wasser, kein Strom, so richtig tief im Wald. Es ist etwas teurer als vergleichbare Grundstücke in der Gegend, doch es kommt mit einem amtlichen Geschichtsstempel. Denn hier lebte der notorische „Unabomber“ Ted Kaczynski, der zwischen 1979 und 1995 drei Menschen mit Paketbomben tötete und 23 verletzte.

Ted Kaczynski GrundstückKaczynski wurde weltweit durch sein technikfeindliches Manifest bekannt. Seine Hütte, die man unten links auf dem Bild sieht, steht heute im Newseum in Washington DC. Es ist fraglich, ob das Grundstück, abgeschieden, ausserhalb von Lincoln, Montana, gelegen und ohne die Hütte darauf für diesen hohen Preis einen neuen Besitzer finden wird.

Kaczynski zog 1973 in diese einsame Gegend und wendete sich ganz bewußt von der Gesellschaft ab. Er baute sich die Hütte selbst und erlernte, wie er sich ohne viel Geld selbst versorgen konnte. In den Jahren der Isolation wandelte er sich vom Öko-Kauz zum Öko-Terroristen, der „Rache an der Gesellschaft“ für die Zerstörung der  Umwelt nehmen wollte. Sein vielbeachtetes Manifest beschreibt diesen Weg und seine Gedanken.

Die Bären sind los

Klare Worte der Wissenschaflter und Park Ranger. Wer im Herbst in den Yellowstone Nationalpark will, sollte auf Begegnungen mit Grizzly Bären vorbereitet sein. Der Grund ist ganz einfach, die Bären sind hungrig. Eine ihrer Lieblingsspeisen, Nüsse einer Kiefernart, sind kaum noch vorhanden in höheren Lagen. Die Temperaturen haben sich verändert, Käfer, die normalerweise in kalten Wintern dezimiert werden, überleben und fressen sich durch die Kieferbestände. Bis zu 70 Prozent der Bäume sind bereits zerstört.grizzly

Und die Bären gehen nun in den Gegenden von Montana und Wyoming auf Suche, um für die Wintermonate Speck anzufressen. Die Tiere verhungern nicht, nur kommt es auf den Wanderungen nun immer häufiger zu Konfrontationen mit Menschen. 22 Bären wurden bereits in diesem Jahr im Yellowstone Nationalpark erschossen oder umgesiedelt. Und man sollte bei einem solchen Bärentreffen vorbereitet und mehr als vorsichtig sein, denn ein ausgewachsener Bär kann über 1,80 Meter groß sein und bis zu 600 Pfund wiegen.