Musik in Zeiten der Krise

Wir trafen uns in einem Garten in Niamey.

Musik spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Da ist meine eigene Radiosendung, Radio Goethe, mit der ich seit 23 Jahren die Zuhörer vor allem in Nordamerika mit Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschalle. Zehn Jahre lang produzierte ich daneben eine Country- und Folksendung für eine Airline über den Wolken.

Da ist aber vor allem auch die Musik, die ich fast bei allen Themen, die ich behandele finde. Sei es in San Quentin, wo mir ein Todeskandidat auf der Death Row per Telefon ein selbstgeschriebenes Lied vorsingt. Oder die Geschichte der deutschen Einwanderer in die USA mit alten Originalaufnahmen aus den 1920er Jahren unterlegt wird.

Seit 1996, habe ich mich intensiv mit der Folkmusik und ihrer Geschichte beschäftigt. Man muss nur an Musiker wie Woody Guthrie oder Pete Seeger denken, um Musik als Sprache und kraftvolle Ausdrucksform zu erkennen. Gerade Pete Seeger öffnete für mich mit seiner Musik den internationalen Blickwinkel. Er war eng mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs und den internationalen Brigaden verbunden. In einem Interview sagte er einmal, dass das Lied der Moorsoldaten, geschrieben im KZ Börgermoor 1933, eines der wichtigsten und bedeutendsten anti-faschistischen Songs überhaupt sei. Dieses Lied wurde durch die internationalen Brigaden in alle Welt, alle Kulturen und alle Sprachen verbreitet. Die Kraft dieses Liedes war nicht nur für die internierten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder im KZ Börgermoor bedeutend, sondern wurde auch eine Stütze, eine Hoffnung für gepeinigte, unterdrückte und benachteiligte Menschen in den verschiedensten Ländern:

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!

Das Lied der Moorsoldaten     

Auf einem leeren Grundstück, vor ein paar Zelten, unter einem Stoffdach.

Und dann ist da die Musik, die ich auf so einigen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden kennerlernen durfte. Mit einem Recherchestipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und der Robert Bosch Stiftung konnte ich vor kurzem nach Somaliland und in den Niger reisen, in zwei Länder, in denen die Musik ganz wichtige Rollen spielte und noch immer spielt.

Es gab auf diesen Reisen diese Momente, an denen ich mich glücklich schätzte, das tun zu können, was ich mache. Orte zu sehen, Menschen zu sprechen, Geschichten zu hören, wunderbare Musik zu finden. In einem Garten in Niamey verschwand im Klang der Musik der ganze Lärm, der Stress, die Anstrengungen, der Alltag. Und dann liegt man an einem warmen Freitagabend auf einer Sandbank eines Zuflusses des Nigers. Eine Gruppe junger Tuareg entfacht ein Lagerfeuer, backt Brot, grillt Fleisch. Einige greifen zur Gitarre, zu einer Kalabasse als Rhythmusinstrument und sie fangen an unter einem sternenklaren Himmel zu spielen, zu singen….und dabei ist ein 51jähriger Deutsch-Amerikaner, der sich (nach dem Aufnehmen) und nach zwei Wochen unterwegs entspannt, zufrieden und dankbar zurücklehnt, den Nachthimmel betrachtet und in diesem Moment mal wieder spürt, warum er Journalist geworden ist.

„We shall overcome some day“

Samstagmorgen in Oakland. Pete Seeger wäre nun 100 Jahre alt. „We shall overcome“ ist der erste Song auf der neuen und umfangreichen Box von Smithsonian Folkways, dem langjährigen Label von Pete Seeger. Dort hatte er im Laufe der Jahrzehnte über 70 Schallplatten veröffentlicht. Folk Songs und Arbeiterlieder, Spoken Word genauso wie Platten für Kinder. Pete Seeger war ein Reisender, der mit seiner Musik um die Welt tingelte, Amerikas Folk Musik präsentierte und Lieder von überallher mit in die USA zurück brachte. Ein musikalischer Kulturbotschafter und Brückenbauer zugleich.

„We shall overcome“ ist wohl eines der wichtigsten amerikanischen Folk Songs. Es steht für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, in einer Zeit, als Afro-Amerikaner nicht in die selbe Toilette pinkeln durften wie Weiße. Als Schwarze nach einer falschen Ausfahrt in den Südstaaten gelyncht wurden. Als weiße Jurys schwarze Angeklagte unschuldig hinter Gitter brachten. Und dennoch war da der Ruf „We shall overcome“. Trotz all der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung, der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Und wo stehen wir heute? Der Graben in Amerika ist tief und wird tagtäglich noch weiter vertieft und verbreitet. Ich frage mich beim Durchhören dieser umfassenden Werkschau von Pete Seeger, wie die USA es damals geschafft haben, diese gesellschaftlichen Wunden zu heilen, „to overcome“ die Differenzen, irgendwie einen Neustart zu beginnen. Natürlich hat das nicht so geklappt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Der tief verwurzelte Rassismus in einigen Teilen der USA existiert nach wie vor. Afro-Amerikaner und Farbige sind weiterhin benachteiligt. Da gibt es die langfristigen Folgen des „Red Lining, die nie ausgeglichen wurden, da gibt es Polizei Übergriffe, da gibt es noch immer Ungleichheit vor dem Gesetz. Man sollte sich nichts vormachen, das steht fest.

„We shall overcome“ war und ist ein kraftvolles Lied, dass Menschen vereinen, zusammen bringen konnte. Auf dieser Box sind viele der „Hits“ von Pete Seeger zu finden, die ihn zu dem machten, was er in seinem 94jährigen Leben geworden ist. Ein Mann mit Hoffnung, mit Mut, mit dem Glauben an das Gute in den Menschen. Ein Mann mit seinem Banjo, der viel mehr war als nur ein Musiker. Auf „Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ wird eine der bedeutenden Stimmen Amerikas präsentiert, der neben seinen Freunden Woody Guthrie und Lead Belly zu den wichtigen Drei der Folk Musik zählt.

Pete Seeger beeinflusste Musiker von Joan Baez, über Bob Dylan bis hin zu Bruce Springsteen und Rage Against The Machine. Er war ein umtriebiger Rebell, der nicht ruhen und rasten wollte. Obwohl er in der McCarthy Ära „blacklisted“ wurde, quasi mit einem Auftritts- und Aufführverbot belegt wurde, schaffte es Pete Seeger zur Stimme einer Nation zu werden. Er ging in jenen Jahren ganz direkt an Schulen und Universitäten, ohne große Ankündigung, und spielte seine Lieder. Niemand konnte ihn stoppen. Joan Baez erlebte Pete Seeger damals an ihrer High School und meinte später, dass dieses Konzert eines der wichtigsten Momente in ihrer Karriere war. Seeger wurde der Vater des großen Folk-Revivals in den USA. „We shall overcome“, das hat er mit seiner Musik vorgelebt.

Auf dieser Werkschau zum 100jährigen Geburtstag von Pete Seeger ist auch eines der für mich bedeutendsten Songs des 20. Jahrhunderts zu finden. „Moorsoldaten“, geschrieben 1933 im Konzentrationslager Börgermoor und über den Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt verbreitet. Dieses Lied drückt die Kraft des Widerstands und die Hoffnung der Unterdrückten aus. Ein Lied, das Pete Seeger immer wieder in seinen Konzerten spielte.

Das Lied der Moorsoldaten     

6 CDs mit Songs voller Hoffnung, Wärme, Kraft und Mut. Amerika heute bräuchte einen Pete Seeger, eine Stimme der Vernunft, der den Amerikanern vor Augen führt „This land is your land“, ein Land, das nicht perfekt ist, das nicht „God’s Country“ ist, das seine Fehler erkennt, aber daran arbeitet. Die USA, „a work in process“. Ein Land, in dem der Fremde, der Andere, der Unterdrückte, der Benachteiligte, der Farbige, der an einen anderen Gott Glaubende, der sexuell anders Orientierte willkommen ist und seine Chance bekommt. Daran glaubte Pete Seeger. Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, und doch, gerade klingt es hier in Oakland ganz laut: „We shall overcome….some day….deep in my heart, I do believe. We shall overcome some day“

Ein Lied geht um die Welt

Das Lied der Moorsoldaten     
Das Lied der Moorsoldaten, geschrieben 1933 im KZ Börgermoor.

Die Moorsoldaten, geschrieben 1933 im KZ Börgermoor.

Heute wurde im deutschen Bundestag anlässlich des internationalen „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ auch das Lied der Moorsoldaten gesungen. Ein Lied, das 1933 geschrieben wurde und wohl zu den bedeutendesten Protestliedern gegen das Nazi-Regime gehört. Vor einiger Zeit produzierte ich für einen amerikanischen Sender ein englischsprachiges Feature zur Geschichte der „Peat Bog Soldiers“, das man hier oben hören kann.

Das Lied der Moorsoldaten ist ein tief bewegendes und oft gesungenes Lied, das eine beeindruckende Reise um die Welt hinter sich hat und in allen Sprachen und Kulturen gleichermaßen wirkte. Bei einigen Versionen läuft mir beim Anhören noch immer jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken.

Die Heimat ist weit, doch wir sind bereit

Vor kurzem hat bereits Bear Family Records eine umfassende Box mit Liedern aus dem Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht. Ein Monumentalwerk, für das man Zeit, Ruhe und Raum braucht. Aufnahmen, die knistern, die knastern, die voller Geschichte sind. Für 173 Euro nicht gerade billig, aber der Preis für diese 7CD, 1 DVD und ein umfassendes Begleitbuch sind durchaus berechtigt. Ein Liebhaberstück, das ich nur wärmstens empfehlen kann.

"Songs of the Spanish Civil War" erschienen bei Smithsonian Folkways Records.

„Songs of the Spanish Civil War“, neu erschienen bei Smithsonian Folkways Records.

Nun hat Smithsonian Folkways eine alte Platte neu aufgelegt. „Songs of the Spanish Civil War“, im Original bereits in den 1960er Jahren erschienen. Die CD umfasst 24 Lieder, darunter Songs der amerikanischen Lincoln Brigade, Lieder von Ernst Busch und Woody Guthrie. Kampflieder voller Wehmut, Hoffnung, Siegeswillen. Folkways hat hier wieder tief im reichen Archiv gegraben und eine Perle herausgebracht, die durchaus auch aus deutscher Sicht beachtet werden sollte. Ernst Busch singt hier auf Deutsch, er gehörte zweifellos zu den bekanntesten Musikern, die in den Spanischen Bürgerkrieg zogen. Er unterhielt die anti-faschistischen Kämpfer aus aller Welt mit seinen kraftvoll vorgetragenen Liedern. „Die Heimat ist weit, doch wir sind bereit“, sang Busch. Daneben auch das Lied der  Moorsoldaten oder „Peat Bog Soldiers“ (unten zu hören), das bereits 1933 im Konzentrationslager Börgermoor geschrieben worden war. Ernst Busch sang dieses Lied in Spanien, die internationalen Brigaden nahmen es mit in ihre Heimatländer. Die Moorsoldaten wurde eines der wichtigsten und weit verbreitetsten Anti-Faschismus Lieder des 20. Jahrhunderts.

„Songs of the Spanish Civil War“ ist eine beeindruckende Liedersammlung, angereichert durch ein umfangreiches Booklet. Man kann die CD oder den Download direkt beim Label bestellen.

Moorsoldaten oder „Peat Bog Soldiers“:

Lili Marleen und die Moorsoldaten

Ich sitze gerade im Studio von KUSF San Francisco, dem Collegesender der University of San Francisco. Toller Sender, der die weite Bay Area mit einem vielseitigen, interessanten und internationalen Programm erreicht. KUSF ist nicht nur nur Uniradio sondern auch Community Station.

Hier habe ich mit Radio Goethe vor fast 12 Jahren angefangen und bin mit meiner Mischung „made in germany“ auf eine offene und interessierte Hörerschaft gestossen. Schon früh fing ich an, mich für „Spotlights“ einzutragen, das sind Zweistundensendungen, die man als Moderator frei zu einem Thema bestücken kann. In der Vergangenheit hatte ich Programme über Mittelaltermusik, Rammstein, Faust und sogar die Nürnberger Musikszene. Immer zwei Stunden über ein Thema und für mich stehen eben deutsche Musikthemen im Vordergrund.

Und heute sitze ich hier mit meinem Programm über zwei Lieder, weltbekannte Lieder: „Lili Marleen“ und „Die Moorsoldaten“ oder „Peat Bog Soldiers“, wie es in den USA bekannt ist. Es sind Geschichten über diese Lieder, ihre Entstehung und ihre Verbreitung. Beide gingen um die Welt, wurden in verschiedenen Sprachen und Genres aufgenommen und brachten am Ende die Menschen zusammen.

Musik geht um die Welt. Und nun eben „spotlighte“ ich diese beiden Lieder am Sonntagnachmittag in San Francisco. Es ist ein wunderschöner, sommerlich warmer Tag. Ein paar Hörer habe ich gefunden, die gerne Geschichten hören. Und Musikthemen sind etwas ganz besonderes, denn es ist so eine lebendige Mischung, Inhalte mit Musik zu verbinden.

Sowieso sind die Hörer von KUSF ein tolle Zielgruppe, die verschiedener nicht sein könnte. Es sind Junge und Alte, Amerikaner und Zugereiste mit allen möglichen ethnischen Hintergründen. Sie alle verlangen nach Radio im klassischen Sinne von „Hörfunk“, also keine Berieselung oder Bedüdelung, sondern vielmehr ein aktives Zuhören. KUSF hat viele fremdsprachige Programme und „Kultursendungen“, wie meine, die zwar auf Englisch moderiert wird, aber Inhalte von „draussen“ hat.

Und auch die Musikredaktion ist offen für Genres und internationale Entwicklungen. Hier im Studio hing einmal ein Photowand, darauf Bilder von Studiogästen. Neben Kurt Cobain, PJ Harvey, Tom Waits, REM, B 52s…sie alle wurden von KUSF und Collegesendern unterstützt, bevor sie bekannt wurden. Und im Büro der Station hängen goldene Schallplatten von einigen der Künstlern, die es geschafft haben und als Dankeschön KUSF bedachten. Und Metallica fing hier in diesem Studio an. Legendär ist die Samstagnacht Heavy Rock Sendung „Rampage Radio“ und Metallica waren als Gäste im Studio, bevor sie Metallica hiessen. Der KUSF DJ fragte sie, wie die Band denn hiesse und Lars und seine Kumpels meinten, die Band habe noch keinen Bandnamen. Darauf der DJ „why don’t you call yourself Metallica?“…

KUSF ist ein toller Sender, voller Ehrenamtlicher, die hier Sendung machen. Manchmal ist es etwas chaotisch, doch wenn man mal länger zuhört und mit anderen Sendern vergleicht, dann merkt man schnell, hier wird Radio mit Herzblut und von Hand gemacht. Hier lieben DJs und Hörer Vinyl, hier gibt es Sendelöcher und Versprecher, ohne das einem gleich der Programmchef im Nacken sitzt. Wer reinhören will kann das hier tun….es lohnt sich!

The Story of Lili Marleen

lilimarleen     

The Story of the Peat Bog Soldiers 

peatbog